Paul Schempp, „Das Evangelium als politische Weisheit“ von 1948: „Das fröhliche Ereignis der Schöpfung ist in seiner Tragweite und Bedeu­tung stärker als das Ereignis des Sündenfalls, und das fröhliche Ereignis von Ostern ist in seiner Tragweite und Bedeutung stärker als das Ereig­nis der Kreuzigung Jesu, und das fröhliche Ereignis der Wiederkunft Christi ist in seiner Tragweite und Bedeutung stärker als der Schrecken der Endzeit.“

Paul Schempps „Das Evangelium als politische Weisheit“ von 1948 dürfte wohl als die erste evangelische Politische Ethik in der Nachkriegszeit gelten:

Das Evangelium als politische Weisheit

Von Paul Schempp

1. Das Evangelium verkündigt die alleinige, die barmherzige und gerechte Weltherr­schaft Gottes

Evangelium ist die frohe Botschaft an alle. Eine frohe Botschaft ist die Nachricht über ein freudiges Ereignis oder über die Entdeckung einer Freude erweckenden Tatsache. Die frohe Botschaft, um die es sich hier handelt, geht auf die Bibel zurück. Die Bibel gibt sich als ein fröhliches Buch zu erkennen, sie macht Freude und erwartet deshalb, daß wir uns freuen. Nie­mand freut sich genug über sie. Es ist verständlich, daß es über den Inhalt dieses Buches sehr viele Meinungsverschiedenheiten gibt, aber darüber kann und darf es keinen Streit geben, daß der Sinn dieses Buches dahin geht, allen Menschen zu allen Zeiten und in jeder Lage eine fröhliche Nachricht zu geben. Es gibt auch ganz eindeutige Brennpunkte dieser fröhlichen Nachricht, die als solche zu allen Zeiten von den Boten hervorgehoben und von den Hörern als solche anerkannt worden sind. Zu diesen gehört die Nachricht von der Geburt und von der Auferstehung Jesu. Aber das sind Ereignisse, die im Zusammenhang mit einer Geschichte ste­hen, und zwar mit der Geschichte des Volkes Israel, und diese Geschichte steht wiederum im Zusammenhang mit der ganzen Weltgeschichte, die umklammert ist von der Schöpfung und von der Wiederkunft Christi. Ist also die Bibel im ganzen als ein fröhliches Buch zu lesen und auszulegen, und nicht als ein Buch teils fröhlichen, teils traurigen Inhalts, wobei es dann auf den Leser ankäme, welcher Teil ihn tiefer erfaßt, und ist dieses Buch im ganzen das [6] Buch der Welt­geschichte, dann muß auch diese Weltgeschichte, an der wir Menschen alle und auf alle Fälle und in irgendeinem Maße teilhaben und teilneh­men, ob wir wollen oder nicht, doch eine fröhliche Geschichte sein. Vom Evangelium, also von der Bibel aus, muß daher jeder Zeitepoche, jedem Zeitalter, ja jedem Jahr und jedem Tag das Zeugnis gegeben werden: Du bist eine glückliche Zeit, ein frohes Jahr, ein Tag des Heils.

Dabei ist aber noch zweierlei hinzuzufügen, was von der Bibel her nicht bestritten werden kann. Einmal: Die Bibel begründet den frohen Charakter ihres Inhaltes nicht aus den Möglich­keiten, Leistungen und Hoffnungen der Menschen. Hier gibt sie von vornherein jedem Wider­spruch völlig recht. Sie warnt oft genug davor, den Grund der Freude von da her abzuleiten und irgendeinen Optimismus darauf zu gründen, daß im Menschen doch ein guter Kern, viel­leicht gar ein unsterblicher Teil stecke und sich durchsetze und viele Menschen doch schon auf religiösem und nichtreligiösem Gebiet Großes, ja geradezu Helden­haftes und Unglaubli­ches geleistet haben, und daß im ganzen die Welt­geschichte doch einen positiven Sinn erken­nen lasse. Im Gegenteil, die Bibel übertrifft hier jeden noch so pessimistischen Historiker oder Philo­sophen und zeichnet die Wirklichkeit der Weltgeschichte, zwar ohne Übertreibung im einzelnen, aber doch in einem Gesamtzusammenhang, der jede Begründung der Freude mit den geschehenen oder noch zu erwartenden Taten der Menschen ausschließt. Von der aktiven und passiven Beteiligung der Menschen an der Weltgeschichte her sieht die Bibel keinen An­laß, von fröhlichen Ereignissen oder von fröhlichen Tatsachen zu berichten. Da ist für sie die Weltgeschichte umklammert vom Sündenfall und von dem letzten Zusammenprall der trium­phie­renden Bosheit mit dem fruchtbaren Strafgericht Gottes und in der Mitte steht das für beide Teile, für die [7] Menschheit und für Jesus, schmähliche Ereignis von Golgatha.

Zum andern ist aber auch nach der Bibel eindeutig und unbestreitbar: Das fröhliche Ereignis der Schöpfung ist in seiner Tragweite und Bedeu­tung stärker als das Ereignis des Sündenfalls, und das fröhliche Ereignis von Ostern ist in seiner Tragweite und Bedeutung stärker als das Ereig­nis der Kreuzigung Jesu, und das fröhliche Ereignis der Wiederkunft Christi ist in seiner Tragweite und Bedeutung stärker als der Schrecken der Endzeit. Von hier aus gesehen, gibt es also in der ganzen Welt­geschichte schlechterdings nichts, was den frohen Charakter der bibli­schen Botschaft beeinträchtigen könnte, und kann es auch heute und künftig nichts derglei­chen geben. Dieser frohe Charakter in allem, auch den für sich genommenen noch so schreck­lichen Nachrichten der Bibel, kann in dem Satz zusammengefaßt werden: Gott regiert die Welt allein.

Dieser Satz will als eine neue fröhliche Nachricht gehört werden. Man muß sich dabei an den Jubel der Psalmen erinnern, die die Welt­herrschaft Gottes preisen, oder an die unerschütterli­che Freude und Macht des apostolischen Bekenntnisses, daß Jesus der Herr ist. In die­sem Satz „Gott regiert allein die Welt“ erläutert jedes Wort das andere. Gott ist also nicht ein unbe­kanntes Schicksal, das über und jenseits der Welt waltet. Das schaltet jeden religiösen, aber auch jeden politischen Fatalismus aus. Wenn Gott regiert, dann ist die Verkündigung seiner Herrschaft eine weit erfreulichere Nachricht als es etwa die Nachricht von der Machtübernah­me des weisesten, erprobtesten, mit Recht oder Unrecht beliebtesten, gerechtesten und genial­sten Menschen sein könnte. Diese Nachricht duldet weder Gleichgültigkeit noch einen Schat­ten von Befürchtung. Es steht auf alle Fälle gut um die Welt, wenn Gott sie regiert. Wer hier gleich-[8]gültig ist, der verrät nur, daß er im Grunde ein Atheist ist, dem es praktisch und faktisch gleichgültig ist, ob es Gott oder Götter oder gar keinen Gott gibt, dem es sogar auch dann, wenn er an Gott zu glauben vorgibt, eigentlich lieber wäre, Gott wäre nicht Gott, min­destens er mische sich nicht in die Weltgeschichte und jeden­falls nicht als ihr Herr, sondern bleibe mindestens zur Zeit ihr Zu­schauer. Wer dieser Nachricht gegenüber nur erschrickt oder sich fürch­tet, der verrät damit, daß es ihm nicht im Ernst um die Gerechtigkeit auf der Welt zu tun ist, oder daß er sich lieber mit der etwas ungenauen Gerechtigkeit der Menschen begnügen möchte, oder daß er gar nicht an die Gerechtigkeit Gottes glaubt, also auch nicht an den wirk­lichen Gott. Die Angst, wenn Gott die Welt regiert, dann käme ich nicht zu meinem vollen Recht, oder auch die Angst, dann gerade gehe es mir schlecht, beweist nur, daß ich noch nicht recht gehört habe oder gar nicht hören will, daß Gott die Welt regiert. Regieren heißt ja, daß es da ein Oben gibt, von wo Befehle ausgehen, Gesetze erlassen, für Ordnung gesorgt und wenn nötig mit Gewalt das Richtige und Erforderliche durchgesetzt wird. Gott regiert die Welt, das ist aber eine präsentische Aussage. Sie erstreckt sich zwar auch auf alle Vergangen­heit und auf alle Zukunft, solange es eine Welt gibt, aber das Neue und Fröhliche dieser Nach­richt besteht darin, daß auch jetzt Gott von oben herab diese Welt als sein Herrschaftsgebiet anerkennt, sich ihrer annimmt, Befehle gibt, Anordnungen erteilt, für deren Durchführung sorgt, sich um alles kümmert, was da geschieht, daß es also gar nichts gibt und gar nichts geschieht, was ihm gleichgültig wäre. Dann sind die Unter­schiede, die wir machen zwischen guter alter Zeit und böser Gegenwart und dunkler oder besserer Zukunft nur relative Unter­schiede, welche die Bejahung der Gegenwart und die Freude an der Gegenwart nicht aufheben [9] können. Wo aber Regierung notwendig ist (und die Welt hat es nach der Schrift notwen­dig, daß Gott sie regiert), da ist offenbar auch Hilfe, Schutz, Recht notwendig gegenüber vor­handener Hilf- und Recht- und Schutzlosigkeit. Wenn Gott regiert, dann ist die Befürch­tung, die Welt sei mehr aus den Fugen oder gehe noch mehr aus den Fugen, als es Gott für richtig und gut hält, unbegründet.

Wenn Gott die Welt regiert, dann hat er auch den rechtmäßigen An­spruch, daß alle Welt ihm gehorcht. Man kann diese frohe Botschaft nicht hören, ohne selber in Anspruch genommen zu sein, ohne zu fragen: Herr, was willst du, daß ich jetzt tun soll?

Wo regiert wird, geht gerade nicht alles von selber, sondern da gibt es Widerstände zu über­winden, Ordnungen zu schaffen oder auch abzu­schaffen und neue zu schaffen, die Freiheit des Einzelnen und die Ge­meinschaft zugleich zu fördern, da läuft kein Automat ab und keine Spieluhr, aber da kann auch die Gewalt nicht das einzige Mittel zur Durchsetzung des Willens des Regierenden sein. Alle Gewaltmittel bedürfen ja solcher Menschen, die bereit sind, sie auf Befehl einzusetzen. Eine Zwangsherrschaft gegen den Willen aller wäre gar keine Regierung mehr, sondern ein grausames Spiel mit den Menschen. Gottes Regierung schließt den Zwang nicht aus, aber wo sie ihn benützt, da ist es der Zwang echten Regierens, und nicht der Zwang der Laune und Willkür. Wenn Gott regiert, so ist das Ziel ja nicht, eben seine Macht zu bewei­sen, sondern vielmehr zu zeigen (wenn nötig freilich auch mit Erweisen seiner Macht), daß die Welt eine gute und rechte Regierung hat, eine Regierung unter der der Mißbrauch der Freiheit auch eine Grenze hat, und zwar jeweils die, die Gott selber setzt.

Es steht also gut mit der Welt, weil Gott sie regiert. Gott regiert die ganze Welt, nicht bloß einen Teil, etwa [10] die Christenheit, und er regiert sie, er spielt weder mit ihr noch zwingt er sie schlechthin in seinen Gehorsam.

Wir sagten weiter: Gott regiert die Welt allein. Es gibt keinen ande­ren Gott als den, der tatsächlich die Welt regiert, und es gibt keine andere Welt als die, die tatsächlich von Gott regiert wird. So gehören sie beide zusammen als Herr und Untertan. Nun gibt es zweifellos auch andere Herren, die regieren. Es wimmelt geradezu von Herren, die regieren oder doch regieren möchten. Es ist zwar denkbar, daß ein ein­ziger Mensch einmal über die Menschheit regieren könnte, so wie einst die Cäsaren das als Erdkreis bezeichnete Imperium absolutistisch regiert haben. Aber der Erdkreis ist noch lange nicht die Welt und auch da wäre noch der Widerstand und die Selbständigkeit der Naturkräfte, die nur zum geringsten Teil von den Menschen regierbar sind. Auch diese Alleinherrschaft wäre nur eine Teilherrschaft, und zwar nicht neben, sondern ganz und gar unter Gottes Herrschaft, unter seiner Re­gierung, nicht etwa bloß unter seiner Zulassung. Das „allein“ der Re­gierung Gottes stellt uns von der Bibel her vor die Frage nach der Herrschaft des Teufels, der ja „Fürst dieser Welt“ genannt wird. Aber der Satan regiert tatsächlich nicht. Er herrscht zwar durch List und Gewalt, aber er regiert nicht, denn er ordnet nicht, sondern ist Feind jeder Ord­nung, er schafft nicht Recht, Hilfe und Schutz, sondern nur Trugbilder davon. Von einer Nebenregierung des Satans kann gar keine Rede sein, sondern nur von einer ständigen Empörung gegen Gottes Regierung, und zwar von einer ohnmächtigen Auflehnung, die eben deshalb ohn­mächtig ist, weil Gott allein regiert und allein fähig und mächtig ist, die Welt dieser sie ständig gefährdenden Empörung zum Trotz zu erhalten. Gott kann das nicht nur, sondern er tut das auch. Gott ist Monarch, der einzig wirkli­che Monarch, weil er keiner Anerkennung durch Unter­tanen bedarf. [11] Aber da wir ja vom Gott der Heiligen Schrift, also vom dreieinigen Gott reden, so ist diese Monarchie durchaus nicht nach dem Bild menschlicher Alleinherrscher zu verstehen. Gott ist als der drei­einige Gott Monarch, das heißt so, daß der Sohn und der Geist unter ihm, doch ihm gleich sind an Macht und Ehre. Der Teufel aber ist Anarch, gerade in angemaßter Monarchie, und weil Gott allein die Welt regiert, darum ist die anarchische Despotie oder despotische Anarchie des Satans nur der bei den Menschen oft, aber bei Gott nie gelingende Versuch, Gott und die Welt, den Herrn und seine Untertanen, mitein­ander zu entzweien. Solange die Welt steht, steht Gott für sie ein. Er allein steht für sie ein, denn sie kann für sich selber keinen Augen­blick einstehen, sich selber weder regieren noch erhalten. Es ist das Wunder der alleinigen Regierung Gottes über die Welt, daß sie vom Evangelium verkündet, von der Christenheit geglaubt, allem Widerstand, aller Auf­lehnung zum Trotz Regierung bleibt und weder selbst despotisch wird noch einen Zollbreit der Welt sich entzieht und also nirgends die Menschheit der Anarchie oder der Despotie von Menschen oder auf­rührerischen Mächten überläßt. Die Wirklichkeit der Weltgeschichte kann hier den Glauben nur bestätigen, aber nicht erschüttern. Wer hier pessimistischer denkt, der verzeichnet die tatsächliche Weltgeschichte.

Das Evangelium verkündet die barmherzige Weltherrschaft Gottes. Schon die Tatsache sel­ber, daß Gott die Welt regiert, kann nur verstan­den werden als Beweis dafür, daß er sie barmherzig regiert, denn Gott gibt sich dazu her, er läßt sich herab dazu, die Welt zu regieren. Die Schrift sagt uns aber auch, daß diese barmherzige Herablassung zur Welt nicht eben überhaupt der Welt gilt, sondern daß sie durchweg ein ganz besonderes Objekt in der Welt hat, nämlich den Menschen. Der Mensch [12] ist als letztes Geschöpf gerade deshalb das der barmherzigen Regierung Gottes am meisten bedürftige, auf seine Fürsorge und seinen Schutz am meisten angewiesene Geschöpf, weil Gott ihn als besonderen Gegen­stand seiner Liebe erschaffen hat, also nicht erst kraft des Sündenfalls. Gott weiß, was für ein Gemächte wir sind. Er weiß das, denn er hat ja dieses Gemächte selbst gemacht, und zwar aus Staub, gerade um diesem armseligsten Gemächte seine größte Liebe zuzuwenden und es eben durch diese seine Liebe zum schönsten und erhabensten Gemächte zu machen, wenig niedriger als Gott. Sogar die Engel sind zum Dienst des Menschen eingesetzt und die Menschen sollen sogar einmal selber über die Engel richten. Von Sünde, Tod und Hölle bedroht war der Mensch schon im Paradies. Daß er ihnen verfallen ist, hat die Barmherzigkeit Gottes nicht erst herausgefordert, sondern jetzt erst recht hat sich diese Barm­herzigkeit bestätigt, daß er trotzdem Mensch und also Gegenstand sei­ner Regierung und seiner besonderen Fürsorge sein und bleiben darf. In das Nichts des Staubes hinein hat sich die Barmherzigkeit Gottes herab­gelassen und in das Nichts des Todes hinein regiert sie täglich in der Geschichte der Menschheit.

