Kristlieb Adloff, Pfarrer Hans Ehrenberg (1883-1958). Möglichkeit und Unmöglichkeit einer deutsch-jüdischen und jüdisch-christlichen Symbiose

Pfarrer Hans Ehrenberg (1883-1958). Möglichkeit und Unmöglichkeit einer deutsch-jüdischen und jüdisch-christlichen Symbiose*

Von Kristlieb Adloff

Auf dem Wolfenbütteler jüdischen Friedhof findet sich der Grabstein des Schmuel bar Meir, mit bürgerlichem Namen nach dem Dekret des napoleonischen Königreiches Westphalen seit 1808 Samuel Meyer Ehrenberg, gestorben am Rüsttag des heiligen Schabbat, dem 19. des Monats Tischri 5614 nach dem jüdischen Kalender, das ist der 21. Oktober 1853. Die Inschrift würdigt ihn als more derech nearim, als „Wegweiser für die Jugend“, als Vater für die Kinder Israel und in Anspielung auf den Propheten Elia als Israels rechew upharaschim (2. Kön 2,12), Israels „Wagen und Gespann“.

Dieser Mann, den die Inschrift mit dem Propheten Elia, der als Vorläufer des Messias gilt, in Verbindung bringt, war seit 1807 Inspektor der Samsonschen Freischule in Wolfenbüttel und machte die ursprünglich als Talmud-Schule gegründete Institution zu einer modernen Schule im philanthropischen und wissenschaftlichen Geist. Sein berühmter Wolfenbütteler Schüler Leopold Zunz, der Begründer der Wissenschaft des Judentums und Mitinitiator des ‚Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden‘ in Berlin 1819 (dem auch Heinrich Heine zeitweise angehörte), Vorkämpfer für die deutsche Demokratie, hat dem verehrten Lehrer 1854 ein anrührendes literarisches Denkmal gesetzt. An der Person Samuel Meyer Ehrenbergs, aus dessen Ehe mit Henriette Maas eine veritable Gelehrtendynastie hervorging, lässt sich ansatzweise erkennen, mit welchen geradezu messianischen Erwartungen das Judentum des Ghettos Wege in die deutsche Gesellschaft suchte, und wie nahe am Abgrund, von heute aus gesehen, jenes jüdisches Haus gebaut war, das man in Deutschland zu errichten gedachte.

Zwar blieb Schmuel bar Meir wie sein großen Vorbild Moses Mendelssohn immer noch jüdischer Tradition und Observanz verpflichtet und hielt nichts von den Juden, die schon zu seiner Zeit mit dem Sabbat und der Beschneidung das ererbte Judentum, die unauflösliche Bindung an den ewigen Bund mit Gott wegwarfen. Aber der Sog, der von der Öffnung zu der sich als ‚christlich‘ firmierenden Mehrheitsgesellschaft mit ihrer faszinierenden Kultur und ihrem Modernitätsversprechen ausging, war nun doch stark genug, um das altehrwürdige Gebäude jüdischen Lebens bei den Nachkommen Meyer Ehrenbergs nicht anders als bei den Mendelssohns zu unterminieren und auf Dauer zum Einsturz zu bringen. Sollte am Ende Deutschland, das Deutschland der Lessing, Kant, Schiller und Goethe, das gelobte Land sein, nach dem sich Juden Jahrhunderte lang gesehnt hatten?

Samuel Meyer selbst – und man lächle nicht über dies uns kurios vorkommende Detail – verfügte testamentarisch, dass bei allen Familienfesten seiner Nachkommen ein ihm von seinen Wolfenbütteler Schülern verehrter Becher, gefüllt mit ‚deutschem Wein‘, gereicht werde. Hoffmann von Fallersleben lässt grüßen mit der 2. Strophe seines ‚Lieds der Deutschen‘ von 1841: „Deutsche Frauen, deutsche Treue, / deutscher Wein und deutscher Sang / sollen in der Welt behalten / ihren alten schönen Klang. / Uns zu edler Tat begeistern / unser ganzes Leben lang …“ Deutschtum und Judentum, Judentum und Christentum schienen in den Augen vieler Juden einer einzigartigen Symbiose fähig, trotz aller Ablehnung und Feindschaft, die sie von der Mehrheitsgesellschaft immer wieder erfuhren.

Exemplarisch für die hier sich zeigende Problematik mag heute Abend die Besinnung auf Hans Ehrenberg (1883-1958), den Urenkel von Schmuel bar Meir, dienen. Hans Ehrenbergs Vater Otto war wie seine Brüder Victor und Richard noch in der Wolfenbütteler Harzstraße geboren, und das Gedenken an den Wolfenbütteler Ursprung in Gestalt der den Nachkommen vorbildhaft voranleuchtenden Person des Samuel Meyer blieb in der Familie, wie auch das Symbol des Bechers zeigt, gegenwärtig. In meinem Versuch über Hans Ehrenberg, der hier nur skizzenhaft ausfallen kann, werde ich, obwohl sich das nicht sauber trennen lässt, aus Gründen der Darstellungsökonomie nacheinander zuerst dem deutschen Patrioten, Philosophen und politischen Publizisten und dann dem leidenschaftlichen evangelischen Pfarrer, dem ‚Christen aus Israel‘, wie er sich nannte, nachspüren.

