Hans Joachim Iwands Predigt über Matthäus 12,43-45 von 1952: „Unglückselige Götter sind wir geworden, wir haben den Trennungsstrich nicht beachtet, den Gott zwischen sich und uns gezogen hat.“

Predigt über Matthäus 12,43-45

Von Hans Joachim Iwand

Wenn der unsaubere Geist von dem Menschen ausgefahren ist, so durchwandelt er dürre Stätten, sucht Ruhe, und findet sie nicht. Da spricht er denn: Ich will wieder umkehren in mein Haus, dar­aus ich gegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er’s leer, ge­kehrt und geschmückt. So geht er hin und nimmt zu sich sieben andere Geister, die ärger sind denn er selbst; und wenn sie hinein­kommen, wohnen sie allda; und es wird mit demselben Menschen hernach ärger, denn es zuvor war. Also wird’s auch diesem argen Geschlecht gehen.

Ganz gewiß werden einige unter Ihnen erstaunt sein, daß wir gerade diesen Text an diesem besonderen Tage, an dem Sie als die Ältesten der Gemeinde ihr Amt antreten, gewählt haben. Aber wenn ich ganz offen sein darf: es ist ein Text, der mir seit langem nachgeht, der mir nachgeht, wenn ich so manches sehe und erfahre, was heute in Deutschland — in diesem wunderbar von dem fast gewissen Untergang geretteten Deutschland und auch in unseren Kirchen, in diesen trotz aller unserer Untreue neu begnadeten und zum Dienst am Evangelium gerufenen Kirchen, geschieht. Und neben einem Wort wie dem eben gehörten stehen dann noch einige an­dere Mahnungen, die mir nicht aus dem Sinn wollen, wenn auch viele unter uns meinen, man könnte nunmehr den Blick davon ab­wenden und sich den besseren und optimi­stischeren Bildern der Zu­kunft zuwenden. Ich denke etwa an ein Wort wie das aus dem Pro­pheten Jesaja: «In dem allen läßt sein Zorn nicht ab; seine Hand ist noch ausgestreckt» oder an das andere: «Wehe denen, die bei sich selbst weise sind und halten sich selbst für klug». Denn es könnte einem schon bange werden, wenn man sieht, wie wiederum Sicherheit und Vermessenheit bei uns aufkommen, wie wenn das alte Unkraut in den Ruinen durch den Schutt der Trümmer wächst. Es könnte einen bis an den Rand der Verzweiflung führen, wenn man sieht, wie unbesorgt die Menschen, aber auch die Christen und die Theologen unter ihnen den neuen Wein in die alten Schläuche zu füllen bestrebt sind, ganz genauso wie das die Generation nach den Freiheitskriegen vor einem Jahrhundert auch getan hat. Und zwar auch damals in gleicher Weise in Staat und Kirche, in der Restau­ration von Ordnungen und Begrif­fen, die in Wahrheit verdient hätten, zerbrochen und durch andere, bessere ersetzt zu werden.