Dem Menschen ist seit dem Sündenfall die barmherzige Weltregie­rung Gottes verborgen. Das Alte und Neue Testament ist aber die Of­fenbarung dieser Barmherzigkeit, und zwar nicht als allgemeines Prin­zip, sondern als die Geschichte Jesu Christi und als seine freie, verschie­denartige und jeweils angemessene konkrete Zuwendung dieser Barm­herzigkeit der Regie­rung Gottes. Nach der Schrift offenbart sich Gottes barmherzige Regierung auch der für sie blinden Menschheit auf drei­fache Weise: Als Bestrafung, als Geduld und als Durchsetzung der Frei­heit des Wortes Gottes. Diese Offenbarung ist zwar handgreiflich nahe, aber trotz offener Augen und [13] Ohren gegenüber der Wirklichkeit des Geschehens ist der Mensch selber unbegreiflicherweise der faktische Beweis dafür, daß er nichts davon merkt.

A. Die Bestrafung

Alle Gerichte Gottes innerhalb der Weltgeschichte sind wohltätig. Der Mensch steht dabei so­wohl unter bleibender Bestrafung als auch unter der Bedrohung und Verwirklichung besonde­rer Strafgerichte. Bleibende barmherzige Bestrafung liegt schon in der Wirklichkeit des mensch­lichen Daseins als vergängliches Dasein. Der Tod ist als solcher Strafe, Lohn für die Sünde, aber auch diese Strafe muß evangelisch, das heißt als barmherzige Strafe verstanden werden. Der Tod ist ja nicht gleich­bedeutend mit der Verdammnis. Adam ist nicht verflucht worden. Ohne den Tod würden die Sünder die Erde zu ihrer eigenen Hölle machen und ohne den Tod als Voraussetzung der Auferstehung wären die Chri­sten die unglücklichsten Men­schen. Die Tatsache, daß der Mensch ster­ben darf, ist die Barmherzigkeit in dem Gericht der Tatsache, daß er sterben muß.

Die barmherzige und alleinige Weltregierung Gottes weist aber auch noch andere bleibende Bestrafungen im Dasein selber auf. Da ist zum Beispiel die bleibende Bestrafung durch die Verschiedenheit der Spra­chen als eine barmherzige Verhinderung der Einmütigkeit der Men­schen im Bösen. Noch bedeutsamer aber ist die Barmherzigkeit der Be­strafung durch Gott, welche den Menschen zwingt, sich selber zum Gesetz zu werden. Die Wirklichkeit zwingt den Menschen zu freien Entscheidungen und zugleich zum Suchen nach Maßstäben für diese Ent­scheidungen. Die Wirklichkeit hindert ihn aber zugleich daran, falsche Wege wirklich zu Ende zu gehen. Ein nach einem ethischen oder reli­giösen Programm oder [14] System oder nach einer Weltanschauung kon­sequent verlaufendes Menschenleben hat es noch nie gegeben und wird es auch nie geben. Dies gilt ebenso für alle Verbindungen der Menschen untereinan­der nach irgendeinem Programm oder System.

Das Evangelium zeigt auch, daß die Strafen für den Sündenfall, die zwar nicht als Strafen, wohl aber als Tatsachen für jedermann einsichtig sind, barmherzige Strafen sind, nämlich heilsame Ordnungsverordnun­gen Gottes, deren Abschaffung schlechterdings unmöglich ist. Es sind dies: die Liebe, die Regierung und die Arbeit. Diese drei Zwangsverordnungen sind die natürlichen Grundlagen und zugleich die ständigen Probleme des Daseins und damit auch des politischen Lebens, weil auf ihnen die Kultur des Menschen und damit seine Geschichte und seine Verantwortung basiert. Sie schützen den Menschen vor jeder Art des Verfallens in Totalitätswahn. An der Verschiedenheit der Geschlechter hört die Sozialisierung auf und an der Bezogenheit der Geschlechter auf­einander hört der Asozialismus auf. Die Wirklichkeit stellt Tag für Tag das Problem von Individuum und Gemeinschaft. Gottes barm­herzige Weltregierung setzte aber den Menschen in das Gefängnis der Liebe. „Hand in Hand mit dir, geliebtes Leben! Das ist die Natur­geschichte von vorne bis hinten“ sagt Raabe. Wie immer der Mensch die Frage nach Individuum und Gemeinschaft zu lösen versucht, insofern ist sie auch immer schon gelöst, als der Mensch zum Menschsein in der Geschichte die Abgrenzung und die Gemeinschaft der Geschlechter nicht entbehren kann.

An der Unentbehrlichkeit von Über- und Unterordnung endigt so­wohl die Freiheit als auch die Gleichheit der Menschen. Die Wirklich­keit stellt Tag für Tag das Problem von Macht und Recht. Gottes barm­herzige Weltregierung aber setzte den Menschen in das Gefängnis der [15] Selbstregierung. Freiwillig oder unfreiwillig, geschrieben oder unge­schrieben, entsteht und herrscht immer wieder überall eine sich als Recht ausgebende Ordnung, welche die Freiheit und die Gleichheit begrenzt. Auch der schlimmste Tyrann ist auf einen Rest freiwilliger Nach­giebig­keit angewiesen, und auch die noch so prinzipielle Gleichheit hebt die ständige Einfüh­rung der Ungleichheit durch Fordern und Gehorchenmüssen nicht auf. Schon das biologische Gefängnis der erotischen Liebe ist auch ein soziologisches Gefängnis von oben und unten, von Mann und Frau. Es ist schon dafür gesorgt, daß die Menschen einander nicht bloß viel sagen, sondern daß sie auch darüber schlecht und recht zu ge­waltsamer oder zu freiwilliger, wenn auch noch so oft revidierter Über­einkunft kommen, wer wem etwas zu sagen hat. Dabei ist noch nicht gesagt, daß das „Unten“-Sein etwa schlimmer wäre als das „Oben“-Sein.

Die dritte barmherzige Strafe Gottes nach dem Sündenfall ist die Arbeitsverordnung Gottes, das ökonomische Gefängnis. Auch hier sorgt die Wirklichkeit der Natur in der Verschieden­heit und in dem Wechsel ihrer Freigebigkeit und ihres Versagens und sorgt die Wirklichkeit des Zwangs der geschichtlich gewordenen und sich immer neu gestaltenden Verhältnisse dafür, daß der Mensch sich nicht ganz in Ideologien ver­lieren kann. Die barmherzige Regie­rung Gottes sorgt für das Brot, aber inmitten der ganzen ungeheueren Problematik der Wirt­schaft kann es dank des göttlichen Zwangs zur Arbeit nicht zu einem bloßen Gewalt­kampf aller ums Brot, nicht zu einer endgültigen Aufteilung in Schma­rotzer und Arbeitssklaven und auch nicht zu einer systematischen und damit den Menschen von Gott unabhängig machenden endgültigen Lö­sung der Brotfrage kommen. Der Kampf ums nackte Dasein schützt den Men­schen vor dem Idealismus. Aber gerade er zwingt zugleich den praktischen Materialis-[16] mus, das heißt den Mammonismus zur An­erkennung von Idealen, zum Beispiel zur Fürsorge, zum Schutz, zur Hilfe für Arme und Schwache, zur Anerkennung der Notwendigkeit, Pflich­ten und Rechte auch hinsichtlich Besitz und Arbeit in ein irgend­wie erträgliches Verhältnis zu bringen.

Die Strafe Gottes schützt also den Menschen davor, daß das Böse fortzeugend nur Böses ge­bären muß. Auch der böse Mensch muß im ganzen und auf die Dauer wenigstens so lieb, so gehorsam und so fleißig sein, daß inmitten aller Unmenschlichkeit sich doch die Menschlich­keit selber immer erhält. Das Getriebe erhält sich tatsächlich nicht durch Philo­sophie, sondern durch Hunger und Liebe, und diese beiden schaffen immer wieder aller Unordnung zum Trotz eine Ordnung, und darum auch eine politische Ordnung der Gesellschaft.

Daß sich der Mensch selber zum Gesetz ist, das offenbart er, sofern er des Gesetzes Werk tut. Der Dekalog ist nicht nachweisbar ins Herz des Menschen geschrieben, sondern Paulus sagt vielmehr, das Werk des Gesetzes sei dem Menschen ins Herz geschrieben (Römer 2), also nicht das „du sollst dies oder jenes tun oder lassen!“, sondern die Verantwor­tung, die Notwen­digkeit der Entscheidung zwischen den anklagenden und entschuldigenden Gedanken bezüg­lich dem, was er faktisch tut. Im Tun, eben kraft der barmherzigen Strafe Gottes für den Raub der Er­kenntnis des Guten und Bösen, beweist der Mensch, daß er selber das Maß für den Menschen ist, daß er trotz der Bosheit des Herzens, also eben nicht in gewissensmäßiger Ent­scheidung vor einem inneren Gesetz, sondern unwissend, naiverweise, in Anwendung seiner ganzen Klugheit oder Torheit in der Begegnung mit dem Menschen, um seiner selbst willen, also gar nicht aus Nächstenliebe, nicht in guter Gesinnung oder aus edlen Motiven, sondern eben faktisch von Natur des Gesetzes [17] Werke tut, denn das Bösetun kann sich eben nicht schrankenlos aus­toben. Mag der Mensch noch so sehr, noch so hartnäckig, bis zur Per­versität des Natürlichen das Verbotene, das Böse tun, unfreiwillig, un­wissend, dient eben auch das böse Werk dem guten und nie umgekehrt. Auch das böse Werk ist Werk des Gesetzes, des guten Gesetzes Gottes, und weil Gott will, daß sein Gesetz erfüllt wird, so erfüllt er es auch selber und macht gut, was der Mensch eben nie und nimmer gut macht. Das Böse muß dem Guten dienen, indem der Mensch fortlaufend da­durch bestraft wird, sich selber schadet oder bei Schädigung des andern die Gegenwehr herausfordert, indem die Frage nach Recht und Gesetz, nach Individuum und Gemeinschaft, nach Freiheit und Gleichheit, nach dem Exi­stenzminimum und nach der Würde des Menschen, nach dem Maß des Menschen am Men­schen, nach der Verantwortung des Men­schen eben durch sein Tun immer und immer neu akut wird. Das böse Werk kann nur innerhalb der Alleinherrschaft des barmherzigen Gottes seine Wirkung haben, verneint von Gott, weil es dem Menschen schadet, weil es ihn verderbt, aber den Willen Gottes nie hemmend, sondern das gute Werk immer wieder herausfordernd im Widerstand gegen jede Ordnung, die zur Unordnung geworden ist, gegen mißbrauchte Freiheit oder gegen untaugliche Gesetze und ebenso im Werden neuer Gesetze und Ordnun­gen.

Neben solchen bleibenden Strafverordnungen Gottes, neben diesen heiligen Ordnungsverord­nungen, die in ihrer barmherzigen Wohltat aber nur vom Evangelium aus, also nur in der Erkenntnis Gottes als des in Christus schrankenlos und wesenhaft gütigen Gottes als solche heilige Verordnungen einsichtig sind (von natürlicher Offenbarung der Schöp­fung oder des Gesetzes kann gar keine Rede sein!) lehrt nun aber auch die Bibel jeweils einmalige Gerichte Gottes, also vorübergehende Be-[18]strafungen des Bösen in der alleinigen und barmherzigen Weltregierung Gottes. Auch diese Gerichte Gottes in der Menschheit, sei es, daß sie durch die Natur unmittelbar oder durch die Menschen selber verursacht sind, sei es durch Vorsatz oder durch Fahrlässigkeit, sind als solche Ge­richte des barmherzigen Gottes durch sich selbst nicht erkennbar. Wohl gehören Sünde und Leid zusammen. Aber das ist kein allgemeines Prin­zip, nach dem man jeweils einen konkreten Zusammenhang von Leid und Sünde einsichtig ma­chen könnte. Auch der Glaube an Gottes Welt­herrschaft ist ja kein Prinzip, sonst könnten wir die Weltgeschichte als Geschichte der Weltpolitik Gottes oder als Offenbarung des Welt- oder Heilsplanes Gottes selber schreiben, was immer wieder, so oft es ge­schieht, nur Phantasie­pro­dukte zeitigt. Diese Herrschaft Gottes wird uns verkündigt, indem uns Christus als der Herr verkündigt wird, der zur Rechten Gottes sitzt und wiederkommen wird. Konkret wird diese Verkündigung in der Verpflichtung, den Wandel zu prüfen, das heißt das Leid im kleinen und im großen als Zeichen der Barmherzigkeit Got­tes daraufhin zu prüfen, ob es jetzt und hier für den von ihm Betroffe­nen ein Halt bedeutet, einen Ruf zur Umkehr vom bisherigen Weg, ob es ein Aufruf ist, ganz konkret zu fragen, was auf dem bisherigen Weg Gott nicht gefallen hat. Aber auch zu der Frage verpflichtet uns die Ver­kündigung, ob nicht ein bestimmtes Leid die Aufforderung bedeutet, gerade den bisherigen Weg fortzusetzen, ob es nicht eine Bestätigung ist, daß der Betroffene auf dem rechten Wege ist, weil sein Leid nicht die Folge der eigenen Sünde, sondern Folge der Sünde der Gottlosen, ihrer Abwehr des christlichen Gehorsams ist. Diese Prüfung kann nur von der evangelischen, also von der frohen Verkündigung her gesche­hen. Beidemal ist ja das Gericht des Leides die barmherzige Zucht Gottes. Allge­meine Buß­predigt auf [19] Grund des Dekalogs ist weder evangelische noch politische Weisheit. Entwe­der verstockt sie oder verführt sie zur Kon­struktion einer christlichen Politik und einer christ­lichen Lebensord­nung, die die Freiheit und damit auch den freien Blick für das jeweils Not­wendige verhindert und gerade den Glauben möglichst entbehrlich macht, weil man ja ein System und Programm und die nötigen Wort­führer und Vertreter hat, und dann kann ein Pharisäismus mit neuen Vorzeichen blühen und gedeihen. Gott regiert die Welt allein und barm­herzig; das ist Verkündigung in eine neue Lage hinein. Ist diese Lage durch Leiden charakterisiert, so ist dieses Leid weder fatalistisch zu be­jahen noch selbstgerecht zu vernei­nen, sondern in ihm ist Gott zu loben, daß er alles so herrlich regiert; in ihm ist der Zwang zur Besinnung zu begrüßen und die Erinnerung an die menschlich erkennbaren histo­rischen Abläufe und Zusammenhänge möglichst deutlich aufzufrischen. Freilich ist die Weltregierung Gottes in der Bestrafung wie überhaupt eine verborgene. Seine Gerichte sind unbegreiflich und seine Wege unerforschlich. Aber eben die Tatsache, daß immer wieder Busch recht be­kommt: „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ ist zwangsläufig für den Men­schen, solange er nicht stumpfsinnig ist, eine Verpflichtung, je und je vernünftig nach den Ursachen der Katastrophe, der Hemmung, des Leides, das heißt eben des Zwanges der Ver­hältnisse zu fragen und daraufhin nach den Mitteln zu der Überwindung des Leides zu for­schen, ehe resigniert wird. Bleibt der Wagen stehen, so sucht man nach der Ursache. Wird diese als selbstverschuldet erkannt, so dient dies zur Lehre und Besserung, und man ergreift die nötigen Maß­nahmen zur Abhilfe. Wir wissen natürlich nicht, ob jedes Gericht Got­tes heilsame Wirkung hat, aber weil auch dann, wenn Ursache und Fol­gen so klar wären wie bei Trinken und Rausch, und auch wenn [20] nie­mand bereit wäre, ein Gericht Gottes als solches gelten zu lassen, trotz­dem die jeweilige fatale Wirklichkeit nicht außerhalb, sondern inner­halb der barmherzigen Weltregierung Gottes steht, so ist jeder Mensch auf alle Fälle zu Entschei­dungen gezwungen. Mag er nun toben oder fluchen, mag er sich besinnen oder resignieren, sein Engpaß ruft immer wieder sein verantwortliches Verhalten auf den Plan. Aber da der Mensch nie isoliert ist, so ist auch seine Umgebung immer mitbetroffen von seinem Leid und muß darauf irgendwie reagieren. Diese Umgebung kann mit Gleichgültigkeit, mit Hilfe, mit Mitleid, mit Schadenfreude oder mit Ausbeutung der Not antworten, so hat doch auch da Got­tes Barmherzigkeit kein Ende. Denn Gott kann nun das Gericht beendigen oder auch noch einmal Zuschlägen. Er kann es nun auf die schuldig ge­wordene Umgebung übertragen oder er kann — Geduld üben, und das ist die zweite Form der Barmherzigkeit in der Weltregierung Gottes.

