Eduard Thurneysen, Predigtanfang, Predigtfortgang und Predigtschluss: „Predigen heißt nicht von sich her etwas vertreten oder beweisen oder gar anpreisen und be­teuern wollen — das wäre Verrat an der Predigt. Predigen heißt: etwas ausrichten, das mir selber übertragen worden ist. Lebendig ausrichten, mit der ganzen Kraft, die in einem lebt, aber ausrichten! Briefträger sein wollen und nichts anderes!“

Predigtanfang, Predigtfortgang und Predigtschluss. Eine homiletische Studie

Von Eduard Thurneysen

Pascal schreibt in seinen Pensées als Mahnung den geistvollen Satz: „La dernière chose, qu’on trouve en faisant un ouvrage, est de savoir celle, qu’il faut mettre la première.“ Er meint also, man solle mit der Ein­leitung warten bis zum Schluß. Aber vielleicht ist das eine Weisheit von der Welt her. Bei der Predigt jedenfalls kann es sich nicht darum handeln, eine möglichst wirkungsvolle Einleitung aufzustellen, sondern es gilt, sofort mit der Auslegung anzufangen. Aber gerade das ist freilich keine einfache Sache. Der Text ist immer wieder ein für uns sehr fremdes und sehr verschlossenes Haus. Man ist darum versucht, lange darum herum­zustreichen, ohne sich entschließen zu können, auf die Türe zuzugehen, den Türgriff wirklich in die Hand zu nehmen und einzutreten. Un­zählige Predigteinleitungen verraten, daß der Prediger ein Landstreicher ist, der es nicht fertigbringt, das Haus der Schrift einfältig und kühn zu betreten, also wirklich mit dem Anfang anzufangen, und das heißt, schon mit dem ersten Satz in die Sache des Textes hineinzuspringen und von dieser Sache her an den Hörer heranzutreten. Da werden lange Rampen gebaut, umständliche Anknüpfungen gesucht, aus­schweifende Umwege gemacht, die angeblich an den Text heranführen sollen. Dabei geht kostbare Zeit verloren, und schließlich kommt ja dann doch der Augenblick, wo man eben den Sprung ins Wasser wagen muß. Nur ist mit Zaudern und Anlaufnehmen schon so viel Kraft verbraucht, und der Hörer ist schon so sehr abgelenkt, daß nun der Einstieg in den Text nicht mehr wirklich zwingend gelingen kann. Es ist eben nicht zu vermeiden, es ist vielmehr mit der Situation der Predigt als solcher gegeben, daß etwas Neues, Ungeahntes, in seiner Sub­stanz an nichts Vorhandenes Anzuknüpfendes gesagt werden muß. Gottes Wort er­geht ja hier. Die Welt Gottes wird bezeugt als eine neu und groß auf den Menschen zukommende. Wie sollte da nicht schon mit dem ersten Satz gewagt werden müssen, etwas Neues, Ungewohntes zu verkündigen: eben das mächtige Wort unseres Gottes, aufrüttelnd und ge­bietend in der Gestalt des Gesetzes, aber zugleich verheißend und schenkend, sofern dieses Gottesgesetz in sich selber Evangelium ist, lauter Gabe und Verheißung. Dieses Neue will als das Neue, das es ist, als das verbum alienum vor dem Menschen aufgehen, will als der neue Wein von ihm getrunken, als das neue Kleid von ihm angezogen werden, will ihm also in seiner ganzen Neuheit und Fremdheit kund­gemacht sein, weil es gerade dann und so und nur dann und nur so das ihn rettende und erlösende Wort sein kann.

