Gerhard von Rads Predigtmeditation zu Jeremia 29: „In diesem Aufruhr von ungläubiger Niedergeschlagenheit und ebenso ungläubiger Hoffnung atmet die Stimme des Pro­pheten einen Realismus und eine Nüchternheit“

Jeremiah_lamenting
Rembrandt – Jeremia beklagt die Zerstörung Jerusalems (1630)

Im Hinblick auf den alttestamentlichen Predigttext für den 21. Sonntag nach Trinitatis Jeremia 29,1.4-7.10-14 hier eine Predigtmeditation von Gerhard von Rad:

Predigtmeditation zu Jeremia 29,4-14

Von Gerhard von Rad

Der Brief Jeremias an die Exulantenschaft in Babylon — der erste seelsorgerliche Gemeinde­brief der Bibel — ist zwischen der ersten und zweiten Deportation geschrieben (597 und 586) und ist, wie die umständliche Einleitung zeigt, einer Gesandtschaft, die in irgendeiner Sache an den Großkönig abgeordnet war, mitgegeben worden. Der Text läßt ab V. 15 die großartige ge­dankliche Geschlossenheit seines Anfanges vermissen. Wahr­scheinlich ist der zweite Teil des Briefes nicht frei von Inter­polationen (vgl. Jer. 24,8—10; 25,4), V. 15 ist ein Torso, V. 16-20 fehlen in der LXX. So ist es zu rechtfertigen, wenn sich der Prediger auf die Ausle­gung von V. 3-14 beschränkt.

Zum Text: Das jeter in V. 1 „die übrigen …“ ist nicht klar; die Weglassung in der LXX aber eher eine nachträgliche Glät­tung. — In V. 7 ist vielleicht mit LXX statt ha‛ir („der Stadt“) ha’arez („des Landes“) zu lesen. In V. 12-14 ist der ehedem gewiß ebenmäßige Text sicht­lich in Unordnung geraten. Für das sehr verdächtige halaktem in V. 12 empfiehlt sich vom Tar­gum her ‛anitikem („will ich euch antworten“). Der Nach­satz von V. 13bβ steht in V. 14aα: „will ich mich von euch finden lassen“. Also vier Paare: rufen — antworten, beten — erhören, suchen — finden, fragen — sich finden lassen.

Der Brief läßt aufs deutlichste die innere Verfassung der Empfänger erkennen. Infolge der barbarischen Deportation aus allen gewohnten Verhältnissen gerissen, befanden sie sich einer­seits in einer Art Lähmung ihrer Umwelt und ihren näch­sten Aufgaben gegenüber; ande­rer­seits haben sie sich leiden­schaftlichen politischen Hoffnungen hingegeben: So konnte es nicht bleiben; jetzt stand wirklich die Ehre und Glaubwürdig­keit Gottes auf dem Spiel! Aber so groß der Spielraum ihrer seelischen Bewegungen war, — offenbar lag es ihnen ganz fern, die­se ihre Lage als eine Fügung Gottes zu verstehen.

In diesem Aufruhr von ungläubiger Niedergeschlagenheit und ebenso ungläubiger Hoffnung atmet die Stimme des Pro­pheten einen Realismus und eine Nüchternheit, die jeden Po­litiker beschämen könnte. Es geht dem Propheten darum, Men­schen, die von Schwermut gebannt in die Vergangenheit schau­ten, oder solche, die in aufgeregter Sensationsstimmung poli­tische, ja vielleicht apokalyptische Umwälzungen größten Stiles von der Zukunft erwarteten, zunächst einmal einfach und ganz unschwärmerisch an die Gegenwart zu verpflichten. Vor allem ande­ren steht das Gebot, sie als eine Fügung Gottes ernst zu nehmen. Es ist bedeutsam, wie akzen­tuiert dreimal in unserem Text die Deportation direkt als von Gott vollzogen (also nicht nur „zugelassen!“) erscheint: „die ich habe lassen wegführen“ (V. 4.7.14).

Behutsam, in deutlicher Steigerung, führt Jeremia seine Leser auf die Gültigkeit und die Dau­er dieser ihrer Gegenwart hin: Häuser sind im Orient schnell gebaut; Gärten anzulegen braucht schon mehr Zeit; aber Kinder zu verheiraten und an Enkel zu denken! Wie sachlich wird hier zu einfacher kultureller Tätig­keit aufgerufen gegen eine Schwärmerei, die glaubte, dieser Interimszustand verdiene gar nicht ernst genommen zu wer­den!

