Paul Schneiders Predigt über Lukas 18,31-43 an Estomihi 1937: „Die Welt will dich nicht zu Jesus lassen, damit du ihm nicht folgen kannst. Sie will dir die Kraft deines reinen Wollens gleich zu Anfang des Passionsweges ausbrechen, indem sie dich in ihre Lust hineinlockt.“

Predigt über Lukas 18,31-43 an Sonntag Estomihi, 7. Februar 1937

Von Paul Schneider

Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Sehet, wir gehen hinauf gen Jerusa­lem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von des Men­schen Sohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden; und er wird verspottet und geschmäht und verspeit werden; und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er wieder auferstehen. Sie aber ver­standen der keines, und die Rede war ihnen ver­borgen, und wußten nicht, was das Gesagte war. Es geschah aber, da er nahe an Jericho kam, saß ein Blinder am Wege und bettelte. Da er aber hörte das Volk, das hindurchging, forschte er, was das wäre. Da verkündigten sie ihm, Jesus von Nazareth ginge vorüber. Und er rief und sprach: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich mein! Die aber vornean gingen, bedrohten ihn, er solle schweigen. Er aber schrie viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich mein! Jesus aber stand still und hieß ihn zu sich führen. Da sie ihn aber nahe zu ihm brachten, fragte er ihn und sprach: Was willst du, daß ich dir tun soll? Er sprach: Herr, daß ich sehen möge! Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und alsbald ward er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das solches sah, lobte Gott. (Lukas 18, 31-43)

Ließe Gemeinde! Wir gehen heute wieder durch ein neues Tor, durch das Eingangstor der heiligen Passionszeit, da unser lieber Herr und Heiland auch uns zu sich nehmen möchte und zu uns sprechen: „Sehet, wir gehen hinauf nach Je­rusalem!“ Er wartet darauf, daß wir es wirklich ernst nehmen, was wir gesungen haben: „Lasset uns mit Jesu ziehen, seinem Vorbild folgen nach!“ Darf er uns nun wirklich zu sich nehmen auf dem Passionsweg, dem Weg ins Leiden, ins heilige Kreuz? Oder gehören wir doch vielleicht zu denen, von denen es heißt: „Von da ab“ — als er von seinem Leiden und Sterben sprach — „gingen viele seiner Jünger hinter sich“? Daß unser ge­kreuzigter Herr uns mitnehmen möchte hinauf auf die Höhe des Kreuzes, hinab in die Tiefen des Leidens, das dürfte ja jedem allmählich deutlich geworden sein, der den Herrn Christus aufrichtig liebhat.

Daß wir uns wieder sammeln dürfen um sein Kreuz in dieser angehenden Passionszeit, das ist seine große Gnade. Daß er uns mit seinem Wort den Weg weist und uns zurüstet, den Weg hinauf mit ihm zu gehen, das ist unser Trost und unsere Zuversicht. Und nun zeigt uns der Herr gleich in unserem ersten Evangelium am Tor der Pas­sion so viel Herrliches und Tröst­liches, so viel Licht und Gnade, daß es uns wie eine ermun­ternde Wegweisung begleiten darf vom Tor der Passion: durch Leiden zur Herrlichkeit, durchs Kreuz zur Krone. Dieser Weg will im Glauben erkannt, diese Wegweisung im Glauben hin­genommen werden.

Als Jesus seinen Jüngern von seinem Weg durch Leiden und Sterben zur Auferstehung sagt, durch Schmach und Hohn und Verspeiung, durch Preis­gabe an die Heiden und Geißelung und Tod zur Auferstehung am dritten Tage, da können es die Jünger nicht fassen. Sie dachten nicht und be­griffen nicht, daß das der Weg ihres lieben Herrn und Meisters sein kann mit dem Gott so offen­sichtlich war in Zeichen und Wundern und Hei­lungen. Und obwohl sie ihr Herr und Meister auch auf das Zeugnis der Schrift hingewiesen hatte, daß es so alles erfüllt werden müsse, was die Propheten sagen von des Menschen Sohn, konnten sie es doch nicht fassen. Es widerstritt zu sehr aller ihrer Vernunft. Wie sollten auch die Jünger das begreifen können! Den Heiden preisgegeben, die ärgste Schmach, getötet, und doch sollte die Sache noch einen herrlichen Ausgang nehmen! Weil denn der Jünger Vernunft das Wort von ihres Meisters heiligem Leiden und Kreuz nicht fassen konnte, gehören dies Wort und dieser Weg des Hei­landes durch Leiden zur Herr­lichkeit und der Glaube zusammen, der solches Wort fassen kann. Der Weg des Meisters ist aber der Weg seiner Jünger und seiner Gemeinde, so wie es die Apostel hernach auch gelernt und er­fahren haben. Auch für die Jünger und die Ge­meinde kann es nur durch Leiden zur Herrlichkeit, durch das Kreuz zur Krone gehen.