Aber dasjenige, was vielleicht ernsthafte Bedenken diesem Worte Jesu gegenüber rechtferti­gen könnte, ist doch noch etwas anderes: daß nämlich in ihnen ganz und gar das Evangelium zu fehlen scheint, daß es nur ein Wort der Sorge oder vielleicht sogar der Drohung ist, ja, man könnte es vielleicht auch dahin verstehen, daß Jesus hier die Unvermeidlichkeit des Unter­gangs ankündigt, zu­mal, wenn wir beachten, in welchem Zusammenhänge es uns begeg­net. Denn eben hat er einen Menschen geheilt, einen Besessenen, und diese seine Tat hat höchste Bewegung ausgelöst im Volk. Sie ahnen an diesem seinem Tun, daß hier die Verheißungen der Got­tesherrschaft, die am davidischen Stamme hingen, in Erfüllung ge­hen. Sie ahnen etwas davon, daß der Herr aller Herren und der König aller Könige mitten unter sie getreten ist, daß es von dieser Gottesherrschaft heißen darf: Heute und Jetzt! Heute ist euch das Heil widerfah­ren. Sie erleben das Wunder, daß dieser Jesus von Nazareth es vermag, den bösen Geist aus­zutreiben und den Men­schen zu retten. Denn wenn wir, die wir eben keine Macht über die unsauberen Geister besitzen, den Kampf mit diesen aufnehmen, wenn wir uns einlassen in den sogenannten Streit der Ideologien und dann unsere Staatsmänner und unsere Journalisten und wohl auch unsere Militärs das Beste tun, was sie vermögen, um das Ein­dringen eines bösen, unsauberen Geistes zu verhindern, dann zeigt meist ein Totenfeld, ein Feld von erschlagenen Leichnamen und gebrochenen Herzen das Werk an, das wir fertig gebracht haben. Und dann wundern wir uns noch, wenn aus diesen Stätten des To­des, aus dieser Hölle, aus dieser Tiefe des Nichts — der «Dürre» und Unfruchtbarkeit, wie unser Text sagt — neue, wilde und ver­mehrte Geister aufstehen, die nur darauf gewartet haben, daß Ord­nung und Sauberkeit wie­derhergestellt sind, um ihr Werk der Zer­störung gewaltiger und schrecklicher tun zu können.

Darum bewegt sich etwas in dem Volk, als sie sehen, wie Jesus rettet und wie er den Men­schen von dem Dämon, der ihn besessen machte, reinigt. Das Volk ahnt etwas von dem un­begreiflichen Wunder der Königsherrschaft Gottes, das in Jesus Christus seit den Tagen seiner Geburt und seiner Auferstehung unter uns mäch­tig ist. Er ist wahrhaftig der, auf welchen alle Verheißungen der Davidsohnschaft übergegangen sind: denn die Herrschaft liegt auf seiner Schulter. Er heißt: Wunderbar, Rat, Kraft, Ewig-Vater, Friedefürst.

Aber da gibt es noch etwas anderes, unser Text nennt sie die Pha­risäer — das sind die From­men, die von solcher Besessenheit we­nig wissen —, und die Schriftgelehrten, das sind die Theologen, die am allerschwersten zu glauben vermögen, daß es solch ein Heute und Jetzt für die von ihnen gelehrte, aber offenbar nicht heiß er­sehnte Gottesherrschaft gibt. Sie gleichen den Menschen, die den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen vermögen und die nun, als das Wunder einer solchen Errettung vor ihren Augen geschieht, nichts anderes zu sagen wissen, als daß eben der Teufel und nicht Gott hier seine Hand im Spiele haben müßte. Meine Freun­de, ich sage das nicht, um den Theologen oder den treuen und rechtschaf­fenen Gliedern der Gemeinde etwas anzuhängen, aber wenn ich solch einen Text lese — und dieses Motiv geht ja durch das ganze Neue Testament und führt schließlich zum Kreuz —, dann geht es mir immer wieder so wie den Jüngern beim letzten Mahl. Man fragt sich unwillkürlich: Herr, bin ichs? Hat mich etwa meine Theologie, meine Lehre, die von uns und unseren Vätern vertretene Dogmatik so blind gemacht, daß auch ich Jesus nicht mehr sehe, daß auch ich nichts davon sehe und glaube, daß, wo immer Teufel ausgetrieben werden, der Einbruch Gottes in unsere Welt erfolgt ist und der Satan seine Beute freigeben muß. Gerade wenn und wo etwas ge­schieht, wenn und wo der Name Jesu nicht mehr ein leeres Wort bleibt, sondern die Kraft des Heiligen Geistes sichtbar wird in der Rettung des Menschen aus seiner furchtbaren Besessen­heit, ist die Gefahr für uns so groß, für die Theologen und Kirchenmänner, für die, welche als Älteste und tonangebende Glieder in der Ge­meinde wirken. Die Gefahr, meine ich, daß die Sehenden über die­sem hellen, wunderbaren Licht, das da aufflammt, blind werden, während die Blinden sehend werden. Und gibt es denn etwas Schlimmeres, Schrecklicheres und Bekla­genswerteres, als wenn das geschieht: wenn die Leute, die das Amt und das Wissen, die rechte Lehre und das rechte Bekenntnis für sich haben, sich an der Gegen­wart Jesu, an seinem Heute und Hier, stoßen: wenn für sie der Tag Jahves finster und nicht licht ist. Wenn es dann bei uns so zu­geht wie in Chorazim und Bethsaida. Denn wer sagt uns denn, daß es nicht auch über uns stehen könnte, über diesem auf sich selbst vertrauenden, sich als den unentbehrlichen Schnittpunkt der Wege Gottes brüstenden christlichen Abendlande, was wir hier lesen: daß die Leute von Ninive auftreten werden im Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und es verdammen werden; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr denn Jona.