Erstens also. Das Nationale ist, fern von allem Chauvinismus, für Hans Ehrenberg selbstverständliches Erbe eines nur nominell jüdischen, liberalen und dem Ethos des deutschen Idealismus verpflichteten Elternhauses. Nach einer unbeschwerten Kindheit und Jugend erwacht bald ein reges Interesse am Zeit- und Weltgeschehen, an der Politik, und unter dem Einfluss Friedrich Naumanns besonders an sozialen Fragen. Naumanns nationalsozialer Verein liefert durch die Verbindung des nationalen mit dem sozialen Gedanken eine dauerhafte geistige Prägung, die weit über Naumann hinaus wie viele andere Zeitgenossen auch Ehrenberg nicht ganz unanfällig für spätere nationalsozialistische Ideen machte.

Eine erste Promotion des hochbegabten 23-jährigen im Fach Nationalökonomie trägt den Titel ‚Eisenhüttentechnik und der deutsche Hüttenarbeiter‘ und beruht auf empirischen Forschungen im Hüttenwerk des Hörder Vereins bei Dortmund. Ohne Marxist zu sein verdankt er auch dem Studium der Schriften von Karl Marx entscheidende Anregungen. Die Ableistung des Militärdienstes war ihm selbstverständliche nationale Pflicht. Ein Wechsel des Studiums führt ihn zur Philosophie und zu engster freundschaftlicher Verbindung mit seinem Vetter Franz Rosenzweig, dem später so bedeutenden jüdischen Religionsphilosophen, der mit Hans durch seine Großmutter Amalie, einer Tochter von Samuel Meyer, auch die Wolfenbütteler Herkunft teilte, und Hans später stets als seinen eigentlichen philosophischen Lehrer benannt hat. Mit einer zweiten Dissertation über ‚Kants mathematische Grundsätze der reinen Naturwissenschaft‘, die auch seine starke mathematisch-naturwissenschaftliche Begabung verrät, beendet Ehrenberg sein Philosophiestudium. 1910, mit 27 Jahren, wird er Privatdozent in Heidelberg.

Eine glanzvolle akademische Karriere, nachdem seine Taufe auch ein Karrierehindernis beseitigt hat, steht ihm offen. Ehrenberg sucht, in Überwindung der idealistischen Philosophie des 19. Jahrhunderts, nach einer neuen Philosophie. Mehr und mehr wendet er sich der Religionsphilosophie und theologischen Fragen zu. Die einschneidende existentielle Erfahrung des 1. Weltkrieges, an dem er im Rang eines Leutnants der Landwehr, erst bei der Artillerie, dann auf eigenen Wunsch an der Front, später nach schwerer Krankheit als Ausbilder durchlebt, versucht er geistig und das heißt jetzt notwendig politisch zu reflektieren.

Natürlich bewirken Wandlungen im Kriegsverlauf auch Veränderungen seines Denkens. Dass der Krieg ein Verteidigungskrieg und ein Kampf der Selbstbehauptung Deutschlands gegenüber seinen Feinden ist, steht für ihn wie für die meisten seiner Zeitgenossen am Anfang. Ein Pazifist ist er nicht gewesen und nie geworden. Aber von 1916 an publiziert er durchaus eigenständige politische Vorstellungen. Er fragt angesichts der Dominanz des kriegerischen Geschehens nach den Kriegszielen. Nicht um kleinliche innereuropäische Grenzstreitigkeiten und Annexionswünsche kann es gehen, sondern um eine neue weltpolitische Rolle Deutschlands in Auseinandersetzung mit dem ökonomischen Imperialismus des Westens verbunden mit einer entschiedenen geistigen Hinwendung zum Osten.

Ehrenberg denkt politisch, wie illusorisch auch immer angesichts des Kriegsausgangs. Aber gegenüber dem von ihm empfundenen Grundfehler deutscher Politik formuliert er 1918 den bemerkenswerten Satz: „Das Politische soll den schlechthinnigen Überwert über das Militärische und das Wirtschaftliche haben.“ (Bra I,71) So erkennt er am Ende des Krieges die Logik des Militarismus, der das deutsche Volk gefolgt ist, als Schuld, als „Verbrechen an uns selbst“ (ebd. 74). Und er wird die herausragenden Repräsentanten dieses verheerenden Ungeistes, Ludendorff voran, die sich ihrer Verantwortung durch ihre antisemitisch gefärbte Erfindung einer ‚Dolchstoßlegende‘ entziehen, in einem leidenschaftlichen Artikel vom 13. Dezember 1919 namhaft machen, Ludendorff als zynischen, seelenlosen, dämonischen Maschinenmenschen.

Diesen Artikel haben die Rechten, denen bekanntlich die Zukunft gehörte, Ehrenberg nie vergessen, dem Juden Ehrenberg, der sich gegen Ende des Krieges auch sonst eines steigenden Antisemitismus, nicht zuletzt im Bereich der deutschen Universität, erwehren musste, und dem es doch Ehrensache war, dass er als Soldat, als Teil des kämpfenden Deutschlands wie seine Vorfahren im Geisteskampf um „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ganz zum Deutschtum gehörte. Neu und revolutionär muss sich Deutschland nach der europäischen Katastrophe des Krieges gestalten. Ehrenberg ist 1918 Mitglied des Soldatenrates, für ihn auch Konsequenz aus der die Klassenschranken aufhebenden Gemeinschaftserfahrung der kämpfenden Truppe, und sucht, inzwischen der SPD beigetreten, die Verbindung von Soldaten- und Arbeiterrevolution mit dem Ziel eines wehrhaften sozialen und demokratischen Friedensstaates, der sich nicht im Parlamentarismus erschöpfen darf.