Darum setzt Jesus schon diese Seligpreisung in das Tor der Bergpredigt, und alle Seligprei­sun­gen haben ihre Kraft und Bedeutung nur, wenn wir sie mit dieser zusammennehmen: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden“ und „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles wider euch, so sie daran lügen“ und wiederum: „Wer mir will nachfolgen, der ver­leugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich!“ Und über allem steht die Verheißung, daß unser Glaube der Sieg sei, der die Welt überwunden hat, und daß wir mit Christo leben, regieren und triumphieren sollen, wenn wir hier mit ihm ge­litten haben und mit ihm gestorben sind.

Das alles ist gegen unser natürliches Gefühl und gegen unsere Vernunft, genauso wie es da­mals die Worte Jesu für die Jünger waren. Der natürliche Mensch sieht in dem Kreuz und dem Kreuzesweg nur den Zusammenbruch aller menschlichen Kräfte, nur das gänzliche Ende eines Weges. Ohne Glauben kann kein Mensch bereit sein, den Weg des Kreuzes zu gehen, und hat daher auch an der Herrlichkeit des Sieges, an der göttlichen Wundermacht keinen Teil.

Wie töricht fragen doch die Menschen heute in bezug auf den Kirchenkampf: Ist’s denn nicht bald mit der Kirche wieder in Ruhe und guter Ordnung? Hat es die Kirche nicht bald gepackt? Ich meine doch, wir werden es packen! So ur­teilen die der Kirche günstig Gesinnten; sie sind schon baß erschrocken über den geringen An­fang von Kampf und Leiden, in die Gott uns ge­führt, und meinen, es könne doch unmöglich so weitergehen, und indem sie das meinen, neh­men sie sich selbst vom Leidensweg aus. Die anderen aber, die Feinde der Kirche, urteilen nun vollends, daß unsere Sache, die Sache Jesu Christi, aus und verloren sei, daß von der Kirche jetzt schon nur noch ein Haufe sich streitender Pfarrer übrig sei und man die Kirche ruhig ihrem sich von selbst vollziehenden Ende überlassen könne, und beide, Freunde wie Feinde, können nicht sehen, daß der Sterbensweg der evangelischen Kirche nun gerade der Weg Jesu, der Weg des Kreuzes, der Weg zum Leben ist. Ein Blick nach Rußland sollte uns belehren; dort ist jede äußerlich organisierte Kirche zerschlagen, die Pfarrer verschwunden, die Kirchenhäuser zerstört bis auf wenige. Und doch lebt dort die Kirche Jesu Christi wohl mehr als je und vielleicht schon stärker als bei uns in Deutschland. Sie lebt dort unter dem heiligen Kreuz der Verfolgung in denen, die sich hin und her in den Häusern sammeln, in den schlichten Laienpriestern, die das Wort verkündigen und willig die darauf gesetzten Strafen auf sich neh­men. Warum sollte nicht auch in Deutschland der Weg der Kirche durch noch viel größeres Leid und Sterben, durch gänzliches äußerliches Unterliegen zum Siege und zur Herr­lichkeit führen? Und täusche dich nicht: Auch du kannst an Jesu Herr­lichkeit und Sieg nicht anders Anteil haben, als indem du das heilige Kreuz um Jesu willen auch auf dich nimmst und mit ihm den Leidens- und Sterbensweg gehst. Dazu bedarf es des Glaubens, der von der Kraft und dem Sieg des Kreuzes weiß. Solcher Glaube ist ja eine verborgene, stille Kraft, aber er ist darum nicht untätig und träge, sondern bestätigt sich im herzandringenden Gebet.

Der Blinde am Wege nach Jericho hat von Jesus gehört, der eben gerade hinaufzieht nach Je­rusalem; und er glaubt an Jesus und wartet auf ihn. Als er vorbeigeht, erhebt er sein Geschrei, läßt sich auch nicht abhalten von anderen, die ihm vorreden wollen, der Heiland sei nicht da für seine Not und für sein Elend. Als er dennoch vor Jesus steht, da wagt er kühn und glau­bensstark die Bitte: Herr, daß ich sehend werde!, und Jesus quittiert es ihm: Dein Glaube hat dir geholfen! Die Welt ist blind für den Weg Jesu und seiner Jünger: durch Leiden zur Herr­lichkeit; und auch wir sind von Natur dafür blind. Unsere Augen sind gehalten, daß wir die verborgene und kom­mende Herrlichkeit auf dem Leidensweg nicht sehen. Wir sind dem blin­den Manne gleich, mut­los, verzagt, verzweifelt in Not und Leid, blind für die Herrlichkeit des Kreuzes. Wie die Heiden, die von Jesus nichts wissen, als Bettler am Wege sitzen und warten, bis Jesus vorüberkommt; wir sitzen mitten in der alten Christenheit ebenso in dieser Blindheit für des gekreuzigten Jesu Herr­lichkeit, für die Herrlichkeit des Kreuzesweges. Wir würden uns viel lieber Wonne und Freude erwählen als die Schmach Jesu Christi.