Aber es liegt noch viel mehr als die Verpflichtung an die von Gott gefügte Gegenwart in der prophetischen Mahnung. Zum erstenmal in der Geschichte des Volkes Gottes auf Erden war eine Gemeinde in die Fremdlingschaft der Welt hinausgestoßen und war somit in eine Lehre genommen, aus der auch die Ge­meinde Christi noch nicht entlassen ist. Bisher war das ganze gemeindliche wie individuelle Leben an den Kultus gebunden. Israel lebte auf heiligem Land, alle Lebensfunktionen geschahen im Schatten sakraler Zeichen und speisten sich aus sakralen Kräften, die von der kultischen Mitte des Tempels aus bis an die Grenze des Todes hin alle Lebensbereiche durchstrahlten. Aus diesen bewahrenden sakralen Ordnungen waren die De­portierten wie über Nacht herausgerissen. Sie lebten ja nur auf „unreiner Erde“ (1.Sam. 26,19; Am. 7,17; Hes. 9,1ff.), und die Schwere der damit gegebenen Frage können wir nicht über­schätzen. Von diesem Hintergrund aus sind die Weisungen Jeremias erstaunlich; enthalten sie doch eine Rechtfertigung des Weltlichen; sie wollen Mut machen zum Weltlichen. Alle Ein­zelweisungen Jeremias bekommen von da aus ihre spezifische Schärfe, um die der Prediger wissen muß. Auch der Passus von der Verheiratung der Kinder! Denn auch dafür mußte den De­portierten draußen erst das gute Gewissen, mußte eine Er­mächtigung, eine Ordnung gegeben werden. Die Sätze klingen freilich derart unromantisch, daß der moderne Leser das, was er unter Liebe und Ehe versteht, darin kaum noch wiedererkennen wird.

Von besonderem Gewicht ist der V. 7, der das Verhältnis der Gemeinde zu der sie tragenden Umwelt regelt. Diese Welt, die ihr gewiß nicht sehr freundlich gesonnen war, die aber doch auch wieder so große und andersartige Sorgen hatte, dieser sie tragenden Umwelt darf sich die Gemeinde nicht entziehen, sie schuldet ihr die Fürbitte. Das ist nicht „schon“ das Gebot der Feindesliebe, wie manche Ausleger rühmend gemeint haben. Hier geht es dem Propheten mehr um die Gemeinde, d.h. darum, daß sie das rechte Verhältnis zu ihrer großen Umwelt findet, daß sie mit an ihren Sorgen trägt und ihr solidarisch bleibt. Es hat Gott gefallen, auf Zeit das Wohl seiner Ge­meinde an das Wohl der großen Welt zu binden, und dafür, daß jene — freilich unwissend und in höherem Auftrag — die Gemeinde trägt, soll auch die Gemeinde für sie da sein. Ein weites Feld für den Prediger, dem die tödliche Gefahr jenes bösen, über­geistlichen Abseitsstehens der Gemeinde Christi aufliegt!

Mit alledem — so kann man doch sagen — spricht Jeremia gegen das Heimweh, d. h. das Heimweh ebenso nach rückwärts wie nach vorwärts, gegen jenes Ungenügen, jenes ur­mensch­liche Ausbrechenwollen, das sich so viele Gewänder umlegen kann. Jeremia setzt dieses Heimweh voraus, aber er facht es nicht zur großen Flamme an. Er sagt vielmehr: Baut Häuser, pflanzt Gärten! Darin besteht der große Unterschied zwischen ihm und den Träumern, deren Amt es immer war, dieses Heim­weh heilig zu sprechen und dann zu stillen. (Bezeich­nend ist das Hiphil maḥlemim, das zeigt, wie jene Träumer in einer Art von Beauftragung träu­men!)

Nun wird freilich der aufmerksame Hörer sich dagegen ge­schützt wissen wollen, daß ihm nicht mit alledem ein sehr un­geistiges und ungeistliches Banausentum gepredigt wird. Und mehr noch: Wird er damit nicht noch einmal auf die Straße gewiesen, auf der er früher oder später doch wieder von der Welt bis auf den letzten Heller ausgeplündert wird? Nun, von dem, was über die Häuser und Gärten hinausgeht, redet Jeremia in V. 10 f. Diese ganze Situa­tion des Bauens und Pflanzens und des Betens für Babel — so gültig sie jetzt ist — währt nur eine von Gott abgemessene Zeit. Die „70 Jahre“ wollen nicht als ein in der Geschichte vom Menschen zu errechnender Zeit­abschnitt, sondern als eine runde Zahl, ein ungefährer, länge­rer Zeitabschnitt, als „eine Periode der Weltgeschichte“ (Volz) verstanden sein. Jeremia gibt dem neubabylonischen Reich 70 Jahre. Es geht also gar nicht um die Vorhersage der Dauer des Exils. (Von wann ab Jeremia rechnet, ist unsicher; vielleicht von Nebukadnezars Regie­rungsantritt 605, vielleicht vom Fall Ninives ab, 612.) Die Zahl stimmt annähernd — Fall Babylons 538 —, braucht aber keineswegs ein vaticinium post eventum zu sein. Dafür ist sie wieder zu ungenau.

