Hans Joachim Iwands Predigt über Lukas 6,36-38 (passend zur Jahreslosung 2021): „Der barmherzige Mensch, das eben ist der Mensch, der Mensch bleibt, der nicht auf der Leiter seiner Tugenden in den Himmel steigt und von oben auf die böse Welt heruntersieht; son­dern er neigt sich zu den Niedrigen, er hält Gemeinschaft mit den Irrenden und Verlorenen.“

Im Hinblick auf die Jahreslosung 2021 eine Predigt von Hans Joachim Iwand von 1935/37 über Lukas 6,36-38:

Seid, was Gott ist. Predigt über Lukas 6,36-38

Von Hans Joachim Iwand

Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch ver­geben. Gebet, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüssig Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird man euch wie­der messen.

Wenn wir dieses Evangelium hören, dann könnte uns – nein, dann müßte uns ein grenzenloses Erstaunen ergreifen über dem, was hier dem Men­schen zugedacht ist. Denn es heißt ja: Seid, was Gott ist. Das und nichts weniger sagt Jesus vom Menschen. Er hebt die Spannung zwi­schen Him­mel und Erde auf. Er kennt in der Tat eine Ähnlichkeit zwischen Gott und dem Menschen. Er kennt einen Punkt, an dem sich beide berühren. An dem sie sich berühren über all die Abgründe und Gegensätze hinweg, die zwi­schen Gott und Mensch getreten sind. Denn die Ähnlichkeit, die Jesus hier verlangt, hebt ja die Unähnlichkeit und Verschiedenheit nicht auf, die sonst zwischen Gott und Mensch besteht. Es ist, um das Erstaunen noch größer zu machen, in der Tat eine Ähnlichkeit zwischen dem sündigen, verlorenen, sterblichen, irdi­schen Menschen und dem heiligen, ewigen, gerechten Gott, die hier gefordert wird. Denn Jesus sagt eben nicht, um Gott ähnlich zu sein, dazu müßt ihr erst gut, fromm, heilig, gerecht, un­sterblich sein, er sagt nicht, zu dieser Forderung gehört ein neuer Himmel und eine neue Erde. Es sind keine Fabelwesen, an die sich hier das Evan­gelium wendet, wenn es sagt: Seid, was Gott selbst ist. Nein, es sind die Menschen dieser Welt, in ihrer Art, in ihrem Leben und Wirken, in ihrem Treiben und Treibenlassen, die hier angeredet sind. Sie gerade sind geru­fen, zu sein, was Gott selbst ist.

Wie gerne hört der Mensch, daß er göttlicher Art ist. Wie begierig glaubt er all denen, die ihm das versichern. Wie gerne träumt er von seiner gött­lichen Natur. Ob er auch das Wort gerne hören wird, das ihm hier gesagt wird? Denn freilich, das, was man gewöhnlich darüber sagen hört, wird hier nicht gesagt. Es heißt nicht, sucht so weise zu sein, wie Gott weise ist, denn Gott hat in den Menschen das Licht der Vernunft gesetzt. Es heißt auch nicht, sucht so gut zu sein, so gerecht und so heilig, wie Gott heilig ist, denn Gott hat in euch gute Anlagen ge­pflanzt. Ja, es heißt auch nicht, glaubt daran, daß der Mensch unsterblich ist, wie Gott unsterb­lich ist, denn Gott hat ihm seine Natur vererbt. So redet man über Gott und Mensch in den Schulen der Weltweisheit und der Weltanschauungen. Dort, wo Menschen Meister der Men­schen sind, so sie einander glauben, was sie sich selbst nicht glauben. Aber hier sind wir in einer anderen Schule, hier redet der Sohn Gottes von dem, worin Gott und Mensch einander gleich sein können, er, der selbst Mensch geworden ist. Und er bestimmt die Ähnlich­keit zwischen Gott und Mensch, die dem Menschen geboten ist, aufs ge­naueste: Seid barmherzig, sagt er, wie euer Vater barmherzig ist.

