Karl Steinbauers Brief an Bischof Meiser vom Dezember 1938: „Es geht hier um die Grundtatsachen unseres Chri­stus-Glaubens und Sie täten gut, sich von einem Bruder auf das Heil in dem einzig gültigen Opfer anreden zu lassen und nicht durch die Darbringung ihrer „Opfer“ zu erweisen, dass Sie nicht glauben an seine endgültige, d. h. bis zum Ende der Tage gültige Gültigkeit und Voll­kommenheit.“

Nachdem die Vorläufige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) im Zusammenhang der sogenannten Sudetenkrise noch vor dem Münchner Abkommen für den 30. September 1938 einen Gebetsgottesdienst anläßlich drohender Kriegsgefahr für den 30. September angeordnet hatte und die Bischöfe der Landeskirchen Hannover, Bayern, Württemberg und Baden dies aus „religiösen und vaterländischen Gründen“ missbilligt und deren Durchführung abgelehnt hatten, schrieb Karl Steinbauer folgenden

Brief an den bayerischen Landesbischof Hans Meiser

Senden, am 19. Dezember 1938

Im Herrn Christus geliebter Herr Landesbischof!

Es läßt mir keine Ruhe Ihnen zu schreiben wegen der furchtbaren Dinge, die in der V(orläu­fige) K(irchen)l(eitung) Bittgottesdienstordnung an die Oberfläche gekommen sind.

Sie haben aus der Verantwortung für die Gesamtkirche und aus der Obsorge für die Erhaltung der Gesamtkirche sich dazu entschlossen, die vier Männer der Vorläufigen Kirchenleitung zu „opfern“. Es steht aber geschrieben: „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer“, und abermals: „Dieser aber, da er hat ein Opfer für die Sünden geopfert, das ewiglich gilt, sitzt er nun zur Rechten Gottes und wartet hinfort, bis daß seine Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt werden …; und das hat er getan einmal, da er sich selbst opferte.“ Hebräer 10, 12ff. – Wie kann man solches vergessen? Haben wir denn einen Moloch zum Gott, den wir mit Opfern zu versöhnen haben? Oder glauben Sie wirklich an den Moloch mehr als an den ewigen Hohepriester? Dem Moloch opfert man Menschenopfer, dem Vater unseres Herrn Jesu Christi nicht! – Darum aber, weil Sie selber dem Moloch opfern, schweigen Sie ja auch, müssen Sie ja schweigen, wenn Sie sehen, wie das „spontane Volksempfinden“ in vergange­nen Wochen die Juden „geopfert“ hat, um das deutsche Volk in seiner Gesamtheit zu erhalten. Das sind erschütternde und erschreckliche Blicke in unheimliche Abgründe, und wir stehen vor dem Gericht des Unglaubens, des Ungehorsams, der Untreue gegen Gott und Gottes Wort. Aber ich weiß ja, Sie haben mir nicht nur einmal, wortwörtlich und dem Sinne nach, in sol­chen Lagen gesagt: „Theologisch alles sehr fein, was Sie sagen, aber wir müssen mit gegebe­nen Tatsachen rechnen.“ – „Den richtigen Weg wissen wir auch, aber der ist nicht gangbar.“ – Herr Landesbischof, Bruder Meiser, muß das Gericht des Unglaubens und des Ungehorsams noch grober, noch schauerlicher kommen, muß die Verwirrung noch weiter schreiten, daß also das Molochopfer der „gangbare Weg“ für die Kirche Jesu Christi wird? – Ich bitte Sie, Bruder Meiser, weichen Sie nicht aus! Ich kann nicht so geschickt reden wie manch einer, der Sie berät und Ihnen schreibt; aber das weiß ich, es geht hier um die Grundtatsachen unseres Chri­stus-Glaubens und Sie täten gut, sich von einem Bruder auf das Heil in dem einzig gültigen Opfer anreden zu lassen und nicht durch die Darbringung ihrer „Opfer“ zu erweisen, daß Sie nicht glauben an seine endgültige, d. h. bis zum Ende der Tage gültige Gültigkeit und Voll­kommenheit. Und den Gewinn dieses Opfers kann man durch Unglauben verleugnen und verlieren, endgültig verlieren! Und, Bruder Meiser, über den Sühne- und Opfertod Jesu Chri­sti, des ewigen Hohenpriesters zur Rechten Gottes, werden wir nicht im Examenssaal in Ans­bach geprüft, sondern etwa in der Kanzlei des Mannes, der den Titel Kirchenminister trägt. Der Herr Kerrl hat Sie über das Thema: „Die Gültigkeit des Opfertodes Jesu Christi für die Kirche im Jahre 1938“ geprüft und Sie selber wissen, wie Sie den ewigen Hohenpriester verleugnet haben. – Sie als Hans Meiser und Sie als Landesbischof D. Meiser glauben nicht wirklich in actu und in concreto, hic et nunc, daß Sie mitschuldig sind am Tod Jesu Christi, Sie meinen, was Ihre und Ihrer Mit-Kirchenführer Landeskirchen anlangt, so lebten diese als intakte, verfaßte und durch lange geschichtliche Entwicklung gewordene, mit den staatlichen Körperschaftsrechten ausgezeichnete Kirchen praktisch letztlich nicht mehr vom Sühnetod Jesu Christi. Vielleicht sind die Bruderratskirchen solche, die vom Sühnetod Christi leben, aber es geht nicht an, daß Sie von diesen immer wieder in die peinliche Verlegenheit gebracht und in Situationen gestellt werden, als seien auch Sie Kirche Jesu Christi in dem Sinne, daß Sie wirklich allein von dem Gewinn des Opfertodes Christi leben auch heute im Jahre 1938 noch, Tag für Tag und sonst von nichts. – Und nun wiederum: Sie wissen freilich, daß ER auch für Sie und die bayerische Landeskirche gestorben ist, aber Sie wissen das offenbar nur als Examenswissen, das praktisch heute nur noch theoretisch in Frage kommt. Aber solches Wissen muß in actu, in concreto, hic et nunc etwa vor Herrn Kerrl handelnd bezeugt und be­währt werden. Am praktischen, konkreten Handeln wird der aktuelle Glaube oder Unglaube an diese Dogmen deutlich und erkennbar.

