Jörg Zink, Der Tod und seine Rückseite. Ein Geleitwort: „Man übt seinen eigenen Tod noch immer am besten dadurch ein, daß man ihn bedenkt, indem man einen anderen, einen Sterbenden, begleitet.“

Mit dem Thema „Tod“, das lange Zeit aus dem öffentlichen Ge­spräch ausgeklammert war, beschäftigen sich heute wieder Mil­lionen. Wohl im Zusammenhang mit der Krise des neu­zeitli­chen Fortschrittsglaubens und Diesseitigkeitsgenügens be­ginnt es sich heute wieder klarer darzustellen, aufgefächert in Einzelfragen medizinischer, sozialer, psychologischer, philoso­phischer, juristischer und am Ende theologischer Herkunft und Zielrichtung.

Es ist heute wieder deutlicher, daß es sich dabei um die Sinn­frage schlechthin handelt. Denn wenn es unmöglich sein sollte, dem Tode Sinn abzugewinnen, wäre das Dasein überhaupt zweifelsfrei als ein im Grunde sinnfremdes Unternehmen anzu­sehen. Denn das Dasein ist immer zugleich ein Werden und ein Sein, ein Vergehen und Neuwerden und nur in dieser komple­xen Ganzheit und Gleichzeitigkeit ein menschliches Leben.

So wird es von Epoche zu Epoche immer wieder nötig sein, das ganze Spektrum der mögli­chen Modelle der Bewältigung die­ses Themas zu bedenken und damit auch das der Konse­quen­zen, die aus heutiger Kenntnis für die Medizin, die Psychologie und das geltende und das neu zu schaffende Recht zu ziehen sind.

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Ich darf einen persönlichen Satz voranstellen: Für mich – und ich habe als junger Mensch das Sterben hunderter von Kame­raden erlebt und seitdem dem Tod aus der Unmittelbarkeit, die der Beruf des Pfarrers mit sich bringt, immer wieder zugesehen – war er niemals das „Aus“, niemals das „Ende“, sondern immer ein Schritt in eine andere Wirklichkeit. Nach meiner Überzeu­gung kann, wer einmal wach geworden ist für Zeichen aus einer anderen Dimension des Daseins, in der bloßen „Bereitschaft zum Sterben“ niemals einen erlösenden Sinn sehen. Der ent­steht erst mit der Fühligkeit für das, was im und am Sterbenden wirklich geschieht. „Auferstehung“ ist der christliche Ausdruck dafür.

Wohl aber hat das Thema „Tod“ auch ohne solche Vorausset­zung für alle, die mit ihm befaßt sind, eine Fülle ethischer Impli­kationen. Einige der auffälligsten möchte ich kurz nennen, ohne dabei schon ihren religiösen Hintergrund einzubeziehen:

Ein Erstes: Mir scheint, es sei an der Zeit, daß die Medizin, un­geachtet ihrer prinzipiellen Verpflichtung, das Leben zu be­wahren, den Tod als einen eigenen, nicht auszusparenden Schritt im Schicksal eines Menschen erfaßt und ihm Raum gibt, wo immer die ärztliche Kunst nicht mehr das Leben, sondern nur noch das Sterben dehnt. Es geht, um es deutlich zu sagen, unendlich viel Qual aus von der Empfindlichkeit von Ärzten, die es nicht ertragen, daß sie am Ende auf alle Fälle dem Tod das Feld überlassen werden.

Hilfe zum Sterben – das ist eines der ärztlichen Grundthemen. In der Krankenpflege der christlichen Tradition war sie immer eine Möglichkeit an der Grenze zwischen dem Erlaubten und dem Gebotenen, im Zwischenbereich des normalerweise Un­tersagten. Ich erinnere mich: Die Oberin eines großen Diako­nissenverbandes wurde gefragt, wie vielen Sterbenden sie zu einem gnädigen Tod verhülfen habe. Sie antwortete schroff ab­weisend: Das wissen Gott und ich.

Ich bin überzeugt, daß kein Gesetz je wird gestatten können, daß ein Mensch das Leben eines anderen vorzeitig beendet. Hier hilft keine gesetzliche Erlaubnis, hier ist das Gewissen aufge­rufen, und das einsame Gewissen allenfalls wird um der Liebe Gottes willen einmal tun dürfen, was kein Gesetz erlau­ben und kein ethischer Wert rechtfertigen kann. Es bedarf dazu eines Menschen, der mit seinem Gewissen auch sonst etwas an­zufangen weiß.

