Helmut Merkleins Predigt über Johannes 1,29-34: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Dieses Bekenntnis steckt voller Hoffnung. Es käme alles darauf an, daß wir Christen diesen Satz nicht nur bekennen, sondern, daß wir aus der damit geschenkten Freiheit leben.

Predigt über Johannes 1,29-34

Von Helmut Merklein

Zielsatz: Dem heutigen Menschen soll das biblische Sünden- und Sühneverständnis nahegebracht werden.

Der Johannes im Isenheimer Altar

Wahrscheinlich kennen die meisten von Ihnen das berühmte Kreuzigungsbild von Matthias Grünewald aus dem Isenheimer Altar. Jesus hängt am Kreuz. Vor ihm steht Johannes der Täufer und deutet mit überlangem Finger auf den Gekreuzig­ten. Zu seinen Füßen steht ein Lamm. Ich könnte mir keine treffendere Interpretation unseres heutigen Evangeliums vorstel­len. Was dieses zur Bedeu­tung Jesu und zur Aufgabe des Johannes zu sagen hat, ist in dem Bild Grünewalds hervorragend in Szene gesetzt.

Im Evangelium hat Johannes auf Jesus gedeutet und gesagt: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (V. 29). Damit verweist Johannes in der Tat auf den Gekreu­zigten, der durch seinen Tod die Sünde der Welt hinwegschafft. Diese Aufgabe des Täufers haben der Autor des Johannesevangeliums und der Maler des Isenheimer Altars festgehalten. Es ist die bleibende Aufgabe des Täufers, die dieser – in der Verlautbarung des Evangeliums – auch heute noch und uns gegenüber erfüllt. Denn heute wird uns gesagt: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“

Das Wort des Johannes ist uns geläufig. Wir hören es in jeder Eucharistiefeier vor der Austei­lung der heiligen Kommunion. Gerade deshalb aber könnte es sein, daß es formelhaft und inhaltsleer geworden ist. Dabei ist das Wort von einer Tiefe, aus der heraus sich auch uns die Bedeutung Jesu neu erschließen könnte.

Der biblische Hintergrund

Zunächst sind wahrscheinlich einige Informationen zum Verständnis hilfreich. In der Aussage vom Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt, fließen wohl zwei alttestamentliche Vorstellungen zusammen, mit deren Hilfe das Urchristentum die Bedeutung des Todes Jesu ausgedrückt hat.

Die eine ist die Vorstellung vom Pascha- oder Osterlamm (Ex 12). Als Israel aus Ägypten auszog, mußte jede Familie auf Geheiß Gottes ein Lamm schlachten und mit dessen Blut die Türpfosten bestreichen. Dies war das Zeichen für den Engel des Herrn, der die Ägypter straf­te, an den Häusern der Israeliten vorüberzugehen. Seither feiert man in Israel das Pascha-Fest. Für Israel ist das dabei geschlachtete Lamm ein Zeichen der Befreiung, die Gott geschenkt hat. Da Jesus in der Nähe eines Pascha-Festes hingerichtet wurde, lag es nahe, seinen Tod mit Hilfe dieser Vorstellung vom Pascha-Lamm zu deuten. Das Blut, das Jesus vergossen hatte, wurde so für das Urchristentum zum Zeichen für die Befreiung, die Gott durch Jesus nun end­gültig schenken wollte.

Aber Jesu Tod ist nicht nur Zeichen der Befreiung. Sein Tod schafft wirklich Befreiung, in­dem er Sühne bewirkt für die Sünde, unter der die Welt leidet. Hier spielt noch eine zweite alttestamentliche Vorstellung eine Rolle, nämlich die vom Gottesknecht. Von ihm ist im Buch des Propheten Jesaja (Dtjes) die Rede. In der heutigen Lesung war als Aufgabe des Gottes­knechtes genannt, daß er Israel sammeln und Licht für die Völker sein soll (Jes 49,5f). Ein wenig weiter im Jesajabuch heißt es dann, daß der Gottesknecht sein Leben hingibt zur Sühne für die Sünden der vielen (Jes 53,10.12). Genau dies sahen die ersten Christen im Tod Jesu erfüllt.