Ich habe mich zunächst auch menschlich geärgert, daß ausgerechnet Sie, die Herren Bischöfe, nicht in actu vom Sühneopfer Christi leben, sondern aus eigener Gerechtigkeit bestehen woll­ten, daß Sie es nicht nötig haben wollten, von dem Gewinn des Sühneopfers Christi Gebrauch machen zu müssen, sondern daß Sie glaubten, die anderen Ihrer Gerechtigkeit „opfern“ zu können und zu sollen. Ausgerechnet Sie, der schon bei der Wahl von Ludwig Müller es für geratener und verheißungsvoller gehalten hat, nicht mit der Tat Jesu Christi Kirche zu bauen und mit dem Herrn Christus zu rechnen, sondern mit dem „Vertrauensmann des Führers“; obgleich Sie obendrein noch wußten, daß Müller Häretiker ist. Wiederum im Examen weiß man’s, daß Jesus Christus der alleinige Grund der Kirche ist, man glaubt es wohl auch noch auf der Kanzel, redet dort von der Auferstehung und dem Auferstandenen als von einem un­veräußerlichen Dogma, aber im kirchlichen Handeln kommt dies alles – wegen der lutheri­schen Nüchternheit – praktisch nur theoretisch in Frage, da man dort mit „gegebenen Tatsa­chen“ zu rechnen hat. Und solche Theologie – die freilich nichts, aber auch gar nichts mit Theologie zu tun hat, sondern etwa eine Philosophie von Ideal und Wirklichkeit ist – die beansprucht für sich das schmückende Beiwörtlein „nüchtern“ und alles andere muß sich von solcher „nüchternen“ Pseudotheologie „abstrakte Theologie“ betiteln lassen. Vielleicht läßt man sich von dem „abstrakten Theologen“ Petrus zur Nüchternheit mahnen: „Darum so be­gürtet die Lenden eures Gemütes, seid nüchtern und setzet eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird durch die Offenbarung Jesu Christi.“ Die Nüchternheit, die die Bibel gebietet, ist die, die mit nichts rechnet als mit der Gnade, die in Christus offenbar geworden ist und an Seinem Tag offenbar wird. – Ich sagte oben, ich habe mich zuerst über Ihr aberma­liges derartiges Verhalten geärgert – schon, wenn ich an das abgeschossene Bein von Bruder Böhm denke – aber jetzt kann ich das nimmer, weil ich erschrocken in die ganz tiefen und un­heimlichen Zusammenhänge und Abgründe schaue, und für Sie und für mich, für unsere Kir­che erschrecke, wie all diese Fragen so unheimlich und radikal ernst sind und wirklich um Tod und Leben gehen, um ewigen Tod und Leben. Ich ärgere mich nicht mehr über Ihre „Ge­rechtigkeit“, daß Sie in actu, in concreto, hic et nunc nicht angewiesen sein wollen auf den Opfertod Christi, sondern ich erschrecke für Sie, für unsere Kirche, weil Sie die Schuld- und Sünden- und Kreuz- Solidarität in actu, dann wenn sie sich ereignet, verleugnen und damit sich und die Kirche um die Gnadensolidarität am Leibe Jesu Christi zu betrügen drauf und dran sind.

