Bischof Meisers Antwortschreiben an Karl Steinbauer in Sachen Treueeid auf Hitler von 1938: „Nun wird es in Bezug auf die Entscheidung wichtiger Fragen immer sach­liche Unterschiede geben und keine Kirchenlei­tung, wenigstens keine evangelische, wird für sich Infallibilität in Anspruch nehmen. Aber sie darf für sich bean­spruchen, dass ihr nicht ohne weiteres Mangel an Glaubenszuversicht oder Abweichen vom Bekenntnis vorgeworfen wer­den kann, wenn sie in ihren sachlichen Entscheidungen von dem Urteil Einzelner oder eines Teiles der Pfarrer abweicht.“

Der Landesbischof
der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern r.d.Rhs

*

München, Arcisstraße 13, Fernruf 52002

Nr. LB 810.                                                                           München, den 28. Juli 1938.

Herrn
Pfarrer Karl Steinbauer,
Pfarrverweser

Ay – Senden.

Sehr geehrter Herr Kollege!

Den Empfang Ihres Schreibems vom 23. Juni d.Js. bestä­tigend, will ich Sie wissen lassen, daß ich gerne Ihre Ver­sicherung entgegennehme, daß es Ihnen leid ist, wenn Sie manchmal in unmanierlicher Form gesagt haben, was zu sa­gen Sie sich gedrungen fühlten. Mir hat diese „unmanier­liche“ Form oft weh getan, und nur die Überzeugung, daß Sie es mit Ihren Aus­führungen immer ernst und ehrlich mein­ten, ließen mich die Bitterkeit überwinden, die mich jedesmal ergriff, wenn Sie so ungezügelt einherfuhren. Ich darf mich zu Ihnen versehen, daß Sie sich in Zukunft fester in Zucht nehmen; denn was Sie sachlich zu sagen haben, kann nur entwertet werden, wenn es in einer Form geschieht, die Sie bei ruhiger Überlegung selbst nicht billigen können.

Was die Sache selbst anlangt, so schreiben Sie, daß Sie sich in dieser Beziehung nicht ent­schuldigen wollen. Nun wird es in Bezug auf die Entscheidung wichtiger Fragen immer sach­liche Unterschiede geben und keine Kirchenlei­tung, wenigstens keine evangelische, wird für sich Infallibilität in Anspruch nehmen. Aber sie darf für sich bean­spruchen, daß ihr nicht ohne weiteres Mangel an Glaubenszuversicht oder Abweichen vom Bekenntnis vorgeworfen wer­den kann, wenn sie in ihren sachlichen Entscheidungen von dem Urteil Einzelner oder eines Teiles der Pfarrer abweicht.

Daß eine Sache theologisch richtig sein kann und doch nicht vollziehbar ist, hat auch Luther erfahren, auf den Sie mich in Ihrem Schreiben so nachdrücklich verweisen. Denn wenn er für die evangelische Kirche ein Kirchenregiment hätte einrichten können, so wie er es für theolo­gisch richtig hielt, hätte er ganz gewiß nicht zu der Notlösung des landesherrlichen Summ­episcopats gegriffen, und auch den Aufbau der Gemeinde dachte er sich anders, als er ihn tat­sächlich durchführen konnte, weil er eben die Deute noch nicht hatte, die mit Ernst Christen sein wollten.

Zwischen dem, was wir als letztes Ziel erstreben müssen, und der Wirklichkeit klafft oft ein Unterschied und niemand wird öfter und schmerzlicher immer wieder an die Grenzen erinnert, die unserem kirchlichen Handeln gesteckt sind als eine Kirchenleitung. Daß dieses kirchliche Handeln in unseren Tagen aus Ängstlichkeit erfolgt und dadurch zum Fehlhandeln wird, em­pfinde ich mit Ihnen schmerzlich genug, und daß mehr Sieghaftigkeit des Glaubens unserem Handeln oft eine ganz andere Richtung und einen ganz anderen Nachdruck verliehe, weiß ich-wohl. Aber es gibt genug Entscheidungen, die wie Mangel an Glauben aussehen und es doch nicht sind. Schon oft war ich veranlaßt, wenn mir viel Unruhe und Sorglichkeit bei Pfarrern oder Gemeinden begeg­nete, warum dieses oder jenes nicht geschehen sei, zu fragen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Es gibt eine kirchliche Aktivität, die Gott selbst schier keinen Raum mehr für sein Handeln läßt und die kaum mehr mit der Tatsache des 3. Glaubensartikels rechnet, der von dem heiligen Geist zeugt, der wirkt wo und wann er will. Aber gleichviel, ob unser Glaube sich in aktivem Handeln wagender Tat oder in hoffendem Zuwarten erweist, darin stimme ich Ihnen bei, daß es unser tägliches Ge­bet sein muß, daß all unser Verhalten aus Glauben erfolgt und des Glaubens Mächtigkeit erweist. Daß wir in die­sem Punkt alle bis an unser Lebensende viel zu lernen haben, wird niemand leug­nen wollen. Aber, daß wir einander auch zu schonen haben, um nicht in falscher Weise gegenseitig zu Richtern unseres Glaubens zu werden, muß ebenso klar sein.

Für das Büchlein mit Luthers Briefen von der Coburg, das Sie mir mit einer Widmung ge­schickt haben, danke ich Ihnen vielmals. Ich will es mit in den Urlaub nehmen und hoffe, daß mir Gott dort soviel ruhige Zeit schenkt, daß ich es mit Besinnlichkeit lesen kann. Für die Zu­sage Ihres fürbittenden Gedenkens herzlich dankend, grüße ich Sie als

Ihr H. Meiser

Quelle: Karl Steinbauer, Einander das Zeugnis gönnen, Bd. 3, Erlangen 1985, S. 167-169.

Hier der Brief als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s