Im Umgang mit dem Tod gilt allemal, was auch sonst für den Umgang mit menschlichem Schicksal gilt: daß der, der Verant­wortung trägt, wissen muß, wem er auf welche Frage zu antwor­ten hat, und daß er bereit sein muß, das Risiko einer Schuld zu tragen um der Men­schen willen. Verantwortung hängt mit der Antwort zusammen, die ein Mensch auf eine be­stimmte Frage zu geben bereit ist Es dürfte schwer sein, von Verantwortung zu sprechen, wenn niemand gedacht werden kann, vor dem die geforderte Antwort formuliert wird.

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Ein Zweites: Der Tod ist nicht nur die Privatsache des Betroffe­nen. Er steht im Zusammen­hang unseres öffentlichen Lebens insgesamt. Und da sind wir – wo es doch um den persön­lichsten und einsamsten Vorgang eines Menschenlebens geht – techni­schen und sozialen Zwängen ausgeliefert wie nie in der Ge­schichte der Menschheit. Unser Dasein individualisiert sich auf allen Gebieten, während das Sterben zunehmend kollektiv und anonym geschieht, und man wird nicht anders können als die Weise, wie heute in hochtechnisierten Kliniken gestorben wird, als barbarisch zu bezeichnen. Es geht heute energisch darum, die Würde des Sterbens zu retten. Wir müssen sehen, daß die geistverlassene Vernünftigkeit unserer Zivilisa­tion das Sterben des Menschen weder annehmen noch gestalten noch auch nur geschehen las­sen kann, daß sie weder Kraft noch Ge­lassenheit noch gar Hoffnung zu vermitteln vermag. Stattdes­sen beschäftigen wir uns mit dem Erfinden von Strategien gegen das Nachdenken bis hin zur Auslöschung des Bewußtseins des Sterbenden, ehe das Nachdenken und Annehmen ge­schehen könnte.

Wie die Dinge heute liegen, gehört meines Erachtens zur Auf­gabe eines Arztes nicht nur die Bewahrung des Lebens und nicht nur die Hilfe zum Sterben, sondern vor allem auch die Hilfe im Sterben, nachdem es sich nun einmal so ergeben hat, daß der Arzt in der weltanschaulich neutralen Gesellschaft von heute im Bewußtsein der Menschen weithin den Platz ein­nimmt, den früher der Priester innehatte.

Ein Drittes: Hier bietet sich heute vielfach die Mitarbeit des Psychologen bzw. Psychothera­peuten an. Das ist gut und wich­tig, sofern der Psychologe zu einer Änderung seiner Therapie­ziele bereit ist Denn Psychotherapie zielt von Hause aus auf die Wiedergewinnung von Lebenswillen und Lebensenergie, von Freiheit und personaler Einheit und Ganzheit Gerade mit solcher Zielvorgabe ist aber keine Sterbehilfe zu leisten, es sei denn, man setze den Sterben­den auf eine Zukunft an, die er ge­rade nicht mehr hat

Andererseits kann eine Psychotherapie, die jene personübergreifende Ich-Selbst-Achse kennt, von der C.G. Jung spricht, einen Menschen, der im Grunde sein Sterben „weiß“, durchaus sinnvoll begleiten, kann ihm vor allem helfen, auszusprechen, was er einsam erfährt Sie muß nur bereit sein, auf „Erfolge“ zu verzichten, es sei denn, sie nähme es als ihren Erfolg, daß der Sterbende in die Lage kommt, sein Sterben zu „können“.

Ein Viertes: Der Tod ist keine Sache, die ein Mensch sinnvoll mit sich selbst allein abmacht, er ist zu sehr ein Vorgang im Ab­schied von Menschen und Dingen, er ist ein Interaktionsge­sche­hen, in das viele andere einbezogen sind, die selbst mit dem eige­nen Tod nicht befaßt werden. Darum fügt sich hier die noch lange nicht ausgestandene Problematik der Wahrheit an, der wahrheitsgemäßen Information des Sterbenden. Und hier ge­statte man mir die Klage darüber, daß nicht nur der Kranke un­geübt ist im Umgang mit dem Gedanken an seinen Tod, son­dern zusätzlich die landläufige Täuschung an ihm geschieht, die ihm die bewußte Phase der Vorbereitung auf das Sterben nimmt. Was dabei verloren geht, ist das Abschiednehmen des Menschen vom Dasein und den Mitmenschen. Man macht es sich heute an diesem Punkt leichter, als man es sich in der Menschheitsgeschichte je gemacht hat.