Jesus ist das neue Pascha-Lamm, dessen Blut zum Zeichen der Befreiung geworden ist. Jesus ist der verheißene Gottesknecht, der durch seinen Tod Sühne für die Sünde der Welt bewirkt hat. Diese urchristlichen Einsichten sind zusammengefaßt in dem Bekenntnis des Täufers Johannes aus dem heutigen Evangelium: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“

Zum biblischen Verständnis von Sünde

Aber was bedeutet dieses Bekenntnis für uns? Haben wir nicht eher Schwierig­keiten damit? Vielleicht kommt dem einen oder anderen die Vorstellung, daß Sünde durch Tod gesühnt wird, sogar peinlich vor! Ist das nicht ein unerbittlich grausamer und inhumaner Gott, der zur Sühne für die Sünde den Tod seines Sohnes verlangt?

Diese Verständnisschwierigkeiten liegen daran, daß wir ein falsches Verständnis von Sühne haben und die wahre Dimension von Sünde verdrängt haben. Für uns ist Sünde zumeist eine Privatangelegenheit, eine Störung des Verhältnisses zwischen dem einzelnen Menschen und Gott. Für die Bibel und überhaupt für den antiken Menschen war Sünde mehr. Man wußte noch, daß Sünde eine Störung der Welt- bzw. Schöpfungsordnung ist. Sünde entläßt eine Wirklichkeit aus sich, die auch das menschliche Zusammenleben stört. Sünde schafft eine Wirklichkeit, die den menschlichen Lebensraum schädigt. Man wußte in der Antike noch, daß die von der Sünde vergiftete Lebenssphäre des Menschen auf den Menschen selbst zurück­schlägt und erst dann wieder bereinigt ist, wenn sie den Störenfried beseitigt hat.

Zum biblischen Verständnis von Sühne

In diesen Zusammenhang einer unentrinnbar auf den Täter selbst zurückschla­genden Sünden-Wirklichkeit gehört die biblische Sühnevorstellung. Sie hat nichts mit dem Zerrbild eines rä­chenden Gottes zu tun. Für die Bibel ist Sühne vielmehr eine von Gott geschenkte Gabe, durch die es möglich wird, der auf den Sünder zurückschlagenden Wirklichkeit Sünde zu entgehen. Nach biblischer Überzeu­gung hat Gott Israel das Blut (der Opfertiere) für den Kult „gegeben“ (Lev 17,11). Im Tod des Opfertieres, mit dem sich der sündige Mensch (durch Handaufstemmung) identifiziert, gelangt die Wirklichkeit der Sünde zur Aus-Wirkung – im doppelten Sinn des Wortes. Dem Sünder selbst wird dadurch eine neue Lebensmöglichkeit eröffnet. In ähnlicher Weise nimmt auch der Gottesknecht stellvertretend die Sünden der vie­len auf sich (Jes 53,4-6.10-12). Und indem an ihm die Sünden zur Wirkung kommen, finden die Sünder Heilung und Rettung (Jes 53,5). Hinter diesen uns fremd erscheinenden Gedanken steckt ein ungeheures Ernstnehmen der Sünde. Als Wirklichkeit kann Sünde nicht einfach annulliert werden. Als Wirklichkeit wirkt sie, kommt erst zu Ende, wenn sie sich ausgewirkt hat. Daß Sünde sich kultisch auswirken bzw. stellvertretend vom leidenden Gerechten über­nommen werden kann, wurde daher stets als Gabe Gottes verstanden. Sühne ist immer Gnade.

Mit Hilfe derartiger Vorstellungen machten sich die ersten Christen klar, was Jesus und sein Tod für sie bedeutete. Im Ereignis des Todes Jesu erkannten sie eine neue, von Gott gesetzte Wirklichkeit. Jesus hatte stellvertretend die Sünde der Welt auf sich genommen. Im Tode Jesu hatte sich alle Wirklichkeit der Sünde ausgewirkt. Wer sich zu Jesus bekannte, konnte dem ansonsten unentrinnbaren Menschen­geschick entkommen und der zerstörerischen, vergiften­den und todbringenden Wirkung der Sünde entrinnen.