Ein zweites hat mich tief erschüttert und ich bin erschrocken, wie weit Sie in den Garnen des Unglaubens verstrickt sind. Präses Humburg hat Sie gebeten, in Berlin doch einfach mitzu­kommen und mit Bruder Müller sich brüderlich auszusprechen. Sie haben geglaubt, dies als unmöglich ablehnen zu müssen, da Sie dem Minister unterschriftlich Ihr Wort gegeben haben und nicht wortbrüchig werden wollen und können. Bruder Meiser, als ich das zum ersten Mal hörte, ging es mir durch und durch, denn mir fuhr das Wort der Schrift durch den Sinn: „Und der König ward traurig; doch um des Eides willen und derer, die mit ihm zu Tische saßen, befahl er’s ihr zu geben. Und schickte hin und enthauptete Johannes im Gefängnis.“ Wie muß das Fragen nach der Ehre Gottes und der Ehre vor Gott abhanden gekommen sein, wenn in der Besorgnis der Ehre vor den Menschen solche Konsequenz dringlich erscheint. Bruder Meiser, wollte Gott, Sie wären in anderen Dingen genau so konsequent und wären es immer gewesen. Auf der Synode in Augsburg haben Sie gesagt: „Wir haben zu dankbar die brüderli­che Hilfe und Gemeinschaft empfunden, die Sie uns haben angedeihen lassen, als wir in schwerster Bedrängnis waren, als daß wir uns je wieder von dieser Gemeinschaft scheiden könnten. Wir wissen uns mit Ihnen allen als Glieder der kämpfenden Kirche.“ – Und die Pra­xis? Was soll das heißen: Wir trennen uns nicht von den „Kreisen“ um die Vorläufige Kir­chenleitung? Wird auch der Erweis der Bruderschaft praktisch nur theoretisch und beschränkt auf die innere Verbundenheit? Wird die Bruderschaft dadurch bewährt, daß man die Leitung der Bekennenden Kirche Norddeutschlands „opfert“? Sind die Hohen-Priester von heute auch der Meinung: „Es ist besser ein Mensch sterbe für das Volk denn daß das ganze Volk verder­be?“ Die Haut kann einem schauern! Sie sitzen mit Herrn Kerrl seit Jahren immer wieder an einem Tisch und tun so, als könnte man mit ihm als Christ beisammen sitzen, und wissen so gut wie ich, wiederum seit Jahren schon, wie dieser arme Mann keine Ahnung hat vom wah­ren christlichen Glauben, sondern an das heilige (arische) Blut und an das daraus gewachsene Glaubensbekenntnis sich hält und aus dem Geiste des Blutes, der besonders in Adolf Hitler offenbar geworden ist, eine Reformation der Kirche betreibt. Aber mit den Brüdern dürfen Sie sich nicht an einen Tisch setzen, die müssen Sie verleugnen, „opfern“ zur Erhaltung der „Ge­samtkirche“. Die Kirche Jesu Christi ist die „Gesamtkirche“, die Sie erhalten wollen, nicht; denn durch „Opferung der Brüder“ wird die Kirche Jesu Christi nicht erhalten. Meinen Sie denn wirklich, man könne immer und immer wieder so offensichtlich den Sühne- und Opfer­tod Christi und seine Auferstehung verleugnen – in actu, im konkreten Handeln, meine ich, denn theoretisch, abstrakt, als steriles theologumenon glauben Sie es auch – ohne dafür ge­straft zu werden? Und zwar umso mehr und umso gründlicher, als Sie Ihr Leben und das „Ih­rer“ Kirche mit solchen Mitteln glauben erhalten zu können und gar zu müssen. Es sei denn, Sie tun Buße, d. h. Sie brechen mit dieser Methode, Kirche zu bauen und zu erhalten, und tun ganz konkret den Schritt zurück, den Sie getan haben. Oder meinen Sie denn wirklich und ernsthaft, etwa mit dem albernen Beschluß des Lutherrates von Ihrem tapferen Verhalten sei Ihnen zu helfen? Die Urgemeinde hat nach der Verleugnung des Petrus keinen derartigen Beschluß als Stützungsaktion gefaßt, der ja auch sehr tapfere Worte gesagt