Und seht, meine Freunde, eben in diesem einen kleinen Satz liegt das ganze weite und reiche Evangelium. Das ist das Hier der gro­ßen Freude. Da ist es so gesagt und gemeint, daß wir es mit un­seren Händen greifen könnten, daß wir nicht in den Himmel unse­rer Phantasien em­porzusteigen oder in den Abgrund unserer Ängste zu stürzen brauchen; sondern ganz nahe, mitten unter uns, mensch­lich und rührend in seiner Einfalt steht es vor uns: «wenn der un­saubere Geist von dem Menschen ausgefahren ist». Das ist das Evangelium, das ist seine ech­te, mitten unter uns sich begebende Realität. Und wenn wir das Herz auf dem rechten Fleck hätten, zumal eben dieses unser so schwer angefochtenes Geschlecht, dann würden wir jetzt erst einmal alle stille werden und einen Blick zu­rücktun in jene Zeit, da eben dieser unsaubere Geist mit seiner gan­zen Furchtbarkeit unter uns hauste und würden vielleicht auch ein­mal an jene Gebete und Gelübde denken, die wir taten, als wir in seinem Gefängnis schmachteten und ahnen, daß wir seine Beute werden sollten. Und wo dies nicht so allgemein und so offen­sichtlich gilt, wie von jener Zeit, da wird jeder unter uns ein besonderes Lied zu singen wis­sen, ein tiefes, tränenreiches Klagelied von den einschneidenden Ketten, an die jeder gelegt ist, der die Leiden­schaften und die Schwachheiten seines Todesleibes zu schmecken be­kommt. Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. Aber eben dies: daß der unsaubere Geist weichen muß, daß er abgedrängt ist ins Nichts, dahin, wohin er gehört, da wo er selbst umkommt, weil er keinen Saft und kein Leben findet, aus dem er trinken kann, daß er abge­drängt ist aus allem, wo immer Menschen leben und wirken, nicht nur aus dem religiösen, sondern ebenso aus dem politischen aus dem wirtschaftlichen und sozialen Leben, daß reiner Tisch ge­macht ist mit dieser ganzen Dämonologie, die zu Ende geht, wenn Gottes Reich seine Macht unter uns aufrichtet — ich meine also, dieses Ende und dieser Anfang, das ist Jesus. Wo Er mitten unter uns tritt, mögen wir noch so schwach und elend, angefochten und zer­schunden sein, da dürfen wir unser Angesicht Gott und dem Teufel den Rücken zukehren. Da ist der Tage nahe herbeigekom­men und die Nacht im Sinken. Das sollte man nicht Schwär­merei nennen, denn was heißt denn sonst Umkehr, wenn nicht dies! Und wer der Umkehr den Vorwurf der Schwärmerei macht, der möge sich hüten, daß er damit nicht etwas redet wider den Heiligen Geist!