Es ist, als ob uns gesagt würde: Ihr Menschenkinder, die ihr so gern von eurer göttlichen Natur redet und reden hört, wohlan, hier ist die Grenze zwischen Gott und Mensch durch­brochen, hier ist die Brücke, die von dort nach hier und darum auch von hier nach dort führt, das ist die Himmels­leiter, auf der Gott zu den Menschen herabgestiegen ist und auf der ihr darum zu ihm hinaufsteigen könnt; hier soll sein Wille auf Erden gesche­hen, wie er im Himmel geschehen ist. Dies eine, seine Barmherzigkeit, will Gott mit dem Menschen teilen, nicht seine Ehre, nicht seinen Ruhm, nicht seine Weisheit, nicht seine Gerechtigkeit; aber an seiner Barmherzigkeit, an seiner Vollkommenheit soll der Mensch Anteil haben, an dem Höchsten und Besten, was Gott hat. An dem, worin er ganz er selbst, worin er ganz wunder­bar, ganz unbegreiflich, ganz überwindend, ganz herrlich ist. Und darum, weil Gott jetzt und heute, über euch und bei euch seine Barmher­zigkeit walten läßt, könnt ihr auch barmherzig sein. Ja mehr, wer das glau­ben könnte, daß Gott die große, wahre, bleibende Barmherzigkeit ist, die Barmherzigkeit – und nicht nur die stumme Vorsehung, nicht nur das eherne Schicksal, nicht nur der Ordner und Erhalter der Welt – der könnte ja wohl gar nicht mehr anders als eben diesen Gott zu bezeugen. Wer in dieser Barmherzigkeit geborgen ist, der kann ja gar nicht mehr unbarm­herzig sein. Oder er müßte verleugnen, was er glaubt, und das Lügen stra­fen, wovon er lebt.

Es ist seltsam, alle anderen Forderungen machen den Menschen im Grunde unwahr, zum Heuchler, so wenn wir zum Menschen sagen: Werde gut, werde fromm, suche nach Tugen­den, bete, faste, bekenne, glaube dies und glaube das – was für Unwahrheiten werden heute allein dadurch groß­gezogen, daß auf einmal alle möglichen Menschen bekenntnistreu sein möchten! – denn alle diese Gebote sind dem Menschen verderblich, wenn sie nicht zuvor in das eine Gebot gefaßt und darin beschlossen sind: Seid barmherzig. Wer dies Gebot versteht, der wird dadurch nicht unwahr, sondern im Gegenteil, er wird wahr. Denn der barmherzige Mensch, das eben ist der Mensch, der Mensch bleibt, der nicht auf der Leiter seiner Tugenden in den Himmel steigt und von oben auf die böse Welt heruntersieht; son­dern er neigt sich zu den Niedrigen, er hält Gemeinschaft mit den Irrenden und Verlorenen, er steigt von seinem Maultier und liest den Unglücklichen vom Wegrande auf, der unter die Räuber gefallen ist, er hebt nicht Steine auf, um zu steinigen, wenn einer einen Fehltritt begangen hat, er lädt sich selbst die Fehler der anderen auf seine Schulter, er deckt ihre Sünden und trägt ihre Lasten, er zerbricht lieber selbst, als daß er andere zerbricht, er steigt lieber selbst herunter als daß er andere herunter stößt – er ist nicht ein Mensch, der Gott werden möchte und zum Teufel wird, sondern er ist ein Mensch, der so herabsteigt, wie Gott zu ihm herabgestiegen ist, ein schwa­cher, armer, verspotteter, ja vielleicht auch seinen eigenen Sünden und Fehlern gegenüber gebrechlicher und schwacher – aber dennoch, dennoch ein wahrer Mensch.