Darum und von daher sind alle sonst so häufig in der Homiletik empfohlenen Einleitungen zu verwerfen. Es ist ein falscher Rat, wenn etwa sogenannte „Interessenpunkte“ aufgewiesen werden, mit Hilfe derer man einleitend den Hörer fesseln möchte. Hering nennt z. B. in seiner Predigtlehre als solche Punkte: eine Tatsache des inneren Lebens, eine sittliche Erfahrung, eine Beobachtung menschlicher Schicksale, eine Fügung im Leben des Volkes, der Kirche, auch ein Naturvorgang oder ein Zug des Kulturlebens, der zum Ausgangspunkt für den Predi­ger werden kann. Da läuft man sofort Gefahr, den Text schon mit den ersten Worten zu ve­rlassen, ja zu verraten, in der Weise, daß er als bloße Illustration verwendet wird, eben jenes Vorganges des innern Lebens oder der sittlichen Erfahrung, mit dem der Prediger begonnen hatte, und der nun als solcher zum Thema der Predigt wird. Es geht aber auch nicht an, die Predigt mit einer allgemeinen Sentenz zu be­ginnen, wie es vielleicht ein Novellist tun darf. Es ist gewiß ein treff­licher Satz, mit welchem einst ein Prediger eine Reformationspredigt begonnen hat: „Alles Große ist einfach!“ Aber ein guter Predigtanfang war es doch vielleicht nicht. Was die Bibel uns sagt, ist eben etwas sehr anderes als ein Beitrag zur Begründung irgendwelcher nicht aus ihr stammender allgemeiner Wahrheiten, auch wenn diese noch so gültig sein mögen. Auch die Einleitungen, die mit einer breiten Schilderung der Gegenwart beginnen und auf diese Weise Gehör erzwingen wollen, sind nicht predigtgemäß. Denn wenn auch solche Einleitungen es für sich in Anspruch nehmen, daß auf diese Weise das Evange­lium in starker Weise in seinem Widerspruch der Welt gegenüber kundgemacht werde, so geschieht dies doch in gültiger Weise einzig und allein da­durch, daß das Wort Gottes selber in der Predigt der Zeit entgegentritt, nicht aber dadurch, daß zuerst die Zeit auf den Plan geführt wird, um dann zu zeigen, wo die brüchige Stelle sei, an der die Zeit leidet.

Es gibt einen berühmten Satz von Cicero über den Anfang einer Rede. Sogar Luther hat ihn gelegentlich zitiert, und schon vor Luther findet er sich bei Augustin (de doctrina christiana IV). Er lautet: Prin- cipium est, statim auditoris animum nobis idoneum reddere ad audien- dum. Id ita sumitur, ut attentos, ut dóciles, ut benévolos auditores habere possimus. Attentos habebimus, si pollicebimur, nos de rebus magnis verba facturos aut de iis, quae ad rempub­licam pertineant, aut ad eos ipsos, qui audient, aut ad Deorum immortalium religionem. Aber gerade die richtige Aufmerksamkeit, die wir wollen, wird durch einen biblischen Predigtan­fang erzielt und nicht durch solche, wenn auch noch so interessanten Abzweigungen und Anknüpfungen. Ganz abgesehen davon, daß wir die Möglichkeit wirklich richtiger Fort­füh­rung von solchen falschen Predigtanfängen her uns sofort verbauen.