Wie wäre es, wenn wir mit der herzandringen­den Bitte zu unserem Herrn gehen würden, daß er uns die Glaubensaugen öffne für seine Kreuzes­herrlichkeit, damit wir von diesem Glau­bensblick fröhlich, satt und reich gemacht werden, daß wir nicht mehr als Bettler am Wege der Welt sitzen und von ihrer Bettelfreude und ihrem Bettel­vergnügen leben müssen! Die Welt will dich nicht zu Jesus lassen, damit du ihm nicht folgen kannst. Sie will dir die Kraft deines reinen Wollens gleich zu Anfang des Passionsweges ausbrechen, indem sie dich in ihre Lust hineinlockt. Es ist der Ausdruck knechtischen Unglaubens, wenn man meint, vor Beginn der Passionszeit noch einmal mit der Welt sich lustig machen zu müssen, als ob die Welt uns entschädigen kann für das, was wir unter dem Kreuz Jesu einbüßen müssen. Das ist keine evangelische, innerliche und von Herzen kommende Erwählung der Kreuzesnachfolge, die in den weltlichen Vergnügungen sich zuerst schad­los zu halten sucht. „Habt nicht lieb die Welt … !“ Karnevalsveranstaltungen und Fastnachtstreiben sind nicht auf evangelischem Boden erwachsen, und wahrhaft evangelische Christen haben damit nichts gemein, auch dann nicht, wenn solche Fastnachtsvergnügen von „Kraft durch Freude“ ver­anstaltet werden. Dafür aber laßt uns in stiller Sammlung innerer Bereitschaft und wahrhaft sonntäglicher Feier vor unsern Herrn Jesus tre­ten und glaubensvoll ihn bitten, daß er uns sehend mache für die Herrlichkeit seines Kreuzes­weges! „Freuet euch, daß ihr mit Christo leidet, auf daß ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben möget!“ „Lasset uns mit ihm hin­ausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen!“ So wird er uns be­gegnen in dem Blinden am Wege und zu uns sprechen: Sei sehend, dein Glaube hat dir ge­holfen!

So hat uns Gott in der Kreuzesnachfolge un­seres Herrn einen Weg gegeben durch Leiden zur Herrlichkeit. Ist er nicht am Ende doch der schönste und beste Weg durch dieses Erdenleben?

Der Weg, bei dem wir nicht im Bettelleben dieser Welt bleiben, sondern reiche, gesegnete Kinder unseres reichen himmlischen Vaters sein dürfen. Der Weg, auf dem wir nicht auf die schalen, nich­tigen und giftigen Freuden dieser Welt an­gewiesen sind, sondern die Freude am Herrn allewege gewinnen dürfen. Die Jünger, denen noch das Verständnis der Worte ihres Herrn ver­schlossen war, sind ihm dennoch gefolgt, und ihr Weg mündet in solchem Nach­folgegehorsam aus in die schöne Pfingstfreude. Der blinde Bettler, dem das Licht neu ge­schenkt war und zugleich der Blick auf Jesu Herrlichkeit, auch er folgte ihm nach und lobte Gott. „Und alles Volk, das sol­ches sah, lobte Gott.“ Wie sollten wir anders durch das Tor der Passion treten, wie sollten wir anders mit Jesu ziehen wollen, als daß auch wir Gott die Ehre geben? Der Herr, der uns voran­geht im Kreuz, der wird uns stärken und er­halten vor dem Bösen. Er wird uns unser Leben, wenn wir es hier an ihn verlieren, erhalten zum ewigen Le­ben. Er wird uns seine Herrlichkeit sehen lassen, hier und dort. Denn durch Leiden geht es zur Herrlichkeit. Das wollen wir glauben nach seinem Wort, darum wollen wir ihn bitten nach seiner Verheißung, dafür wollen wir ihm danken mit Freude. Amen!

Quelle: Rudolf Wentorf (Hrsg.), … und sollst mein Prediger bleiben. Zeugnisse von Paul Schneider, Gießen-Basel: Brunnen, 1966, S. 133-141.

Hier Schneiders Predigt als pdf.

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