Günter Brakelmann über Hans Ehrenberg (1883-1958): „Ein Philosoph von Rang, ein engagierter Demokrat und politischer Publizist und vor allem ein außergewöhnlicher westfälischer Pfarrer, der „als Christ aus Israel“ in seiner Kirche um ein versöhntes Verhältnis von Christentum und Judentum warb“.

Hans Ehrenberg. Ein „Christ aus Israel“

Von Günter Brakelmann

Am 21. Juni 1925 wird Hans Ehrenberg von der größeren Gemeindevertretung der Bochumer Altstadtgemeinde zum Pfarrer des 6. Bezirks gewählt und am 27. September 1925 durch den Superintendenten Alfred Niederstein in der Christuskirche in sein Amt eingeführt. Am Nach­mittag dieses Tages wird der neu gewählte Pfarrer, der zuvor vom 9.6. bis 31.10. 1924 Hilfs­prediger in Bochum gewesen war, von der Gemeinde und der Synode herzlich begrüßt. Zuvor hatte er 1923 und 1924 vor dem Konsistorium in Münster die beiden theologischen Examina abgelegt. Der inzwischen 42jährige hat das Amt als Gemeindepfarrer in einer vorrangig klein­bürgerlichen und proletarischen Gemeinde, die von Arbeitnehmern aus großindustriellen Un­ternehmen und Handwerksbetrieben wie von städtischen Arbeitnehmern bestimmt war, bis 1937 innegehabt.

Ehrenberg, der nun in den Dienst der Kirche eintrat, hatte schon einen längeren außerge­wöhn­lichen Berufsweg hinter sich. Der 1883 in Hamburg-Altona geborene und aufgewach­sene Sohn jüdischer Eltern hatte sein erstes Studium der Nationalökonomie 1906 mit einer Promo­tion über „Die Eisenhüttentechnik und der deutsche Hüttenarbeiter“ abgeschlossen. Die not­wendigen empirischen Studien hatte er im Hüttenwerk des Hörder Vereins bei Dortmund be­trieben. Diese betriebs- und arbeitssoziologische wie lohntheoretische Studie ist eine frühe Pionierleistung empirischer Soziologie. Nach einem Jahr als „Einjährig-Freiwilliger“ in einem Kasseler Feldartillerieregiment beginnt er in Heidelberg ein zweites Studium der Geschichte und Psychologie. Er schließt es ab mit einer zweiten Dissertation über „Kants Kategorientafel und der systematische Begriff der Philosophie“. Zwei weitere Kant-Studien folgen: „Kritik der Psychologie als Wissenschaft. Forschungen nach den systematischen Prinzipien der Er­kenntnislehre Kants“ und „Kants mathematische Grundsätze der reinen Naturwissenschaft“. Er wurde und blieb ein exzellenter Kantkenner. Dazu kam sein zweiter philosophiegeschicht­licher Schwerpunkt: Hegel. Als er 1910 Privatdozent für Philosophie in Heidelberg wurde, hielt er bis 1914 diese Hauptvorlesungen:

  • Das System der Geschichts- und Kulturphilosophie
  • Philosophie der Leidenschaft
  • Griechische und ägyptische Plastiken
  • Das Philosophieren und der Philosoph
  • Der Staatsbegriff Hegels
  • System und Aufbau der philosophischen Disziplinen

Mit Leidenschaft betreibt er vor allem die Philosophie der Aufklärung und des Idealismus. Über Fichte, Schelling und Hegel gibt er „Disputationen“ heraus. Mit Ludwig Feuerbach und Karl Marx sich zu beschäftigen, war selbstverständlich wie auch mit Nietzsche und anderen zeitgenössischen Denkern und Literaten.

Schon vor seiner Dozentenzeit war 1909 sein Übertritt zur evangelischen Kirche von ein­schneidender Lebensbedeutung für ihn. Er befasste sich eingehend mit der Bibel, mit der alten und besonders mit der reformatorischen Kirchengeschichte. Auch in der neuzeitlichen prote­stantischen Theologiegeschichte war er bald zu Hause. Für ihn begann ein lebenslanger Dia­log zwischen Philosophie und christlicher Theologie. Er endete in einer christologisch und ekklesiologisch fundierten lutherischen Theologie.

Im Ersten Weltkrieg, an dem er vom ersten bis zum letzten Tag als Offizier teilnahm, vertiefte sich ihm als Frontkämpfer, als Verwundeter und als Ausbilder die Einsicht, dass gegenüber der Herkunft aus politischem und religiösem Untertansein ein neues Selbstverständnis des Einzelnen und ein neues Gemeinschaftsbewußtsein der Staatsbürger sich bilden müsse. Im Erleben des Krieges eröffnete sich ihm die historisch-politische Notwendigkeit, an einem Zeitalter der personalen und sozialen Menschenrechte mitzuarbeiten. Er wurde vor der Novemberrevolution von 1918 Demokrat und Republikaner und wurde Mitglied der SPD, für die er in den Heidelberger Stadtrat ging.

Und auf religiösem Gebiet wurde für ihn neben einer persönlichen Glaubensentscheidung immer wichtiger die Kirche mit ihrer zentralen Christusbotschaft und mit ihrer Ethik ange­wandter Nächstenliebe im profanen Alltag der Menschen. Er engagierte sich in der Gruppe der Religiösen Sozialisten, denen es um eine Begegnung von Kirche und Arbeiterschaft, von Glaube und politischer Mitverantwortung für den Ausbau eines demokratischen Rechts- und Sozialstaates ging. Er wurde Schriftleiter des „Christlichen Volksblatts“, das sich in den intel­lektuellen und praktischen Dienst der Emanzipation der Arbeiterklasse stellte.