Die Homileten früherer Epochen hatten die Gewohnheit, zunächst eine allgemeine Einleitung zu bringen und dann erst den Text vorzule­sen, wobei sie vorher diese Einleitung unter Um­ständen sogar mit einem Gebete abschlossen. Diese Übung war im 17. Jahrhundert allgemein ge­bräuchlich und ist im 19. Jahrhundert teilweise wieder neu aufgenom­men worden. Im ganzen ist sie heute verschwunden. Es liegt ihr insofern etwas Richtiges zugrunde, als unter Umständen die Nötigung entsteht, gewisse, allgemeine Mitteilungen kirchlicher Art zu ma­chen. Die Ge­meinde muß vielleicht über irgendeinen Vorfall in Kenntnis gesetzt werden. Ich denke an die Zeit des Kirchenkampfes in Deutschland. Und dergleichen kann sich überall begeben. Solche Mitteilungen gehören ge­wiß nicht in die Predigt hinein, und wenn man sie erst nach der Predigt macht, so lenken sie die Sammlung von dem gehörten Worte ab. Darum ist es nicht unangebracht, sie an den Anfang zu stellen, aber so, daß sie von der eigentlichen Predigt getrennt werden. Es mag dann offen blei­ben, ob man in der Predigt darauf Bezug nimmt, um das Leben der Ge­genwart mit der Verkündigung zu verbinden. Jedenfalls kann dieser Gebrauch den Vergleich mit den heute mit Vorliebe an den Schluß der Predigt gestell­ten Kanzelerklärungen aufnehmen. Auch die (oft so dürf­tigen!) alljährlichen Bettagsmandate gehören an den Anfang und nicht an den Schluß des Gottesdienstes. So wird der Weg freige­halten für den rechten Predigtanfang, das heißt aber für den Anfang, der ohne Um­schweife zum Text hinführt. Warum nicht ganz einfach mit dem ersten Vers des Textes beginnen? Es kann auch der zweite oder der letzte sein, eine Regel läßt sich da nicht aufstellen, aber es muß von Anfang an um die Sache des Textes gehen und um nichts anderes. Wem diese Sache groß und drängend vor Augen steht, der wird auch gar nichts anderes im Sinn haben, der wird dar­auf brennen, sie emporzuheben (um Eleva­tion des Wortes Gottes geht es in der Predigt nicht weniger als in der römischen Messe um die Kelcherhebung!) und zu entfalten und auszu­brei­ten. Der ist der müßigen Sorge enthoben, irgendetwas Interessantes oder Geistreiches auszu­hecken, um seine Zuhörer willig zu machen zum Aufmerken. Der wird also so oder so mit dem ersten Satze seiner Pre­digt schon im Hause des Textes drinstehen, um dann in wohlge­ordneter Weise dessen Räume und Stockwerke mit der Gemeinde zu durchschrei­ten. Daß er dieses Haus gründlich kennen, es also für sich selber in eifrigem Studium durchschritten und erforscht haben muß, ist selbstver­ständlich dabei vorausgesetzt. Und insofern hat Pascal wohl doch recht, wenn er also meint, die Einleitung sei das, was man sich zuletzt über­lege. Sicher ist eines, daß das Schicksal der ganzen Predigt sich schon in den ersten Sätzen entscheidet, sofern sich schon in diesen ersten Sätzen kundtut, ob dem Prediger der Text sich wirklich erschlossen hat.

Genau wie der Predigtanfang erfordert der Predigtschluß besondere Aufmerksamkeit. Es muß der Ausgang, den eine Predigt nimmt, von Anfang an vor dem innern Auge des Predigers stehen. Man darf es nicht darauf ankommen lassen, wie und wo man aufhören will, sondern bei der ganzen Einteilung des Textes, die man sich vornimmt, müssen die Grenzen der Dar­legung genau abgesteckt werden, damit man innerhalb des so begrenzten geistigen Raumes seine Schritte sicher und ruhig tun kann. Die Gemeinde darf nicht den Eindruck erhalten, der Prediger wisse selber nicht so recht, ob er noch weiterfahren könne oder solle, aber nein, er sieht auf die Uhr und merkt, daß er nun abbrechen muß, und nun ist es eben eine abgebroche­ne Predigt, die man zu hören bekam. Die Kraft, eine solche Einteilung zu treffen und durch­zuführen, ist leider lange nicht jedem Prediger von Natur gegeben. Man hat schon dem großen Herder vorgeworfen, daß der Schluß seiner Predigten je- weilen das schwächste Stück gewe­sen sei. Aber das ist wohl der Tatsache entsprungen, daß Herder, entsprechend seiner romanti­schen Art, frei und ohne genaue Festlegung aus sich heraus sprach und dabei seinen Einfällen folgte. Und nun geschah es, daß der Fluß seiner Gedanken am Schluß matter wurde und es ihm an der Kraft gebrach, seinen Gang in entschiedener Weise abzuschließen. Und ich habe aus meiner Jugend die Erinnerung an einen solchen Prediger, dem immer noch etwas und noch etwas einfiel, und der darum nie zu einem Ende kam, und der sich damit selber weithin um die Wirkung seiner Predigten brachte.