B. Die Geduld

Die Weltgeschichte steht auf alle Fälle unter der Geduld Gottes. Das ist eine fröhliche Bot­schaft und befähigt den, der sie hört und glaubt, jede Lage nüchtern und vorurteilslos zu be­trachten. Zu Fanatismus oder zu Verzweiflung fehlt also auf alle Fälle ein letzter zureichen­der Grund. Man wird mit dem Wunsch nach Feuer vom Himmel also vorsichtig sein dürfen (die Rachepsalmen zeigen uns freilich auch, daß es eine sehr nüchterne und heftige Feindschaft im Bunde mit Gott gegen Gottes Feinde geben kann), aber man wird, gerade weil Gott geduldig ist, auf keinen Fall einer grundsätzlichen Apathie das Wort reden dürfen. Ge­duld heißt ja nicht, daß sich Gott zeitweilig von der Weltregierung zu­rückzieht, sondern daß er, weil er selber Zeit hat, den Menschen Zeit [21] gibt und läßt. Es gibt einen heiligen Zorn, der mit Fanatismus nichts zu tun hat, und es gibt einen heiligen Quietismus, der mit Apathie nichts zu tun hat. Es ist ja unbegreiflich, wieviel Zeit und Raum Gott dem be­wußten oder unbewußten Ungehorsam der Menschen in der von ihm regierten Welt läßt. Aber das heißt nicht, daß Gott Langeweile habe, darum sind die langweiligen Menschen ebenso in Aufruhr gegen Gott wie die fanatischen, die verzweifelten und die apathischen Menschen. Ein Regiment der Geduld ist aber offenbar ein tolerantes Regiment, ein Regiment, das selbst für Bösewichter erträglich ist. Gott ist gütig gegen die Gottlosen. Diese Geduld steht aber im Zusammenhang mit der drit­ten und wichtigsten Form der Weltregierung Gottes, nämlich mit seiner Herrschaftsausü­bung durch sein freies Wort.

C. Die Durchsetzung des freien Wortes Gottes

Über den bleibenden und den besonderen Strafen Gottes steht kraft der Barmherzigkeit von Gottes Weltregierung die Geduld Gottes mit der Welt. Aber diese Geduld Gottes wiederum hat ihre Kraft und ihren Sinn in der Offenbarung seiner Herrschaft durch sein Wort an alle Welt, an alle Völker, bis an die Enden der Welt und bis an das Ende der Welt. Der Mensch, dem Gott eben in seiner barmherzigen Weltregierung die Treue hält, soll zur Erkenntnis, zur freiwilligen Anerkennung und da­mit zum Gehorsam unter Gottes Regierung kommen. Er soll glauben, das heißt sich auf Gott und auf seine Herrschaft völlig verlassen, ob­wohl er weder ihn noch seine Regierung offen sieht. Diese Herrschaft wird ihm verkündigt, so wie auch jede menschliche Herrschaft sich ja zuerst immer durch das Wort vollzieht. Menschliche Regie­rung ist erst dann Regierung im Unterschied von bloßer Gewaltanwendung, wenn sie sich als solche bekanntgibt, An-[22]erkennung fordert, Beschlüsse faßt, ihre Absichten und Gesetze kundgibt. Gottes Regierung ist dagegen auch dann wahre Regierung, wenn sie allen Regierten vollkommen ver­borgen ist und wenn sie es bleiben würde. Aber eben Gottes Barmherzig­keit macht die Offenbarung seiner alleinigen Weltregierung notwendig und wirklich. Wenn diese Regierung nicht als barmherzig erkannt wird, dann kann sie zwar sehr hilfreich sein, wie eine Arznei, die gewaltsam eingetränkt oder deren Annahme durch Überlistung erreicht wird. Aber der Mensch bleibt dann in einem Mißverständnis nicht bloß über Gott, sondern auch über sich selbst, in einer Einbildung, in einer Verkennung seiner Lage, in einem Irrtum über die Wirk­lichkeit. Er weiß dann nicht, daß er ein solcher ist, dem Barmherzigkeit widerfahren ist. Er heißt die Barmherzigkeit Schicksal oder Glück oder Zufall oder gar sein gutes Recht.

Nun ist tatsächlich die barmherzige Weltregierung Gottes verborgen, nicht etwa weil Gott sie verbirgt, nein, Gott ist nur selber verborgen in seiner Regierung, in seinen Werken, aber seine Werke, seine Regierung ist nicht verborgen, sie ist im Gegenteil seine ständige Offenbarung wie eine Wohltat die Offenbarung des Wohltäters ist, ja alles, was ist und was geschieht, bezeugt und bestätigt es, daß Gott im Regiment sitzt, auch der Ungehorsam und die Empö­rung gegen ihn, aber der Mensch ist blind für diese seine ständige Weltregierung, er kann die Werke und die Wege Gottes nicht begreifen. Das gilt für alle Menschen, für Juden und Heiden und Christen. Der Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen besteht nur darin, daß die Christen um ihre Blindheit wissen und die Nichtchristen sie leugnen. Diese Blindheit ist einer­seits die ständig sich ereignende Verschuldung des Menschen, indem er der Wahrheit und Wirklichkeit Trotz bietet und Gottes Regierung nicht an-[23]erkennt, weil er nicht von der Barmherzigkeit Gottes regiert sein will, sei es aus Verzweiflung oder aus Überheblichkeit, und weil er angesichts seiner eigenen Wirklichkeit Gott tatsächlich nicht lobt und ihm nicht dankt. Andererseits ist diese Blindheit dann auch als Folge der Verschul­dung die ständig sich ereignende strafende Verblendung durch Gott selber, weil Gott so barmherzig ist, daß er den Menschen nicht zur An­erkennung seiner Barmherzigkeit zwingt, sondern aus Barmherzigkeit gerade seine Blindheit wachsen läßt, um ihn so recht an der Offenba­rung zu interessieren, so daß er sich entscheiden muß gegenüber diesem Wort zum Glauben oder zum Haß. So ist die Weltregierung Gottes im­mer höchste Aktualität im Dienste der Offenbarung seiner Barmher­zig­keit.

Die Weltregierung und in ihr Gott offenbart sich nicht allgemein, son­dern nur in der Ge­schichte Jesu Christi, die erfüllt, was Gottes Wort schon vorher seit Beginn der Welt verhei­ßen und befohlen hat, und in deren Bezeugung der Wille Gottes geschieht und erkennbar wird, indem sich dieses Wort allezeit ein besonderes Volk der Zeugen von Gottes Weltregie­rung schafft, nämlich das Israel des Alten und die Kirche des Neuen Bundes. So offenbart das Wort Gottes seine verborgene Welt­herrschaft durch und in sich selbst und diese Herrschaft macht die Welt zum heimlichen Werkzeug und die Gemeinde zum offenen Werkzeug dieser Offenbarung. Das Ziel der Welt steht ja fest: alle Zungen müssen bekennen, daß Christus der Herr ist, daß das Wort Gottes tatsächlich herrscht. Herrscht aber Gottes Wort, so dient die Welt heimlich, ohne es zu wissen, der Verkündigung und damit der Gemeinde, und übt die Predigt eine heimliche Herrschaft über die Welt aus und offenbart sie zugleich an denen, die hören und gehorchen. Sie tut dies in der Freiheit des Geistes, indem der Geist sich Zeugen und [24] Diener dieser Herrschaft wählt und schafft. Die Predigt ist also der Ort, wo Gottes Herr­schaft dem Glauben erkennbar geschieht. Sie geschah seit Adam und wird ge­schehen bis zur Wiederkunft Christi. In der Predigt allein wird der Ge­meinde und durch sie der Welt ihre konkrete Wirklichkeit und ihre konkrete Aufgabe zugleich erkennbar, indem ihr selber diese Aufgabe gesetzt ist, an die Herrschaft Gottes zu erinnern und das Kommen die­ser Herrschaft, das heißt ihr Offenbarwerden fröhlich zu erwarten.

Die barmherzige Weltherrschaft Gottes ereignet sich also so, daß Gott durch sie es immer neu ermöglicht und verwirklicht, daß sein Wort Ge­meinden erzeugt, erweckt und mobil macht, in die Welt zu gehen mit der fröhlichen Nachricht und mit dem dieser Nachricht entsprechenden Wandel, daß sie von Gottes Wort regiert wird, um mit der Welt zurück­zukehren zum Wort Gottes, damit auf Erden der Wille Gottes so willig und so freiwillig geschieht wie im Himmel.

Das Wort Gottes verkündigt und vollzieht also die Weltherrschaft Gottes, indem die Gemein­de sich selbst an ihrem Ort als von dieser Herrschaft erhalten, durch sie gerettet und in die Zukunft gewiesen er­kennt, nicht aber so, daß die Gemeinde oder der einzelne Glaubende nun etwa in den Besitz irgendwelcher Begabung käme, die Weltge­schichte zu deuten und so die Offenbarung der Schrift bis zur Gegen­wart fortzusetzen in der Geschichte der Kirche oder in der Geschichte des Geistes oder des Wortes Gottes, also in einer anschaulichen Heils­geschich­te der Offenbarung der Herrschaft Gottes. Nur die Geschichte Jesu Christi ist Offenbarungsge­schichte. Der Herr der Welt ist geboren, gestorben und auferstanden und hat eben in diesem Geschehen die Welt regiert und die Apostel sind Zeugen seiner Herrschaft sowohl in der Knechtsgestalt des Todes wie in der Herrengestalt seiner [25] Auferste­hung. Seit Christus auferstanden ist, kann und soll man es jedem Men­schen auf den Kopf zusagen, daß er nicht verloren, sondern daß er ge­rettet ist und daß er von jetzt ab nur wieder verloren gehen kann, wenn er diese Tatsache leugnet, verleugnet oder bestreitet, indem er nicht von und unter Got­tes gnädiger Herrschaft leben will, sondern sich der Illu­sion eines anderen Grundes, Haltes, Sinnes und Zieles seines Lebens und des Daseins der ganzen Welt hingibt. Das ist die konkre­te, fröhliche und immer völlig neue Nachricht von der Weltherrschaft Gottes, zu der die Ge­meinde aufgefordert und auf alle Fälle berechtigt und befähigt ist. Seit Christus auferstanden ist — ohne diese Voraussetzung redet man nämlich an der Wirklichkeit der Welt vorbei —, ist es jeweils einem Teil der Menschheit klar, daß die Welt gegen ihren Willen der freien Ver­kündigung ihrer einzigen Hoffnung und Zukunft dienstbar ist und bleibt und daß diese Ver­kündigung allein imstande ist, die Welt über den Grund und die Gestaltungsform ihrer jeweili­gen Lage und Aussich­ten sachgemäß zu informieren. In diesem Sinne ist die Verkündigung des Wortes Gottes immer auch Weissagung und deshalb wahre Welt­weisheit.

Gott regiert die Welt gerecht, gerade indem er sie barmherzig regiert. Es darf auf keinen Fall von einem „teils teils“ die Rede sein, denn hier geht weder Gnade vor Recht noch Recht vor Gnade, sondern hier ist Gnade Recht. Und deshalb kann die Gerechtigkeit von Gottes Regi­ment nicht da oder dort direkt abgelesen werden. Wo der faktischen Ungerechtigkeit und Erbarmungslosigkeit des Weltlaufs nicht in so wil­der Verzweiflung wie von Hiob oder in so heiterer Verzweiflung wie vom Prediger des Alten Testaments oder mit dem heißen Gebet der Psalmisten um Gottes helfende Herstellung des Rechts gegenübergetre­ten wird, da sehe man wohl zu, ob man nicht von dem gotteslästerlichen Versuch [26] angesteckt ist, Gott rechtferti­gen zu wollen, was immer damit endet, daß man die einen Zustände für tabu und für göttlich und die anderen für miserabel und unhaltbar erklärt und so über die Ereignisse und Personen ein anmaßendes Richterspiel treibt: Christentum contra Dämonen! Die Rechtfertigung Gottes durch den Menschen als seinen Anwalt ist dann nur die Komponente der Selbstrechtfertigung des Men­schen. Seit der Kreuzigung Jesu steht fest, daß Gottes Gerechtigkeit verborgen ist, und seit seiner Auferstehung steht es fest, daß sie als Gnade regiert und siegt und sich selber offenbart. Nach dem Recht der Liebe Gottes und darum durch die Macht der Liebe Gottes darf die Welt so im Bösen und im Argen liegen, wie sie liegt, und ist doch dem Bösen jedes Recht und jede Macht entzogen, was sich herausstellen wird am Tage des Gerichts.

Gott ist im Recht, der Mensch ist im Unrecht. In der Fleischwerdung des Wortes aber hat sich Gott selber ins Unrecht der Menschen hinein­begeben und also auch in den Tod des Menschen, in die totale Ohnmacht des Menschen, aber hineinbegeben mit der Macht seines Rechtes. Er hat das Unrecht schlechthin angenommen, an sich genommen, sich seiner bemächtigt. Das Unrecht ist bei ihm, in seinem Gericht und in seiner barmherzigen Herrschaft aufgehoben. Wir brauchen es nicht bei uns selber suchen und abschaffen. Es ist ja bei ihm schon verworfen und gerichtet. Bei ihm, das heißt in seinem Wort, das uns alle freispricht und also auch frei­macht, eine ewige Trennung zwischen dem Unrecht und uns schafft durch die Vergebung und Erneuerung, so daß wir tatsächlich (freilich in ihm verborgen!) in ewiger Gerechtigkeit, Un­schuld und Seligkeit nun als die leben können in der Welt, die wir vor ihm sind, nämlich als ehrliche Sünder, die im Leben und im Sterben in ihr Recht und damit in ihre Ehre einge­setzt sind durch Gottes Gnade. Es ge-[27]schieht uns unser Recht, selbst wenn wir zu Unrecht um­gebracht würden, und unsere Ehre ist nicht anzutasten, auch wenn wir vor aller Welt zu­schan­den würden. Das ist unsere wahre Lage zwischen der Vergebung der Sünden und der Aufer­stehung des Fleisches. Vergebung und Auf­erstehung wird aber nie zu unserem Recht, durch keine Buße und durch keine Frömmigkeit, weil beides das Recht seiner freien Liebe zu uns ist. Darnach haben wir uns zu richten. Es ist das freie Recht Gottes, sich der ganzen Welt zu erbarmen. Dieses Recht hat er tatsächlich in Christus ausgeübt und offenbar gemacht und hinter diesem Recht steht seine ganze Allmacht. Dieses Recht und diese Barmherzigkeit läßt er uns ver­kündigen. Wir würden weder die Bibel noch Gemeinden noch Prediger haben, wir würden weder Leser noch Hörer der Schrift sein, wenn diese Tatsache nicht die feste Voraus­setzung wäre, die sich gerade im Tat­bestand der Verkündigung immer neu bestätigen und wirksam wer­den muß. Man kann und soll es getrost jedermann sagen: alle Menschen, also auch du, warten, ohne daß sie es wissen, kraft Gottes barmherziger Gerechtigkeit auf diese Nachricht, daß Gott sein Recht auf sie nicht fahren läßt trotz aller Versuche der Menschen, ein eigenes Recht oder gar ein Recht auf Gott aufzurichten. Ein anderes Recht als das, das Gott hat und übt, ist eben gar kein Recht und dieses Recht Gottes ist sein Erbarmen, mit dem er die Welt geliebt hat und ihr Christus geopfert hat und ihr so in ihm einen gerechten, weil gnädi­gen Herrn gegeben hat. Christus entschuldigt alle Menschen, er vertritt alle, er steht für alle ein mit dem unbestreitbaren Recht des Herrn auf sein Eigentum, das nur er selber preisgeben und wegwerfen kann, was Christus eben nicht tut. Allein der Unglaube gegenüber dieser wahren und fröhlichen Nachricht begründet es und macht es auch begreiflich, daß die Men­schen all ihr Recht mit Macht schützen und durch-[27]setzen oder gar von der Macht selber ableiten. Das ist aber unmöglich und soweit es eben tatsächlich immer wieder die einzige Möglichkeit und der einzige Ausweg der Men­schen (aber eben kein Weg, sondern ein Aus­weg!) ist, dann eben nur kraft der barmherzigen und auch da gerechten, nämlich im Erfolg und im Scheitern der menschlichen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit immer siegreichen Weltregierung Gottes. Angesichts der Rechtfertigung, mit der in Christus Gott und Mensch zugleich gerechtfertigt sind, kann man daher menschlicher Macht immer nur soweit Recht geben, als sie im Dienste der Barmherzigkeit als wohltätige Macht steht, und kann man den menschlichen Rechten nur soweit Billigkeit zugestehen, als sie eben­falls im Dienste der Barmherzigkeit als wohltätige Rechte stehen. „Recht um des Rechts willen“ ist genau so eine letztlich nur schädliche Weltanschauungsillusion wie die These „Macht um der Macht wil­len“. Das Wort Gottes kennt, rechtfertigt und duldet nur das Recht und die Macht der Liebe, weil Gott selber nur mit diesem Recht und mit dieser Macht die ganze Welt regiert. [29]

2. Das Evangelium von Gottes Weltregierung ist als solches auch eine politische Nach­richt und macht die Gemeinde zum Betätigungsfeld politischer Weisheit