Der Publizist Ehrenberg fasste seine neuen Erfahrungen und seine neuen Erkenntnisse in zwei Schriften zusammen: in der „Heimkehr des Ketzers“ und im „Laienbüchlein“. Das eine ist ein persönlicher Bericht über seine religiöse Entwicklung in den letzten Jahren und das andere eine Programmschrift für geistige und politische Inhalte der innerprotestantischen Bewegung des „Religiösen Sozialismus“. Wichtig ist ihm der „Laienchrist“, der sich von der Gemeinde mit ihrer Verkündigung und Lehre in den weltlichen Dienst senden lässt, um mitzuhelfen, die Welt durch reformerische Aktivitäten ein Stück menschlicher und sozialer zu machen.

In vielen kleineren und größeren Aufsätzen beteiligt sich Ehrenberg an den laufenden Diskus­sionen der Frühzeit der Republik. Er wird bald ein auf Reichsebene bekannter politischer Pub­lizist und bald auch ein bekannter religiöser Publizist. Er ist es, der die Tambacher Rede von Karl Barth „Der Christ in der Gesellschaft“ 1920 herausgibt.

Von Jugend an hat Ehrenberg die russische Literatur des 19. Jahrhunderts gelesen, besonders Dostojewski. Nach der bolschewistischen Revolution hat er intensiv die Entwicklungen in Russland beobachtet, besonders das Schicksal der orthodoxen Kirche. Mit seinem Heidelber­ger Kollegen Nicolai von Bubnoff gibt er 1923 und 1925 die beiden Dokumentenbände „Öst­liches Christentum“ heraus, die den Rang eines Standardwerkes in der Ökumenischen Litera­tur bekommen. Durch alle Jahre der Weimarer Republik hindurch befasst sich Ehrenberg mit dem „Osten“, seinen geschichtlichen und aktuellen politischen und religiösen Problemen.

Ehrenbergs Interesse gilt der sich entwickelnden Ökumenischen Bewegung. Er nimmt privat an der Stockholmer Ökumenischen Kirchenkonferenz von 1925 teil und schreibt etliche Auf­sätze über sie. Gleichzeitig nimmt er teil an der Arbeit der Una Sancta, der Begegnung von Katholizismus und evangelischer Kirche. In all diesen Aktivitäten wendet er als Stilmittel die sprachliche Methode des Dialoges an. Es geht ihm um gegenseitiges Verstehen, um über den Dialog zu den gemeinsam möglichen Aussagen des Glaubens und der praktischen Ethik zu kommen. Es geht nicht um konfessionalistische Siege, sondern um ein religiöses Zusammen­leben in versöhnter Vielfalt.

Dieser in seiner Zeit außergewöhnliche Mensch kommt 1925 als einfacher Gemeindepfarrer in die Industriestadt Bochum. Seine Hauptaufgabe sieht er in seinem Gemeindepfarramt, in Verkündigung, Unterricht, Seelsorge und in der Bildung von gemeindlichen und überge­meindlichen themenorientierten Gesprächskreisen. So gibt es einen Pfarrer-Lehrer-Kreis, der sich mit Grundproblemen eines Religionsunterrichtes unter den Bedingungen einer säkularen Industriegesellschaft befasst, einen apologetischen Gesprächskreis, der sich mit Fragen des Freidenkertums, des Atheismus und mit weiteren philosophischen und psychologischen Frau­gen beschäftigt. Um mit Andersdenkenden reden zu können, muss man deren Positionen ken­nen. Harte intellektuelle analytische Eigenarbeit ist die Voraussetzung, um kritisch-konstruk­tive Gespräche führen zu können, in die man argumentativ christliche Überlegungen und Posi­tionen einbringen kann. Geht man die städtischen Zeitungen durch, so findet man durch die kommenden Jahre hindurch am häufigsten den Namen Ehrenberg als öffentlichen Referenten. Er wird in der Stadt Bochum ein bekannter und geschätzter Referent mit den verschiedensten Themen aus der Philosophie, aus der Literatur und aus politischen und gesellschaftlichen Problembereichen.

Als Mann der Kirche galt sein besonderes Interesse den Problemen der Arbeit, der Arbeiter und ihren Arbeitsbedingungen. Er verfasste auf dem Hintergrund seiner volkswirtschaftlichen, seiner soziologischen und seiner tagtäglichen Beobachtungen und Begegnungen mit arbeiten­den Schichten einige sozialethische Schriften: „Kirche und Sozialdemokratie“, „Kirche und Arbeiterschaft“, „Die Sünde im öffentlichen Leben“, „Unheil und Heil im öffentlichen Leben“ und „Der Mann ohne Arbeit“. Diese Broschüren zeigen einen Pfarrer als Zeitgenossen, der sich eingearbeitet hat in die vielfältigen Probleme der arbeitenden Menschen in einer Indus­triegesellschaft, die immer noch auf dem Wege sind, eine humanere, eine gerechtere und eine sozialere Lebenswelt zu erlangen. Für sie ergreift er Partei aus dem Geist heraus, den die Kir­che aus dem Gesetz Gottes und aus dem Evangelium Jesu Christi heraus der Welt verkündigt. Im Männerkreis seines Bezirks wird 1928 diskutiert über den „Ruhreisenstreit“, der mit der Aussperrung der Arbeiter durch die Unternehmensorgane begann. Man verabschiedet ein Schreiben an das Evangelische Konsistorium in Münster. In disziplinierter Weise wird hier das Konfliktfeld der Aussperrung und des Streiks thematisiert und die Frage nach einem angemessenen Reden der Kirche gestellt. Gerechtigkeit und Liebe sind die Maßstäbe ihres Redens, sie hat die materielle und seelische Not der Ausgesperrten zu bedenken, sie hat das Verhalten der Arbeitgeber zu hinterfragen und vor allem muss sie die strukturelle Dimension des kapitalistischen Wirtschafssystems mit seinem Geist der rationalen Rechenhaftigkeit und mit dem Desinteresse an den arbeitenden Menschen zur Sprache bringen. Diese „dämonische Grundstruktur“ kann nur besiegt werden mit dem Geist, wie er in Jesus Geschichte geworden ist. Auf dem Fundament dieses Geistes müssen humanere und vernünftigere Lösungen des wirtschaftlichen Streits gefunden werden. Es ist Ehrenbergs Überzeugung, dass die christliche Sozialethik nicht die praktischen Lösungen der politischen und gesellschaftlichen Konflikte hat, aber dass sie den Geist öffentlich zu vertreten hat, der zu sach- und menschengerechteren Lösungen beitragen kann.