Damm kann sich auch niemand dem entziehen, wenn die Gebote der Barmherzigkeit an sein Ohr und Herz klingen. Es wird wohl keiner unter uns sein, der sagen wollte, er begreife nicht oder könne nicht, was ihm hier geboten ist. Ach, meine Freunde, ich kann es verstehen, wenn bei vielen, vielen Geboten Gottes die Klage aus dem Herzen eines Menschen hervor­bricht: Wehe mir, ich bin ein sündiger Mensch. Wenn wir beim Hören der Gebote die Fesseln spüren, mit denen wir durch die Sünde an die Elemente der Welt, an Hab und Gut, an Leib und Blut, an Angst und Furcht gekettet sind; aber hier, bei dem Gebot der Barmherzigkeit, hat der größ­te Sünder den Vorrang. Ihm muß es doch am allerleichtesten fallen, nicht zu richten, nicht zu verdammen, nicht zu suchen, wo der Splitter im Auge des anderen sitzt und die Sonne Fle­cken hat, sondern sich zu richten, sich zu verdam­men, den Balken zu spüren, der ihn blind macht – hier sind in der Tat die Letzten die Ersten, hier ist das einladende Gebot für die Müh­seligen und Beladenen, für alle die, die sich mit ihrer Schuld und ihren Fehlern nicht mehr weiterschleppen und weiterbewegen können, hier ist das Tor, durch das die Niedrigen mühe­los eingehen und die Großen und Gerechten und Stolzen nicht eingehen können. Hier verste­hen wir, was es heißt, wenn Jesus sagt, er sei gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen – was für ein Wunder: das, was uns scheinbar Gott so ferne rückt, unsere Sünde, das bringt uns auf einmal ihm so nahe, und was uns ihm scheinbar nahe bringt, unser Recht, unsere Tugend, unser Stolz, das bringt uns ihm unend­lich fern. Denn sündige Menschen können doch wohl verstehen, mit wel­chem Recht ihnen gesagt wird: Richtet nicht, verdammt nicht, vergebt, gebt lieber als daß ihr nehmt, schenkt, schenkt ohne Maß, schenkt euch selbst dahin, spielt euch nicht als Führer zur Seligkeit und als Vorbilder auf, sondern bleibt Nachfolger, Jünger, Schü­ler – und wenn ein Mensch wagen sollte, hierzu zu sagen: das verstehe ich nicht, dann wissen wir, es fehlt ihm nicht an Verstand, das nicht zu verstehen, sondern er hat zuviel Gerechtigkeit und zu wenig Sünde, um zu verstehen, was hier gesagt ist. Die wahren und die heuchlerischen Menschen werden gesondert, wenn es heißt: Seid barmherzig, denn der Sünder weiß sofort, warum gerade ihm diese Forderung gilt. Aber der Heuchler fragt nach dem Grund.

Vor einigen Tagen las ich zum soundsovielten Male neu abgedruckt die Forderung nach ei­nem art- und zeitgemäßen Christentum, und der Reichskirchenausschuß hatte dieses Pro­gramm als rechtgläubig befürwortet, weil sehr viel orthodoxe Thesen darin vorkamen und vom Standpunkt des Be­kenntnisses nichts dagegen zu sagen war. Aber wenn ich mir nun über­legen würde, wie ich art- und zeitgemäß das übersetzen sollte, was hier im Evangelium gesagt ist, dann komme ich in der Tat in die größte Ver­legenheit. Denn ich finde, was hier gesagt ist, ist, obschon es vor fast 2000 Jahren gesagt ist, und obschon es zu Menschen einer anderen Rasse gesagt ist und obschon es unter ganz anderen wirtschaftlichen und technischen und sozialen Verhältnissen gesagt ist, so art- und zeitgemäß, daß unsere Art sich vor Scham verbergen und unsere Zeit sich fürchten muß, wenn sie unter dieses Gebot tritt: Seid barm­herzig.