Die Zeit eines Vortrags reicht nicht aus, eine Vorstellung von der schier unglaublichen Fülle der geistigen und praktischen Aktivitäten zu geben, die das Leben des inzwischen zum außerordentlichen Professor der Philosophie ernannten Hans Ehrenberg bestimmten. Ohne leerer Betriebsamkeit zu verfallen ist er unermüdlich beseelt von kulturrevolutionärer und zunehmend auch religiöser Leidenschaft in Zeiten des Umbruchs, von, wie er selbst es – seiner Herkunft geschuldet – nennen konnte, ‚jüdischem Eifer‘, einer Konstante seines ganzen Lebens. Ihm als einem der Väter der Bewegung des Religiösen Sozialismus in Deutschland ist auch die Arbeit am politischen Detail (Beispiel: Wohnungsnot) als sozialdemokratisches Mitglied des Heidelberger Stadtrates nicht zu gering. Bildungsfragen liegen ihm vor allem am Herzen. Zwischen 1923 und 1925 vollendet sich in drei Büchern vom Deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) sein Abschied von der alten Philosophie zugunsten eines neuen Denkens, durchaus gleichgestimmt mit dem Denken seines Vetters Franz Rosenzweig. Bleibende Inspiration empfängt er von der Geistigkeit des Ostens, Russlands, Dostojewski voran.

Über die innere Konsequenz, die Ehrenberg dazu führte, seine Karriere als Professor und weithin in Deutschland Gehör findender Intellektueller zugunsten der Tätigkeit eines einfachen evangelischen Gemeindepfarrers in Bochum, im sozialen Brennpunkt des Ruhrgebiets, aufzugeben, wird noch zu reden sein. Von 1925 bis zu seinem erzwungenen Abschied vom Pfarramt 1937 hat er diese Arbeit mit der ihm eigenen Hingabe getan. Aber das war kein Rückzug aus der Öffentlichkeit in ein religiöses Ghetto. Für ihn war mit der Verkündigung des Evangeliums von Christus aufs Engste eine Bildungsaufgabe verbunden, an den Arbeitern voran, aber auch an den sogenannten Gebildeten, die ihn zu einem führenden Intellektuellen in der Bochumer Öffentlichkeit und darüber hinaus machte. Und nicht zuletzt wusste der aus dem Volk Israel kommende Pfarrer Ehrenberg, dass in der Bibel neben dem Priester immer der Prophet steht, der ein kritisches Wort in die jeweilige Zeit zu sprechen hat. Ohne der Gefahr des politisierenden Pfaffentums zu verfallen war das Wirken des in kirchlicher Lehre und Disziplin alles andere als liberalen Bochumer Pfarrers immer faktisch auch politisch. Dass er im Ruhreisenstreit 1928 das Wort zugunsten der ausgesperrten Arbeiter ergreift, versteht sich.

Aber damit ist auch klar, dass dieser geistig überragende Pfarrer mit seiner ‚linken‘ Herkunft schon früh – deutlich erkennbar 1927 – als Jude ins Visier der nationalsozialistischen Bewegung gerät. Ein letztes Mal meldet der Ruhrgebietspfarrer sich im Krisenjahr 1932 öffentlich politisch und zeitdiagnostisch zu Wort mit seiner Schrift ‚Deutschland im Schmelzofen‘. Er hofft – im Rückblick mutet das verzweifelt an –, dass Deutschland nach dem Scheitern des Weimarer Parteienstaats, bedrängt von den zerstörerischen materialistischen Mächten des Bolschewismus im Osten und des Kapitalismus im Westen sich noch einmal erneuern könnte. Ja, auch er träumt von einer – freilich nicht rassistischen – ‚Volksgemeinschaft‘ jenseits der Klassengegensätze.

Was dann 1933 geschah, bewahrheitet freilich seine schlimmsten Befürchtungen gegenüber den Nazis als dem Hauptfeind im politischen Geisteskampf. In der Bochumer Öffentlichkeit wird man die Stimme Ehrenbergs von nun an nicht mehr hören. 1935 muss er, der deutsche Patriot, der Offizier des Weltkriegs, erfahren, dass er nach den Nürnberger Gesetzen kein Bürger des Deutschen Reiches mehr ist. Und als ein Artikel der berüchtigten SS-Postille ‚Das schwarze Korps‘ vom April 1937 den ‚Juden Ehrenberg‘ öffentlich an den Pranger stellt, als die Gauleitung bei der Kirche interveniert, an den Ludendorff-Artikel erinnert und damit den Präses der westfälischen Bekenntnissynode politisch erpresst und schwach werden lässt, so dass er Ehrenberg zum freiwilligen Amtsverzicht nötigt, da verliert er mit dem ihm von der Kirche anbefohlenen Amt den letzten Schutz – den Schutz der Kirche.

So meldet er sich ein Jahr später (man verzeihe den Sarkasmus!) nach der Pogromnacht, in der seine Familie von Nazihorden heimgesucht wurde, 1938 freiwillig zur ‚Schutzhaft‘ bei der Gestapo und wird ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. Dort arbeitet er als Leichenträger und will, er, der sich nicht vom Hass infizieren lässt, das noch als letzten Dienst am deutschen Volk verstehen. Durch Vermittlung von einflussreichen kirchlichen Freunden in Großbritannien kann die Familie 1939 die Entlassung aus dem KZ und die Ausreise erwirken. Im Exil versucht er, der Deutsche, den britischen Freunden, den Kriegsgegnern, zugleich mit der Aufdeckung des Hitler-Reiches als eines Systems des schlechthin Bösen, der Inkarnation des Antichrist, den Weg Deutschlands zu erklären. Ungebrochen sich als Deutscher verstehend fühlt er, anders als seine nichtjüdische Frau, Heimweh nach Deutschland. 1947 kehrt er zurück.