Ehrenbergs theologische und sozialethische Reflexionskraft war inzwischen so bekannt ge­worden, dass ihn der Generalsuperintendent Zoellner 1928 in den „Sozialen Ausschuss des Provinzialkirchenrates“ berufen hat. Für ihn hat er ein Gutachten zur Neubesetzung des Sozialamtes geschrieben. Dies zeigt, dass Ehrenberg über seine Gemeindearbeit hinaus eine Mitverantwortung für die Gesamtkirche übernommen hat.

Von besonderer Struktur war in Westfalen der „Kampfbund christlicher Arbeiter“, der bru­derschaftlich organisiert war und sich ausbildete zu einer bewusst evangelischen Gesinnungs- und Aktionsgemeinschaft für die Auseinandersetzung mit glaubens- und kirchenfeindlichen Gruppen in der Arbeiterbewegung. Diese Gruppe betrieb eine religiöse, geschichtliche und politische Bildungsarbeit auf hohem Niveau. Ehrenberg war ihr bedeutender Lehrer und Kampfgenosse. Im übergemeindlichen Leben der Synode Bochum hat diese besondere Form evangelischer Erwachsenenbildung eine nicht geringe Rolle gespielt. Es ist in einigen Groß­betrieben und größeren Verwaltungen zur Bildung christlicher Aktionsgruppen gekommen, die sich an der Lösung von betrieblichen Problemen der Mitwirkung und Mitbestimmung der Arbeitnehmer beteiligten.

In Bochum und Umgebung war bekannt, dass es sich bei dem Pfarrer Ehrenberg um einen „Christ aus Israel“ handelte. In seiner eigenen Gemeinde hat der judenchristliche Pfarrer keine großen Probleme mit seiner rassischen und religiösen Herkunft bekommen. Man wusste um seine jahrelangen Diskussionen, die er vor dem Krieg, im Krieg und nach dem Krieg mit sei­nem Vetter Franz Rosenzweig über jüdisch-christliche Probleme geführt hatte. Rosenzweig, der zudem mit seinem Vetter Rudolf Ehrenberg und mit Eugen Rosenstock, die beide zur evangelischen Kirche konvertiert waren, dramatische religiöse Auseinandersetzungen gehabt hat, hatte vor dem Krieg eine intensive philosophische Kombattantenschaft mit seinem Vetter Hans. Während auch Hans konvertierte, begann Rosenzweig sich intensiver einzuarbeiten in die Jüdische Religion und wurde einer der großen Religionsphilosophen der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Zeitweilig lockerte sich während des Krieges der Kontakt zwischen Franz und Hans, aber sie kamen sich in ihren gegenseitigen Bemühungen um ein konstrukti­ves Gespräch zwischen Judentum und Christentum immer näher, so dass beide zu Trägern der christlich-jüdischen Gespräche in der Zeit der Weimarer Republik wurden. Ehrenberg ver­suchte seinerseits die alten Judenmissionsgesellschaften zu Stätten von gleichberechtigten Gesprächspartnern zwischen Christen und Juden zu machen. Hier liegen die Anfänge einer vertieften in gegenseitiger Achtung geführten jüdisch-christlichen Begegnungen.

Zu den Freunden, die an dem Dialog teilnahmen, gehörten Eugen Rosenstock und Martin Buber. Sie alle entwickelten zusammen auf dem Boden der Philosophie des Österreichers Ferdinand Ebner die sog. Ich-Du-Philosophie, die zu den originellsten philosophischen Ent­würfen in der Weimarer Zeit gehören dürfte. Ehrenberg hat seinen Anteil an der Entwick­lung dieser „Dialog-Philosophie“ gehabt. Er war bei all der Fülle seiner Aufsätze nie nur ein Schreibtischgelehrter, sondern war in der Öffentlichkeit mit seinen Themen präsent und stellte sie zur Debatte. Vor allem das Thema „Judentum, Christentum und Deutschtum“ wurde in und außerhalb der Kirche intensiv diskutiert. Anlässlich zweier Vorträge in Hattingen über „Jesus und Israel“ und „Antisemitismus und Kirche“, verbunden mit einer Predigt, kam es zu turbulenten Auseinandersetzungen mit der dortigen NSDAP, die sich bei den Kirchenbehör­den über diesen Judenpfarrer beschwerte und seine Absetzung forderte. Ehrenberg erlebt zum ersten Mal eine radikale Judenfeindschaft, an der sich auch Teile der evangelischen Gemein­den beteiligen. 1928 schreibt er an das Konsistorium in Münster einen Bericht über „Sinn und Frucht meiner Hattinger Vorträge“. NSADP und Deutsche Christen sehen in Ehrenberg einen religiösen und politischen Fremdkörper, den es auszuschalten gilt. Aber noch fand er, wenn auch zögernd, in der Kirchenleitung inhaltliches Verständnis und vor allem stand die Gemein­de zu ihrem Pfarrer.

