Paul Schempp, Die Kirche am Scheideweg (1934): „Soll in der Kirche die Schrift ausgelegt werden oder ein Chaos von allen möglichen Christen­tümern zur Auswahl vorgelegt werden?“

Paul Schempp (1900-1959)

Im Nachlass Paul Schempps fand sich ein handschriftliches Memorandum „Die Kirche am Scheidewege“ aus dem Frühjahr 1934, in dem Schempp den Arierparagraphen wie auch die Kirchenpolitik der württembergischen Landeskirche hellsichtig kritisiert:

Die Kirche am Scheidewege. Ein Memorandum[1]

Von Paul Schempp

„Es weiß, Gott Lob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören, denn also beten die Kinder: Ich glaube eine heilige christliche Kirche. Diese Heiligkeit stehet nicht in Chorhemden, Platten, langen Röcken und andern ihren Ceremonien, durch sie über die heilige Schrift erdichtet, sondern im Wort Gottes und rechten Glauben.“[2]

Nun ist es Zeit, ein unzweideutiges Wort nicht zum Frieden, sondern zum Kampf zu reden, weil heute leider fast die ganze Kirche nicht mehr das weiß, was nach Luthers Wort und zu Luthers Zeit jedes 7jährige Kind wissen kann und gewußt hat. Befriedung der Kirche ist die Losung[3], und unter diesem Schlagwort soll alles niedergezwungen werden, was sich dem gottlosen und glaubenslosen Papst­regiment des uns aufgezwungenen Reichsbischofs wider­setzt. Es gehe, sagt man, nicht um Bekenntnis und Wort Gottes – die bleiben angeblich unan­getastet –, sondern nur um die Vereinheitlichung der Verwaltung, um die straffe Organisie­rung und die Zusammenfassung aller kirchlichen Kräfte unter einheitliche und absolute Füh­rung.[4]

Ja unangetastet ist Bibel und Bekenntnis, wenn man beide verschweigt, beide aufs Eis legt, beide in die Rumpelkammer wirft, und an ihrer Stelle die Forderung aufstellt, daß ein ari­sches, volksnahes, undogmatisches und unkonfessionelles deutsches Christentum gepredigt werde.[5] Wie kann man behaupten, die Schrift sei unangetastet, wenn man die Möglichkeit, christlicher Pfarrer zu sein, abhängig macht von der arischen Abstammung?[6] Gott hat es nun einmal gefallen, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu sein, Jesus Christus ist nun einmal nach dem Fleisch von dem Samen Davids geboren[7], das Heil kommt nun einmal von den Ju­den, die Heiden sind nun einmal aufgepfropft auf das auserwählte Volk, Paulus verbietet nun einmal als Apostel der Heiden den Christen, die vorher Heiden wa­ren, sich zu rühmen wider die Juden: „Rühmst du dich aber wider sie, so sollst du wissen, daß du die Wurzel nicht trägst, sondern die Wurzel trägt dich. So sprichst du: Die Zweige sind ausgebrochen, daß ich hinein­gepfropft würde. Ist wohl gere­det. Sie sind ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du stehest aber durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich. Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, daß er vielleicht dich auch nicht verschone.“[8]

Ist nun einmal der, wer einer in Christus ist, eine neue Kreatur[9], und sind nun ein­mal die Chri­sten das wahre Israel und ein Volk von königlichen Priestern[10]; ergeht nun einmal Gottes Wort an alle Völker und schafft unter allen sich Eine heilige christliche Kirche, alle zu glei­chem Glauben berufen und zum Bekenntnis ihres gleichen Glaubens aufgerufen, was hat dann das Prinzip von Blut und Rasse in der Kirche Jesu Christi zu tun? Wenn nach der Schrift „kein Unterschied zwischen Juden und Griechen ist“[11], was gibt uns dann das Recht, unter der Herrschaft Christi doch noch die Rasseschranken aufzurichten und wieder vielerlei Christen­tümer zu errichten, nachdem Christus „den Zaun abgebrochen hat“[12] und durch das Evange­lium von seinem Kreuz Frieden machte? Ist Christus ein abtrünniger Jude, ein Feind seines Volkes, oder ist sein Volk abgefallen von ihm, ein Feind sei­nes eigenen Gottes?