Aber wer sein 1949 erschienenes Buch ‚Heimkehr nach Deutschland‘, versehen mit einem Vorwort von Hans Iwand, zu lesen versteht, merkt, dass er so wenig ankommen konnte wie andere Exilanten, die das mit dem Wiederaufbau beschäftigte und mit der Gefahr aus dem ‚Osten‘ neue Feindbilder produzierende Deutschland mit Misstrauen empfing und als störend empfand. Nach Alfred Döblins Worten: „Und als ich wiederkam, da kam ich nicht wieder.“ Ehrenberg sieht klar, wie tief das Hitlergift, der Geist, der sich im KZ als dem ‚SS-Staat‘ (Eugen Kogon) materialisierte, in den Deutschen steckt. Wie sehr er sich darum bemüht, den Deutschen die britische wie den Briten die deutsche Mentalität Brücken bauend und versöhnend zu vermitteln, wie sehr er für eine neue Welt- und Friedensordnung, die den ‚Osten‘ einschließt, arbeitet, über eins schweigt er auffällig: über das jüdische Schicksal. Schon im Exil hatte er eine Art Autobiographie in Gestalt von fiktiven Briefen an diverse Adressaten und Gruppen geschrieben und auf die Frage, warum darunter nicht auch ein Brief an die Juden sei, geantwortet: „Der Grund, warum ich das nicht tat, ist vielleicht einfacher, als Sie sich vorstellen. Ich bin überzeugt, dass es ein paar Dinge gibt, die erwähnt werden müssen und andere, über die man besser schweigt.“ (Bra III,150)

Der Traum von einer deutsch-jüdischen Symbiose, den viele Juden hegten, ist ausgeträumt, und es war, wie der aus Berlin stammenden große jüdische Gelehrte Gershom Scholem nach dem Kriege sagte, von Anfang an ein verhängnisvoller, ein tödlicher Traum. Anders und im Blick auf die Deutschen selbst hatte es Martin Buber 1939 in seinem Aufsatz ‚Das Ende der deutsch-jüdischen Symbiose‘ formuliert. Er sprach von der „Zerreißung eines organischen Zusammenhangs“, die „eine tiefere Zerreißung im Deutschen selbst“ bedeute, „als sich heute ahnen lässt“. Wenn „die Kontinuität des geistigen Werdens im Deutschtum“ „einst wieder erneut wird, wird sie mit Notwendigkeit an jene Werte, die die Symbiose trugen, und an jene Werke, die aus ihr hervorgingen, anknüpfen. Aber die Symbiose selbst ist zu Ende und kann nicht wiederkommen.“ (631)

Wenden wir uns nun zweitens von der deutschen der christlichen Biographie Hans Ehrenbergs zu. Am 3. November 1909 lässt er sich taufen. Über seine Motivation zu diesem Schritt mag man spekulieren. Von einem eher vagen mystischen Verhältnis zu Christus spricht er rückblickend. Wie weit Karrieregründe eine Rolle spielten, lässt sich nicht feststellen. Jedenfalls ist ihm die Taufe unter den damaligen Verhältnissen, die nicht getauften Juden den Eintritt in die akademische Laufbahn immer noch erschwerten, wenn nicht unmöglich machten, von Nutzen gewesen. Aber mit der Entscheidung zur Taufe beginnt nun doch ein Weg, den Ehrenberg, der nie halbe Sachen machte, weitergehen musste.

Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang, dass ausgerechnet Franz Rosenzweig, der Vetter und Freund, der später als einziger der Ehrenberg-Sippe nach schweren Kämpfen sich für ein Leben als konsequent praktizierender Jude entschied, das Freie jüdische Lehrhaus in Frankfurt begründete und zusammen mit Martin Buber die Hebräische Bibel sprachschöpferisch ins Deutsche übersetzte, ein Geschenk an die deutschen Juden, die es dann nicht mehr geben sollte – dass Rosenzweig seinem Vetter damals heftig die Taufe angeraten haben will. Die Kultur der Mehrheitsgesellschaft sei nun einmal ‚christlich‘, und schließlich sei im Christentum, anders als im assimilierten Judentum, noch eine religiöse Substanz zu erkennen, die einem geistig ernsthaften Menschen wohl anstehe.

Es bedarf dann freilich noch weiterer zehn Jahre geistig-seelischer Arbeit, die Kriegserfahrung eingeschlossen, bis Ehrenberg im vollen Bewusstsein seiner Existenz als Christ die Konsequenz aus seiner Taufe zieht. 1920 erscheint sein Bekenntnisbuch ‚Die Heimkehr des Ketzers‘, ein tiefgründiges Werk, das sich im geistigen Niveau mit Rosenzweigs monumentalem Werk ‚Der Stern der Erlösung‘ messen kann, schwer zu referieren wegen der dialogisch-dialektischen Denkart des Verfassers. Aber eins verrät schon der Titel: Während das kirchliche Christentum sich auf der Grundlage einer wie auch immer verstandenen Lehre auf die ‚Welt‘ zuzubewegen versucht, bahnt sich hier der künftige Pfarrer Ehrenberg von außen, von der Welt her den Weg zur Kirche und ihrem Christusmysterium. Nicht dem Priester als dem Vermittler ewiger Wahrheiten allein, sondern dem Laien, dem Ketzer, der mitten in der Welt einzig aus der Liebe Christi existiert, gehört zusammen mit dem Priester die Zukunft, die offen ist für das endzeitliche Kommen Christi. Es ist der Judenchrist, der ‚Christ aus Israel‘, der in diesem Buch wie auch in seinem späteren kirchlichen Wirken die Kirche mit einer messianischen Unruhe infiziert, ‚Pfahl im Fleisch‘ des Körpers der Christenheit. Immer hat Ehrenberg in seiner Präsenz Menschen angezogen wie auch abgestoßen, der ‚pfingstliche‘ Ehrenberg, wie ihn sein Freund, der katholische Theologe Theoderich Kampmann grüßte, immer ist er auch gerade so irritierend gewesen, wie sich an seinem höchst ambivalenten Verhältnis zum großen protestantischen Theologen Karl Barth zeigen ließe.