Nach der Stockholmer Kirchenkonferenz von 1925 fanden auf ökumenischer Basis Konferen­zen über die judenchristliche Frage statt. Ehrenberg hat auf ihnen referiert, ebenso wie auf deutschen „Studientagungen über die Judenfrage“. Der Pfarrer Otto von Harling hat im „Kirchlichen Jahrbuch“ kontinuierlich über diese Begegnungen, an denen immer prominente Juden teilgenommen haben, berichtet. Referent und Teilnehmer an diesen Studientagungen war der Bochumer judenchristliche Pfarrer, der zu den frühen Mitbegründern des jüdisch-christlichen Dialoges gehören dürfte. Aber die differenzierten Positionen eines Otto von Harling und eines Hans Ehrenberg sind in der evangelischen Kirche und im Milieuprotestan­tismus an den Rand gedrückt und schließlich zum Verstummen gekommen. Schon vor 1933 musste Ehrenberg erleben, dass seine Kirche kein eindeutiges theologisches Wort gegen den Antisemitismus gesagt hat. Gegen die latente und offene Judenfeindschaft wagte sie kein klares Votum abzugeben.

Es überrascht nicht, dass Ehrenberg sich vor 1933 intensiv mit dem Nationalsozialismus als antidemokratischer, völkisch-nationaler und rassenantisemitischer Bewegung befasst hat. 1932 hat er sich in der Studie „Deutschland im Schmelzofen“ mit den beiden Gefahren für Deutschland, dem Bolschewismus und Faschismus auseinandergesetzt. Es sind Charakteri­sierungen, die man damals selten gehört hat. Der politische Publizist besticht durch seine Kenntnisse und durch seine Analysen. Noch ist er allerdings der Hoffnung, dass Deutschland eine Chance hat, einen „dritten Weg“ der Mitte durch die politischen Extremismen zu finden.

Die Machtübergabe durch Hindenburg an Hitler bedeutete für Ehrenberg einen tiefen Ein­schnitt in seinem persönlichen und beruflichen Leben. In den folgenden Jahren bis zu seinem Rücktritt als Pfarrer 1937 steht er in der Kritik der NSDAP, der Deutschen Christen und ein­zelner Parteigenossen aus der Ortsgemeinde. Eine erste Anklage steht in einem Brief an das Konsistorium: Ehrenberg sei Mitglied im Bund der Sowjetfreunde gewesen. Diese Ankla­ge kann aber schnell abgewiesen werden.

Ehrenberg, ein homo publicus in Bochum, konzentriert sich ganz auf seine Gemeindearbeit. Die Optik und Akustik gehört in der Anfangszeit des 3. Reiches innerkirchlich den Deutschen Christen, die die großen Dankgottesdienste zelebrieren und die Lutherfeiern organisieren. Für Ehrenberg beginnt eine Zeit intensiven Dialoges mit befreundeten Amtsbrüdern aus Bochum und dem Ruhrgebiet, darunter Ludwig Steil. Sie formulieren ein „Wort und Bekenntnis west­fälischer Pastoren zur Stunde der Kirche und des Volkes“, das zu Pfingsten 1933 verschickt wird. Es ist ein erstes Wort der sich langsam bildenden Bekennenden Kirche im Ruhrgebiet. Es ist ein von biblischer und reformatorischer Theologie getragener Text, der sich auseinan­dersetzt mit den theologischen Irrlehren der Deutschen Christen. So heißt es:

„Wir verwerfen außer den alten Schwärmereien die neue Schwärmerei des 1. Artikels und erklären: alle Völker und Rassen stehen unter dem Fluch, der über alles Naturhafte ergeht; kein Volkstum erlöst sich aus den Tiefen seines Wesens, denn die Verderbtheit reicht bis in seine Tiefe.“

Im August 1933 folgt ein „Entwurf von Hans Ehrenberg in Verbindung mit etlichen Pfarrern des westfälischen Ruhrbezirks“ mit der Überschrift „Bekenntnisfront“. Im Abschnitt „Von der Haltung der Kirche“ steht:

„Wir sagen Nein:

1. Die Stunde der Kirche in der Stunde des Volkes zu sehen. Daher üben wir unser Neinsagen in folgender notwendiger Entgegensetzung: der völkische Mensch will nur Gesetz, wir Gesetz und Erlösung; der völkische Mensch will nur Verwurzelung im Irdischen, wir erlöste Natur; der völkische Mensch will nur Zucht, wir Zucht und Ehr­furcht; der völkische Mensch will nur Unterordnung und Gemeinnutz, wir Gliedschaft und Dienst aus erfahrener Barmherzigkeit; der völkische Mensch will Heidentum und Kameradschaft, wir Auftrag und Bruderschaft.

2. Zu jeder Art von Klerikalismus:

Die Sicht der Kirche vom Staate kann nicht seine Sicht sein; wir sollen das auch nicht einmal erwarten, wenn er der Kirche Lebensrecht gibt.“

Diese Auseinandersetzung mit dem Geist und der Praxis des Nationalsozialismus geht in den nächsten Jahren ununterbrochen weiter, natürlich bei begrenzter Öffentlichkeit.