Der Bund Gottes mit den Menschen, den die Bibel nach Absicht und Voll­zug bekundet und beurkundet, ist die Verbindung Gottes mit dem gan­zen Menschen, mit dem wirklichen Men­schen, der gerade kraft der Welt­regierung Gottes sich dem politischen Dasein gar nicht end­gültig ent­ziehen kann und auch nicht soll. Eine Menschheit, die von Gott regiert wird, muß ja auch eine politische Menschheit sein. Ehe dies zu einer Kalamität geworden ist und immer wieder bis heute wird, ist es eine trotz aller Eremiten fröhliche Tatsache, die der Vernunft des Menschen Ehre macht, weil sie es doch immer wieder ermöglicht, in leidlichem Frieden ein Zusammenleben zu gestalten, in dessen Schutz und Freiheit selbst die Eremiten und alle sonstigen Feinde der Politik leben können. Die Bibel ist deshalb, weil sie von Gottes Verhal­ten zum Menschen redet, auch ein sehr politisches Buch. Und dies nicht nur deshalb, weil das Volk Israel ein politisches Gebilde ist und seine politische Geschichte die Bibel durchzieht von Abraham bis zu Festus und Agrippa. Auch nicht nur deshalb, weil das Neue Testament Kaiser, Könige, Statthalter, Richter, Hauptleute, Soldaten mit gewichtigem Rollenspiel nennt, und nicht nur deshalb, weil in der Bibel göttliche und menschliche Gesetze politischen Inhalts große Bedeutung haben, ja in den Sprüchen und im Prediger höchst beachtliche politische Lehren erteilt werden, sondern darum, weil das Evangelium von Jesus Christus auch eine politische Nachricht ist, nämlich die Nach-[30]richt von seiner Herrschaft, die weder auf das Innenleben noch auf die Religion und vollends nicht nur aufs Jenseits beschränkt ist und die nicht bloß über oder unter oder hinter den faktischen menschlichen kulturellen, wirtschaftli­chen, sexuellen und religiösen Beziehungen, sondern gerade auch in ihnen wirksam ist und Gehorsam fordert. Wenn man schon das vielzitierte Wort von dem Herausgerufensein aus der Welt, zu dessen Veranschaulichung man gerne etwa Abrahams Berufung oder die Berufung der Apostel und Propheten anführt, gebrauchen will, dann nur in dem ganz radikalen Sinn des Abrufes aus der Welt, wie es etwa in unseren Todesanzeigen steht. Wer das Evangelium hört, der ist freilich der Welt und sich selber als Sünder tot, der hört ja von seiner Versetzung in die neue Welt, von seiner Wiedergeburt in Christus, der ist ein Kind der Verheißung, der lebt dort, wo Christus ist, der ist jetzt noch im „Ausland“, in der Diaspora wie die Juden im Exil, wie Israel in Ägypten, wie Daniel in Babylonien, aber dieses Ausland gehört ja auch allein Christus. Ja die Regierung Gottes widmet sich ihm eher viel mehr als der Welt der Offenba­rung. Mit einem Bild könnte man sagen: Wenn in einem Land ein Teilgebiet in Aufruhr ist, während sonst Friede und Ordnung herrscht, so wendet sich dem Aufruhrgebiet die ganze Aufmerksamkeit und Tätigkeit der Regierung zu. Seit Christi Auferstehung ist die Re­volte endgültig niedergeschlagen, wie vorausgesagt und zu erwarten war (aber wer hat es tatsäch­lich erwartet? Nicht einmal die Jünger!), es gärt nur noch, es ist noch nicht endgültig Friede und Ordnung. Der Einzug des Herrn ist noch aufgeschoben. In diesem „Ausland“ sind nun die Boten des Herrn, die den Frieden verkündigen. Auch Christus selber war darin als in seinem Eigentum und in seinem Wort und Geist ist er immer da und dort darin. Und da sollte das Evangelium keine politische Nachricht [31] sein? Man könnte eher sagen: es ist die einzig wich­tige politische Nachricht, an der erst gemessen werden kann, was eigentlich Politik ist. Von ihrer Wahrheit lebt, ohne es zu wissen, alle Politik. Wo der Glaube einmal vom Schauen abgelöst sein wird, da wird sich ja das Reich Gottes als der wahre Staat, als der einzig mögli­che totale Staat erweisen: Ein Herr über lauter Freie! Das Evangelium gilt aber dem verlore­nen Haufen in dieser Welt, wo zwei mit dem Evangelium oder vielmehr wo das Evangelium mit zwei oder drei Menschen immer die siegreiche Majorität ist. Diese Menschen vertreten da leibhaftig die gerechte, barmherzige und alleinige Herrschaft Gottes. Sie haben nicht zu fra­gen, ob sie bleiben müssen, bis der Herr kommt, oder sterben müssen, ehe er kommt. Aber sie haben gerade mit dem Evangelium einen politischen Auftrag und durch das Evangelium auch die nötige politische Weisheit. Christus ist uns zur Weisheit gemacht, und zum weisen Wan­del gehört eine der Herrschaft der Regierungsweisheit Gottes entsprechende menschliche poli­tische Weisheit im gemeinsamen Leben hier in der vorläufigen „Fremde“, und zwar zuerst im Leben der Gemeinde selber.

Wir reden nun von der Gemeinde als einer auch politischen Gemein­schaft. Wir hörten ja, daß die ganze Weltregierung Gottes gerade der freien Durchsetzung des Wortes Gottes gilt und sie ermöglicht und daß durch sie die Weltherrschaft Gottes bekanntgemacht wird. Die Gemeinde ist daher tatsächlich die Mitte auch des politischen Lebens. Daß es Jahr­tausende ohne christli­che Gemeinden in vielen Erdteilen gegeben hat und heute noch viele Landstriche ohne solche Gemeinden sind, sagt nichts dagegen. Wir hörten ja von der Geduld Gottes. Gemeinde ist die Gemeinschaft der zum Hören des Evangeliums und zum Empfang der Sakramente Zusam­menkommenden. Christus ist ihr Herr und wo er ist, [32] wohin er kommt, da ist er immer in der Mitte. Die soziologische oder gar geographische Mitte bedeutet da gar nichts, so angemes­sen es auch war und ist, wenn die Kirche mitten im Ort ist. Aber der Satz cuius regio eius reli­gio hat schon seine Richtigkeit, nur ist der, auf den sich das cuius bezieht, nicht der Landes­herr, sondern der Herr schlecht­hin und die religio ist nicht das Christentum oder ein Bekennt­nis, son­dern die Gemeinde. Sie sollte diese Würde zu wahren wissen und ihrer froh sein. In ihr jubelten die Palmisten und in ihr trotzten die Apostel allen Gefahren. Der Herr ist unser Gott! Unser Gott ist der Herr! So ist die Gemeinde tatsächlich der wichtigste Faktor, die Mitte des politi­schen Lebens. Die Menschen, die da zusammenkommen, kommen nicht als religiöse Menschen, also unter Zurücklassung ihrer Sorgen, ihres Alltags, ihrer Politik, sondern sie kommen eben als die Menschen, die sie sind, also auch als politische Menschen. Ihre Erwar­tung, das Wort ihres Herrn zu hören, ist ihre „Heiligung“ und nicht das Vergessen ihres son­stigen Lebens in ihrer Andacht. Gerade die Sorgen und Lasten sind mitzubringen. Christus ladet die Beladenen! Die größte Not ist aber nicht die persönliche des einzelnen, sondern die gemeinsame der Ge­meinde. Das Evangelium verkündet ja die Herrschaft des Christus und übt sie aus, und die Gemeinde hört nur dann, wenn sie als Gemeinde hört und als Gemeinde ins Leben gerufen nun auch lebt. Ein privater Geschenk- und Befehlsempfang ist kein Gottes­dienst, auch wenn dabei lebhaft respondiert und liturgisch teilgenommen wird. Es geht um einen gemeinsamen Weg und auf diesem Weg um das Werden und um die Erprobung einer gemeinsamen Besinnung, nämlich des Gesinntseins wie Christus. Gesinnung ist die Sinnge­bung der Tat. Sie ist nicht im Men­schen zu suchen, zu vermuten oder festzustellen, son-[33]dern sie liegt ganz und gar im Tun des Menschen, in seinem Gehorsam oder Un­gehorsam.

Über diesen gemeinsamen Weg muß sich die Gemeinde einig werden, sie muß sich auf ihn besinnen. Sie kann nicht einfach in einem Geleise bleiben, als ob das Evangelium eine alte und nicht eine neue Nachricht wäre. Sie muß darum auch als Gemeinde und für sich selbst Politik treiben, Kirchenpolitik, und das ist immer zuerst Gemeindepolitik. Es gibt da gute und schlechte, aber auch rechte und falsche Gemeinde­politik. Ein falscher Weg ist dann einge­schlagen, wenn diese Besinnung sich nicht nach der Predigt, nach der Offenbarung richtet und die Ge­meinde etwa den sehr praktischen oder ordnungsliebenden Prinzipien, Gründen und Gesetzen der kirchlichen Tradition mehr Gehör schenkt als der allein maßgeblichen Gestalt der Offenbarung von Gottes Herr­schaft, nämlich der Heiligen Schrift. Ein Weg, der den Glau­ben an Gottes Wort entbehrlich macht, ist immer falsch. Ein Abweg ist es darum auch, wenn die Gemeindepolitik sich nicht ständig dahin einigt, daß die eifrigste Wachsamkeit über die Predigt, ob sie auch Evangelium ist, ihre allerwichtigste Aufgabe ist. Es gibt allezeit Prophe­ten, die Gott nicht gerufen hat, die in seinem Namen Falsches weissagen, zum Beispiel einen kirchlichen Frieden unter Umgehung der Heiligen Schrift, also außerhalb der Offenbarung. Es gibt allezeit falsche Lehrer, greuliche Wölfe in Schafskleidern. Wenn aber die Offenbarung der Sinn und das Ziel der ganzen Weltregierung Gottes ist, dann ist ja alles in Gefahr der Zerrüttung und des Aufruhrs und damit des Gerichtes, die Kirche und die Welt, wenn an Stelle der Offenbarung der Herrschaft Gottes in der Gemeinde eine Kundgebung religiöser Gedanken und Träume und Wünsche von Menschen tritt. Eine Gemeinde, die nicht selber als Gemeinde an der Auslegung der Schrift teilnimmt, die nur passiv annimmt, was sich ihr [34] als solche Auslegung ausgibt, macht nicht Ernst mit ihrem Bekenntnis, daß Christus der Herr ist. Sie vertraut auf Fleisch, wenn sie einfach dem Zeugnis und Befehl einer Kirchenleitung gehorcht, die ihr sagt, in diesem oder jenem Menschen sei ihr ein rechter Zeuge Jesu Christi bestellt. Ein Pfarrer ist, ob er es weiß oder nicht, in Wahrheit ein unglückseliger Mensch, wenn er meint, er sei nur allein, etwa in seinem Gewissen, dem Herrn Rechenschaft für seine Predigt und für seine Gemeinde schuldig. Er kann dann nur ein Usurpator der Gemeinde wer­den oder aber angesichts des Unglaubens und Ungehor­sams seiner Gemeinde resignieren. Glaube an Gottes Weltherrschaft ist aber unvereinbar sowohl mit Selbstherrlichkeit wie mit Resignation. Der Pfarrer kann dann nicht mehr fröhlich predigen, er kann nur noch auf gute Wirkung bedacht sein oder über die Sünde poltern. Die Ge­meinde, die nicht zusammen mit dem Pfarrer allein auf die Schrift hört, die bloß Amen zur Predigt sagt oder in der jeder eben nur heimlich die Predigt nach Gutdünken beurteilt, weiß eigentlich gar nicht, daß durch die Predigt die Offenbarung der Herrschaft Gottes geschieht, daß da im Namen des Herrn ein Zu­spruch und Anspruch an sie als Gemeinde erfolgt. Sie müßte doch die Stimme ihres Hirten kennen und nichts dürfte ihr wichtiger sein als die Deutlichkeit dieser Stimme. Daran hängt ja ihr Leben oder ihr Verderben und damit auch das Heil oder Unheil der Welt. Die Gemeinde verfügt aber so wenig wie der Pfarrer über das Wort Gottes. Der Herr und also der Geist ver­fügt allein über Gottes Wort. Aber der Geist spricht zu den Gemeinden und ob eine Predigt die Stimme des Geistes ist, das ist nicht einfach dem verborgenen Willen Gottes zu überlas­sen. Wort und Geist sind nicht zu trennen. Eben hier will ja der Wille Gottes offenbar und gehört werden und beide, Pfarrer und Gemeinde, sind an das Zeugnis der Propheten und [35] Apostel gewiesen. Die Schrift ist auszulegen. Eine Gemeinde, die ihrem Pfarrer hierin Blan­ko-Vollmacht gibt, verführt ihn oder läßt ihn im Stich, tut also gerade im wichtigsten Ereignis nicht ihre Pflicht. Wenn man etwa an den katastrophalen Riesenerfolg von Professor Thieli­ckes Passionspredigt denkt, oder auch an die begeisterte Aufnahme oder widerspruchslose Hinnahme unzähliger Predigten, die nachweisbar das Zeugnis der Schrift verdunkeln oder verfälschen, so ist es nicht ver­wunderlich, daß die meisten Gemeinden gar keine Geschichte haben, weil nämlich nichts bei ihnen geschieht, weil sie als Gemeinden stumm und untätig sind, als ob Christus ein stummer und untätiger Herr wäre, als ob hier statt lebendiger Regie­rung eine Regierungsmaschine abliefe. Es passiert nichts in den Gemeinden, ja man will gar nicht, daß etwas passiert. Die Predigten sagen vielleicht ganz schriftgemäß, was passieren würde oder könnte, wenn man glauben würde, aber das überläßt man quietistisch Gott oder einem künftigen Pfingsten oder überläßt es defätistisch dem einzelnen. Der Geist redet aber zu den Gemeinden. Sie haben oft genug Anlaß statt dem Amen ein schlichtes Nein zu sagen oder zu entgegnen: „Wiederum steht auch geschrieben.“ Aber sie haben leider meist lieber Vertrau­en zu ihrem Pfarrer und sind oft froh, daß sie ihr Schweigen mit der Bescheidenheit ihres Laientums entschuldigen können.

Wenn hier die Prüfung der Predigt eine politische Aufgabe der Gemeinde genannt wird, dann deshalb, weil es Sache der Gemeinde­politik ist, die Möglichkeit zu schaffen, daß solche Prü­fung zu Wort kommt und geschieht. Die Gemeinde muß in der Predigt das Wort Gottes von der Irrlehre unterscheiden. Sie muß deshalb zunächst die Freiheit haben, selber Prediger zu berufen und auch abzulehnen. Daß dies unter der Herrschaft der Schrift geschieht, muß sie zeigen und begründen können. [36] Gerade das Ansehen der Person darf hier keine Rolle spie­len, weder das Ansehen, das die Person hat (dies galt sogar für die Apostel), noch die Ansicht, die man selber über die Person hat. Das Wort, und also auch was die Person sagt, gilt allein. Hier gibt es undeutliche und deutliche, aber auch falsche Rede. Die Zahl des Kir­chenbesuchs ist kein Maßstab dafür. In der Gemeinde gibt es freilich keine Kritik an der Regierung wie im Staat. In der Gemeinde regiert Christus allein. Er verbittet sich alle Ratgeber, weil er tatsäch­lich keinen hat. Wer seine Regierung tadelt, der ist ein Empörer. Man kann sie ja auch nur in Unwissenheit oder Torheit tadeln. Die schriftgemäße Predigt widerlegt jeden Tadel. So muß in der Gemeinde jeder Kritiker an der Regierung überwunden und zum Schweigen gebracht werden. Da muß selbst Hiob bekennen: „Ich habe unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe“. In der Gemeinde kann es nur zum Lob des Herrn kommen. Aber der Pfar­rer ist nicht Christus. Daß der Pfarrer gelobt oder getadelt wird, ist ganz in Ordnung. Er ist ja Ge­meindeglied wie alle anderen. Christus allein ist der Wortführer. Es ist eine sehr schlechte Tradition, daß der Pfarrer gerade im Entscheiden­den, im Geschehen der Offenba­rung, der alleinige Wortführer geworden ist und die Gemeinde bloß im weniger Entscheiden­den allen­falls auch zu Worte kommt. Sogar in der Predigt Jesu selber war es ganz anders. Die meisten seiner Reden sind Gespräche. Auch die Apostel gehen meist zu zweit. Sind sie allein, so kommt es, sobald eine Gemeinde entsteht, zum Gespräch und in der Gemeinde wird Rede­freiheit betätigt.