So tritt der Heidelberger Philosophieprofessor, der Religiöse Sozialist, wohlgerüstet mit der Heiligen Schrift und dem Bekenntnis der Kirche, am 27. September 1925 seinen Dienst als Pfarrer im 6. Bezirk der Bochumer Altstadtgemeinde an. Man geht nicht fehl, wenn man diese Zeit inmitten einer um Wort und Sakrament versammelten Gemeinde unter schweren Kämpfen, Leiden und Anfeindungen als die glücklichste Zeit seines Lebens ansieht. Aber das bedarf einer Erläuterung. Gemeinde ist für Ehrenberg nicht Filiale einer landeskirchlich-staatskirchlichen Institution. Zu seinem Entsetzen hatte er Repräsentanten dieser Institution unter den deutschen Delegierten der Stockholmer Weltkirchenkonferenz von 1925, an der er als Berichterstatter teilnahm, kennengelernt, Menschen von provinzieller, nationalistischer Engstirnigkeit. Für Ehrenberg, den ökumenischen Dialogiker, der zumal der Kirche des Ostens einen zentralen Platz in seinem Denken einräumt, ist Gemeinde zwar leiblich erfahrbare, auch konfessionell – in seinem Fall: lutherisch – bestimmte Realität, aber in eins damit Teil der einen, heiligen, apostolischen Kirche, der Una Sancta, die nicht herzustellen, aber als werdende Kirche unter Leiden und Kämpfen zu glauben und zu erhoffen ist, utopisches Modell auch einer durch Christus erneuerten Menschheit und Gesellschaft.

Man merkt auch hier den irritierenden, von weit her kommenden Blick des mit ganzer Leidenschaft der Gemeinde vor Ort dienenden Pfarrers. Von woher dieser Blick? Ich berühre damit den wunden Punkt des Christentums, nicht zuletzt auch seiner ökumenischen Bemühungen bis heute, nämlich die Existenz des ewigen Volkes Israel, das in der Gestalt Hans Ehrenbergs als eines Christen aus Israel in der Kirche damals ärgerlich präsent war. Schon 1927 kommt es in der Kirchengemeinde Hattingen in der Nähe von Bochum zum öffentlichen Eklat um den Juden Ehrenberg, sicherlich provoziert durch fanatische Nationalsozialisten, aber doch auch Widerhall findend in der judenfeindlichen Tradition der Kirche. Spätestens von nun an weiß Ehrenberg, woran er ist, und hat zu bedenken, ob seine Herkunft aus Israel als Christ und Diener der Kirche nur sein persönliches, privates Problem ist, oder ob damit die Kirche als solche in einer Weise tangiert ist, dass sich wahre und falsche Kirche an dieser Frage scheiden.

So ist es kein Zufall, dass schon früh, am 4. Juni 1933, dem Pfingsttag, noch vor der Konstituierung des Pfarrernotbundes durch Martin Niemöller und ein Jahr vor der Aufsehen erregenden Theologischen Erklärung von Barmen eine Gruppe von Pfarrern aus Bochum und Umgebung unter maßgeblicher Beteiligung von Hans Ehrenberg ein ‚Bekenntnis westfälischer Pfarrer‘ publiziert, in dem sowohl gegenüber der Machtergreifung der Bewegung der antisemitischen ‚Deutschen Christen‘ in der Kirche wie auch gegenüber der Ideologie des nationalsozialistischen Staats Stellung bezogen wurde. Verurteilt wird hier u. a. „alle Kirchenspaltung, die den Judenchristen aus den Kirchen der Heidenchristen aussondern will“ (Bra III,345). und im Juli/August legt Ehrenberg mit 72 Leitsätzen zur judenchristlichen Frage nach. Dort heißt es: „Die Existenz des Judenchristen verkörpert seit der Urgemeinde personell die Heilgeschichte in den Volkskirchen.“ (ebd. 356) Der Judenchrist hat „durch prophetische Nüchternheit die ‚Korrektur‘, die er darstellt, auszuüben.“ (ebd. 358) Mit der Frage, ob sie sich diese Korrektur, dieses Ärgernis, diesen ‚Pfahl im Fleisch‘ gefallen lassen will, steht und fällt nach Ehrenbergs Thesen die Kirche der Reformation 1933. „Sinnbild und Kern des Kirchenstreites“ (ebd. 360f.) ist die judenchristliche Frage. Ehrenberg konnte da noch nicht wissen, dass die Kirche der Reformation, ja, die Bekennende Kirche in dieser Sache nicht gestanden hat, sondern gefallen ist.