und sogar sehr tapfer mit dem Schwert dreingeschlagen hat und sich vielleicht für geeignetere, lohnendere, eindeutigere Bekenntnisgelegenheiten als vor der Magd aufsparen wollte. Meinen Sie etwa, die Unsauberkeit und Unklarheit der Eidessache sei wiederum mit einem Beschluß des Lu­therrates zu bereinigen, indem man nun plötzlich wieder sagt, der Eid ist eine kirchliche, innerkirchliche Angelegenheit, was man vorher in aller Form ablehnte, weil man noch wußte, daß innerhalb der Kirche kein Eid möglich sei. Jetzt ist er also doch wieder möglich, man muß es nur verstehen, gewandt und unlauter mit Worten zu jonglieren, so ähnlich wie bei dem rite vocatus in der Ausschuß-Frage bei D. Zöllner. Luther sagt bei solchem Jonglieren: „Sie reden, als hätten Sie heißen Brei im Maul.“ Über die Behandlung der Eidesfrage könnte man schrei­ben: „Salto mortale vorwärts und rückwärts!“ Kann die Ratlosigkeit, Orientierungslosigkeit noch höher gehen? Herr Landesbischof, so muß es gehen, wenn man mit den „gegebenen Tat­sachen“ rechnet, und alles, auch kleine Menschlein „gegebene Tatsachen“ sind, nur der Herr Christus nicht. Das ist es auch, was mich in der Vorläufigen Kirchenleitungs-Sache so traurig macht, daß Sie im konkreten Handeln immer wieder an alles andere glauben, nur nicht an den auferstandenen Herrn. Um die Gesamtkirche zu erhalten, haben Sie die Brüder dem Drohen des Ministers geopfert und haben dem armen Minister Kerrl in dieser Lage wieder nicht den Dienst getan, in aller Ruhe und Gelassenheit den auferstandenen Herrn der Kirche zu verkün­digen, dem allein sie in jedem Augenblick ihr Leben verdankt und der uns für solche Augen­blicke der Not Weisung gegeben hat: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht können töten; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in die Hölle.“ Warum haben Sie denn dem Herrn Minister nicht gesagt: Herr Minister, was soll denn Ihr Drohen? Schauen Sie uns an, wir sind alte, grauhäuptige Männer, und wir stehen am Ende unseres Lebens. Ob wir etwas eher oder später, ob wir im Konzentra­tionslager oder sonst wo sterben, eines natürlichen oder gewaltsamen Todes, das ist nicht wichtig, wichtig ist nur, daß wir auf dem Wort Gottes stehend selig sterben. Von uns und unserem Leben lebt die Kirche Jesu Christi nicht und auch nicht von Ihren Gnaden, so wenig sie von Ihrem Drohen gefährdet ist. Das Leben der Kirche ist gesichert allein in und von dem, der sitzt zur Rechten Gottes und der richtet die Lebendigen und die Toten nach seinem Wort: „Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Va­ter, wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ – Nun aber haben Sie durch Ihr Verhalten den Minister wieder in seiner Meinung bestärkt: Im konkreten Handeln zeigt es sich immer wieder eindeutig, daß sogar die Herren Bischöfe mehr an mich glauben und für den Bestand der Kirche fürchten, als sie an ihren auferstandenen Herrn glauben. Praktisch kommt der Glaube an den Auferstandenen nur theoretisch in Frage. – Nur Ihr Unglaube macht diesen Mann wichtig und groß, wie 4. Mose 13 der Unglaube aus den Kanaanitern, Jebusitern usw. Riesen züchtet! Mir ist es wirklich kei­ne Frage, wo die „abstrakten Theologen“ zu suchen sind, von denen am vergangenen Mitt­woch Herr Oberkirchenrat Breit wieder geredet hat und denen er die „Nüchternen“ gegen­überstellte. Diesen „Nüchternen“ sind alles concreta, nur der auferstandene, gegenwärtige Herr, das Haupt am Leibe der Kirche, das ist ein abstractum.