Darum also kann es sich Jeremia leisten, gegen das Heim­weh zu predigen, weil ja diese ganze Fremdlingschaft von Gott befristet ist. Sie ist wie in eine große Klammer gestellt, und vor der Klammer und darüber und ringsherum stehen Gottes väter­liche Heilsgedanken. „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe“ ist im Sinne von Jer. 1,12 auszulegen: Gott hat seine Heilsgedanken nicht vergessen, er wacht über seinem Wort auch da, wo alles dagegen zu sprechen scheint. Zu dem „guten Wort“ vgl. Jer. 24. Den Anbruch des Heils deutet Jere­mia in V.12 nur allgemein durch die beiden Nomina aḥarit („Ende“, hier wohl mehr im Sinne von „Zukunft“, vgl. Jer. 31,17; Spr. 23,18; 24,14; Ps.37,37) und tiqwah („Hoff­nung“) an, das all­gemein als ein Hendiadyoin genommen wird „hoffnungsreiche Zukunft“ (Giesebrecht); schö­ner und wohl ebenso richtig Luther. In V. 14 ist wieder so allgemein von „der Wendung“ die Rede, die Gott „wenden wird“. Der bei Jeremia beliebte Ausdruck šub šebut ist wohl nicht von sabah abzuleiten („Gefangenschaft“), sondern von šub und bedeutet „Wen­dung“. Wer will es entscheiden, ob der in V. 14 darauffolgende Passus „eine spätere Beischrift mit formalhaften Wendungen“ ist; „Jeremia schreibt in seinem Brief das Gegenteil für die Gegenwart“ (Volz)? Wahr ist, daß sein Trösten genau dem entgegengesetzt ergeht, wie Menschen sonst zu trösten pflegen: er beginnt eben nicht mit dem Hinweis auf das große Kom­mende, und er mahnt auch nicht, über das Gegenwärtige hin­wegzusehen. Erst zuletzt, nachdem er törichte menschliche Er­wartungen zerstört hat, spricht er von dem Heil, das Gott wirken wird. Schwerer wiegt das Bedenken, daß der Satz die Diaspora in der ganzen Welt vorauszusetzen scheint (Rudolph).

Sprachen wir von der penetranten Weltlichkeit, in die die Gemeinde wie für einen Interimszu­stand hinausgestoßen ist, so ist in dieser grundsätzlich kultlosen Existenz doch eines mög­lich: das Gebet. Und hier spricht Jeremia geradezu von einem ernsthaften Sichbemühen um Gott wie von einer Vorbedingung des Gottfindens, ja — nach der jetzigen Fassung des V. 14 — des Heils überhaupt.

Was wäre aus jener Exulantenschaft geworden ohne die Pro­pheten? Eine Zeit, die durch irgendwelchen Abbruch der Tradi­tion nicht mehr um verbindliche Aufträge weiß, kann von sich aus die rechten Normen selbst für das elementarste Handeln nicht finden. Hier aber, in Jeremias Brief ist jene Ermächtigung zu einfachstem Aufbauen, zu einem Leben, das trotz aller Weltlichkeit weder resigniert noch fanatisch gelebt werden muß, weil Gottes Heilsgedan­ken darüber stehen. Ist das nicht der Kem der ganzen Rechtfertigungslehre? (Die Kommentare verweisen mit Recht auch auf 1.Thess. 4,11f.; 2.Thess. 3,10ff.) — Über das Nachspiel, das der Brief hatte, erfährt man aus Jer. 29,24f. einiges.

Wiewohl ja grundsätzlich kein alttestamentliches Textwort ohne eine gewisse Brechung sei­nes Sinnes, ohne eine innere Metamorphose an die christliche Gemeinde ergeht, — wir sind ja nicht Israel mit seinem Kultus, mit der Immanenz seiner Heilserwartung usw., — so wird in diesem Fall die Gemeinde vom Prediger keine theologischen Erklärungen über das Ver­hältnis des AT zu der Gemeinde Christi erwarten. Kraft ihrer Aktualität wird diese Botschaft Jere­mias ganz von selber der heutigen Gemeinde „gleichzeitig“ werden.

Quelle: Gerhard von Rad, Predigtmeditationen, Göttingen 1973, 84-89.

Hier der Text als pdf.

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