So stellt sich Ehrenberg in höchst eigenständiger Weise in den Kampf der Bekennenden Kirche hinein. Aber dass die Barmer Erklärung von 1934 kein Wort über die Juden enthält, obwohl Ehrenberg Karl Barth als den maßgeblichen Initiator dieser Erklärung brieflich bedrängt hatte, muss den Christen aus Israel wohl schmerzlich berührt haben. Man mag das Versäumnis von Barmen mit seinen Folgen aus der Sicht der damaligen Zeit erklären, aber die Tatsache, dass man am brisantesten Punkt den offenen Konflikt mit dem Staat scheute, zeigt eine letzte Schwäche der in vielen ihrer Vertreter, Martin Niemöller voran, doch tapferen Bekennenden Kirche, eine Schwäche, der am Ende Hans Ehrenberg zum Opfer fallen musste.

Es war aber bis 1937 – eine lange Zeit! – seine Gemeinde, die, biblisch verwurzelt, auch Anfeindungen und Nachteile in Kauf nehmend, ihrem in Bedrängnis geratenen Pfarrer die Treue hielt. Vor Tausenden von Menschen wird der aus dem Amt Gedrängte 1937 seine Abschiedspredigten halten. Danach, getrennt von der Gemeinde, wird es ganz einsam um ihn. Doch gerade im schmerzlichen Abschied bestätigt sich, dass, wie ich sagte, die Erfahrung einer bekennenden, um die biblische Wahrheit kämpfenden Gemeinde nach seinen Worten: die „Brüderlichkeit jener, die bereit sind, den Preis zu zahlen, der für den Sieg des Glaubens verlangt wird“ (Bra III,74), ihm die glücklichste Zeit seines Lebens bescherte. Die Erinnerung an diese Gemeinde – es gab im Unterschied zu heute nicht wenige solcher Gemeinden in der damaligen Zeit – begleitet Ehrenberg ins KZ und ins Exil. Und als er heimkehrt nach Deutschland, da wünscht er sich, wieder Dienst in dieser Gemeinde zu versehen.

Aber der Wunsch wird ihm von seiner Kirche verwehrt. Gibt es doch inzwischen an seiner, des aus dem Amt Vertriebenen, Stelle einen nach Kirchenrecht ‚rechtmäßig‘ in dieses Amt eingesetzten Pfarrer. Die Westfälische Kirche, seine Landeskirche, ist darüber hinaus in großer Verlegenheit, was man mit einem Mann wie Ehrenberg anfangen soll. Schuldbewusst, gewiss, aber wer kann diesen Mann, diesen mit einer ungeheuren Spannweite und Spannkraft des Geistes Begabten, auch einordnen? Er bleibt fremd, ein bisschen unheimlich in seinem jüdischen Eifer. Nein, niemand wird über ihn denken wie der infame Artikel im ‚Schwarzen Korps‘ von 1937, aber tönt es nicht in manchen Urteilen seiner Mitchristen über ihn, den ‚lieben Bruder Ehrenberg‘, ein ganz klein bisschen ähnlich? Hören wir auf das gemeine Nazi-Original – der Hass ist immer auf dämonische Weise hellsichtig.

„Bis zum Jahre 1909 bekannte er sich zum mosaischen Glauben, was durchaus seiner Rasse entsprach. In jenem Jahre aber entdeckte er die verschiedenen Vorzüge des christlichen Bekenntnisses, neigte sein lockengeschmücktes Haupt vor dem, den seine Vorfahren ans Kreuz schlugen, hängte den Kaftan an den Nagel, schlüpfte hurtig ins evangelische Mäntelchen und ward – hast du nicht gesehen – der eifrigste Christ weit und breit im Lande. So groß war sein Eifer, dass er nach Jahr und Tag als wohlbestallter Geistlicher frommen Gemeinden Gottes Wort predigen konnte, so, wie er es verstand, beziehungsweise so, wie die Gojim es verstehen sollten. Und sein Eifer ward größer und größer. So groß, dass er, als die selige weimarische Zeit ausbrach, hurtig die Ballonmütze der SPD aufsetzte, als sei sie die geeignete Ergänzung des christlichen Mäntelchens. Dabei blieb es bis zum Jahre des Unheils 1933 – nicht länger, aber auch nicht kürzer. Und da er im Bekennen nun einmal versiert war wie kein zweiter, schlüpfte er 1934 auch noch in die sogenannte Bekenntnisfront. Dieses Musterbeispiel eines bekenntnisfreudigen Mannes predigt allsonntäglich der Bochumer Christenheit: Ein Jude und protestantischer Theologe, ein gottlobender Marxist und Bekenntniseiferer – wahrlich ein bekenntnistüchtiges Universalgenie.“ (Bra II, 350f.)