Diese entschiedene Weise des Abschlusses suchen manche Prediger da­durch zu erreichen, daß sie jeweilen mit einem Anruf an die Gemeinde schließen. Es gibt sogar eine homiletische Re­gel, die das geradezu for­dert. Aber es ist keine gute Regel. Die Meinung dabei ist diese, daß damit sozusagen eine letzte Anwendung des Wortes erfolgen könne, die besonders einpräg­sam sei. Aber es ist dies eine allzu einfache Auf­fassung von Textanwendung, eine Auffas­sung, die aus einem ver­kehrten Verständnis des Verhältnisses von Auslegung und Anwen­dung fließt. Die Auslegung ist doch nur dann und gerade dann wirkliche Aus­legung, wenn sie Satz für Satz zur Anwendung wird. Der Text soll so ausgelegt werden, daß er fortlaufend sich anwendet. Trennt man die Auslegung von der Anwendung, weist man ihr einen besonderen Teil und nun eben den Schlußteil der Predigt zu, dann ist alles verloren. Dann hat man gar nicht wirklich ausgelegt, und man wird das ver­säumte, lebendige Anwenden während der Predigt nicht dadurch nach­holen können, daß man nun zum Schluß noch die Imperative und An­rufe häuft und die Gemeinde geradezu anfleht oder sogar anschreit, das Gehörte jetzt auch wirklich im Leben zu beherzigen.

Theologisch müßte man sagen, es liegt einem solchen Verfahren eine tiefe Verkennung des Verhältnisses von Evangelium und Gesetz zu­grunde. Das Gesetz ist nicht ein Zweites neben dem Evangelium, das Evangelium tritt selber immer in der Gestalt des Gebotes auf. Man kann darum gar nicht Evangelium verkündigen, ohne fortwährend den Hörer in Anspruch zu neh­men, ihn unter das Gebot zu stellen und gerade damit zu befreien und zu versöhnen.

Es ist aber auch das andere nicht anzuraten, daß man den Schluß der Predigt zu einer systema­tischen Zusammenfassung der Textgedanken verwendet, wobei die Teile des Textes und der Predigt noch einmal kurz angeführt und eingeprägt werden, und dies etwa mit der fatalen Wen­dung: So, nun haben wir gehört, was der Apostel sagt, stellen wir es uns nochmals vor Augen! Auch dieser Predigtschluß verrät eine ganz falsche Auffassung der Predigtaufgabe. Es handelt sich doch beim Predigen nicht um eine Darlegung gewisser Gedanken, die wir im Text gefunden haben. Sondern es geht darum, den Text selber möglichst fließend und in der ihm eigenen Bewegung der Gedanken zum Reden und zwar zu uns hin gebracht zu haben. Ist das geschehen, so hat der Zuhörer gehört, was zu hören war, und es erübrigt sich, ihm noch ein­mal in einem ganz kurzen Abriß sozusagen ein kleines Protokoll über das Gehörte zu verabreichen. Es kann dies nur abschwächen, nur das Ganze langweilig und schulmeisterlich machen, es kann nur vom Ge­hörten ablenken. Aus dem lebendigen Umgang mit dem Text ist ein langweiliger Absud geworden, der wahrscheinlich nur zeigt, daß das lebendige und be­wegte Hören auf den Zeugen Jesu Christi im Text gar nicht stattgefunden hat. Was allenfalls geschehen könnte, das wäre das nochmalige, nachdrückliche Verlesen des ganzen Textes. Und das soll auch geschehen, aber vielleicht nicht in der Kirche, sondern so sehr soll das Gehörte den Zuhörer bewegt haben, daß er zu Hause für sich den Text noch einmal liest und nun mit ganz neuen, durch die Predigt erst erschlossenen Augen liest.