Bedeutung für heute?

Vielleicht ist unsere Zeit wieder reif dafür, das biblische Sünden- und Sühneverständnis und damit auch die Aussage von der Heilsbedeutsamkeit des Todes Jesu wieder neu zu verstehen. Wir sind dabei, in schmerzvoller Erfahrung zu lernen, was der Mensch der Bibel noch wußte: Sünde schafft eine Wirklichkeit, die auf den Sünder zurückschlägt.

Ich will in diesem Zusammenhang nur auf einige große Probleme unserer Zeit anspielen: auf das sogenannte Umweltproblem, auf das Dritte-Welt-Problem und den Ost-West-Konflikt.

  • Wenn wir nicht alsbald lernen, daß wir nicht eigenmächtig die Schöpfung mit Füßen treten dürfen –
  • wenn wir nicht alsbald lernen, daß die Güter der Erde nicht nur unter den reichen Industrienationen aufgeteilt werden dürfen –
  • wenn wir nicht alsbald lernen, daß man Feindschaft nicht mit Waffen aus der Welt schaffen kann –
  • wenn wir dies alles nicht alsbald lernen, dann wird diese von uns Menschen geschaffene Wirklichkeit auf uns zurückschlagen und uns letztendlich umbringen.

Es fehlt nicht an skeptischen Stimmen, die meinen, die Wirklichkeit sei bereits so vergiftet und geschädigt, daß es kein Entrinnen mehr gibt vor dem todbringenden Kreislauf der Sünde.

Die Chance der Christen

Gerade in dieser Situation ist es wichtig, daß wir Christen nicht einstimmen in den Chor der Pessimisten und uns neu besinnen auf das Zeugnis des Johannes: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“

Für uns Christen ist Jesus Christus das von Gott gesetzte Hoffnungszeichen, daß trotz aller Sünde und ihrer zerstörerischen Wirkung die Welt nicht im Chaos versinkt. In Christus ist alle Sünde der Welt gesühnt. Der schicksalhafte Kreislauf der Sünde, die auf den Täter zurück­schlägt, ist durchbrochen. Wer sich im Glauben zu Jesus als dem Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt, bekennt, kann diesem Kreislauf entrinnen.

Es wäre allerdings ein Irrtum zu meinen, unser Glaube hätte eine magische Kraft, so daß man nur glauben müßte, damit sich unsere heutigen Probleme gleichsam automatisch lösen. Aber, wer an Christus als von Gott gesetzte Sühne glaubt, verliert den Schrecken vor dem unent­rinnbaren Kreislauf der Sünde, die auf den Täter zurückschlägt. Er verliert die Lähmung der Aussichtslosigkeit. Er gewinnt selbst in der Sünde, die sich bereits auszuwirken beginnt, neue Hoffnung. Und diese Hoffnung ermöglicht es ihm, neu und anders zu leben. Er gewinnt eine neue Freiheit. Er muß nicht immer mehr Wohlstand haben, und sei es auf Kosten der übrigen Schöpfung oder anderer Völker. Er muß nicht Gewalt mit Gegengewalt beantworten.

„Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Dieses Bekenntnis steckt voller Hoffnung. Es käme alles darauf an, daß wir Christen diesen Satz nicht nur bekennen, sondern, daß wir aus der damit geschenkten Freiheit leben. Der Tod Jesu gibt uns Gewißheit, daß der todbringende Kreislauf der Sünde, obwohl er augenscheinlich noch funktioniert, letzt­lich keine Zukunft hat. Dies gibt uns den Mut, uns von der Dynamik selbstvergessener Liebe erfassen zu lassen, die Christus ausgelöst hat. Diese Liebe gibt uns die Sensibilität für die Not verdorbener Wirklichkeit und läßt sie uns zugleich – wenigstens ein Stück weit – heilen.

Quelle: Der Prediger und Katechet (PrKat) 126 (1987), Heft 1, S. 97-100.

Hier die Predigt als pdf.

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