Wie konnte denn auch ein Judenfeind oder ein frommer Christenmensch begreifen, dass dieses ‚bekenntnistüchtige Universalgenie‘, dieser ‚pfingstliche‘ Ehrenberg seinen von außen verwirrend erscheinenden Lebensweg als von Gott geführt und von seinem lebendigen Geist bestimmt verstand? Von seiner Kirche aus Verlegenheit auf einen für ihn unpassenden Platz gestellt, sucht sich der gesundheitlich schwer angeschlagene Ehrenberg nach dem Krieg für die ihm noch verbleibende Zeit ein eigenständiges neues Arbeitsfeld. Er nennt es ‚Randmission‘ und lädt zu sogenannten ‚Jedermannfreizeiten‘ ein, und das heißt, er denkt wieder nicht von einer heilen Kirchenwelt, sondern von den Rändern, von einer Welt her, die das Christentum mit guten und mit weniger guten Gründen angreift und in Frage stellt. In diesem Sinne sucht er, der, wie Zeitgenossen bezeugen, Meister des Gesprächs die Begegnung mit dem skeptischen und atheistischen ‚Jedermann‘ als Therapeuticum für eine aus der geistigen und seelischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts krank hervorgegangene Kirche. Paradox formulierte er es 1953: „Die unbekehrte Kirche ruft das ungläubige Volk.“

Unermüdlich tätig, gezeichnet auch von der KZ-Haft, stirbt Ehrenberg am 13. März 1958 im Alter von 75 Jahren. Die Todesanzeige zitiert Verse aus dem 60. Kapitel des Jesajabuches (Verse 19-21): „Die Sonne soll nicht mehr des Tages dir scheinen, und der Glanz des Mondes soll dir nicht leuchten, sondern der Herr wird dein ewiges Licht und dein Gott wird dein Preis sein … und die Tage deines Leides sollen ein Ende haben. Und dein Volk sollen lauter Gerechte sein …“

Den christlich-jüdischen Dialog, den Ehrenberg in den 20er Jahren neben vielen anderen auch mit Martin Buber führte (von dem ständigen brieflichen Gespräch mit dem Vetter und Freund Franz Rosenzweig abgesehen), hat er m. W. nach dem Kriege nicht weitergeführt. War es zu spät dafür? Und wo wären in den 50er Jahren die Juden gewesen, die Teilnehmer eines solchen Dialogs hätten sein können? Inzwischen ist in Deutschland ein solcher Dialog institutionalisiert, es gibt die verdienstvolle Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, es gibt ‚Wochen der ‚Brüderlichkeit‘, und die Kirchen äußern Freundliches über das Judentum und verwerfen den Antisemitismus. Das alles ist zu begrüßen und hoch zu loben.

Aber es gibt auch problematische Entwicklungen. Bei aller Freude über die Entdeckung von Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Christen gebietet es der gegenseitige Respekt, Grenzen nicht zu überspringen. Umarmungstrategien mit dem Ziel, Jüdisches für den kirchlichen Gebrauch gedankenlos zu vereinnahmen, stoßen mit Recht auf Einspruch von jüdischer Seite. Und was soll man von der elenden, islamfeindlichen Phrase halten, die eine angeblich jüdisch-christliche Tradition des Abendlandes behauptet? Als ob das ‚christliche Abendland‘ nicht für Juden über Jahrhunderte hinweg ein Alptraum gewesen wäre! Ein echter Dialog, wie ihn der bekennende Jude Franz Rosenzweig mit dem bekennenden Christen Hans Ehrenberg führte, setzt die Einsicht voraus, dass Christentum als universale Heilsgemeinschaft und Judentum als Volk, als ‚dieses Volk‘ (Leo Baeck) im strikten Sinne inkompatibel und miteinander unverrechenbar sind und nur so, in dieser Unterschiedenheit, fruchtbar aufeinander bezogen.

Edna Brocke, eine Nichte von Hannah Arendt, die als Israelin nach Deutschland kam, den Dialog mit Christen suchte, keinen nötigen Streit vermied und noch vermeidet, mit einem theologischen Ehrendoktor ausgezeichnet wurde und im übrigen die Alte Synagoge in Essen zu einer lebendigen Stätte kultureller Begegnung mit dem Judentum gestaltete, sieht das so. Die spannendsten Begegnungen finden an der Grenze statt, an jenem gefährlichen Ort, der nicht nur trennt, sondern eben so das Getrennte auch verbinden kann. 2009 erhielt Edna Brocke den seit 2000 in Bochum verliehenen Hans-Ehrenberg-Preis. In ihrer Dankesrede konstatiert sie den grundsätzlichen Unterschied zwischen ihrem jüdischen Lebensweg und dem von Hans Ehrenberg. Und dann spricht sie über das verquere Verhältnis von Deutschen und Christen zum Staat Israel, über eine einäugige und geradezu obsessive Wahrnehmung des Nahostkonflikts, bei der im Hintergrund einer vorgeblichen Israelkritik immer noch die alte antisemitische Melodie gespielt wird: ‚Die Juden sind an allem schuld.‘

Einen bedrückenden Kommentar dazu liefert die Bochumer Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz in ihrem Grußwort zur Preisverleihung. Tausende Bochumer fanden sich, aufgerufen von Parteien, Gewerkschaften und Kirchen, zur Gegendemonstration gegen einen Aufmarsch der NPD zusammen. Als aber drei Monate später Demonstranten durch Bochum zogen mit dem Parolen ‚Kindermörder Israel‘ (ein altes antisemitisches Stereotyp) und ‚Tod, Tod Israel‘, da rief das gerade mal 150 Gegendemonstranten auf den Plan. Die christliche Kirche als Kirche war da nicht präsent.