Das heißt aber, daß die Predigt, so wie sie mit dem Texte anfängt, nun auch mit dem Texte schließen soll. Das letzte Element des Textes, das letzte Glied des Wortes Gottes selber, soll auch den Abschluß der Predigt bilden. Dabei wird es so sein, daß gerade in diesem Schluß­glied das Ganze des Textes, und das heißt das Ganze der im Texte über uns gefallenen und verkündigten Entscheidung noch einmal mit großer Entschiedenheit zum Ausdruck kommt. Dies aber geschieht nicht in Form einer Zusammenfassung durch den Prediger, sondern auch hier in Form der Auslegung eben dieses letzten Gliedes des Textes. Weil es dabei immer um eine von Gott selber in seinem Worte über uns er­gehende Entscheidung sich handelt, wird der Schluß hinführen zum Gebet und zum Eied, in welchen dann die Gemeinde ihrerseits anbe­tend und singend auf das Wunder der im Worte ergangenen Gnade ant­wortet.

Weil es um solch ein Ausgehen der Predigt in Dank und Anbetung sich handelt, meinen man­che Prediger, sie müßten diese Anbetung, diesen Dank ihrerseits in ihren Predigtabschlüssen zum Ausdruck brin­gen und schließen darum ihre Predigten gern mit einer von ihnen selber aufgebauten oder — richtiger gesagt — aufgemachten Doxologie. Aber das ist noch einmal verkehrt. Denn entweder ist so gut gepredigt wor­den, daß der Lobpreis der Gnade Gottes in der ganzen Predigt zum Ausdruck kam, und dann erhebt sich die Gemeinde wie von selber zum Gebet und Lied. Oder dann ist das eben nicht geschehen, die Predigt ist irgendwie ver­sandet und kann dann auch durch solch eine künstliche Doxologie nicht mehr eine Schein­auferstehung erleben. Darum noch­mals: Man überlege sich von Anfang an das Ganze der Auslegung, um die es geht, stecke sich seinen Lauf ab und führe ihn dann auch durch in der rechten Ordnung vom Worte her. Dann wird auch der Schluß kein besonderes Kunststück mehr erfordern. Wird er zu einem Problem, so ist das ein Anzeichen dafür, daß es am Ganzen der Predigt gefehlt hat. Und dann soll man eben bei der Predigtvorbereitung noch einmal von vorne anfangen. Fortschritt und Klarheit der Auslegung während der Predigt und Klarheit und Kraft des Predigtschlusses bedingen sich gegenseitig.

Es sei noch ein Wort des jungen Luther angeführt, das alles über Pre­digtanfang und Predigt­schluß zu Bedenkende aufs beste zusammen­faßt. Es steht in einem Brief, den Luther an einen Pfarrer geschrieben hat: „Dem ehrwürdigen Herrn Georg Kunzelt in Eilenburg, seinem Bruder in dem Herrn. Was du begehrt hast, ehrwürdiger Vater, über die Art, wie man eine Predigt anfangen und schließen soll, kommt nicht überein mit dem Gebrauch anderer. Denn ich lasse weitläufige Vorreden weg und gebrauche kurz diese Worte: Damit das Wort Got­tes uns fruchtbar sei und Gott angenehm, so lasset uns zuvor seine göttliche Gnade anrufen und sprecht ein inniges Ave Maria oder Pater noster. Sodann sage ich alsbald den Text ohne irgendwelches Thema her und erkläre entweder den David oder lege die Lehren aus dem­selben vor. Am Ende sage ich so: Davon ist genug! Oder: Ein andermal mehr! Oder: Das sei davon gesagt, wir wollen Gott anrufen um seine Gnade, daß wir das mögen tun! Oder so: Das helf uns Gott! Darnach mit ganz kurzen Worten: Lasset uns befohlen sein geistlich und welt­lich Stand, sonderlich usw. Für die und alle, so wir schuldig sind, wollen wir bitten ein Vater­unser insgemein. Darnach, indem alle aufstehen: Der Segen Gottes des Vaters usw. Amen. Dies ist meine Weise zu predi­gen. Gehab’ dich wohl in dem Herrn. Wittenberg am Vitustage (15. Juni) 1520. Bruder Martin Luther, Augustiner“ (Walch 21, 268).