Ehrenberg entwirft im Juli/August 1933 „72 Leitsätze zur judenchristlichen Frage“. Ange­sichts der Diskussionen um den „Arierparagraphen“ in der Kirche heißt es bei ihm:

„Die Entscheidung in der judenchristlichen Frage lautet für eine Kirche mit völki­schem Willen: entweder Rottenkirche (ohne Judenchristen) oder wahre Kirche (Hei­den- und Judenchristen, beide aus der Kindschaft Abrahams).

Die Kirche der Reformation in Deutschland steht oder fällt 1933 bei der Versuchung, die Judenchristen – ganz oder teilweise – aus sich auszusondern. Die judenchristliche Frage wird im letzten Teil des Kirchenstreites zu seinem Sinnbild und Kern.“

Auf vielen Wegen kämpfte Ehrenberg im Zuge des Ausbaus des NS-Systems für ein kirchen­synodales Wort zur judenchristlichen wie zur jüdischen Frage. Die Kirche hat mit ihren offi­ziellen Organen dieses Wort in der NS-Zeit nie sprechen können. Was Ehrenberg besonders schmerzte, war die Tatsache, dass auch die Barmer Erklärung, die er trotz einiger Einwände als das für die Kirche verpflichtende Bekenntniswort gehalten hat, das „Judenproblem“ nicht erwähnt hat. Auch die spätere Bekennende Kirche, in deren Namen Ehrenberg mündlich und schriftlich kämpfte, kam über vereinzelte Ansätze in der Stellungnahme zur christlich-jüdi­schen Grundproblematik wie zur praktischen NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik nicht hinaus.

Dankbar anerkannt hat er die Solidarität, die ihm persönlich durch die synodale und westfä­lische Pfarrbruderschaft und vor allem durch seine eigene Ortsgemeinde widerfahren ist. Doch wurde sie auf eine harte Probe gestellt, als der Stellvertretende Gauleiter von Westfalen-Süd in einem Brief vom Februar 1937 an die Kirchenleitung die Entlassung Ehrenbergs for­derte, da es für die Bochumer Bürger unzumutbar sei, diesen jüdischen Pfarrer in einem öffentlichen Amt zu ertragen. Die Kirchenleitung leistete zunächst hinhaltenden Widerstand, da sie die gegen Ehrenberg erhobenen Anklagen zum großen Teil widerlegen konnte. Theolo­gische und kirchenrechtliche Gründe gab es nicht, ihn zu entlassen. Die beiden für den „Fall Ehrenberg“ zuständigen Behördenchefs, der Präses der Bekennenden Kirche Karl Koch und der Oberkonsistorialrat Johannes Hymmen machten aus dem kirchlich-theologischen Problem Ehrenberg in Übereinstimmung mit dem Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin einen poli­tischen Fall. Man griff zurück auf zwei kritische Zeitungsartikel, die Ehrenberg über Hinden­burg und Ludendorff 1919 geschrieben hatte. Seine Zugehörigkeit zur SPD, zum religiösen Sozialismus und seine publizistischen Veröffentlichungen gegen den Nationalsozialismus wurden als Argumente gegen ein Verbleiben in einem kirchlichen Amt benutzt. Koch schrieb in einem Brief an Ehrenberg:

„Ich meine nicht bloß, dass es Ihnen selbst schwer werden wird, sich dagegen zu verteidigen, sondern auch, dass es der B.K. schwer wird, Sie zu verteidigen. Sie würde damit auf ein Gebiet gezogen, auf dem sie schlechterdings nicht zu kämpfen hat, abgesehen davon, dass viele diese Urteile mit Betroffenheit hören würden, deshalb glaube ich Ihnen raten zu müssen, das Angebot von Berlin anzunehmen.“

Koch macht nicht den Versuch, kirchlich-theologische Argumente zu verwenden – das juden­christliche Problem scheint ihn überhaupt nicht zu interessieren –, für ihn als alten Deutsch­nationalen ist der Demokrat, Sozialdemokrat, der Antifaschist und ökumenisch engagierte Christ das Ärgernis. Nichttheologische Faktoren sind es gewesen, die den Pfarrer Ehrenberg in den schließlich von ihm in auswegloser Lage selbst erbetene Ruhestandsversetzung getrie­ben haben. Die Kirchenjuristen drängten auf die Anwendung der staatlichen antijüdischen Gesetze in der Kirche. In drei Abschiedsgottesdiensten mit ca. 4.000 Besuchern hat Ehrenberg sich als Pfarrer verabschiedet. Das dürfte ein Indiz für die Achtung vieler evangelischer Chris­ten gegenüber der Person des Pfarrers gewesen sein. In dem Abschiedswort des Westfälischen Bruderrates heißt es:

„Wenn Pfarrer Ehrenberg jetzt aus seinem Gemeindepfarramt scheidet, so geschieht das, weil die Kirche keine Möglichkeit hat, für ihn und für seinen Bezirk so einzutre­ten, wie es die Sache erfordert.“

Und es heißt:

„Pfarrer Ehrenberg ist unser Bruder in Christus, er bleibt unser Bruder im Amt. Wir sind gewiss, dass Gott seinen Weg, den er in Übereinstimmung mit uns geht, für ihn selbst und für den Dienst der Kirche segnen wird.“