Blicken wir auf den bis zum Zerreißen gespannten Lebensweg Hans Ehrenbergs, des Deutschen und Juden, des Juden und Christen, zurück, so mag er u. a. beispielhaft für ein Grundproblem des christlichen Glaubens stehen. Der Herkunft dieses Glaubens aus Israel haftet ja von Anfang an ein Hauch von Verrat am Judentum an, ein Verdacht, den das Christentum abwehrte, indem es den Verrat auf die Person des Judas projizierte. Ein Geburtsfehler? Aber Geburtsfehler werden in der Regel mit dem Erwachsenwerden überwunden, wenigstens kompensiert. Mir scheint das Verhalten von Christen wie von Deutschen gegenüber Juden, auch von solchen, die das Christentum hinter sich gelassen haben, weithin unerwachsen, pubertär. Einerseits ein trotzig-überlegenes, nicht selten brutales Auftrumpfen und andererseits eine kaum verhohlene Angst vor einer als unheimlich empfundenen jüdischen Existenz, eine Angst, die sich dann ihre Weltverschwörungstheorien erfindet. Aber vielleicht kann man ja auch irgendwann einmal erwachsen werden. Der jüdische Philosoph Emanuel Levinas fand für das jüdisch-christliche Verhältnis und die diesem angemessene Einstellung die treffende Formulierung: „Reife und Ernst für unlösbare Probleme“.

So kehre ich am Ende mit mehr Fragen als Antworten zum Wolfenbütteler Grab des Schmuel bar Meir zurück. Ein Gedenkstein auf dem Grab soll nicht fehlen, wenn ich das Bibelwort meditiere, das dort angedeutet ist: tehi nafscho zerura bizror hachajjim, ‚Seine Seele möge eingebunden sein in das Bündel des Lebens‘ (1. Samuel 25,29), des Lebens, das weitergeht in den Kindern, Enkeln und Urenkeln, in Hans Ehrenberg und Franz Rosenzweig auch. Und nach der schönen biblischen Wendung möchte ich wohl denken, dass der Christ Hans Ehrenberg, Urenkel des Schmuel bar Meir, der, ehrfürchtig seines Wolfenbütteler Vorfahren gedenkend seine Herkunft aus Israel nie verleugnet hat, als er starb, ‚versammelt wurde zu seinen Vätern‘, zu den Menschen seines Volks Israel, wajjeasef el amaw (1. Mose 25,8 u.ö.).

* Vortrag, gehalten am 12. November 2013 im Rathaussaal Wolfenbüttel im Rahmen der diesjährigen Reihe ‚Blickwechsel‘ mit dem Thema: ‚Jetzt wohin? Jüdische Existenz zwischen Anpassung und Selbstbehauptung‘, Voran gingen ein Vortrag über und eine Lesung mit Heinrich Heines deutsch-jüdischem Geschichtsroman „Der Rabbi von Bacherach‘. Zugleich war Hans Ehrenberg der letzte von drei Personen aus der Wolfenbütteler Gelehrtenfamilie Ehrenberg, die der Kulturstadtverein Wolfenbüttel vorstellte, nach dem Juristen Victor Ehrenberg (1851-1929) und dem Atomphysiker Max Born (1882-1970), verheiratet mit Hedwig Ehrenberg (1891-1972).

Literatur (in Auswahl)

Der jüdische Friedhof in Wolfenbüttel, hg. v. der Lessing-Akademie Wolfenbüttel unter Mitwirkung des Steinheim-Instituts Duisburg, Wolfenbüttel 2005.
Samuel Meyer Ehrenberg, Inspektor der Samsonschen Freischule zu Wolfenbüttel, ein Denkmal von Dr. Zunz. Als Manuskript gedruckt, Braunschweig 1854.
Franz Rosenzweig, Becherrede – zur Hochzeit von Viktor Ehrenberg und Eva Sommer, 13. April 1919, in: Kalonymos. Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut der Universität Duisburg-Essen, 16. Jg. 2013, H. 2.
Hans Ehrenberg, Die Heimkehr des Ketzers, Eine Wegweisung, Würzburg 1920.
Martin Buber, Das Ende der deutsch-jüdischen Symbiose, in ders., Der Jude und sein Judentum. Gesammelte Aufsätze und Reden. Mit einer Einleitung von Robert Weltsch (1963), Neuausgabe, Gerlingen, 2. Aufl., 1993, 629-632.
Hans Ehrenberg, Heimkehr nach Deutschland, Gütersloh 1949.
Johannes Harder, (Hg.), Kraft und Innigkeit. Hans Ehrenberg als Gabe der Freundschaft im 70. Lebensjahr überreicht, Heidelberg 1953.
Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hg.), Der Philosoph Franz Rosenzweig 1886-1929, Bd. I. Die Herausforderung jüdischen Lernens, Freiburg/München 1988.
Günter Brakelmann, Hans Ehrenberg. Ein judenchristliches Schicksal in Deutschland, Bd I. Leben, Denken und Wirken 1883-1932. Bd. II. Widerstand, Verfolgung und Emigration 1933-1939, Waltrop 1997.1999 (Schriften der Hans Ehrenberg Gesellschaft Bd. III.IV). = Bra I. II.
Ders., (Hg.), Hans Ehrenberg. Autobiographie eines deutschen Pfarrers; mit Selbstzeugnissen und einer Dokumentation seiner Amtsentlassung, Waltrop 1999 (Schriften der Hans Ehrenberg Gesellschaft Bd. V) = Bra III.
Manfred Keller/Jens Murken (Hg.), Das Erbe des Theologen Hans Ehrenberg. Eine Zwischenbilanz, Münster 2009 (Zeitansage. Schriftenreihe des Evangelischen Forums Westfalen und der Evangelischen Stadtakademie Bochum, Bd. IV).
Hans Ehrenberg Preis 2009, Israel & Wir. Ein jüdisch-christliches Gespräch. Dokumentation der Verleihung des Hans-Ehrenberg-Preises (an Edna Brocke) am 11. Oktober 2009 in der Christuskirche Bochum.

Hier Adloffs Vortrag als pdf.

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