„Genug ist nicht genug“? Über die Genügsamkeit: „Das christliche Sich-genügen-lassen bedeutet eine Lebenshaltung, die sich aus der Bindung an den ergibt, der nicht hatte, da er sein Haupt hinlegte, und hernach ans Kreuz ging. Dieses Wort richtet unsere Bürgerlichkeit.“

Über die Genügsamkeit

Manchen sind wohl noch die liederlichen Worte Konstantin Weckers im Ohr:

Auf den Dächern hockt ein satter Gott
Und predigt von Genügsamkeit
Genug ist nicht genug
Ich lass mich nicht belügen
Schon Schweigen ist Betrug
Genug kann nie genügen

„Genug kann nie genügen“ – jeder weiß, dass solch ein unersättlicher Lebensanspruch unrealistisch ist. Das wäre noch einmal eine Aufgabe, die christliche Genügsamkeit ohne hoffnungslose Selbstgefälligkeit vorzustellen. Wer in neuere theologische Lexika Einblick nimmt, wird in Sachen Genügsamkeit kaum fündig werden – als ob diese Tugend nicht länger gefragt wäre.

Im Biblisch-theologisches Handwörterbuch zur Lutherbibel und zu neueren Überset­zungen von 1959 findet sich jedoch folgender Artikel:

Genügsamkeit gehört zu den von uns geforderten biblischen Tugenden. Schon die Weisheit der Sprüche (17,1) lehrt, daß ein trockener Bissen mit Ruhe mehr wert ist als Völlerei unter Zank (vgl. Sir. 31,22). Das christliche Sich-genügen-lassen bedeutet eine Lebenshaltung, die sich aus der Bindung an den ergibt, der nicht hatte, da er sein Haupt hinlegte, und hernach ans Kreuz ging. Dieses Wort richtet unsere Bürgerlichkeit. Allerdings ist nicht das Ideal kärgli­chen Lebens aufgerichtet, sondern die innere Unabhängigkeit von den Gütern dieses Lebens. Paulus hat diese Haltung im Gefängnis verwirklicht (Phil. 4,11). Darum fordert er auch von uns eine Selbstbeschränkung um Christi und der Brüder willen, denen unser Dienst gilt (1.Tim. 6,6-8). Diese Genügsamkeit ist das Gegenteil von Geiz, vielmehr der Ausdruck der Liebe (Hebr. 13,5). Sie gilt nicht nur in unserer Beziehung zum Leiblichen, sondern hat auch unser geistliches Leben zu bestimmen· Nicht große religiöse Erfahrungen sind das Ziel Gottes mit uns. Es kommt nicht auf unsere Erwartungen, sondern nur darauf an, daß wir uns an sei­ner Gnade genügen lassen, d. h. an dem Wissen, daß wir ganz in seiner Hand stehen. Tiefer als Paulus es in seinem Gebetsleben erfahren hat, läßt sich diese geforderte Haltung nicht aus­drücken: „Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft erreicht in Schwachheit ihr Ziel“ (2.Kor. 12,9).

Quelle: Biblisch-theologisches Handwörterbuch zur Lutherbibel und zu neueren Überset­zungen, hrsg. v. Edo Osterloh und Hans Engelland, 2. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1959, 182.

Hier der Text als pdf.

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