Es sei noch ein Wort hinzugefügt über das Fortschreiten der Rede innerhalb der Predigt. Das Geheimnis richtiger Darlegung und Ent­faltung innerhalb der Predigt ist das Geheimnis des richtigen Über­ganges. Die Übergänge in der Gedankenführung sollen nicht schema­tisch erfolgen, nicht durch eine gekünstelte Logik von außen oder durch irgendwelche raffinierte psychologische Überlegungen der Überraschung oder des Wechsels der Eindrücke bedingt sein. Es soll die Rede nichts Gequältes oder Gemachtes an sich tragen, sie soll locker und in einer gewissen Freiheit ergehen. Das geschieht dann, wenn sie ihren Gang ganz einfach aus dem Fortschreiten der Auslegung bestimmen läßt. Die Predigt soll aber wirklich ein Fort­schreiten aufweisen. Es darf nicht alles ungeordnet auf einem Haufen liegen. Im Text selber geschieht das wahrhaftig auch nicht. Also halte man sich an die Gliederung des Textes und lasse die Überlegung dieser Gliederung immer das erste sein beim Studium der Predigt. Man verschaffe sich vor allem einen Überblick über das Verhältnis, in welchem die einzelnen Glieder des Textes zu­einander stehen. Das Maß der gegenseitigen Beziehung der Teile der Predigt soll sich aus diesem Verhältnis der Glieder des Textes zueinan­der ergeben. Wer hier richtig arbeitet und die Struktur des Textes, seine innere Architektonik, erkennen lernt, der wird bald soweit kommen, daß ihm die einzelnen Teile der Predigt nicht mehr auseinan­der­fallen. Er hält sich an die innere Linie des Textes und versteht es, die einzelnen Glieder, die diese Linie bilden, in seiner Auslegung aneinanderzureihen. Meisterschaft auch auf diesem Gebiete ist freilich eine nicht sehr häufige Sache. Bald verweilt man zu lange da, bald eilt man zu schnell dort vorbei, bald unterbricht man den Gang durch eine Abschweifung. Hier gilt es immer wieder, alle Kraft zusammenzunehmen, um bei der Sache zu bleiben, und das heißt, beim Texte zu bleiben. Alles hängt daran, daß einen der Abfluß des Textes selber mitnimmt, daß man ihm folgen lernt. Fontane rühmt einmal an Goethe die Eigenschaft: „Er läßt seine Herde weithin grasen, auf Berg und Tal: ein Ruf, ein Pfiff, und er hat sie wieder zusammen. Er gestattet die äußerste Freiheit der Bewegung und büßt doch nie die Herrschaft über diejeni­gen ein, denen er diese Freiheit gönnt“ (Nachlaßband S. 224). Nun ist das von Goethes Stil gesagt, also von einer nichtgeistlichen Rede, und da wird es in der Tat auf diese so geschil­derte hohe Kunst ankommen. Bei der Predigt hat man ja nicht selber die Herde zu weiden in eigener Machtvollkommen­heit. Da wird man geweidet (auch als Prediger!) durch das Wort der Schrift. Aber vielleicht läßt sich sagen, daß man sich solches Weiden und doch Zusam­menbleiben, solche Freiheit und solche Zucht der Ge­dankenführung nun eben von der Schrift her sollte gefallen lassen und daß solches Sich-von-der-Schrift-her-führen-Lassen das Ge­heimnis des rechten Predigtganges wäre. Emil Frommel erzählt von seinem ersten Pfarrer, dem er als Vikar zugeteilt war, er habe ihm gesagt, man müsse als Prediger einem Jäger glei­chen, der genau weiß, welchen Hirsch er schießen will, und der dann die Hasen ruhig herum­springen läßt. Bei einer „Hasenpredigt“ dagegen schieße man bald da, bald dort einen Hasen, den Hirsch aber lasse man sich entkommen. Das will sagen: man soll nicht diese und jene Einzelheit des Textes behandeln, hier abschwei­fen und dort abschweifen, und die eigentliche Botschaft des Textes läßt man sich entgehen. Man soll gar nicht an die Ausarbeitung einer Predigt herangehen, bevor man nicht das Ganze, eben diese eigentliche Botschaft des Textes deutlich gehört hat. Nicht Thematik, wohl aber Syn­thetik soll walten bei unserer Auslegung!