Nun — jedenfalls — das ist Jesus, und das ist die Frucht seiner Botschaft: ein Mensch, der frei geworden ist, geistig, aus dem Banne geistiger Nacht und Knechtschaft frei geworden ist. Ein Mensch, der wieder glauben und hoffen, der wieder lieben und der seine Schuld bekennen kann, ein neuer Mensch, ein Mensch, wie er ohne Jesus und seine Gegenwart nie über die Erde ging. Ein Mensch, der sich nicht mehr schämt, daß er ein Mensch ist, der irren und feh­len muß, der blüht in seiner Jugend wie des Grases Blume in hinreißen­der Schönheit und Fülle und der dann doch, wenn der Schnitter Tod seine Sense erklingen läßt, wie das Gras verdorrt und ver­welkt. Ein Mensch, der unter dem Gesetz alles vergänglichen Lebens steht — und doch ein Mensch Gottes ist, ein Mensch, an den Gott gedacht hat, um den er gebangt hat, den er zu befreien gekommen ist. Luther hat einmal ein gutes Wort über dieses Menschsein der Erlösten gesagt. Er geht davon aus, daß wir alle keine wahren Menschen sind, sondern mehr sein möchten, Übermenschen, Götter. Unglückselige Götter sind wir geworden, wir haben den Trennungs­strich nicht beachtet, den Gott zwischen sich und uns gezogen hat. Und darum, so fährt Luther fort, mußte Gott Mensch werden, um uns wieder zu wahren Menschen zu machen, das heißt zu solchen, die wissen, daß sie Gott nötig haben, seine Gnade und seine Ver­gebung.

Überall wo Jesus uns von unserer Besessenheit frei macht, werden wir das erfahren. Auf einmal befinden wir uns mitten drin in un­serer wahren, schmerzlichen, aber eben doch ganz und gar nicht hoffnungslosen Menschlichkeit. Wir sehen, wer wir sind, und wir bekennen vor Gott und den Menschen, wer wir sind. Wir können wieder zusammen leben, denn wir nehmen den anderen Menschen als eine Gabe und Aufgabe aus Gottes Hand. Und wir wissen, daß wir Gott brauchen, sein Wort ist das Licht auf unserem Wege und seine Kraft ist in unserer Schwachheit mächtig. Die Besessenheit aber ist gerade das andere, das Mehr-sein-Wollen, jene schlimme und furchtbare Einsamkeit, die den anderen verdrängt oder ihn meidet. So ist der eine besessen von seiner Ruhmsucht und der andere von dem, was er seine Sendung nennt, der dritte vielleicht von dem, was Jesus den Mammon nennt, und der vierte sogar von sei­ner eigenen Frömmigkeit und seiner Konfession. Es gibt auch das und dies ist oftmals das Schlimmste von allem, denn gerade hier, in der Gemeinde Jesu Christi, bei denen, die seinen Namen anrufen, hoffen wir doch immer wieder den befreiten, den erlösten, den wah­ren Menschen zu finden.

Jesus nennt diese Besessenheit mit einem einzigen, zusammenfas­senden Namen: den unsau­beren Geist. Wenn er sagt, daß er aus dem Menschen ausfährt, dann sagt er damit etwas uner­hört Tröst­liches: daß dieser Geist etwas Fremdes, nicht in uns Wurzelndes, nicht zu unserem Wesen Gehöriges sei. Manchmal fürchten wir das. Wir fürchten das, weil alle diese Unsauber­keiten aus unserem In­neren kommen und weil wir nur zu gut wissen, wieviel wir davon durch unseren äußeren Wandel verdecken, ohne daß wir es ganz loswerden. Aber Jesus unterschei­det zwischen dem Menschen und dem unsauberen Geist. Er haust in uns wie etwas Fremdes, Böses, nicht in unser Herz und in unser Inneres Hingehöriges. Und Jesus unterscheidet darum zwischen dem Menschen und diesem unsaube­ren Geist, weil er die Liebe Gottes ist. Das ist ja gerade diese Liebe, daß sie zu uns sagt: das bist du nicht! Daß sie sich zwischen uns und die­sen bösen Geist stellt und wir ihr und ihrem Urteil glauben dürfen. Aus dieser Liebe, die uns selbst widerfahren ist, könnten und sollten wir auch die anderen Menschen lieben lernen, wir soll­ten ihnen dasselbe tun, was Gott uns tut, indem er eine Wand auf­richtet zwischen dem unsauberen Geist und dem wahren, von Gott geliebten und geretteten Menschen, der wir sind. Eben dies ist es, was die Bibel Heiligung nennt, daß uns Gott einbezieht in seinen geschützten und gesicherten Bezirk, in den Bezirk seines Heiligen Geistes, in den der unsaubere Geist nicht einzubrechen vermag. Und eine Gemeinde ist eigentlich der Zusammenschluß solcher wah­ren, schwachen, aber erlösten und geretteten Menschen, für die der unsaubere Geist etwas Fremdes, gewiß etwas Bedrohliches, aber eben doch von außen her Bedrohliches ist. Gott hat das getan, was wir alle aus eigener Kraft nicht zu tun vermögen: er hat alle unsere Sünden hinter uns geworfen, er hat uns abgewaschen und ganz neu gemacht, er hat unser Leben vom Verderben erlöst und uns ge­krönt mit Gnade und Barmherzigkeit. Eigentlich sollten wir an uns allen immer diese Krone sehen, die wir von Gott her auf dem Haupte tragen: die Krone der Barmherzigkeit, an der wir alle er­kennbar sind als Kinder des Vaters eben dieser großen und wun­derbaren Barmherzigkeit.