Und Sie haben nun den Mut, schriftlich zu bestätigen, daß Sie den Gebetsgottesdienstentwurf der Vorläufigen Kirchenleitung aus vaterländischen und religiösen Gründen verurteilen, – soll wohl heißen theologischen Gründen, obgleich der Ausdruck „religiös“ nicht von ungefähr ist, denn theologisch heißt ja in echter Bindung an Gott, den Vater unseres Herrn Jesu Christi. Sie, die einen Häretiker Ludwig Müller zum Reichsbischof gewählt haben; und dann noch einmal bestätigt haben, weil Sie, wie Sie damals sagten, mit „gegebenen Tatsachen“ rechnen müßten, – offensichtlich und bewußtermaßen wider Schrift und Bekenntnis! – Sie haben den Mut, hier plötzlich theologisch sein zu wollen. Genau so haben Sie damals in der entscheiden­den Konferenz in der Ausschußfrage in München gesagt, als die Bedenken von Schrift und Bekenntnis her erhoben worden sind, besonders wegen des rite vocatus, daß nämlich mit der Anerkennung von D. Zöllner ein unaufgebbares Bekenntnisanliegen preisgegeben ist, damals sage ich, haben Sie erklärt: „Den richtigen Weg wissen wir auch, aber der ist nicht gangbar.“ Genau so haben die Juden 4. Mose 14 gesagt: Den richtigen Weg wissen wir auch, der ginge der Verheißung und dem Wort Gottes gemäß ins Land Kanaan, aber dieser Weg ist nicht gangbar und er müßte die Katastrophe für die Gemeinde und Gesamtkirche sein. So entschie­den sie sich für den unkirchlichen „gangbaren“ Weg: „Laßt uns einen Hauptmann wählen und wieder nach Ägypten ziehen.“ Restauration! Restauration!