Verschwiegen wird in diesem Wort der Zwiespalt, dass die Kirche ihrerseits nicht mehr die Kraft hat, ihren Diener vor der Gewalt des Staates zu schützen, sie selbst aber ihren Pfarrer zu einem politischen Fall gemacht hat. Die Antidemokraten, Antirepublikaner und Antisemiten aus dem Raum der Kirche haben das Ausscheiden ihres „Bruders“ aus dem öffentlichen Amt nicht ungern gesehen.[1]

Aber es gab einige Pfarrer aus Bochum und Umgebung, die in den folgenden Monaten mit ihm zusammen an dem Problem „Kirche und Israel“ weitergearbeitet haben. Eine Reihe von maschinenschriftlichen Konzepten liegt vor, die zeigen, dass Ehrenberg bei seinem Haupt­thema geblieben ist und er die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass seine Kirche ein klares Wort nicht nur zum judenchristlichen Problem, sondern gleichzeitig zum christlichen Ver­hältnis zum „Volk Israel“ sagt.

Da Ehrenberg ein Predigtverbot hatte, suchte er sich einzubringen als Gesprächspartner und Seelsorger für jüdische Gemeindeglieder. Im Auftrage der BK besuchte er in Rheinland und Westfalen einzelne Familien oder kleine Gruppen von Judenchristen, um mit ihnen über ihre Probleme zu reden. Er hat darüber noch 1938 einen Erfahrungsbericht geschrieben.

Während Ehrenberg „dienstlich“ unterwegs war, ereignete sich der 9./10. November 1938. Ein SA-Trupp drang in seine Wohnung ein und verwüstete sie im Beisein seiner Frau und seiner beiden Kinder. Als Ehrenberg am 10. November nach Hause kam, rief er seinen Amts­bruder Albert Schmidt an und bat ihn, mit ihm und seiner Familie ein Abendmahl zu feiern, bevor er sich befehlsgemäß ins Bochumer Polizeipräsidium begebe. Über diese Abendmahls­feier in der zerstörten Küche im kleinen Kreis der Ehepaare Ehrenberg und Schmidt samt den beiden Ehrenbergkindern und einem Vikar haben wir vom letzteren einen genauen Bericht. Ehrenberg stellt sich der Polizei und wird in einem Sammeltransport zusam­men mit Bochu­mer Juden ins KZ Sachsenhausen verbracht.

Am folgenden Sonntag hat Albert Schmidt im Gottesdienst über die Vorfälle im Hause Ehren­berg berichtet und ein Fürbittengebet für die Familie gesprochen. Noch in der Sakristei wird er von der Gestapo verhaftet, für über 100 Tage eingesperrt und mit Predigt- und Aufenthalts­verbot belegt. An den Folgen seiner Haft ist der kriegsbeschädigte und diabeteskranke Mann kurz nach dem Ende des Krieges gestorben.

Ehrenberg kam in Sachsenhausen in die „Judenbaracke“, in der auch der Bochumer Rabbiner Dr. Moritz David lag. Über das, was in den folgenden Monaten in Sachsenhausen geschah, liegt ein Bericht des Juden Hans Reichmann vor. Er schildert den brutalen Alltag mit seinen Tagesabläufen vom Morgen- bis zum Abendappell, mit seinen körperlichen Arbeiten, mit den Schikanen der SS-Wachmannschaft und mit seinen hygienischen Bedingungen. Und er schil­dert, wie der evangelische Pastor als „Vorarbeiter“ verantwortlich ist für das sogenannte Lei­chenkommando. Mit drei älteren Juden sammelt er die Leichen im Lager ein, bringt sie zum Ausziehen der Kleider, zum Waschen und zum Anziehen mit Papierkleidern in eine Toten­kammer und von da aus in einem Sarg mit Klappdeckel in ein Krematorium. Er spricht aus­wendig Psalmen, die Christen, Juden und Ungläubige verstehen. Das Sterben und der Tod werden tägliche Wirklichkeit. Die zum Tod Geweihten reden miteinander über den Sinn ihres Schicksals und über die Ursachen ihres brutalen Lebens in einem deutschen Konzentrations­lager. Hans Reichmann, Hans Ehrenberg und Moritz David reflektieren miteinander über phi­losophische und theologische Grundfragen und kommen zu dem Urteil, dass das deutsche KZ eine „Mischung von Dummheit, Rohheit und Gemeinheit“ sei, kurz: Satanismus. Und sie unterhalten sich als gebildete Menschen über die Rolle von Philosophie, Theologie und Kul­tur.

Hans Reichmann hat den beiden Bochumern, einen evangelischen Pfarrer und einen jüdischen Rabbiner, ein literarisches Denkmal gesetzt. Der Christ und der Jude, beide bewusste deutsche Bürger haben zusammen die „Hölle von Sachsenhausen“ erlebt. Sie symbolisieren die Tatsa­che, dass das letzte religionspolitische nationalsozialistische Ziel die Ausrottung der gesamten jüdisch-christlichen Tradition gewesen ist.

Im Lager sah Ehrenberg einen jungen ihm bekannten Vikar wieder: Werner Koch, der zusam­men mit dem Vikar Ernst Tillich eine Sonderbehandlung für Theologen durch die Lager-SS erfuhr. Ihr beider Mitbruder, der Judenchrist Friedrich Weißler, Jurist in der Bekennenden Kirche, war gequält und erschlagen worden. Ehrenberg hat mit den beiden jungen Brüdern Gespräche führen können.

Ehrenbergs alter Bekannter Martin Niemöller lag nicht weit weg von der „Judenbaracke“ in einer Sonderhaft. Ihn hat er aber nie sehen und sprechen können.