Aber es kann nicht ausbleiben, daß wir in dieser Stunde und an dieser Stätte, die so viele furchtbare Erinnerungen für uns alle birgt, unseren Blick von Jesus aus richten auf den unsau­beren Geist, den wir als Volk in dieser besonderen Periode unserer Geschichte er­fahren haben. Schon damals haben wir gewußt, was es bedeutet, in der Gemeinde Jesu, in dieser ihn beken­nenden und sich zu ihm flüchtenden Gemeinde geborgen zu sein. Laßt mich ein Dreifaches nennen, was uns gewiß heute alle noch bewegt: da war zunächst und zuerst jener Geist, der in Volk und Kirche eine mörderische Feindschaft stiften wollte zwischen uns als Deutschen und dem Volke Israel. Heute wissen wir es, daß dieser Geist lange zuvor unter uns herangewach­sen und gereift war, in Gesten und Worten, Schriften und Redewendungen, denen unsere Väter und Großväter noch kaum ernsthafte Bedeutung zugemessen haben. Aber uns war es dann bestimmt, seine Macht, seine furchtbare Unsauberkeit zu erleben und Werkzeuge, schul­dige und häßliche Werkzeuge dieses Geistes zu werden. Wir bemühen uns heute, im einzelnen wie im Ganzen darüber wegzukommen, aber immer, wenn man an diese Sache rührt, zeigt sich eben dann doch, daß dies keine so einfache Sache ist, wie unsere Umerzieher glauben. Gerade hier sollten wir an Jesus denken. Er ist nicht zufällig aus Davids Stamm. Das Heil, eben dieses den Menschen befreiende, ihn mit Gnade und Barm­herzigkeit krönende Heil kommt nicht zufällig von den Juden. Und auch diese sollten sich seiner erinnern, denn sie sind eigentlich nur um seinetwillen auf der Erde, und alle ihre Leiden sind eben doch Leiden, von denen einmal offenbar werden wird, daß sie hin­eingehören in die Geschichte Gottes mit unserer großen, wildbeweg­ten Heidenwelt. Und wenn wir heute hier zusammen sind, um die Ältesten dieser Gemeinde einzuführen, dann wird es zu den vor­nehmsten und wichtigsten Aufgaben gehören, darüber zu wachen, daß jener unsaubere Geist nicht wiederkehrt.