Natürlich kann immer nur einer reden, und es ist Sache der Gemeinde­politik, daß da eine Art vernünftiger Geschäftsordnung herrscht. Na­türlich ist der Gottesdienst kein Sprechsaal und natürlich entsteht bei voller Redefreiheit die Gefahr des Streites. Aber die apostolischen [37] Gemeinden und auch die Synagogen zeigen es, daß nicht immer nur derselbe reden darf. Es wird sogar sicher Streit geben. Es kommt da die Verschiedenheit der Schriftauslegung und die Verschiedenheit der Erkenntnis ans Licht. Nicht das ist die Meinung, daß die Gemeinde je und je auch andere Prediger herbeirufen soll. Das kann als Hilferuf nötig sein und ist berech­tigt als Zeichen der Gemeinschaft und der gegenseitigen Hilfe. Aber die Einzelgemeinde hat als wichtigste Auf­gabe die Beteiligung an der Schriftauslegung in der Wachsamkeit gegen Irrlehre, in der Verantwortung für rechte Predigt, in der Betätigung der Redefreiheit als Ge­meinde in gegenseitiger Vermahnung zum Herrn, und es zeigt sich ihre politische Weisheit oder Torheit darin, ob sie imstande und willens ist, sich selbst so zu ordnen, daß die ständige Auflehnung der Menschen Weisheit gegen die Weisheit Gottes nicht von einem einzigen Wortführer, sondern von der Gemeinde selber nieder­gehalten wird. Ausgerechnet im ersten Korintherbrief schreibt Paulus: „Es müssen Häresien (Parteien) unter euch sein, damit die Bewährten offenbar werden“. Ob gerade der Pfarrer zu den Bewährten gehört, das kann ihm nur die Gemeinde sagen, aber sie muß es ihm auch sagen, indem sie in den Versammlungen redet. Die Gemeinde kommt also nicht bloß zum Hören, sondern auch zum Reden zusammen. Die ersten Leser der apostolischen Briefe haben sicher nicht bloß das Vorlesen angehört, son­dern sie haben eifrig über das Gehörte geredet. Die Gemeinde muß nicht die Herrschaft Chri­sti stützen, aber sie muß im Bekenntnis zur Alleinherrschaft Christi den Pfarrer schützen vor jeder Art von Thron­besteigung und ebenso vor der Einsamkeit, in der er sich qualvoll mit seinem Text herumschlägt und wie Mose sagt: „Werden wir euch auch Wasser bringen aus diesem Fels?“ Es sollte darum keinen Pfarrer geben, der heimlich herumhorcht, ob seine Pre­digt gefallen [38] oder mißfallen hat. In der Bibel ist die Geschichte der Verkündigung zu­gleich die Geschichte der Gemeinde. Heute dagegen könnte man eine Geschichte der Predigt schreiben, in der die Geschichte der Gemeinde kaum eine Rolle spielt. Man würde dabei viel­leicht viel vom Einfluß der Politik auf die Predigt, aber wenig vom Einfluß der Predigt auf die Politik zu schreiben haben. Die lebendige Gemeinde, der Christus zur Weisheit gemacht ist und in der deshalb die Weisen die Toren belehren und auch der Pfarrer, wenn er selber ein Tor ist, belehrt wird von der Gemeinde — diese Gemeinde redet vom Gesetz Gottes Tag und Nacht. Sie ist als Zeuge der Herrschaft Gottes auf dem Plan, wo das Zeugnis ver­dunkelt wird. Aber sie ist heute Ausnahme. In der Bibel liegen die Weisen und die Toren dauernd im Streit miteinander und die Weisheit bringt die Torheit an den Tag. An seiner Rede erkennt man den Narren und den Weisen. In unseren Gemeinden hält man den Pfarrer für weise, aber wo Tor­heit und wo Weisheit in der Gemeinde ist, will man lieber unentschieden lassen aus Angst, es käme zu viel Torheit an den Tag. Aber wo lehrt das Evangelium, daß die Amtsträger um ihres Amtes willen auch weise wären und daß die Angst maßgebend sein dürfe, wo man im Namen Jesu zusammenkommt? Jede Kirchen- oder Ge­meindepolitik, welche die Autorität des Amtes stärken will gegenüber der freien Rede der Gemeinde (der freien, nicht der liturgischen Re­de!), ist törichte Politik und führt zur Verdummung der Gemeinden.

Wo Gott redet, da kommt der Mensch auch zum Wort, denn Gott redet durch Menschen zu Menschen. Hört der Mensch im Menschenwort den Herrn, dann wird er singen und beten, loben und danken, aber er wird dann auch zum Nächsten reden, und das nicht nur zur „Welt“, auch nicht nur außerhalb der Gemeinde, sondern vor allem und zuerst in der Gemeinde selber. Ehe es da zur Ge-[39]sinnungsgemeinschaft kom­men kann, muß es zur Gesprächsgemein­schaft kommen. Gottes Wort verheißt und fordert Verständigung, aber stumme Verständigung ist verdächtig. Nur eine redende Gemeinschaft kann auch zur handelnden Gemeinschaft wer­den. Handeln auf Kommando ist im Sinne des Evan­geliums eben das nicht, was es im beson­deren Maße zu sein scheint, nämlich gemeinsames Handeln. Es muß ja nicht so sein, daß wie z. B. in unitarischen Gemeinden in Amerika an jedem Sonntag außer der Predigt bzw. an­schließend an sie eine Gemeindeversammlung mit freier Diskussion stattfindet, aber die Ge­meinde sollte sich immer wieder zur Aussprache versammeln, nicht bloß in Gruppen, nicht bloß, um über Gemeinde- und Kirchenfragen zu diskutieren, nicht bloß unter irgend­einem Thema, nicht bloß zur Information oder zur Fragenbeantwor­tung, sondern zur Verständigung gegenüber der Anrede eines biblischen Textes. Das Wort „Bibelarbeit“ ist zwar nicht sachge­mäß, aber was es eigentlich meint ist richtig und nötig. Verständigt sich eine Gemeinde regel­mäßig darüber, was ihr Herr in seinem Wort meint, was er jetzt der Gemeinde geben und von ihr haben will, dann entartet das kirch­liche Leben auch nicht in zahllosen Konferenzen und Freizeiten und Tagungen von allen möglichen „Bewegungen“ und Gruppen, welche alle wie­der „befruchtend“ auf die Gemeinde wirken wollen. Christus und seine Gemeinde heißt Ge­meinschaft im Worte Gottes allein. Was und wo Gottes Wort ist, das ist nicht bloß zu hören, weil einer da ist, der das von Amts wegen wissen muß, sondern darüber ist zu reden. Von dem Ereignis, daß dies wirklich an den Tag kommt, lebt die Gemeinde. Es kommt aber nicht in jeder Predigt an den Tag, deshalb muß die Gemeinde urteilen und die Geister prüfen. Geister sind aber nur zu prüfen, wenn sie reden. Wenn es in der Kirche schon so geistert wie heute, dann ist es kein Wun-[40]der, daß es draußen noch toller geistert. Kommt die Gemeinde zum Reden, dann kommt sie auch zu einem lebendigen eigenen Bekenntnis und so auch zu einer eigenen freien Verfassung.

Man wird fragen, ob nicht diese Ausführungen vom Thema abfüh­ren. Nein, denn hier ent­scheidet es sich, ob die Gemeinde im Evangelium politische Weisheit erkennt oder ihre poli­tische Weisheit von anders­woher bezieht, von Systemen oder Weltanschauungen oder bür­gerlichen Traditionen. Die Gemeinde ist ein Circulus, in dessen Mitte Christus durch sein Wort herrscht. Um ihn ist keine schweigende Schulklasse, die gelegentlich zum Sprechchor aufsteht, die wartet, bis die Stunde zu Ende ist, und die froh ist, wenn sie keine Hausaufgaben bekommt. Da ist auch keine wimmelnde Menge von Unbekannten wie in einem Vor­trag oder Konzert, sondern da ist eine Gemeinschaft von wirklichen Menschen, keine unsichtbare Ge­meinschaft, von Menschen, die sich durch das Evangelium kennen als gerechtfertigte Sünder und sich darum eben als Menschen auch erkennen. Sie interessiert das Wort Gottes aufs bren­nendste, aber nicht religiöse Ansichten. Und da sollte es keine Fra­gen aneinander geben, keine Reden miteinander, keine Vereinbarungen miteinander? Da sollte es nicht möglich und er­wünscht sein, daß immer wieder falsche Brüder entlarvt und falsche Lehrer korrigiert werden? Und da sollte man sich zufriedengeben dürfen, wenn Statuten in Kraft bleiben und ein rühri­ger Wortführer mit einem Mitarbeiterstab vor­handen ist oder wenn man angegliedert ist an eine große Organisation mit weltweiten Verbindungen? Kann denn die Hauptfrage: was dün­ket euch um Christus? pauschal gelöst sein oder die Antwort dem Herrn Pastor überlassen bleiben? Kann da alles, was sich christlich oder Chri­stentum oder Wort Gottes oder Offenba­rung heißt, auch auf Anerken­nung rechnen? Verlangt Christi Herr-[41]schaft, daß alles re­spektiert werden muß, was sich mit seinem Namen schmückt? Oder bedeutet die Freiheit des Christen, daß er sagen darf: was christlich für mich ist, das bestimme ich selber? Am Wort erkennt man den Christen. Soll ich er­kennen, wer sich da als Bruder im Herrn ausgibt, so muß er reden und ich muß mit ihm reden. Ein Herr, das hat einerlei Rede zur Folge. Aber einerlei Rede kann man nicht merken, wenn nur einer redet. Soll es zu einerlei Rede kommen, dann müssen viele reden, und indem dieses „einerlei“, nämlich das eine Wort Gottes und der eine Geist Gottes, in ihm hörbar wird in dem vielerlei der Worte, wird Gemeinde zur Ge­meinde und bestätigt sich als hörende Gemeinde.

Wenn nur einer redet und alle gehorchen oder doch zu gehorchen haben, dann wird die Gemeinde zum Staat, und zwar zum schlechten Staat, zum totalen Staat. Gerade das ist keine politische Weisheit, so erfolgreich es sein kann. Die Gemeinde ist kein christlicher Staat. Hier herrscht wohl Christus allein und alle haben zu hören und zu gehorchen, aber er herrscht nur in der Offenbarung seines Wortes, in der fröhlichen Nachricht des Evangeliums. Dieses Wort ist frei und macht frei. Wo Gottes Wort redet, da vollzieht sich immer zunächst eine unsicht­bare Scheidung, da kommt es zum Glauben, der weise macht, und zum Un­glauben, der töricht macht. Aber wo Mose und die Propheten, wo Christus, wo die Apostel, aber auch wo die Re­formatoren redeten, da blieb diese Scheidung nicht unsichtbar. Freilich vollzieht erst der Herr im Gericht die letztgültige Scheidung der großen Überraschungen, aber das Wort Gottes macht beredt und im Gespräch erkennt man, wo ein jeder steht, nach welcher Richtung er geht, und da kann man ihm sagen, in welcher Richtung er zu gehen hat. Es kommt freilich nicht zu einer Ausrottung des Unkrauts. Die Heuchler bleiben, ja sie kom­men vielleicht sogar auf den Predigt-[42]stuhl. Aber sie bleiben kei­neswegs störungslos. Das Wort sollen und müssen sie stehen lassen. Sie müssen eben heuchlerisch mitbekennen, heuchlerisch sich in die Verstän­digung einbeziehen. Im totalen Staat ist Schweigen Gold, da reden die Narren und Heuchler, da redet man um Macht und Geld und Einfluß, und da gibt es Spitzel. In der Ge­meinde aber ist das Wort Gottes das Gold und man lernt zuerst das Hören, aber nach dem Hören und eben durchs Hören lernt man das Reden. Wer glaubt, der redet. Wem es ums Ver­stehen ernst ist, der redet, und so lernt man das Allerwichtigste, was es in der Politik gibt, das Hören und das Reden. Besonders wir Deutsche können beides besonders schlecht. Ist man in der Gemeinde uneinig oder gibt es Unklarheit gegenüber dem Wort Gottes, dann ist Verstän­digung und Einigkeit ohne Reden Schein. Geht es um echte Verständigung, um Einigung, um die Bewegung zueinander hin, dann ist das Gespräch unerläßlich, dann spricht man sich aus, dann ist Gottesdienst eine ge­meinsame Beichte, aber gerade nicht als die Wichtigtuerei mit eigenen Bekehrungsgeschichten, sondern die Beichte der jetzigen Lage, der jetzi­gen Erkennt­nis, der jetzigen Not und Fragen, aber auch der jetzigen Hoffnungen und Aufgaben.

Ist das die Einführung der Demokratie und schließlich der vielge­lästerten ungehemmten demokratischen Redeflut? Nein, in der Gemein­de wird nicht über die Voraussetzungen diskutiert. Gerade die sind fest: Christus ist der Herr, die Schrift ist die gegebene Gestalt der Offen­barung. Da wird an den wahren Glauben erinnert und die sichere Hoff­nung bezeugt. Die Wahrheit ist also nicht umstritten, aber sie muß an den Tag, sie muß zur Sprache kommen. Erinnern wir uns, daß die Sprache des Evangeliums die Koine, die Gemeinsprache der damali­gen Welt war. Wir müssen ständig zur Sprache der Bibel zurück, aber wir müssen sie ebenso ständig in unsere heutige Ge-[43]meinsprache, in die profane Sprache, übersetzen. Die gegen­seitige Traktierung mit Bibel­sprüchen genügt gerade nicht. Soll sich die Kraft der Herrschaft Christi im Konsensus unserer schwachen Worte bezeugen, dann muß das Wort Gottes uns ganz begegnen und unsere eigenen Worte als Inhalt, gerade nicht nur formal beherrschen. Brüderliches Gespräch! Recht so, nicht politische Zankrede. Recht so, aber erstens in der Gemeinde und zwei­tens in Erinnerung an die frohe Tatsache, daß Christus unser Bruder ist, drittens aber auch im Nichtvergessen dessen, wie man unter leib­haftigen Geschwistern tat­sächlich „brüderlich“ zu reden gewohnt ist. Die gekünstelte Herzlichkeit, der man heute so oft, besonders unter Pfarrern, begegnet, muß einem ebenso auf die Nerven gehen, wie die schweigende Gemeinde, die sich jeden Salat als Gottes Wort servieren läßt. Das Evangelium erweist sich in den Gemeinden darin zuerst als politische Weisheit, daß in ihnen vom Wort der Schrift über die Aus­legung und Verkündigung und über deren Hören die Menschen mit­ein­ander ins Gespräch kommen und durchs Gespräch eine reale Verständi­gung und eine reale Gemeinschaft ins Werden kommt, eine Gemein­schaft, die gerade deshalb ganz echt und natürlich ist, weil sie eine geist­liche Gemeinschaft ist. So entsteht erst durch Gottes Wort im Menschen­mund Gemeindepolitik, während bei uns die Gemeindepolitik bis hin zu Verfassung und Kirchenrecht meist zuerst das Wort Gottes einklam­mert, ja ausschaltet oder nur zur Deko­ration benützt, als einen wunder­schönen Rahmen, und so die Kirchen geradezu Anstalten zur Entbehrlichmachung und schließlich zur Verhinderung des Glaubens geworden sind. Wie man die Kinder zur Mündigkeit erzieht, so ist das Ziel aller redlichen Politik die Mündigkeit des Volkes. Alle Mündigkeit lebt aber davon, daß Gottes eigenes Wort Mensch geworden ist, durch Menschen zu uns redet und [44] uns zu echter und lieblicher Rede — nicht zu lieb­li­chem Schweigen — befreit, zur Rede, der es nicht um tausend Welten, sondern um dies Wort geht, daß es in der Gemeinde läuft, um dann von der Gemeinde ständig in die Welt zu laufen. Die mündige Gemeinde, welche die Freiheit des Wortes nicht bloß behauptet, sondern zu ihrem eigenen Lebendigsein und zu ihrer Reinigung vom falschen Wort ge­braucht, ist die erste politische Frucht der Weisheit des Evangeliums.