Wenn aber Christus kein Emigrant war, sondern die Juden ihrem rechtmäßigen Herrn davon­gelaufen sind, aber etliche treu blieben und als Apostel in die Welt zogen und das Wort des Lebens verkündigten, wer darf dann einen Christen in ei­ner Kirche, die Christus dienen will, das Predigtamt versagen, weil er nach seinem Blut kein Arier ist? Gelten heute andere Bedin­gungen für die Berufung in das Pre­digtamt als die, die Christus selber gestellt hat, nämlich das Bekenntnis seines Namens? Und wenn solche neuen Gebote gelten sollen, wo ist die Voll­macht sie aufzustellen? War das nicht der Abfall der Pharisäer, daß sie Menschensatzungen über Gottes Wort stellten, war das nicht die Anklage Luthers, daß man neue Gebo­te erlassen hatte, die neben dem Glauben an Christus auch noch Fleisch und Blut, Vernunft und mensch­liche Weisheit zur Richtschnur für die Nachfolge Christi machten? Der Arierparagraph in der Kirche ist nichts anderes als die Wiederauf­richtung des Judentums in der Kirche[13], nichts anderes als die Behauptung, die Gemeinschaft mit Gott sei je nach dem Blut eine verschiede­ne und die Liebe in Christus sei eine völkisch begrenzte. Ist die Kirche Christi an Jesu Wort gebunden oder auch noch daneben an Blut und Boden? Das ist die Frage! Gilt in ihr Gottes Wort allein, dann läßt sich seine Übertragung ins Deutsche nicht wie sonstige Übersetzungen vom Geist der Sprache und des Volkes bestimmen, sondern allein vom Geiste Gottes, durch den es gegeben ist und auch allein verstanden wird. Die Verkündigung Christi ist im Unter­schied vom nationalen Sozialismus ein „Ex­portartikel“, so gewiß sie ein Importartikel ist und nicht aus dem Deutschtum her­ausgewachsen ist, denn der natürliche Mensch vernimmt (?)[14] nichts vom Geiste Gottes, und darum gibt es keine nationalen Sonderchristentümer. Wer an­ders lehrt, zerstückt den Einen Leib Christi und steht außerhalb der wahren Kirche.