Aber laßt mich daneben noch ein Zweites nennen, wogegen wir alle bis heute mit unserer schwachen Kraft angehen: ich meine den politischen Fanatismus. Er tritt dann und da auf, wo unser ganzes gesellschaftliches Leben in das berüchtigte Freund-Feind-Verhältnis verwandelt und umgedeutet wird. Dann ist es so, als ob wir nicht anders zueinander stehen könnten als Kain und Abel und nur die Gewalt des Staates uns noch zügelt, daß nicht alles Leben in dieser furchtbaren Feindschaft, in dem unsauberen Geist des Brudermor­des, untergeht. Es ist dies gewiß keine Übertreibung, wir haben je­denfalls etwas davon geahnt, daß es so etwas geben kann wie einen totalen Untergang und daß eben dieser unsaubere Geist ein Men­schenmörder ist von Anbeginn, wie die Bibel sagt. Die ganze Menschheit in Ost und West windet sich ja geradezu in tiefen und schweren Qualen unter der Umklammerung dieses Geistes des Has­ses und der Furcht. Und alles, was wir das öffentliche Leben nen­nen, unsere Zeitungen und die über den Äther gehenden Reden, aber auch das Denken und die Erziehung sind von diesem Geist immer noch befallen wie von einer furchtbaren Epidemie. Es gab vielleicht einmal ein paar Augenblicke, in denen wir aufatmeten und glaubten, nun sei auch dieser böse Geist von uns gewichen, wo wir uns auf einmal als Menschen entdeckten — eben in den Stunden der tiefsten Angefochtenheit, eben da, wenn uns deutlich wurde, daß wir nicht die Richter, son­dern die aus Gnaden gerechtfertigten Sünder sind, aber dann kehrte diese Nebelwolke zurück und wir atmeten wieder ihr Gift ein. Auch hier dürfen wir auf Jesus hören und vertrauen. Dieser Geist kommt nicht aus dem Menschen, son­dern er kommt von draußen, aus jenen «dürren Stätten» des Nichts, wir brauchten nicht seine Sprecher und seine Werkzeuge zu sein. Als die erlösten und befreiten Kinder des barmherzigen Gottes werden wir eine andere Spra­che reden als die, die in dem anderen Menschenbruder den Feind sieht. Wir werden nie und nimmer glauben, daß es einen unsauberen Geist geben könnte, der nicht durch die Kraft Jesu ausfahren und die von ihm Besessenen, auch und gerade die politisch Besessenen freigeben müßte. Wir werden nie und nimmer glauben, daß die Stätten politischer Entschließun­gen Stätten solcher Besessenheit sein müßten, und wir, die Gemeinde dieses Herrn, werden mitten in der Welt ein Zeichen aufzurichten haben, daß auch da, wo die praktischen Lebensfragen der Völker und die Verschiedenheiten ihrer Ideen zur Debatte stehen, der un­saubere Geist nicht Herr im Hause ist. Wir werden darüber zu wachen haben, daß nicht wieder mit irgend­welchen pfiffigen und knifflichen theologischen Formeln eine Hintertür für diesen un­sauberen Geist aufgetan wird, als hätte er ein Recht, hätte gerade innerhalb der Politik ein Recht, die Menschen zu Besessenen zu machen. Und auch in dieser Sache werden die Ältesten unserer Gemeinden die Sprecher dieses unseres Glaubens und Zeugnisses vor der Welt sein müssen. Es ist eine große Hoffnung mitten unter uns aufgebrochen, und wir haben von dieser Sache vor den Mäch­tigen und Gewaltigen Rechenschaft abzulegen, damit sie nicht wie­derum aus Hoffnungslosigkeit sich den Mächten der Tiefe überlas­sen.

Und ein Drittes: die Lüge. Wir werden nicht vergessen, und je­der Gottesdienst, in dem wir uns versammeln, erinnert uns daran, daß die Macht, mit der Jesus den unsauberen Geist vertreibt, das Wort ist. Die Lüge wurzelt in dem Unglauben an diese Kraft des Wortes. Mag unser evan­gelischer Gottesdienst heute vielen arm und kahl erscheinen, hinter dieser Armut steht doch ein wunderbares und großes Bekenntnis, eben dies, das wir der Reformation ver­danken: Das Wort, nichts als das Wort!