Unter dieser Anwendung der Redefreiheit entsteht ein Gemeinde­recht. Christus offenbart der Gemeinde seine gerechte Regierung. Nicht was nützlich ist, ist recht, sondern was recht ist, ist nützlich. Wie die Rede unter Berufung auf Gottes Wort, aber eben damit in der Unter­werfung unter Gottes Wort wahr und verständlich wird (nicht ist) als echte menschliche Rede, so wird unter der Verkündigung vom und im Glauben an die Gerechtigkeit Christi das menschliche Recht der Gemeinde ein echtes Recht, das in lebendigem Zusammenhang mit Gottes Wort der Gemeinde und in ihr jedem Glied zum Recht verhilft, ein aufrichtendes Recht. Das schließt die Herrschaft der Verwaltung, die Herrschaft der Ordnung, die bürokratische Ordnung aus wie es alle Priesterherrschaft ausschließt. Die Macht der Gerechtigkeit Gottes ist da, wo Got­tes Wort geredet und geglaubt wird. Angst um die rechtliche Anerkennung nach außen ist da gegenstandslos. Die Gemeinde muß ihr Recht selber gestalten, muß selber urteilen, was Recht ist. Unrecht ist es, den Reichen und Gebildeten dem Armen und Ungebildeten, den Mäch­tigen und Starken dem Schwachen vorzuziehen. Unrecht ist Gewaltan­wendung unter Zwang ohne das Wort Gottes. Gottes Wort richtet schärfer als alle Schwerter. In Gottes Wort hat die Ge­meinde ein Recht, den zu richten, der von Gottes Wort schon gerichtet ist, das heißt ihn über sich selbst aufzuklären. In der Gemeindezucht [45] richtet also Gottes Wort selber, zum Bei­spiel wenn die Gemeinde ohne Ansehen der Person dem Irrlehrer das Wort entzieht. Er hat es ja gar nicht laut der Offen­barung von Christi Herrschaft. Gottes Wort schafft Recht, wenn die Gemeinde die Gemeinschaft mit dem, der hartnäckig und vorsätzlich und fortgesetzt entgegen seiner beanspruchten Zugehörigkeit zur Ge­meinde die Gerechtigkeit Christi offensichtlich in Ungerechtigkeit ver­kehrt, nun auch ebenso öffentlich aufhebt. Damit spricht sie also nur den Bann aus und anerkennt ihn, in welchem der Irrlehrer oder falsche Bruder kraft Gottes Wort schon ist. Zur Lehr- und Gemeindezucht kommt so auch die rechte Ordnung. Christus hat nicht bestimmte Ämter eingerichtet. Nur die Propheten und Apostel der Schrift sind direkt vom Herrn berufen. In der Gemeinde herrscht die Gleichheit aller, weil die Offenbarung des Wortes alle schon in der Taufe in den gleichen Tod und in die gleiche Würde der Kindschaft setzt. Hier sind alle frei und dienen sie alle. Aber sie verteilen die Dienste. Gewisse Dienste erweisen sich konstant als notwendig und als besondere Dienste. Der Herr selber verteilt die Begabung und auch alle Leistungen sind nur die Machter­weise des Herrn mitten in unserer Unfähigkeit. Aber die Gemeinde hat im Konsensus unter Gottes Wort sowohl die Gaben wie die Leistungen zu erkennen und für ihre fruchtbare Anwendung zu sorgen. So entsteht hier freie Ordnung und freies Recht, nicht aber die Knechtschaft einer Ordnung, die angeblich um der Einigkeit willen, die doch nur die Einig­keit im Wort der Offenbarung selbst sein kann, ein Schema aufrichtet. Was gestern Ordnung und Recht war, kann schon heute Unordnung und Unrecht sein. Was in der einen Gemeinde Ordnung und Recht ist, braucht es noch lange nicht in einer anderen zu sein. Indem alles Recht und alle Ordnung dem wirklichen Herrn und des­halb den wirklichen Menschen dient, wird es jeweils zu [46] Recht und Ordnung. Ein Recht, das sich nicht als wohltätig erweist, ist keine Ordnung in der Gemeinde. Aber dabei ist ent­schei­dend, daß es um die Wohltat und Barmherzigkeit Christi geht. Das Wort entscheidet jeweils und nicht die auftauchenden oder auch angedichteten Bedürfnisse eines reibungslosen Religions- und Frömmigkeitsbetriebs. Unsere Ordnungen und unsere Kirchenrechte sind meist dadurch als falsch zu entlarven vor der Schrift, daß hier die Ordnungen und Rechte selbstherrlich den Menschen beanspruchen und umgekehrt der Mensch selbstherrlich seine Ansprüche an die Ordnungen und Rechte erhebt. So erhebt der Kandidat, der sein Examen gemacht hat, Anspruch auf lebenslängliche Anstellung und bekommt sogar noch Recht! Dann verteilt sich das Leben in Rechte und Pflichten, jeder Teil begehrt das Maximum an Rechten und das Minimum an Pflichten, man vergleicht sich — „brüderlich“ natürlich — und bei all dem ist dann der Glaube ganz entbehrlich. Es ist ja so viel leichter, an die immanente Gött­lichkeit des Bestehenden zu glauben als an den lebendig regieren­den Herrn allein. Die neu­testamentlichen Gemeinden waren merkwür­dig wenig in Recht und Ordnungen gefaßt, aber die lebendige Freiheit schuf eine gewaltige Aktivität nach innen und nach außen und es kam an den Tag, was für Anfechtungen da auftreten und zu überwinden sind, wo man das Recht lieb hat und Lust hat zum Gesetz Gottes und zu den Rechten des Herrn, wie es schon der 119. Psalm zeigt. Wo man seinem eigenen Politeuma im Himmel entgegen geht, da gibt es bloß Herbergsrecht und Herbergsordnung in den Gemeinden, aber um so lebendiger und prak­ti­scher und realer und deshalb auch politisch ver­nünftiger werden da Recht und Ordnung, denn sie ermöglichen tat­sächlich das, was die politischen Ideale Freiheit, Gleichheit und Brü­der­lichkeit bloß inhaltslos und problematisch proklamieren. [47]

Es würde zu weit führen, die zwar meist äußerlich ganz gut funktio­nierenden heutigen Ver­waltungs- und Rechtsordnungen der Gemeinden und der Kirchen (die Gemeinden sind ja zum größten Teil nur ausüben­de Organe der Kirchen) daraufhin zu prüfen, wie wenig sie imstande sind, der Mündigkeit, Freiheit und Barmherzigkeit auch nur Raum zu geben. Wer hat es nicht oft genug erlebt, daß die selbstverständlichsten konkreten Forderungen der Billigkeit, der Rechtlichkeit, der Vernunft und Menschlichkeit einfach durch Paragraphen und geltende Be­stim­mungen niedergeschlagen und dann leichten Herzens um der Ordnung willen fallen gelassen wurden? Wir haben ein Rechtssystem der Selbst­erhaltung und predigen: wer sein Leben erhalten will, der wird es ver­lieren. Auch das neue Wahlgesetz der Württembergische Landeskirche[1] zeichnet sich durch die Unbarmherzigkeit der Einteilung in Christen erster und zweiter Klasse rein nach Bestimmungen formaler Erfüllung biblisch gar nicht zu begründen­der Ordnungsgesetze aus. Ist das Evangelium die Offenbarung der alleinigen, barmherzigen und gerechten Regierung Jesu Christi, ist die Erinnerung daran unser Glaube, der Wandel darin unsere Liebe, das Warten auf die Sichtbarwerdung dieser Tatsache un­sere Hoffnung, dann wird man den Tatbestand einsehen, daß unsere Gemeinden vorwiegend im Widerspruch zu ihrer eigenen Verkündi­gung leben und man wird über das offene Aussprechen dieses Tat­bestan­des nicht verärgert sein, um sofort irgendein Gegenbeispiel zu nennen, das es als Aus­nahme natürlich gibt. Man wird vielmehr froh sein, Illu­sionen loswerden zu dürfen, und sich durch konkretere Predigt von der Torheit befreien lassen, die Kirche dürfe und solle sich sel­ber regieren, sonst gehe sie unter. Man wird aber auch nicht die neue Torheit bege­hen, alles beim alten zu lassen und nur in ein noch frömmeres, noch christliche-[48]res, noch bibel­spruchgeschmückteres Gewand zu kleiden. Man wird lieber Weisheit erbitten und dann auch betätigen in geduldi­gem und entschlossenem Gehen auf dem Weg der Freiheit, der Barm­herzigkeit und des Rechts. Es wird dann unvermeidlich viel Wider­stand, noch viel mehr Torheit und Tollheit, als wir bis jetzt sehen, ans Licht kommen, und mehr als ein Stückchen menschlicher Freiheit, menschlicher Barmherzigkeit und menschlichen Rechts werden wir nicht ermöglichen, aber wir werden handeln müssen und können im Glauben an seine Frei­heit, seine Gnade und seine Gerechtigkeit und dabei im Wort des Herrn wohlgeborgen sein. So wird die Gemeinde zum Betäti­gungsfeld der politischen Weisheit des Evangeliums und nicht eine von außen politisierte, sondern eine von Gottes Wort allein regierte und darum eine nicht bloß innerlich-geistlich, sondern auch äußerlich-poli­tisch echte menschliche Gemein­schaft werden, ein Ferment auch wirt­schaftlich-politischer Gesundung in der staatlichen Gemeinschaft wie einst die armseligen Christengemeinden mitten im Zerfall des römi­schen Imperiums, die Gemeinden im Elend des Dreißigjährigen Krieges, die Emigrantengemeinden der Waldenser, Hugenotten, Salzburger und Pilgerväter, und auch der Herrnhuter. [49]

3. Das Evangelium ist auch die politische Weisheit der Christen im Betätigungsfeld der staatlichen Ordnung und Wohlfahrt

Wir beten „Dein Reich komme!“. Das ist die Bitte um die Parusie und um die Vollendung und Offenbarung der Herrschaft Jesu Christi auf Erden wie im Himmel. Diese Bitte stellt die Dau­er dieser Weltzeit, die seit Ostern ausläuft, in den Willen Gottes. Sie ist aber umrahmt von der Bitte um die Heiligung des Namens Gottes bei uns und von der Bitte um das Geschehen sei­nes Willens in der Erkennbarkeit und im Gehor­sam durch uns. Von einer Verzweiflung an der Welt, von einer Des­interessiertheit an der Existenz der Menschheit in der Welt als einer ver­lorenen Masse kann gar keine Rede sein. Das Reich Gottes ist im Kommen, wie ja auch der Wille Gottes und die Heiligung seines Na­mens sich schon vollzieht im Beten des Vaterunsers, wo es im Namen Jesu geschieht. Die Herrschaft Gottes offenbart sich der Gemeinde im Wort und sie geschieht in dieser Offenbarung, an der die Gemeinde in ihrem realen Leben teil­nimmt trotz allen Unglaubens und Ungehor­sams. Das Leben der Gemeinde ist dann insofern ein Eigenleben, sofern es vom Wort (und im Wort ist der Geist!) empfangenes und der Welt leuchtendes und damit dienendes Leben ist. Im gleichen Sinne hat auch der einzelne Christ ein wirkliches Eigenleben, gerade sein einmaliges und von der Herrschaft Christi gewolltes und in Dienst gestelltes Eigen­leben. Der Christ erkennt die Wohltat des Daseins als Mensch im Wort, er empfängt sie aber eben in dieser Erkenntnis auch im täg-[50]lichen Brot und im gan­zen Umfang all seiner Daseinsbeziehungen. In der Gemein­de lernt er sich selbst verstehen als der gerechtfertigte Sünder, der er ist, nicht in abstrakto, sondern konkret im Zusammenleben mit denen, die sich auch so erkennen, und mit denen, die sich noch nicht, nicht mehr und auch nie genug so kennen, die alle also auf dem Wege dieser Er­kenntnis sind, wohl in der Gefahr der Erblindung, aber in der Verant­wortung zu sehen, also mit dieser Erkenntnis Ernst zu machen. Im politischen Dasein geht es um nichts anderes als ebenfalls um die Er­kenntnis und um die ihr entsprechende Gestaltung der Wirklichkeit.

Die Politik, die ohne die Weisheit des Evangeliums ist, gebraucht und gestaltet die Wirklich­keit blindlings, aber immerhin mit den Mit­teln der jeweils vorhandenen Vernunft, in der Aus­wertung gemachter Erfahrung und der möglichen Mittel. Diese Vernunft wird bald mehr ex­perimentieren (und dies ist in Notzeiten vordringlich), bald mehr sich an die Prinzipien und Anschauungen der Geschichte halten. Sie ist beherrscht von der Notwendigkeit der Arbeit und des Regierens und von dem Willen nach Erhaltung und Steigerung des immer bedrohten und begrenzten Lebensglücks, was immer auch unter Glück verstanden werden mag. So ist ver­nünftige Politik unentbehrlich für die Pflege des Menschen, für die Kultur. Diese Unentbehr­lichkeit kann der Mensch erkennen und wird sie auch immer wieder in der Not erkennen müs­sen. Diejenigen, die diese Notwendigkeit nicht einsehen, leben trotzdem auch von der Politik, sie leben davon, daß andere diese Ein­sicht haben, so etwa wie heute die meisten Menschen nicht einsehen wollen, daß wenn ein Staat eine Milliarde ausgibt zur Unterstützung anderer Staa­ten, dort sehr viele Leute ohne ihr Wissen und Wollen viel gearbeitet haben müssen, damit diese Milliarde für die Not anderer zur Verfügung steht, [51] ganz abgesehen davon, ob sich diese Milliarde rentiert oder nicht, während die Einsichtigen dankbar sind und alle von dieser Unter­stützung profitieren. Die Politik will und muß sich um Ermöglichung und Gestal­tung des menschlichen Daseins der Völker und der einzelnen im Zusammenleben kümmern. Sie trifft da auf Gegensätze in der vor­handenen Struktur, die auf der Verschiedenheit der Menschen, ihrer Begabung, ihres Willens, ihres Besitzes bis zu Geschlecht und Charakter des einzelnen beruhen. Die Einmütigkeit der politischen Erkenntnis und des politischen Handelns ist da von vornherein bedroht. Es werden sich von selber Parteien bilden und selbst in einer Einparteienherrschaft oder unter einer Tyrannei bleibt unterirdisch solche Parteiung. Falsch ist es freilich zu sagen: erst Parteien, dann politisches Leben. Die Parteien kommen von selber, vielmehr sie kommen auf und ans Licht, weil sie heimlich immer schon da sind. Man hätte deshalb mit der Wiedererrich­tung der alten Parteien[2] warten können. Die Unterschiede und Gegen­sätze wären dann in echterer Weise in Erscheinung getreten. So haben wir eben nur die alten Parteien, die alle in Umstellung, in Anpassung an die Wirklichkeit und deshalb auch in der Not und Notwendigkeit, nach einem neuen Selbstverständnis zu suchen, stehen und sich gegen das Aufkommen neuer Parteien wehren.

Die Verkennung der Wirklichkeit macht der Politik Not. Das ist eine unvermeidliche Not, denn nur die Offenbarung des Evangeliums zeigt ja die echte Wirklichkeit des Menschen. Die Politik sieht bloß die Ober­fläche mit all ihren Gegensätzen und ständigen Veränderungen. Diese soll sie auch sehen, so wirklich, so nüchtern, so statistisch erfaßt wie nur möglich. Die Einheit, nämlich die von Gott allein beherrschte Welt­wirklichkeit, ist ihr nicht sichtbar. Dar­um verfällt die [52] Politik in ihrer unvermeidlichen Not nur zu leicht in den Ausweg der Schlagworte. Sie sagt etwa Freiheit, Gerechtigkeit, Sozialismus, Christentum, Demokra­tie oder Volk und setzt dabei voraus, daß jedermann wisse, was damit gemeint sein soll, oder in der stillen Hoffnung, daß man auf eine Wort­erklärung verzichte. Oder aber verfällt die Politik in ihrer Not auf den Ausweg der Weltanschauungen, mit denen man die Wirklichkeit er­klären will. Oder aber arbeitet die Politik mit festen Grundsätzen, mit Prinzipien, um deren Anerken­nung sie kämpft. Man kann das alles nicht abschaffen oder verbieten. Nur die frohe Nachricht, das Evange­lium von der Herrschaft Gottes, kann das immer neu entbehrlich ma­chen. Gerade auch bei den Christen muß das Evangelium dies tun, weil auch sie dauernd diesen Versuchun­gen des politischen Lebens erliegen. Ja sie machen sogar oft aus Bibelworten Schlagworte, aus dem Wort Gottes Prinzipien, aus der Offenbarung Weltanschauungen.

Der Christ darf und soll an der Gestaltung des Zusammenlebens der Menschen bewußt teil­nehmen, denn unbewußt ist ja jeder Mensch Objekt und Subjekt dieser Gestaltung. Der Christ lebt ja vom Evangelium und schuldet allen diese frohe Nachricht, die die Augen öffnet für die wahre Wirklichkeit. Die Christen sind die Partei derer, die erkennen, daß Christus der Herr der Welt ist, und die sich dieser Weisheit rühmen, weil es die Wahrheit Gottes ist. Ja, sie wis­sen sogar, daß die politische Dummheit Sünde ist, weil sie Nichtanerkennung der Weisheit Gottes ist. Aber gerade darum können die Christen nicht eine politische Partei sein, da sie ja ihre Wirklichkeit und ihre Erkenntnis nur im Zusammen­leben und im Eigenleben der Gemein­den haben können. Der Christ weiß, daß er selber entbehrlich ist, daß aber das Evangelium unentbehr­lich ist. Er weiß, daß alle Politik, auch ohne es zu wissen, vom Evange-[53]lium lebt. Er muß aber nicht Politiker im landläufigen Sinne oder Parteimitglied werden, so wenig jeder Christ Missionar werden muß. Er ist und wird ganz von selber in dem Maß Politiker, als er auf das Wort hört, ihm glaubt und gehorcht. Er ist ja Glied der unsichtbaren Partei der poli­tisch Weisen. Diese Partei kann und braucht nicht ge­gründet werden. Der Christ redet an seinem Ort und in seinen Grenzen mit und tut seine Pflicht, er sagt sein Urteil und erweist sich darin als nüchtern und sachlich denkender Politiker, auch wenn er nicht aktiv am politischen Leben teilnimmt. Er wird es aber nicht versäumen, zu wählen und die Zeitung zu lesen. Es geht ja dabei sehr deutlich ums tägliche Brot, nicht zuerst um sein eigenes, wohl aber um das der ganzen Welt und er bittet ja im Vaterunser ums tägliche Brot für alle. Das muß ihn also interessieren, wie Gott das Brot gibt und wie die Menschen sich darüber streiten oder es eini­germaßen friedlich teilen. Der Christ ist dafür verantwortlich, daß durch ihn das Evangelium nicht verdunkelt wird, sondern ins Laufen kommt und er selber mitleuchtet in dessen Licht. Und so muß und wird er sich auch Rechenschaft geben über das, was die Weisheit des Evan­geliums durch das Wort des Christus ihm an seinem Ort an Betätigung menschlicher Einsicht und Hilfe in der Not der Politik aufträgt. Der Christ ist also schon immer Politiker (was für ein gewaltiger Beitrag zur Weltpolitik ist zum Beispiel allein schon ein schlicht gebetetes Vater­unser) und darum soll er es recht sein, in der Freiheit und in der Erkenntnisfähigkeit für das geschichtlich Wirkliche und für das je und je Notwendige.

