Das doppelte Leben der Mama Daktari: „Obwohl Anne Spoerry mit ihrer ärztlichen Tätigkeit wohl Tausenden von Menschen in Kenia das Leben rettete, konnte sie eines nicht – ihr eigenes Verbrechen wiedergutmachen.“

Das doppelte Leben der Mama Daktari

Es gibt Lebensgeschichten, die jenseits von Gut und Böse sind. In der Aschermittwochsausgabe der NZZ haben sich Fabian Urech und Judith Kormann an die Geschichte der französisch-schweizerischen Ärztin Anne Spoerry (1918-1999) herangetastet, die in Kenia als AMREF flying doctor unter dem Namen „Mama Daktari“ berühmt geworden ist (1997 ist ihre Autobiographie unter dem Titel „Man nennt mich Mama Daktari. Als fliegende Ärztin in Kenia“ in deutscher Übersetzung bei Quell in Stuttgart erschienen). Hunderttausende Patienten hat sie in mehr als 40 Jahren Flug- und Arzttätigkeit in Kenia behandelt.

Was jedoch ihre hingabevolle, lebensrettende Tätigkeit in den Todesschatten stellt, ist ihr Häftlingsaufenthalt im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück vom Januar 1944 bis zu dessen Befreiung am 25. April 1945. Als Mitglieder der französischen Resistance war sie im März 1943 verhaftet und später in das KZ Ravensbrück verbracht worden. Über die Umstände ihres KZ-Aufenthalts hatte sich Anne Spoerry lebenslang ausgeschwiegen. 2000, einem Jahr nach ihrem Tod, übergab ihr Neffe Bernard dem amerikanischen Dokumentarfilmer John Heminway Unterlagen aus ihrem Safe in Kenia, die diesen auf Geschehnisse im KZ Ravensbrück aufmerksam machen. Nach mehrjährigen Recherchen erschien im Mai 2010 Heminways Reportage „A Legendary Flying Doctor’s Dark Secret“ in der Financial Times (2018 dann als Buch bei Knopf in New York unter dem Titel „In Full Flight – A Story of Africa and Atonement“ veröffentlicht).

Violette Lecoq – Vor dem Krankenrevier des Konzentrationslagers Ravensbrück

Demzufolge hatte Anne Spoerry nach Aussagen von Mithäftlingen wie Violette Lecoq, Louise Le Porz, Elsa Schütz und Tryntje Duvivier De Beer unter dem selbstgewählten Namen „Dr. Claude“ während ihres KZ-Aufenthalts als hörige Gehilfin (und möglicherweise Geliebten) der Blockältesten Carmen Mory in Block 10 (Tbc-Kranke und verwirrte Frauen) geistesverwirrte Mitgefangene mittels Spritze getötet bzw. misshandelt. Während Mory im ersten Hamburger Ravensbrück-Prozess am 3. Februar 1947 zum Tode verurteilt wurde und vor der Vollstreckung Suizid beging, wurde Spoerry am 7. März 1947 in der Schweiz gegen eine Kaution von 30 000 Franken aus der Haft entlassen. Zu einem Prozess kam es nicht. Nachdem sie in Basel eine einjährige Ausbildung in Tropenmedizin abgeschlossen hatte, verließ sie 1948 Europa und begann 1950 eine Tätigkeit als Buschdoktorin im Norden Kenias.

Obwohl Anne Spoerry mit dieser Umsiedlung und ihrer ärztlichen Tätigkeit wohl Tausenden von Menschen in Kenia das Leben rettete, vermochte sie eines nicht – ihr eigenes Verbrechen wiedergutmachen. Und da sie es sich und anderen nicht eingestand, konnte ihr auch nie Vergebung zugesprochen werden.

Hier mein Text als pdf.

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