Sie kommen von der Kette, der langen und schweren Kette der Schuld und des Ungehorsams, zu der Sie seit der Reichsbischofs-Wahl Glied an Glied gereiht haben, nicht los, wenn Sie nicht der Methode, nach der Sie Müller wählten, das rite vocatus bei der Ausschußfrage ver­leugneten, die Eidesfrage erledigen wollen, die Brüder „opferten“, ein für alle Male absagen und den Rücken kehren, d. h. ganz konkret Schluß machen damit und klare Buße tun. Herr Landesbischof, nehmen Sie um Ihrer Seelenseligkeit willen Ihre Unterschrift eindeutig zu­rück! Das wäre eine „tapfere“ Tat, aber nicht das, wovon der Lutherrat stammelt.

Wenn Sie doch endlich die angemaßte Einbildung aufgeben wollten, als seien Sie für die Er­haltung und den Bestand der Kirche verantwortlich, und dem Herrn der Kirche auch noch ein bißchen Verantwortung übrig ließen. Sie sind für nichts verantwortlich als dafür, daß Sie in actu und in concreto praktizieren: Ich weiß und vergesse es in keinem Augenblick, daß der Herr Christus für die Kirche gestorben ist und uns damit aus aller Angst, Not, Drohen befreit hat, daß er auferstanden ist und nun zur Rechten Gottes sitzt und bei seiner Kirche alle Tage, jede Stunde, auch im Kirchenministerium, ist bis an der Welt Ende.

Herr Landesbischof, man braucht kein Prophet zu sein, um voraussagen zu können, daß Sie den vielfältigen Unglauben, ja klaren Verrat am Bekenntnis noch selber werden auszukosten haben, um so mehr und gründlicher, als ausgerechnet Sie nun den Brüdern, die in Nord­deutschland durch Ihren Reichsbischof Müller, durch Ihr Verhalten in der Ausschußfrage drangsaliert und gepeinigt, zerschlagen und zersprengt worden sind, noch obendrein meinen, dem Herrn Kirchenminister gegenüber – und Sie wissen so gut wie ich, er ist wirklich, ob er es weiß oder nicht, kein Diener (minister) der Kirche, sondern ein Ruinierer – bestätigen zu sollen, daß Sie aus vaterländischen und religiösen Gründen – und das heißt doch theologi­schen, vom Wort Gottes her gewonnenen Gründen – es ablehnen müssen, mit diesen Männern noch zusammenzuarbeiten, ja nicht einmal mehr mit ihnen zusammenzukommen. Weil Sie an das Wort des Herrn Ministers gebunden sind! Was gebietet Ihnen denn Ihr an das Wort des Herrn Christus gebundenes Gewissen?!

Als ich neulich mit Gemeindegliedern über die schwere uns bedrückende Sache gesprochen habe, sagte einer: „Ja, die einzige Möglichkeit ist nur die, daß die Bischöfe ihr Wort zurück­ziehen. Aber das ist natürlich aus Ehrengründen ausgeschlossen und unmöglich.“ Da hab ich gesagt: „Ja, das ist möglich, weil ein Christ Buße tun kann!“

Nun hab ich gesagt, was mich seit Wochen bewegt und umtreibt. Aus der Bruderschaft in Christo hab ich’s gesagt und Gott schenke es, daß Sie, Bruder Meiser, es in solcher Bruder­schaft hören. Ich bitte Sie, lassen Sie sich diesen Brief, der brüderlich gemeint ist, nicht klug zerreden von Beratern, die sicher gescheiter und klüger sind als ich, und sicher auch glatter und klüger reden können als ich; aber eben das wollte ich nicht, aber als Bruder wollte ich reden, nicht mehr und nicht weniger, der weiß, es geht hier um Glaube und Unglaube, um ewigen Tod und ewiges Leben.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht fürbittend Ihrer gedenkt

Ihr in Herrn Christus getreuer
(gez.) Karl Steinbauer.

P.S. Der Brief ist liegen geblieben. Ihr Schreiben vom 25.XI.38 Nr. 13817 hat ihn nicht endgültig aufhalten können. Im Gegenteil!

Quelle: Karl Steinbauer, Einander das Zeugnis gönnen, Bd. 3, Erlangen 1985, S. 206-214.

Hier Steinbauers Brief als pdf.

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