Aber nun gibt es gewiß nicht etwa ein Rezept oder ein Handbuch für christliche Politik. Chri­stus regiert allein die Welt. Wohl aber gibt es den politischen Gehorsam gegen Christus, den die Gemeinde schuldig ist und der [54] dann auch seine Folgen hat für das politische Urteilen und Handeln in der Welt des Staates. Die Gemeinde existiert ja mitten in der Welt, in irgend­einer Welt politischer Ordnung und Unordnung. Wären unsere Gemeinden in ihrer eigenen Gestalt dem Evangelium entsprechend echtere, natürlichere, realere Gemeinschaften, bei denen der Glaube, daß Christus sie regiert, die politische Lebendigkeit freier, barmherziger und gerechter Gestaltung der Sitte und Ordnung auslöst im Kampf gegen menschliche Herrschsucht und menschliche Faulheit, dann wären diese Gemeinden selber ein erkennbarer, auffallender Tat­beweis politischer Weisheit und ganz von selber von Einfluß auf die politi­sche Gestaltung des Zusammenlebens im Staat. So aber, wie die Dinge liegen, scheint man das Wichtigere, nämlich Gemeinde zu sein, hinter dem Unwichtigeren zurückzustellen und lieber den Versuch zu machen, die Kompetenzgrenzen zwischen Staat und Kirche vertraglich festzulegen und die Offenbarung Christi im Schutz des Staates und den Staat in der abstrakten Fürbitte der Kirche ausruhen zu lassen mit der Empfehlung christlichen Gedankengutes hier und mit den Respekts­bezeugungen vor der Bedeutung der Religion dort.

Aber das darf uns nicht hindern, vom Evangelium als der Kraft aller politischen Weisheit die Einsicht zu erwarten, die notwendig ist, um an unserem Teil der Not der Politik zu begegnen, und dann auch von dieser Einsicht Gebrauch zu machen. Wenn wir nun das bisher Ausgeführ­te nur in abgekürzter Weise in das Blickfeld der politischen Wirklichkeit übersetzen, so kom­men wir zu scheinbar ganz einfachen und selbstver­ständlichen Aussagen, die aber — wie die Geschichte zeigt — doch nicht oft als selbstverständlich erkannt werden und die in der kon­kreten An­wendung auf große Schwierigkeiten stoßen, weil man die Macht der Verhältnisse und die [55] Kurzschlüsse des Opportunismus für zwingender hält als die Wahrheit, Wirklich­keit und Forderung des Evangeliums. Es handelt sich also um Sätze, die der Spruchweisheit des Alten Testa­ments, aber oft auch mancherlei guter, alter, hausbackener Sprichwörter­weis­heit des Volksmundes entsprechen. Man kann diese Sätze nicht zu einer Konstruktion des richtigen Staates, zu einem Schema, Programm oder System verbinden. Es sind jeweils Erin­nerungen an den Glauben, daß Christus der Herr ist, und man wird sie deshalb am besten mit einem „Wisset ihr nicht, daß …“ einleiten oder eingeleitet denken.

Wisset ihr nicht, daß Gott allein die Welt regiert? Also wie könnt ihr irgendwelchem politi­schen Absolutismus euere Zustimmung geben oder auch nur dulden, daß er sich ohne Wider­spruch Anhängerschaft erwirbt? Hier duldet oder unterstützt man ja das Unmögliche. Wenn Christus allein absolut herrscht, dann kann es weder eine menschliche noch eine teuflische oder engelhafte Macht geben, die auch absolut herr­schen könnte. Das gilt von Personen und Parteien, von Führern der Staaten wie der Kirchen, von Methoden und Systemen wie von der Gültigkeit noch so bewährter Traditionen. Schon in der Absicht ist jeder Absolutismus ein überspannter Bogen, der einmal zerbrechen muß. Jedes absolute System schafft Märtyrer der Überzeugung und noch mehr Heuchler, wenn und soweit es Macht hat. Gott will aber keine Heuch­ler und Gott will nicht, daß man Menschen durch Totschlag zum Schwei­gen bringt. Es ist freilich wahr, daß man da, wo alle Überzeugungs­mittel des Wortes durch Hinweis auf die Wirklichkeit unwirksam sind gegen hartnäckige Lüge, Torheit oder Vergiftung, auch die Ver­brei­tung von Lüge oder Torheit verbieten kann, im Notfall durch Auswei­sung oder Abson­derung, aber Gewalt ist kein Überzeugungsmittel. [56] Folter und Hunger zum Mittel zu ma­chen, um Überzeugungen zu bre­chen, ist politisches Verbrechen. Im Gegenteil, ein Wahnsin­niger oder auch vermeintlich Wahnsinniger — auch darüber gibt es kein absolutes Urteil — bedarf besonderer Schonung und Pflege, freilich auch den Schutz vor dem Mißbrauch seiner Freiheit. Schutzhaft hat es im politi­schen Leben schon immer gegeben, aber berechtigt ist sie nur als ultima ratio wie der Krieg, sei es um die vielen vor einem zu schützen oder um einen vor den vielen zu schützen. Das Leben des Paulus und Luthers oder auch das des Jeremia bezeugen es, wie wohltätig auch die Schutz­haft als Abwehr der Torheit und Verblendung der Masse wirken kann. Nicht aus einem demokratischen Prinzip, sondern vom Evangelium her ist jeder Absolutismus als politische Torheit zu bezeichnen und deshalb auch jede Art von Despotie verwerflich, schon die des kleinsten Beam­ten, und man muß sie als eine Torheit erkennen, der auf alle Fälle Weis­heit und das heißt auch Furchtlosigkeit entgegenzusetzen ist.

Wisset ihr nicht, daß Gott die Welt regiert? Also wie könnt ihr irgendeine Form der Anarchie unterstützen, anerkennen oder dulden? Anarchie ist ja auf die Dauer unmöglich, wenn Gott regiert. Sie kann wie die Despotie nur als Strafe oder als Zeichen der Geduld Gottes je und je einige Dauer haben. Aber Strafe und Geduld dienen der Barm­herzigkeit Gottes und darum ist es barmherzig und notwendig, jeder Form von Anarchie entgegenzutreten. Wo allerdings ein­mal alle Ord­nung und Regierung nur Gewaltregiment der Bosheit und des Unrechts geworden ist, da kann auch die Störung der Ordnung, der Widerstand gegen die sich als Herrschaft aus­gebende Empörung gegen Gottes Herr­schaft ein weises politisches Handeln sein. Die kleinen und die großen wahnsinnigen Tyrannen dürfen nicht um einer angeblich verbotenen [57] Stö­rung der Ordnung willen Duldung erfahren. Ordnung an sich ist so wenig heilig wie Gewalt an sich. Auch das Leben an sich ist nicht heilig. Gott ist heilig. Um seines Bundes mit den Menschen willen heiligt er je und je Menschen, Ordnungen und Gewalten. Das will erkannt sein. Daran hängt die jeweilige Beurteilung der Todesstrafe und auch der Revolution. Auch sie sind letzte Notmittel, denn die Anarchie ist auch in der Gestalt der völligen Despotie selber Revolution. Die Herrschaft des Nationalsozialismus war als permanente Revolution erkennbar und die Umkehrung des Auftrags jeder Regierung, die Guten zu loben und die Bösen zu stra­fen, war unverkennbar. Darum war es nicht nur erlaubt, sondern vom Evangelium her poli­tisch weise und geboten, ihr entgegenzutreten. Aber Auflehnung und Anarchismus ist zwei­erlei. Wäre die vielzitierte Römerbriefstelle vom Gehorsam gegen die Obrig­keit ein politi­sches Prinzip für die Christen, so wäre schon der Deutsche, der im Krieg im Herzen die Nie­derlage Hitlers wünschte oder seinen Sieg befürchtete, des Ungehorsams gegen Gottes Gebot schuldig gewor­den. Man kann nicht äußerlich anerkennen und innerlich verwünschen, ohne Heuchler zu werden. Die Frage ist freilich: ist das menschliche Wort allein die Waffe gegen Anarchie und Despotie? Sicher ist es die erste und wichtigste. Aber auch das Handeln, etwa die Sabotage angeb­licher Ordnung, kann zur berechtigten Waffe werden. An falscher Stelle haben das gerade die konservativsten Obrigkeitschristen etwa im Falle Schlageter zugestan­den. Es geht um die konkrete Erkenntnis der Wirk­lichkeit, nicht um Prinzipien. Wenn das Menschsein selber nicht mehr möglich ist, ohne zu erkennbarem Unrecht gezwungen zu sein, dann ist die Not so groß, daß um der Barmherzigkeit willen die Not selber zum Gebot des Handelns wird. Das ist keine Rechtfertigung des Michael Kohlhaas. Aber eine Verurteilung des 20. Juli [58] 1944 sollte uns nicht als Forderung einer christlichen „Ethik“ doziert werden. Hätte die Chri­stenheit die totale Vereidigung bekämpft, so wäre die Not vielleicht nicht so hoch gestiegen. Totaler Eid ist Meineid, weil er eben ein unmög­licher Eid ist, so unmöglich wie der Schwur, sich selber die Nase abzu­beißen. Solch ein Eid leugnet ja total die Wirklich­keit der Herrschaft Gottes und dies kann nicht einmal der Teufel. Revolutionen der Waffe aus eigenem Machthunger oder auch aus eigener Leidensscheu müssen eben unterschieden wer­den von einer Revolution gegen die Anarchie von Amokläufern. Auch das Chaos steht unter Gottes Regiment, aber das Evangelium verkündet uns, daß er es bändigt und nicht will, daß es uns verschlingt. Wenn politische Torheit die Dämme aufreißt, so soll die politische Weisheit entschlossen nicht nur die Schäden des Hoch­wassers, sondern die Dammbrüche selber be­kämpfen.

Wenn Gott regiert, wie kannst du dann der politischen Apathie, dem Fatalismus, oder dem politischen Enthusiasmus, dem Fanatismus, Raum geben? Die politischen Möglichkeiten für den einzelnen sind freilich oft klein, aber sie fehlen nie ganz. Schon das politische Gespräch ist ja immer möglich. Die politische Wirklichkeit bietet heute ein Bild, vor dem das Erschre­cken oder Davonlaufen verständlich ist, aber wenn Gott regiert, dann ist solches Davonlaufen eben verboten. Dann erkennt das Auge aber auch nicht bloß das Häßliche, sondern auch voll Dank­barkeit viele schöne Linien in diesem Bild. Wir haben das politische Geschimpfe aus mangelndem Gedächtnis nicht zu vermehren. Aber auch der Fanatismus ist keine Möglichkeit unter Gottes Herrschaft. Die Poli­tik hat keine eigenen Tempel und so bedarf es hier auch keiner Tempel­reinigung, ja nicht einmal der Begeisterung. Daß Gott regiert, das kann man nicht hell genug bejubeln, nicht laut genug verkündigen. Aber das Tun [59] und Lassen, das Können und Wollen der Menschen ist immer eine Stümperei. Darum wird der Christ dem politischen Pathos, auch allen politischen Aufmärschen und Demonstrationen gegenüber min­destens ein Kältegefühl haben. Politik ist so nüchtern wie die Arbeit eines Arztes, ja man könnte die Politik auch eine soziologische Arzneikunde nennen.

Wie der Glaube an die Alleinherrschaft Gottes die Despotie und die Anarchie, den Fatalismus und den Fanatismus unmöglich macht, so lehrt der Glaube an die barmherzige und gerechte Regierung Gottes, daß jede weise Politik eine Arbeit der Barmherzigkeit ist. Es geht um Für­sorge, es geht um die Wohlfahrt im Zusammenleben. Wisset ihr nicht, daß Gott die ganze Welt barmherzig und so gerade gerecht regiert? Wie sollte da nicht jeder sein Auge schärfen, um zu erkennen, wo Gesetze und Verwaltungsmaßnahmen barmherzig sind und wohl­tätig wirken und wo sie ohne Not beschweren? Der Ruf „Landgraf, werde hart!“ ist da berechtigt, wo die Seuche groß ist, alle Gesetze nur daraufhin zu untersuchen, wie man sie ungestraft umgehen kann, wo also das unbarmherzige Abstandnehmen von der Not der andern, das un­barmherzige Ausnützen der Not der andern, der Mißbrauch des Besitzes und der Freiheit groß sind. Da ist Härte gerade Barmherzig­keit. Aber ebenso muß alles Regieren die Toleranz ken­nen und üben. Gerade Luther, der so oft nach dem Meister Hans, dem Scharfrichter, gerufen hat, sagt, ein rechter Fürst müsse durch die Finger sehen können. Das Wort „sei nicht allzu gerecht!“ steht auch in der Bibel. Was gestern wohltätige Verordnung war, kann heute Druck und Schikane sein. Wir sind zu Formalismus und Bürokratie geradezu erzogen und heißen es gerne Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit, wenn man den Buchstaben höher stellt als den Sinn und als die Absicht helfender und schützender Wirkung. Dazu gehört auch, [60] daß Gesetze und Verordnungen nicht nur erlassen werden, sondern daß sie erstens auch durchführ­bar sein müssen und zweitens für jedermann nach ihren Gründen und Notwendigkeiten in vol­ler Ehrlichkeit erkennbar gemacht werden. Die Gesetze sollen ja zur Mündigkeit und Freiheit verhelfen und nicht von dem Grundsatz beherrscht sein, die Masse sei schlecht und daher brauche jeder eine Zwangsjacke, aber je höher es hinaufgeht, desto besser und reifer seien die Menschen und desto freier dürften sie deshalb sein, „getragen vom Vertrauen des Volkes“.

Eines der größten Probleme der Politik ist auf allen Gebieten der Ausgleich der Lasten. Da ist die Gefahr groß, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und die Schwachen stärker zu belasten als die Starken. Mag jede Staatsform immer wieder einer Pyramide gleichen, wo die unterste Schicht am meisten und der oberste Stein gar nicht belastet ist, so ist Gottes Re­gierung gerade umgekehrt. Hier steht Einer, Jesus Christus der Herr, ganz unten und trägt alle und alles. Er erhebt die Niedrigen hoch und stürzt die Hohen, die sich selbst erheben, vom Thron. Das ist auch eine politische Weisheit des Evangeliums, deren Mißachtung immer wie­der den Klassenkampf und einen mehr oder weniger gewaltsamen Austausch der Plätze her­aufbeschwört. Politik kann nicht den Selbstschutz des Bestehenden zum Grundsatz haben. Gott regiert und seine Hand kann alles ändern. Politik kann aber auch nicht die Umgestaltung des Bestehenden nach irgendeinem Konstruk­tionsplan oder nach Prinzipien zum Grundsatz haben. Gott regiert und erhascht die Weisen in ihrer Klugheit und macht sie zuschanden. Man kann sich nicht prinzipiell der Not des Nächsten erbarmen, son­dern nur aktuell in der jeweili­gen Begegnung mit konkreter Not. Hier droht die große Gefahr gerade auch für den Christen, für den wohl­meinenden, den politisch [61] und sozial aktiven Christen, daß er den Gehorsam der Freiheit des Glaubens mit dem Gehorsam gegen ein ein­leuchtendes Prinzip vertauscht. Politi­sche Prinzipien sind als solche Versuchungen des Glaubens, sie angeblich „im Glauben“ anzuerkennen und nach ihnen handeln zu müssen, wobei dann nicht der Mensch, son­dern irgendeine bleibende Bestimmung der Verhältnisse, in denen der Mensch lebt, zum Ziele der Erfüllung der Prinzipien wird. Eben das ist töricht. Es ist dies auch leicht einzusehen, etwa an den beiden Prin­zipien: „Privateigentum ist gottgewollt“ und „Eigentum ist Diebstahl“. Wer sich im besten Glauben den einen oder den anderen Satz zum Prinzip macht, der vergewaltigt den Menschen und glaubt nicht an Gottes Weltherrschaft.