Ehrenberg hat später viel über seine fünfmonatige KZ-Zeit nachgedacht und an verschiedenen Stellen schriftlich festgehalten. Er hatte real erlebt, was er zuvor aus der Distanz beschrieben hatte. Seine „Theologie nach Sachsenhausen“ nahm an Realitätsgehalt noch mehr zu und gleichzeitig wuchs sein Glaube an Jesus als den Christus, der die Mächte des Dämonischen und Satanischen überwunden hat. In seinem Geist können Kirche und Christen sich für eine humanere und gerechtere und friedlichere Welt einsetzen.

Ehrenberg hatte das Glück, dass er 1925 in Stockholm den englischen Bischof George Bell kennen gelernt hatte. Dieser verfolgte engagiert die Entwicklung der evangelischen Kirche in der NS-Zeit. Durch eine Bochumer Emigrantin erfuhr er von dem Schicksal seines ökumeni­schen Partners. Bell ist es gewesen, der sich für die Emigration Ehrenbergs und seiner Familie nach England eingesetzt hat. Er bezahlte den von den NS-Behörden geforderten Preis für sei­ne Entlassung aus dem KZ. Das bürokratische Verfahren zwischen den kirchlichen und staat­lichen Behörden ging korrekt und zügig.

Nach einem Kurzbesuch in Bochum reist Ehrenberg mit den beiden Kindern über Holland nach England. Frau Else Ehrenberg kommt erst kurz vor Ausbruch des Krieges nach. Bischof Bell, der zunächst die Familie in seinen Bischofssitz aufnimmt, bezahlt für die Kinder ein Internat und gibt dem Vater einen Arbeitsauftrag zur seelsorgerlichen Betreuung deutscher Kriegsgefangener. Als Ehrenberg 1940 durch die britische Regierung in Manchester interve­niert wird, wird er durch eine Intervention von Bell nach einigen Wochen entlassen. Hans und Else müssen häufig den Wohnort wechseln, das letzte Kriegsjahr verbringen sie in London.

In dieser ganzen unruhigen Kriegszeit betreibt Ehrenberg auf vielen Begegnungstagungen eine spezielle Bildungsarbeit. Er vermittelt anglikanischen Gemeinden ein Wissen über den deutschen Kirchenkampf. Er will die deutschen Erfahrungen in das ökumenische Wissen einbringen. Und er versucht, den Engländern Luther und die reformatorische Theologie zu vermitteln. Auf der anderen Seite arbeitet er sich in die englische politische und religiöse Mentalität ein. Er lernt in Wort und Tat, was Ökumene ist.

Zwischen 1940 und 1945 schreibt er rund ein Dutzend Zeitungsaufsätze. Im Jahre 1943 er­scheint in englischer Sprache die „Autobiographie eines deutschen Pfarrers“. Dies dürfte ein einmaliges Werk eines deutschen Emigranten in England sein und gibt Zeugnis für die öku­menische Gesinnung der englischen Kirche mitten im Krieg. In der Form erdachter Briefe an englische und deutsche Freunde wie an Familienmitglieder beschreibt Ehrenberg die Phasen seines bisherigen Lebens. Vergleichbare autobiographische Skizzen gibt es im zeitgenössi­schen Schrifttum kaum. Sie enthalten die Erkenntnisse eines aufregenden Lebens unter den Bedingungen der deutschen und europäischen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts.

Im Januar 1947 können die beiden Ehrenbergs nach Westfalen, das zur britischen Zone ge­hört, zurückkehren. Sie bekommen zunächst eine Unterkunft im Kandidatenstift von Bethel, dann eine kleine Wohnung in Bielefeld. Im zerstörten Bochum und auch anderswo gab es keine Pfarrstelle für ihn. Die neue westfälische Kirchenleitung tat sich sehr schwer mit Ehren­berg als Person, als „Christ aus Israel“, als eigengeprägtem Theologen und Philosophen, als Ökumeniker und Demokraten und als Emigranten. Man vermittelte ihn als Mitarbeiter in das Volksmissionarische Amt in Gladbeck unter dem Pfarrer Martin Heilmann. Doch mit dessen klassischem volksmissionarischen Konzept hatte Ehrenberg seine Probleme. Er entwickelte das Programm von sog. „Jedermann-Freizeiten“. Das waren Wochenendgespräche mit an­spruchsvollen historischen und aktuellen Themen. Von den Referenten ausgearbeitete Vorträ­ge wurden in eine dialogische Diskussion gegeben. Die Teilnehmer brachten ihre zurücklie­genden Erfahrungen in die Gespräche ein und suchten gemeinsam nach Antworten für ein Le­ben nach Diktatur und Krieg. Es entwickelte sich mit dieser offenen, intellektuell an­spruchs­vollen Vortrags- und Dialogkultur der Typ der Evangelischen Akademie. Die Ta­gungsstätten waren in der Nachkriegszeit der „Lindenhof“ in Bethel, Haus Villigst bei Schwerte und Haus Friede bei Hattingen. Wichtig waren für ihn Gespräche mit Sozialdemo­kraten und Gewerk­schaftern, mit Betriebsräten und Arbeitnehmern. Wie er die Rolle der Kir­che in der Nach­kriegszeit gesehen hat, hat er in einer Reihe von Veröffentlichun­gen festge­halten. Er entfaltet das Konzept der „Randmission“ und das der „Jedermann-Frei­zeiten 1951 und 1953, 1952 ver­öffentlicht er in Dialogform „Hiob – der Existentialist“.