Noch einmal sei Luther zitiert. Er hat einmal den Rat gegeben, man solle in der Predigt keinen „Stenderling“ machen. Er war darüber frei­lich anderer Meinung als seine Frau Käthe, die einen Prediger deshalb liebte, weil er immer wieder vom Texte abwich. Aber Luther antwor­tete: „Pölner predigt, wie ihr Weiber pfleget zu reden. Denn was in Mitt einfällt, das sagen sie auch. Doktor Jonas pfleget zu sagen: Man soll die Kriegsknechte nicht alle ansprechen, die einem begegnen! Und das ist wahr, Doktor Pommer nimmt bisweilen etliche mit, so ihm be­gegnen. Aber das ist ein närrischer Mensch, der da meint, er will alles sagen, was ihm einfällt. Einer sehe zu, daß er bei der propositio bleibe und verrichte das, was er vor ihm hat, daß man dasselbige wohl ver­stehe. Und gemahnet mich derselbigen Prediger, die alles wollen sagen, was ihnen einfällt, gleich wie der Mägde, die zu Markte gehen sollen. Wann ihnen ein ander Magd begegnet, so halten sie ein Stenderling, begegnet ihnen die ander, so halten sie auch mit der ein Sprach, also mit der dritten und vierten. Und kommen langsam zu Markt. So tun die Prediger auch, qui nimis procul redeunt a propositione, meinen sie wollen alles gern auf ein­mal sagen, aber es tuts nit!“

Solchen Gefahren, sich in Einzelheiten zu verlieren, wird der Predi­ger am ehesten begegnen, wenn er den Grundcharakter wahren Pre­digens sich vor Augen hält: die Bezeugung! Predigen heißt nicht von sich her etwas vertreten oder beweisen oder gar anpreisen und be­teuern wollen — das wäre Verrat an der Predigt. Predigen heißt: etwas ausrichten, das mir selber übertragen worden ist. Lebendig ausrichten, mit der ganzen Kraft, die in einem lebt, aber ausrichten! Briefträger sein wollen und nichts anderes! Man kann alle Entgleisungen der Predigt der Kir­che darauf zurückführen, daß die Lehre der Väter von der Alleinherrschaft Christi in seinem Wort und durch sein Wort nicht mehr auf gerichtet ist in der Kirche. Man hat kein Vertrauen mehr zu diesem Worte allein, und so sucht man ihm nachzuhelfen durch allerlei rhetorische und psychologische (vielleicht auch liturgische!) Künste. So entsteht die Pseudoform der Predigt. So wird die moderne Predigt der Protestantischen Kirche zu einer Karikatur der katholischen Predigt, die allerdings darum ruhig glaubt entgleisen zu dürfen in Moralpredigt und Weltanschauungspredigt, weil sie ja das Meßopfer hinter sich hat, durch das Christus und sein Werk schon zur Geltung komme. Wir müssen und dürfen heute wieder aufs neue zurück zur Predigt der Väter, nicht zwar so, daß wir ihre Art und Weise der Auslegungs­predigt re­pristinieren, das wäre ein arger Fehlgang, aber so, daß wir uns von ihnen das Vertrauen zum Worte Gottes in der Heiligen Schrift wieder neu lehren lassen, um es auf unsere ganz gewiß ganz neue und eigene Weise, aber mit gleicher Treue und gleicher Zuversicht auszu­richten.

Ursprünglich erschienen in Das Wort sollen sie lassen stahn. Festschrift für Albert Schädelin, Bern: Herbert Lang & Cie, 1950.

Quelle: Eduard Thurneysen, Das Wort Gottes und die Kirche. Aufsätze und Vorträge (= Theol. Bücherei Bd. 44), München: Chr. Kaiser, 1971, S. 107-116.

Hier Thurneysens Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s