Die politische Weisheit des Evangeliums wird hier etwa so sagen: Ja, der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Er soll über das verfügen können, was er verdient hat, so wie ja auch andere über seine Arbeit verfügen. Der Lohn oder das ihm sonst Zugefallene wird sein Privateigen­tum. Er kann es behalten oder verschenken. Ist aber ein Armer ohne Privat­eigentum neben ihm, dann beansprucht die Herrschaft und damit die Fürsorge Gottes für den Armen (diese wird ja dem Armen gepredigt und verheißen!) das Privateigentum plötzlich für diesen Armen. Speise ihn! Tränke ihn! Kleide ihn! selbst wenn er dein Feind ist oder du ihm allerhand vorzu­werfen hast. Nach Gottes Regierung und Befehl ist jetzt plötzlich der Arme zum wirklichen Miteigentümer deines Besitzes geworden. Deshalb hattest du ja Privateigentum, damit du selber ganz frei, aber eben im Gehorsam gegen Gottes Herrschaft, darüber verfügen kannst, nämlich jetzt gerecht verfügen kannst, indem du es nach Gottes Willen verschenkst. Tust du dies nicht, dann hast du den Armen bestoh­len. Durch den Armen ist also das Privateigentum zum Diebstahl geworden. Wo bleiben da also Prinzipien? Oder wo ist 62] da noch ein Wider­spruch zwischen genau entgegengesetzten Prinzipien? Aber auch der Arme kann zum Prinzi­pienreiter werden. Stiehlt oder raubt er mit Berufung auf seine Armut einfach das Eigentum des anderen, dann ist auch durch ihn das Eigentum zum Diebstahl geworden, aber nun im falschen Sinn. Und doch ist der arme Dieb weniger schuldig vor Gott als der bestohlene Rei­che, der dem Armen die Hilfe verweigerte, denn jener hat ja gleichsam sein eigenes Eigentum gestohlen. Der Arme frei­lich wird nach den menschlichen Gesetzen ins Gefängnis wandern, während der bestohlene Reiche vor der Welt ein Ehrenmann bleibt. Gott wird in seiner Ge­rechtigkeit beide strafen oder in seiner Barm­herzigkeit mit beiden Geduld haben oder dem einen durch Strafe und dem andern durch Geduld Barmherzigkeit beweisen und jedenfalls beide durch die Zeugen des Evangeliums zu politischer Weisheit ermun­tern, den einen zum Glauben, der Gutes tut, den andern zum Glauben, der Gutes empfängt.

Es ist hoffentlich klar geworden, daß auch alles hier Vorgetragene nicht als eine Reihe politi­scher Prinzipien verstanden werden darf, daß es hier keine grundsätzlichen Regeln gibt. Wir wissen ja nie von vorn­herein, was jeweils Despotie oder Anarchie, was Fanatismus oder Fatalismus oder was Barmherzigkeit ist. Es handelt sich immer um verantwortliche Entschei­dungen in der Politik wie in allem Leben des Alltags. Die frohe Botschaft muß selber immer mit hineingehen in die politische Wirklichkeit des Daseins und uns die Augen öffnen und ver­langt dann die Entscheidung des Glaubens, das heißt eben die freie und verantwortliche Entscheidung zum Gehorsam gegen Gott. Bibelinter­pretation muß deshalb ja immer zugleich auch Interpretation der gegen­wärtigen Wirklichkeit sein. Wir werden da vom Evangelium an unserem Standort völlig eingekreist und verhaftet und [63] haben alle Sinne, vor allem die Vernunft, zu gebrauchen, um die Wirklichkeit nicht zu verkennen. Wir müssen selber urteilen und entscheiden. Gerade weil Christus allein für uns eintritt, heißt es für uns: „Da tritt kein anderer (als eben Er) für ihn ein, auf sich selber steht er da ganz allein (aber allein mit Chri­stus!). Wir brauchen freilich Ratgeber, wir brauchen das Urteil der Fachleute. Wenn es zum Beispiel um den vielumstrittenen Paragraph 218 geht, so müssen wir die Ärzte und Soziolo­gen fragen, wieviel heimliche Morde, wieviel Siechtum, wieviel Angst vor Ent­deckung dieses Gesetz auch mit sich bringt. Wir hören da etwa, daß nur ein paar Prozent der Fälle der Über­tretung zur Anzeige kommen, und daß von den auf Grund der Anzeige Verurteilten wiederum nur 0,1 % der reichen Bevölkerung, aber 92 % den unbemittelten und 7,9 % den wenig bemit­telten Schichten angehören. Sollte man da nicht fragen dürfen, wie es mit der Barmherzigkeit eines solchen Gesetzes steht und ob nicht eine probeweise Lockerung mit allen Sicherungen gegen jeden Mißbrauch dieser Lockerung möglich ist, um zu erkennen, ob die dagegen gel­tend gemachten Befürchtungen sich dann in der Wirklichkeit bestätigen oder widerlegt wer­den? Oder sollte man etwa in der Ehe­gesetzgebung nicht ebenso nach der Wirklichkeit fragen müssen und darauf sehen, wieviel tausend Ehen tatsächlich gebrochene Ehen sind und nur durch die Gesetze zwangsweise erhalten werden, was dann zur täglichen gegenseitigen Quä­lerei führt? Selbst mit dem Dekalog kann man die Erbarmungslosigkeit zum Gesetz machen und es kann dann geschehen, daß es zum Verbrechen wird, eine Mark zu stehlen, aber eine Großtat genannt wird, Länder zu rauben, daß es zum Ver­brechen wird, ein Embryo zu töten, aber stolzes Gebot der Volksertüch­tigung heißt, die Jugend fürs Schlachtfeld reif zu machen. So ist das Wort vom Mücken-[64]seihen und Kameleverschlucken auch ein politisch höchst aktuelles Wort.

Die Problematik ist riesengroß und man sollte nicht klagen, daß das politische Tempo zu lang­sam sei. Es ist vielfach auch zu schnell. Viele Weichen sind schon falsch gestellt. Aber man soll auch gegen die armen Herren der kleinen und großen Politik barmherzig sein. Grundsätz­liches Mißtrauen ist ebenso töricht wie grundsätzliches Vertrauen. Wo immer und immer wie­der verhandelt und beraten wird, da schreit man klug: laßt uns endlich Taten sehen! Fallen aber Entscheidungen und geschieht etwas, so schreit man: die da droben haben ja keine Ah­nung von der Wirklichkeit und ihre Entscheidungen vergrößern nur den Schwindel. Da ist es kein Wunder, daß die Resignation und die Selbst­hilfe wachsen. Wo aber das Evangelium, die frohe Kunde von Gottes Herrschaft gehört wird, da wächst die politische Verantwortlichkeit, die politische Vernunft und die politische Urteilsfähigkeit des einzelnen. Bei der Monopolstel­lung der Parteien mag dies heute für die Praxis der Gesetzgebung vielleicht nicht viel bedeu­ten, aber für das alltägliche Leben, für das Zusammensein der Menschen bedeutet es doch sehr viel. Die Überfüllung der Eisenbahnzüge ist längst nicht so besorgnis­erregend wie das dumme Geschwätz, das man darin zu hören bekommt. Es ist ja verständlich, daß man über die Politik redet wie über das Wetter, aber selbst beim Urteil über das herrschende Wetter, das doch einwandfrei erkennbar ist, kommt es darauf an, ob man vom Stand­punkt des Spazier­gängers oder des Bauern aus urteilt, und auch dann ist es noch ein Unterschied, ob der Hori­zont des Beurteilers eng oder weit ist.

Wir glauben, daß Christus, der wahrhaftige Mensch, unser Gott und der alleinige Herr der Welt ist, und darum tun wir nicht bloß Fürbitte für die „Könige“ und für alle Menschen auf Erden, sondern weil Er so über die Men-[65]schen regiert, daß Er für sie sorgt, so ist uns auch im Lärm und grausamen Spiel der Politik nicht verborgen, daß auch das seine Welt ist und alle Menschen ihm nicht anders gehören als wir selber. Wir sind allen das Zeugnis und die Rechenschaft über seine Autorität schuldig im Gehorsam gegen die politische Weisheit des Evangeliums. Das Evangelium enthält nicht etwa eine politische Weis­heit, neben der es auch andere gibt, sondern es ist selber die politische Weisheit. Wir haben sie nicht zu unserer eige­nen Verfügung, sondern sie regiert uns, sie befiehlt uns, die gottlosen Bindungen der Welt einfach in Frage zu stellen und aufzulösen durch die herrliche Freiheit des Wortes und durch unser Leben unter dem Wort. Aber eben wo diese gottlosen Bindungen sind, das ist nirgends an ihnen selber festzustellen. Staat, Familie, Ehe, Beruf, Arbeit, Wirtschaft, Rationierung, Verträge, Gesetze, die ganze Welt der Politik und alle diese Gefängnisse, in denen wir täglich leben, sind durchaus nicht als solche schon gottlose Bindun­gen. Sie werden es aber dann, wenn sie eigengesetzlich werden. Eigen­gesetzlich heißt selbstherrlich. Eigengesetzlich sind alle Mächte oder Werkzeuge, die den Menschen von Gott lösen, die den Glauben an Gottes Alleinherrschaft entbehrlich machen und so den Menschen vom Gehorsam gegen Gottes Offenbarung abziehen in die Knechtung unter den sogenannten Zwang der Verhältnisse, unter die Götzen der Ver­gangenheit oder der Zukunft, unter die Bilder, die der glaubens­begierige Mensch so gern anbetet und dann auch wieder verändert und wechselt. Auch die Welt der Politik ist nicht eigengesetzlich, sondern steht unter dem Gesetz Gottes, weil sie unter der gnädigen Herrschaft Christi steht. Wir brauchen ihr darum keine Gesetze zu bringen, auch nicht das Gesetz des Dekalogs. Wir sind ihr immer und konkret die Verkündigung der Welt­herrschaft Gottes [66] und darum den Gebrauch der politischen Weisheit des Evangeliums schuldig.

Gerade mit dem Dekalog kann sich die Welt am besten und sichersten eigengesetzlich machen und ihre Sitten und Gesetze als Gottes Ordnun­gen ausgeben. Aber schlimmer ist es, wenn die Gemeinden und Kirchen selber eigengesetzlich werden, wenn sie unmöglicher- und verbote­ner­weise das Evangelium zu ihrem eigenen Gesetz machen. Das ist heute auf weiteste Stre­cken Tatsache (schon der Mangel an Freude über das Dasein und das Leben der Kirche und der Gemeinden bezeugt dies). Die Kirchen bezeigen heute in ihrem faktischen Leben wenig politische Weisheit, die aus der Quelle des Evangeliums kommt, dafür aber — und das war weithin sogar im Kirchenkampf so — viel weltkluge Weisheit, die sich ängstlich an der Welt, vor allem auch an der heimlich doch als gottlose Welt behandelten Weltlichkeit der Gemeinde orien­tiert, eine weltkluge Weisheit, die zum Beispiel überall ein Verwaltungs- und Finanzwe­sen der Kirche sanktioniert, das gar nicht damit rechnet, daß da auch Christen sein könnten, die von selber ehrlich, frei und vernünftig das Rechte tun. Da wird auf Ordnungen und Gehor­sam vereidigt, da wird befohlen und kontrolliert und werden immer neue Sicherungen ausge­heckt. Da wird die Kirche zur Kaserne gemacht und es erscheinen immer neue Heeresdienst­vorschriften. Analog dem Staat wächst der Apparat, die Beamtenzahl und die Bürokratie, und das Ergebnis ist der blinde, verantwortungslose Gehorsam oder auch die heimliche Willkür unter dem äußeren Schein der Ordnung. Je besser hier verkündigt wird, desto fataler wirkt vor dieser Predigt die Wirk­lichkeit der Gemeinden selber. Dies wird wiederum durch wachsende Verhinderung der Gemeinden an mündigem eigenem Reden zu ver­decken gesucht. Es darf nicht auf-[67]kommen, wie wenig die Gemeinde echte Gemeinde ist, und darum muß ihr im­mer mehr vorgeschrieben werden, was und wie sie reden darf, was sie singen und beten und wie fromm und liebenswürdig sie reden darf. Sogar der Ton, nicht bloß der Inhalt der Rede ist vorgeschrieben. Mit neuen Zungen und ein neues Lied darf da nicht gesungen werden. Der Welt gegenüber flüchtet man sich dann gerne in den Bekehrungs- und Erziehungseifer und dies ist immer eines der deutlichsten Anzeichen dafür, daß eine Kirche eigen­gesetzlich, phari­säisch und heuchlerisch geworden ist. Es ist gut, daß es meist nicht lange währt, bis auch die Welt es merkt, daß die Kirchen nur ihre eigenen Suppen kochen und es da drinnen auch nicht bessere Menschen gibt als da außen bei ihr. Diese Eigengesetzlichkeit führt auch dahin, daß sich die Kirchen und Gemeinden vom nüchternen Predigt­gottesdienst abwenden und das ganze Schauspiel der einexerzierten kultischen Handlungen, die Welt der Zeichen und Sym­bole großes Gewicht bekommt. Dann wird man auch gerne eine Einmütigkeit vor­täuschen, um ja der Welt keinen Anlaß zum Tadel zu geben, obwohl man weiß, daß diese Einigkeit nur ein künstliches Repräsentationsmit­tel ist. Diese Entwicklung verläuft in einem Teufelskreis, den nur die gnädige Gewalt des Evangeliums selber durchbrechen kann.

Da kann auch der Christ der Welt gegenüber politisch nur unweise, nur anklagend und for­dernd reden, aber nicht einladend und fröhlich. Die Politik wird zur peinlichen Last, die man nur notgedrungen und mit trotzigem oder verzagtem Herzen trägt. Man redet wohl von poli­tischer Verantwortung und fürchtet sich dabei ständig, sich vor der Welt zu kompromittieren. Einige Außenseiter dürfen um des Renommees wil­len auch fortschrittlich sein, aber in der Hauptsache tritt man für das Erbe der Vergangenheit ein. Die beste Parole heißt dann doch [68] immer wieder: Rückzug von der bösen Welt und von dem Kampfplatz der Politik. Die Partei­en werden in dem Maße toleriert oder unterstützt, als sie christliches Gedankengut, christliche Tradition und historische Verdienste des Christentums anerkennen, aber im übri­gen soll die Kirche für sie ein ummauertes Kloster sein. Wo bleibt da das Evange­lium als die frohe Bot­schaft an alle und für alle?

Wo die Kirche selber eigengesetzlich und damit auch politisch steril geworden ist, wird sich die politische Eigenweisheit der Welt und der Parteien eben selber helfen und durchsetzen müssen und auch dank der verborgenen Gnade Gottes in den Gefängnissen der Liebe, des Regierens und der Arbeit durchsetzen können. In der Not, in der sich die Wirk­lichkeit illu­sionslos aufdrängt, also notgedrungen, wird die Welt dann eine bessere Politik machen als solche Kirchen des Gesetzes. In der Not erweist sich ja der eigengesetzlichen Welt der Mensch als das Maß aller Dinge und die Sorge um den Menschen als das gebieterische Gesetz aller Politik. Heute haben wir ernstlich zu befürchten, daß die Kirchen den Weg der Eigenge­setzlichkeit gehen und so zu schlechten, nämlich zu totalitären Staaten und Stätlein im Staate werden. Der Nationalsozia­lismus kann dann, nachdem er in der Welt sich durch seine Taten un­möglich gemacht hat und der Schrei: wir haben nur einen Herrn, den Führer! verklungen ist, sich in die Kirchen und in kirchliche Gewänder flüchten und dort zum Rufe werden: Wir haben nur einen Herrn, den Landesbischof, den Pfarrer, Luther, Calvin, oder auch dieses und jenes biblische Schlagwort oder eine Auswahl zugkräftiger Bibelworte. Die Kinder der Welt werden dann klüger sein als die Kinder des Lichts. Die Heiden werden dann politisch weiser sein als die frommen Juden und werden dann auch, wie die Apostelgeschichte zeigt, der fak­tischen Ver­kündigung des [69] Evangeliums sich nützlicher erweisen als die kirch­lichen Institutionen, als die kirchlichen Führer und als die kirchliche „Masse“, wie es Paulus in Jeru­salem und Cäsarea erlebt hat. Und doch wird so gerade wieder das Evangelium der Welt die­nen wie die Welt dem Evangelium dienen muß und Paulus wird sich im Sturm als der bessere Steuermann erweisen als alle Fachleute. Das Schiff kann zwar stranden und untergehen, aber die Menschen, die Gefangenen und die Freien, dürfen um des Zeugnisses des Apostels willen mit dem Leben davonkommen. So kam Paulus, verfolgt von einer eigengesetzlichen Kirche, bis nach Rom und bis zum Kaiser und verkündete allen, Juden und Heiden, die frohe Bot­schaft von der Alleinherrschaft Jesu Christi über alle Welt, die frohe Botschaft der christl­ichen Gemeinde: Der Herr ist unser Gott und unser Herr ist allein Gott, barmherzig und ge­recht, allmächtig und gütig über die Guten und über die Bösen im Bestehen und im Vergehen der Welt.

Quelle: Paul Schempp, Das Evangelium als politische Weisheit, Kirche für die Welt, Heft 16, Stuttgart: W. Kohlhammer, 1948.


[1] Wahlordnung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vom 29. Novem­ber 1946.

[2] In Nord-Württemberg geschah dies schon Ende des Jahres 1946. Siehe Ernst Müller, Kleine Geschichte Württembergs, 1963.

Hier Schempps Text als pdf.

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