Aufs Eis gelegt ist auch das Bekenntnis, wenn man mit Gewalt einheitliche Ord­nungen in der evangelischen Kirche Deutschlands aufrichten will.[15] Im Augsbur­ger Glaubensbekenntnis heißt es: „Dies ist genug zu wahrer Einigkeit der christli­chen Kirche, daß da einträchtiglich, nach reinem Verständnis, das Evangelium gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und ist nicht not zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirche, daß allenthalben gleichförmige Zeremonien, von den Menschen eingesetzt, gehalten werden.“[16] Heute aber behauptet man kühn gerade das Gegenteil: die Predigt sei frei, aber die Ordnungen müssen einheitlich und reichskirchengesetzlich festgelegt sein. Was es mit dem Festhalten am Bekenntnis bei den Deutschen Christen auf sich hat, zeigt sich darin, daß sie von der in allen Bekenntnisschriften der Reformation ge­lehrten christlichen Freiheit nichts lehren und wissen. Dort ist nur Eine Regel und Richtschnur in der Kirche aufgerichtet, das Evangelium nach den Schriften des Alten und Neuen Testamentes, und das lehrt, die freie ungezwungene Erfüllung der Gesetze durch die Liebe, die aus dem Glauben kommt. Sie aber errichten ne­ben dem Evangelium eine unerträgliche Gewaltherrschaft und richten nicht das Leben nach dem Glau­ben, sondern den Glauben nach den Meinungen der Men­schen. Bald behaupten sie, Volkes Stimme sei Gottes Stimme, eine widerchristli­che Lehre, die zudem noch in der Geschichte tausendfach widerlegt ist, nicht nur in der Geschichte Jesu Christi und in der Reformation, in der sich Fürsten, Adel, Bauern und Bürger immer mehr von Luther abgewandt haben, wie er selber unzähligmal schreibt und klagt. Wenn es sich aber zeigt, daß das deutsche Volk in seinen menschlichen Lebensordnungen gemeint ist, aber nicht in seinem christli­chen Glau­bensbekenntnis, dann richten sie das Führerprinzip in der Kirche auf, wo es nur Einen Führer, Christus, gibt und machen sich zu Stellvertretern Christi wider alle Bekenntnisse. Setzt man ihnen entgegen: „Petrus (1Petr 5,3) verbietet den Bischöfen die Herrschaft, als hätten sie Ge­walt, die Kirchen, wozu sie wollten, zu zwingen“, „Man soll auch den Bischöfen, so ordent­lich gewählt, nicht folgen, wo sie irren oder etwas wider die heilige göttliche Schrift lehren oder ordnen“[17], dann sagen sie, die kirchlichen Ordnungen, die zwangsmäßige Weiterarisie­rung der Kirche, habe mit dem Evangelium nichts zu tun; Kultus und Lehre der einzel­nen Kirchen würden nicht angetastet. Abgesehen davon, daß der Arierparagraph und das mensch­liche Führerprinzip befriedigt sind, und abgesehen davon, daß man schon längst ein Reichs­gesangbuch in Aussicht gestellt hat, als ob die Lieder nicht zum Kultus der Kirche gehörten, ist es selber eine Sinnlosigkeit, die Kirche des Wortes und Geistes, die Gemeinschaft der Schäflein Christi von den Ordnun­gen der Kirche loszutrennen.

So wenig im Staat die Verwaltung und Wirtschaftsordnung, Schule und Sitten vom Geist der nationalen und sozialen Weltanschauung zu trennen sind, so wenig, nein noch viel weniger, kann die Kirche ihren Inhalt und ihre Form voneinander unterscheiden wollen. Ist die Form allerdings Wesensbestandteil der Kirche, durch die ihr Inhalt bestimmt wird, dann sind wir katholisch und die deutschen Christen haben wahrlich schon genug katholische Organe ge­schaffen – die staats­mäßige Führung, die Einsetzung eines Außenamtes und eines „geistlichen Vi­kars“[18], die rechtlich-weltliche Verwaltung des Schlüsselamtes, das Verbot der Kritik an der kirchlichen Obrigkeit[19], das allerdings nur die deutsch-christlichen Bischöfe heilig spricht, zeugen davon. Ist aber umgekehrt die Form der Kirche oh­ne Bedeutung für ihre Lehre und ihren Geist, dann ist die Kirche ein großes Kon­zentrationslager für allerlei christliche Sektie­rer, die im Herzen glauben mögen, was sie wollen, wenn sie nur hundertprozentig gehorchen.