Was das Wort bedeutet, wenn es rein und unverfälscht aus Gott kommt, könnten wir gerade an Jesus erkennen. Vor ihm weichen die unsauberen Geister. Was es bedeutet, unter dem Wort zu leben, bezeugt die seltsame Geschichte, die in der Bibel aufgezeichnet ist und in deren Fortgang wir bis heute als Gemeinde Jesu leben. Wir leben von dem Wort. Wer nicht von ihm lebt, der weiß gar nicht, was das Wort der Wahrheit und der Treue Gottes bedeutet. Er hört es vielleicht, aber er getraut sich nicht, sich daran zu halten. So versinken wir dann wegen unseres Unglaubens an das Wort in all jene Dunkelheiten des Lebens, die wir mit Lügen zudecken. Darum mahnt uns die Heilige Schrift immer wieder, die Lüge abzulegen und es mit der Wahrheit zu wagen, in allen unseren Lebenszügen, nicht nur in dem persönlichen, im Leben von Mensch zu Mensch, nicht nur da, wo man noch damit rechnet, daß wir aufrich­tig sind, sondern auch da, wo man schon ganz den Glauben an das Wort verloren hat, in dem, was wir drucken und gedruckt lesen, in der Lenkung und Gestaltung der öffentlichen Mei­nung. Was ist zum Beispiel alles in den letzten Jahren gesagt worden, um uns lang­sam, aber sicher aus der Entwaffnung in die Wiederbewaffnung hin­einzumanövrieren! Wieviel wurde da verdeckt und wieviel schöne Worte wurden da über eine sehr beängstigende und gefahr­volle Sa­che gebreitet! Dürfen wir wirklich sagen: Das Volk will belogen werden? Darf so in der christlichen Gemeinde gedacht oder gehan­delt werden? Sollten nicht ihre Wächter auch dafür einstehen, daß das Volk unter den klaren Sachverhalt der Wahrheit kommt? Nicht nur der Wahrheit, die von Gott ist, sondern auch der anderen, die wir Wirklichkeit nennen. Dann erst wird das Wort wieder gelten, und jener unsaubere Geist, der es benutzt, um die Unwirk­lichkeit, die Träume und eitlen Wünsche damit zu bemänteln, wird ausfahren müssen.

Man könnte gewiß noch manches über die Verzweigtheit dieses unsauberen Geistes und sei­ner sieben Helfershelfer sagen. Aber es mag genug sein. Gegen die Rückkehr und das Wieder­machtgewinnen dieses Geistes sollten wir wachsam sein. Ihn sollten wir mehr fürchten als alles andere. Denn seiner Rückkehr alle Wege zu verriegeln, das erst heißt wahrhaft dankbar sein für die Errettung, die uns zuteil geworden ist.

Jesus sagt, wenn der Geist zurückkommt, findet er das Haus, aus dem er zuvor weichen muß­te, «leer, gekehrt und geschmückt». Es ist Ordnung geschaffen, die Spuren der Verwüstung sind be­seitigt. Aber es ist leer, und weil es leer ist, kommt er zurück. Und nun, meine Freun­de, werdet ihr begreifen, warum ich glaubte, die­sen Text heute wählen zu dürfen, um ihn Euch mitzugeben: wenn Jesus den Besessenen heilt, dann will er nicht, daß sein Inneres, das Ge­häuse seines Lebens, leer bleibt. Wenn es das bleibt, dann nützt das Ordnen und Schmücken sehr wenig. Sondern er selbst, und mit ihm und durch ihn der Geist Gottes will einziehen. Dann, wenn ihr der Tempel seines Geistes seid, wenn vor allem Ordnen und Schmücken, vor allem, was wir in Lehre und Kult tun, das eine Gebet steht:

Veni creator Spiritus!

werden wir ohne Furcht leben. Dann sind wir erfüllt von dem Geist des Lebens, der jenen un­sauberen Geist nicht nach Rückkehr gelüsten läßt. Aber wenn das fehlt, wenn das fehlt, was wir uns eben nicht geben können, Gott und sein Geist, der bei uns wohnen will, wenn wir ver­gessen, daß wir auf dem Wege von Ostern nach Pfingsten gehen, kräftig und sehnsüchtig vor­wärts gehen müssen, wenn wir uns damit begnügen, Ordnung zu machen, wenn wir uns damit aushelfen, unsere Gottesdienste schön zu gestalten, dann gilt die Weisung Jesu: Und es wird mit demselben Menschen ärger, denn es zuvor war. Also wirds auch diesem argen Geschlecht er­gehen.

Der Herr behüte uns vor allem Übel, der Herr behüte deine Seele!

Gehalten nach Ostern 1952 zur Einführung der neugewählten Presbyter in Dortmund.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, Mün­chen: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 195-205.

Hier die Predigt als pdf.

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