Dazu kommt eine Reihe von Predigtmeditationen, die sich um die Deutung säkularer Phäno­mene aus dem Blick seiner „Wort-Gottes-Theologie“ bemühen. Programmatisch ist der Titel seines 1948 herausgekommenen kleinen Buches „Vom Menschen – biblisch und aktuell“.

Es folgt 1949 seine Schrift „Heimkehr nach Deutschland – Fragmente aus dem christlichen Gespräch zwischen Briten und Deutschen“. Hier fasst er seine Kenntnisse über die Geschichte seines Vaterlandes und die Erkenntnisse, die er im Dialog mit Engländern bekommen hat, zusammen und fragt nach gemeinsamer neuer Zukunft.

Ehrenberg formuliert, was er gesehen und gelernt, was er erlebt und erlitten hat. Das Faszi­nierende dürfte sein, dass er nicht bei seinen auf die Vergangenheit bezogenen geistes- und theologiegeschichtlichen wie realpolitischen Analysen stehen bleibt und mit einem totalen Untergangsgemälde im Stil des Unheilspropheten endet, sondern im vollen Wissen um per­sönliche und kollektive Schuld eine andere politisch-humane und kirchlich-ökumenische Zukunft gewinnen will. Er hofft auf Neubesinnung bei allen Menschen und Völkern, er hofft auf Begegnungen zwischen ihnen und durch sie auf neue Gemeinschaft. Der christliche Glau­be hat für ihn angesichts des Zusammenbruchs der Irrwege idealistischer Weltinterpreta­tio­nen, voluntaristischer Politikentwürfe und ideologischer Systempraxis eine neue Zukunft vor sich, wenn es zu einer illusionslosen Verständigung über das Bündel der Katastrophenursa­chen kommt. Die Wahrheit christlicher Anthropologie mit ihrem Wissen um den Menschen in seinen Widersprüchen und die Humanität christlicher Personal- und Sozialethik können sich gegen die epochale Erfahrung von Irrtum und der ihn begleitenden Brutalität neu durchsetzen. Die politische Welt muss nicht die ungehemmte Wirkungsstätte satanischer und dämonischer Triebkräfte sein, wenn die Agape die Handlungsweise von sich selbst befreiter und dadurch zum Nächsten hin befreiter Christen wird. Die Welt hat eine Zukunft, wenn die Schuld an ih­rer voraus laufenden Zerstörung ohne Wenn und Aber bekannt wird, wenn sich alle von ihren eingewurzelten Feindbildern befreien und sich öffnen lassen für Begegnungen mit Men­schen aus anderen Völkern. Aggressiver Nationalismus, aggressive und exklusive Ideolo­gien, ag­gressive und exklusive Wahrheitsansprüche von Religionen und Konfessionen müssen über­wunden werden, wenn Hekatomben von seelischen und realen Opfern keine Chancen mehr haben sollen. So realistisch der Zeitinterpret Ehrenberg auch gewesen ist, sein christli­ches Hoffnungspotential suchte nach neuem Gelingen.

Ehrenberg ist 1954 pensioniert worden. Seine letzten Jahre bis zu seinem Tode am 31. März 1958 hat er in seinem geliebten Heidelberg verbracht.

Mit ihm starb ein exzellenter Kenner der deutschen Geistesgeschichte, ein Philosoph von Rang, ein engagierter Demokrat und politischer Publizist und vor allem ein außergewöhnli­cher westfälischer Pfarrer, der „als Christ aus Israel“ in seiner Kirche um ein versöhntes Ver­hältnis von Christentum und Judentum warb, gegen den ideologischen und politischen Anti­semitismus kämpfte und als Rassejude und evangelischer Bekenntnispfarrer die „Hölle“ eines Konzentrationslagers erlebte. In seiner Emigration erlebte er in England die ökume­ni­sche Gemeinschaft. Nach seiner Rückkehr musste er erleben, dass die Behördenkirche ihn nicht als Gemeindepfarrer rehabilitierte, sondern ihn in eine Sonderaufgabe in der „Randmis­sion“ schickte. Hier entwickelte er ein Begegnungskonzept mit Menschen, die nach den Er­fahrun­gen von Diktatur und Krieg nach einem neuen persönlichen und gemeinsamen Lebens­sinn fragten. Immer nah an der geschichtlichen Wirklichkeit der Zeitgenossen hat er versucht, ihnen die Kenntnisse und Erkenntnisse aus der Bibel und den reformatorischen Bekenntnis­schriften als Fundament für die eigene Entscheidung im Kampf um eine humanere und ver­nünftigere Säkularität zu vermitteln.

Literatur:

Günter Brakelmann: Hans Ehrenberg. Ein judenchristliches Schicksal in Deutschland, Bd. 1: Leben, Denken und Wirken 1883-1932, Bd. 2: Widerstand, Verfolgung und Emigration 1933-1939, Waltrop 1997 u. 1999 (Lit.) Ders. (Hg.): Autobiographie eines deutschen Pfarrers, Waltrop 1999.

Manfred Keller/Jens Murken (Hg.): Das Erbe des Theologen Hans Ehrenberg. Eine Zwischen­bilanz, Münster 2009.

Vortrag an der Evangelischen Stadtakademie Bochum.


[1] Eine genaue Chronik der Amtsenthebung Ehrenberg mit 48 Dokumenten befindet sich in dem Band „Hans Ehrenberg. Autobiographie eines deutschen Pfarrers, S. 193-339.

Hier Brakelmanns Vortrag als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s