In früheren Zeiten bat man Gott um Bewahrung vor dem „jähen Tod“, der eine bewußte Erfahrung des Sterbens verhindert wie auch die notwendige Reflexion darüber, was denn am Ende herausgekommen sei, was man noch in Ordnung bringen könne und womit man beste­hen könne vor sich selbst und der letzten Instanz.

Heute bittet man allenfalls um einen schnellen, schmerzlosen Tod, einen Tod, der nicht ins Bewußtsein tritt; man regrediert in den Wunsch nach bloßem Einschlafen. Die ernsthaftere Huma­nität lag bei unseren Voreltern, die den Abschied wünschten, die Einsicht, das Schuld­bekenntnis und den Segen. Ich persön­lich möchte es mir in aller Form verbeten haben, daß mich je ein Arzt um den bewußten Abschied bringen sollte.

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Ein Letztes: Für einen Christen ist das Sterben ein eminent wichtiger Schritt über die Grenze des hiesigen Daseins hinaus in eine Daseinsform, die uns unvertraut ist, die neue Wege öff­net, neue Aufgaben stellt, ohne daß wir im Detail irgendeine konkrete Information über das Was und das Wie besäßen. Be­gegnung mit Gott, Gericht, Erlösung, Reich Gottes sind Stich­worte, die an der Stelle von Symbolen stehen, und es liegt nicht viel daran, wie konkret, wie diffe­renziert oder wie kindlich wir uns das eine oder andere ausmalen mögen.

Es geht nicht, wie es heute leicht gesehen wird, um Spekulatio­nen anhand von allerlei empi­rischen und verschieden deutba­ren postmortalen Erfahrungen, sondern um eine Grundeinstel­lung zum Dasein als Rahmen für eine Sicht des Todes, die vom Weiter-Gehen, vom Weiter-Erfahren, vom Weiter-Sein weiß. Es geht darum auch nicht um den Widerstand gegen den Tod und nicht um seine „Bewältigung“ – was gäbe es da auch zu be­wältigen? – sondern um Bejahung, um Einwilligung, um den Blick durch die Wand des augenscheinlichen Endes hin­durch auf einen danach folgenden Weg, auf den der Sterbende sich be­gibt. Und es geht für die Umstehenden um das, was wir Empa­thie nennen, das beteiligte Eingehen in die Zone, in der ein ande­rer leidet und sich ängstigt.

Man übt seinen eigenen Tod noch immer am besten dadurch ein, daß man ihn bedenkt, indem man einen anderen, einen Sterbenden, begleitet. Denn der Tod hat nicht nur mit dem Schreck­lichen zu tun, sondern auch mit Hingabe, mit Barmher­zigkeit, mit verläßlicher Liebe und mit einem stellvertretenden Glauben, der dem anderen beisteht, wenn er auf die andere Seite des Lebens hinübergehen soll.

Denn das alles, auch der Vorblick auf das folgende Dasein, nimmt dem Tod nicht seine Rätselhaftigkeit und nicht seine Schwere, und nur, wer nichts liebt, wird ohne das Elend des hilf­losen Mitleidens auskommen. Er ist kein Anlaß zu Heroismus oder Verzweiflung. Er ist Durchgang, Übergang, Stelle des Rückblicks und der Bereitschaft für das Neue. Seine uns abge­kehrte Rückseite ist das Leben. Er findet in derselben Gegen­wart Gottes statt wie alles, was zuvor gewesen ist und was ihm folgt. Und entscheidend wird sein, ob, was uns jenseits der To­desschwelle begegnet, sozusagen ein Gesicht hat: Das Gesicht des Christus, das für den Christen schon während dieses Le­bens die uns zugewandte Seite Gottes gezeigt hat. Aber davon zu reden, geht über den Sinn eines solchen Geleitworts hinaus.

Ich wünsche mir jedenfalls, daß die Stimmen, die in diesem Buch zu Wort kommen, beim Leser zu Nachdenklichkeit und Wachheit den Mut stärken und ihn befähigen, seine eigene, seine persönliche Antwort zu geben.

Quelle: Rolf Winau/Hans Peter Rosemeier (Hrsg.), Tod und Sterben, Berlin-New York: Walter de Gruyter, 1984, S. VII-XII.

Hier der Text als pdf.

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