Ist es nicht, als ob wir alle erkannt, durchschaut, bei unserm Tun und Treiben genannt wären, wenn es hier heißt: Richtet nicht, verdammt nicht, gebt einander frei aus der Schuld, gebt, was ihr habt – und mehr noch: wird nicht bereits das furchtbare Gegenspiel sichtbar, das der Herr hier andeutet. Was ernten wir denn aus dem gegenseitigen Richten – daß wir selbst den gro­ßen unheimlichen Schatten des kommenden Gerichtes über uns fühlen. Was ernten wir denn aus unserem Verdammen – daß wir selbst, da wir den Bösen in seine Schlupfwinkel verfol­gen, von ihm in den Ab­grund der Verdammnis gezogen werden. Die ganze Unwahrhaftigkeit eines Richtens der Gerichteten, eines Verdammens der Verdammten, erfüllt die Luft unserer Zeit, bis hinein in unsere Gottesdienste und in unsere Kirchen, eine Todesluft, ein Pestgeruch, an dem das ganze Land und Volk unter­zugehen droht. Mit unerbittlicher Folge ist das beides aneinander gekop­pelt, das Richten und das Gerichtetwerden, das Verdammen und das Ver­dammtwerden.

Denn Richten ist Gottes Sache. Und nur weil es Gottes Sache ist, weil es die Sache des barm­herzigen Vater ist, ist das Gericht nicht unser Ende, sondern unsere Reinigung und Läuterung. Das Verdammen ist Gottes Sa­che, und nur weil es die Sache und das Wunder seiner Barmher­zigkeit ist, gibt es eine Rettung aus der Verdammnis. Wenn Menschen den Welten­richter spie­len wollen, stürzen sie selbst in das Schwert, das sie ergreifen, nach dem Wort des Herrn: Wer das Schwert ergreift, wird durchs Schwert umkommen.

Darum wird hier Vergebung geboten. Es ist, als wollte Gott uns daran erinnern, wer wir sind. Denn wir brauchen ja doch alle Vergebung. Wir sind ja allesamt arme Schächer. Wir wissen ja allesamt, daß wenn alles bleibt, was wir getan, gedacht, gesagt und gewollt haben, es keine Rettung für uns gibt. Darum sagt Gott: Wie ihr es wollt, so soll es euch widerfahren. Wenn es euch gefällt, Richter zu spielen, dann werdet ihr auch mich als Richter kennen lernen; aber wenn ihr mich kennt und glaubt als den, der euch eure Schuld vergibt, dann bezeugt auch diese Wirklichkeit an den kleinen Schuldnern, die ihr in diesem Leben habt. Wenn ihr etwas davon wißt, was für ein Segen und eine Seligkeit in dem einen Wort Vergebung schlummert, dann gebt auch ihr den Menschen, die bei euch in Schuld geraten sind, etwas ab von dieser Freude und diesem Glanz. Denn in der Tat, die Barmherzigkeit ist nicht wie der Mammon, der im Säckel bleiben möchte; sondern sie ist wie ein Strom, der herausbricht, sie wird nieman­dem zuteil, damit er sie behalte, sondern sie kennzeichnet heute schon die Fußspuren derer, die vor Gott einst Gnade finden werden. Es gibt ja eine Art, die richtet nicht, verdammt nicht, sie hält sich vorsichtig, eisig zurück; aber sie vergibt auch nicht, sie verzeiht auch nicht, sie wartet sozusagen mit ihren Anklagen auf den Tag, da sie alles vor dem großen Richter aus­breiten wird. Nein, sagt Gott, gib heute schon deinen Schuldner frei, damit du einmal selbst frei kommst; schleppe nicht das Aktenstück der Schuld deines Feindes mit dir herum, damit dein eigener Schuldschein nicht etwa noch hervorkommt; sondern vernichte die Schuld deines Feindes und gib ihn los, denn du wirst selbst einmal nötig haben, durch Vergebung frei zu kommen.

Die Predigt wurde vermutlich zwischen 1935 und 1937 in Ostpreußen gehalten.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 117-121.

Hier die Predigt als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s