Da schreibt der Präsident des württembergischen Landeskirchentags[20], er habe „bis zum heu­tigen Tag nicht begriffen, was dieser ganze Fragenkomplex mit dem Evangelium von Jesus Christus zu tun haben soll“[21]. Er hat vielleicht in seiner Bi­bel schon gelesen „alle euere Dinge lasset in der Liebe geschehen“[22] oder „ihr esset oder trinket oder was ihr tut, so tut es alles zu Gottes Ehre“[23] oder: „tut alles in dem Namen des Herrn Jesu“[24] oder „alles, was nicht aus dem Glauben kommt, ist Sünde“[25] und da soll ausgerechnet der Aufbau der Kirche von diesem „alles“ aus­genommen, vom Evangelium von Jesus Christus unabhängig sein. Wer so etwas sagt, der erklärt damit das Evangelium für eine Privatsache in der Kirche, der sagt: glauben und lehren mögt ihr, was ihr wollt, wir wollen ja nur herrschen in der Kirche. Jedes Kind soll­te es wissen, daß das geoffenbarte, gepredigte, geglaub­te, bekannte und befolgte Wort Gottes allein und ausschließlich alles, aber auch al­les, bestimmen muß in der Kirche und nicht eine göttliche Kirche in einer mensch­lichen drinliegt, wie das Geld im Strumpf. Zum rechten Glau­ben kann man frei­lich niemand zwingen, und darum müssen die Guten und Bösen ge­mischt sein und auch unter der Geistlichkeit bleiben Christen und Unchristen auf der ganzen Welt, aber das Wort und die Lehre müssen rein und unverfälscht bleiben, damit einer wisse, auf welchen Glauben man leben und sterben kann. Wo aber das Wort ist, da ist es unduldsam und greift die Kirche täglich mit Macht an, daß sie ihm in allen Stücken untertan sei und Chri­stus nachfolge und keinen faulen Frieden schließe. Es geht gar nicht um Unitarismus oder Partiku­larismus[26], sondern um die Eini­gung der Kirche durch die Einheit des Wortes Gottes und die Einheit des Glaubens und der Liebe, oder um die gewaltsame Einigung durch Unterdrückung und Ver­schweigen des unmittelbaren und umfassenden Herrschaftsanspruches des Einen Bischofs und Hirten, der keine vergewaltigten Gewissen will, sondern freiwilligen Gehorsam schafft durch den Geist, der sein Wort ins Herz treibt und es gefangen nimmt zur siegreichen Liebe aus dem Glauben, der Welt, Sünde, Tod und Teufel überwindet. Hat Christus Schmach und Scheltworte getragen, dann ist es besser, mit ihm zu fallen als mit unfehlbaren, unantast­baren Kirchenfürsten zu stehen, die Christus als „das Aufflammen nordischer Art“[27] predigen und darum einen anderen Geist haben als die armen Sünder, die von seiner Gnade allein, täg­lich Vergebung, Trost und Hoffnung des ewigen Lebens und neuen Reiches ewiger Ge­rech­tigkeit erwarten.

Wer behauptet, die heutige Reichskirche sei die Erfüllung des Gedanken Luthers an die eine deutsche evangelische Reichskirche[28], der ist höchstens durch fast unglaubliche kirchen­geschichtliche Unbildung zu entschuldigen. Wer aus Luthers Schriften nachweisen kann, daß ihm auch nur einmal in seinem Leben der Gedan­ke an eine nicht allein durch die gleiche göttliche Botschaft und Lehre, sondern durch äußere Gesetze, Ordnungen, durch Gewalt von oben oder nationalem Volkswillen von unten her geeinte deutsche Reichskirche gekommen ist, der mag die Polizei rufen oder gleich Scheiterhaufen errichten. Wider die deutschen Chri­sten, die Dogmen für Pfaffengezänk[29] und Theologie für Intellektualismus, Be­kenntnis für Eigenbrödelei und Heiligung für Muckertum erklären, sei Luthers Meinung über die Herr­schaft von Gottes Wort kurz so gesagt: „wo die Lehre nicht reformiert wird, da ist alles Refor­mieren mit dem Leben umsonst; ich scheiße auf alle Zeremonien ohne Gottes Wort. Wer eine rechte Kirche haben will, der halte sich an das Wort, durch welches alles erhalten wird.“

Daß es aber um wesentlich Anderes als um Gottes Wort bei diesem neuen Chri­stentum geht, das sagen sie selber mit wünschenswerter Deutlichkeit. Der Präsi­dent des württembergischen Landeskirchentags heißt es einen Frevel, „wenn süddeutsche Pfarrer unter Berufung auf das bedrohte Bekenntnis mit dem Gedan­ken einer Kirchenspaltung spielen. Wissen diese Verblen­deten nicht, daß sie damit die gesamte Dotation des Staates an die Landeskirche in Frage stel­len??“[30] Doch, doch Herr Präsident, das wissen diese Verblendeten und sie wissen noch dazu, daß man auch nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen kann, daß der Staat durch sein Geld keine Kirche nach seinem Willen kaufen kann; wenn er es einer christli­chen Kirche nicht geben will, so mag er’s behalten. Es geht nicht um Nord- und Süddeutschland, um die Mainlinie, wie diese Meister der Verdrehung es glauben machen wollen, sondern um Kirche Christi oder Kirche, die den christlichen Na­men für eine neu erstandene Weltanschauung, die selber diesen Namen gar nicht begehrt, in Beschlag nehmen will.

Wie oft soll man noch dazu auffordern, daß sie ihre Sache endlich einmal mit der Bibel und den reformatorischen Bekenntnissen beweisen, anstatt immer mit Ge­waltandrohungen oder allenfalls mit dem unbewiesenen Geschrei vom Gebot der Stunde zu fechten. Gerade wenn es nicht um Personen geht, wie sie immer sagen, dann also doch wohl um die Sache, um das Wesen der Kirche, die nach Luther „da endet, wo das Buch (die Schrift) endet“, die ein Ge­schöpf des Wortes Gottes und nicht ein menschliches Machwerk ist. Hier ist die Legitimation, wer sich da nicht ausweisen kann, der soll den christlichen Namen fahren lassen, denn es ist kein menschlicher Name, sondern Gottes eigener Namen, uns durch sein Wort zum Schutz und Schild gegeben[31], aber nicht um nun (?) unsere Willkür damit zu schmücken und zu de­cken, sondern um ihm im Glauben die Ehre zu geben, die ihm gebührt, daß er wahrhaftig ist und alle Menschen Lügner, daß er allein von Sünde, Tod und Verdammnis rettet und nicht menschliche Tat oder edle Gesinnung.

Bald ein Jahr lang haben die deutschen Christen nun schon die Kirche versuchen dürfen, nun ist es Zeit, die Gemeinden aufzurufen und jeden einzelnen zu fragen; bist du bereit mit Leib und Leben dich gegen die Herrschaft dieser Irrlehre und Gewissenstyrannei zu wehren, und einzutreten für die reine reformatorische Scheidung zwischen dem Reich Christi, in dem Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Mahl der Gemeinschaft mit Christus uns eint zur gleichen Hoffnung auf Gottes Gnade allein, und dem Reich des Staates, in dem das Schwert und Gewalt herr­schen sol­len nach Gottes Ordnung zur Rache über die Bösen und zum Schutze und Lobe der Guten? Wir wollen nicht Begnadigung, wo Menschen Unrecht geschehen ist, die frei und unerschrocken den Namen Christi bekannten[32], wir wollen nicht einen Mittelweg, durch den Christus seine Herrschaft in der Kirche teilen muß mit menschlicher Gewalt, wir wollen den Bau der Kirche von innen her, vom Wort der Propheten und Apostel, und von unten her, vom Glauben der Gemeinden; wir wol­len das Amt, das die Versöhnung predigt im Namen Jesu Christi und nicht im Na­men von Menschen, wir wollen „halten an dem Bekenntnis der Hoff­nung und nicht wanken, denn er ist treu der sie verheißen hat.“[33]

Soll die Kirche aus ihrem eigenen Grunde wachsen und Gestalt gewinnen oder ein Staat im Staate sein und darum überflüssig und entbehrlich?

Sollen die Ordnungen der Kirche schriftgemäß oder nur zeitgemäß sein?

Soll der Grund der Kirche Christus sein oder daneben noch die Geschichtsdeutun­gen der Gegenwart oder Blut und Rasse?

Soll in der Kirche Gottes ewig gültiges Wort an die Deutschen verkündet werden oder deut­sche Worte vom Gott der deutschen Seele?

Soll in der Kirche die Freiheit von den Satzungen der Welt oder die Knechtschaft unter Will­kür und Gewalt gelten?

Soll in der Kirche die Schrift ausgelegt werden oder ein Chaos von allen möglichen Christen­tümern zur Auswahl vorgelegt werden?

Soll die Unruhe der Buße, des Kreuzes und Kampfes in der Kirche Raum haben oder die Kirchhofsruhe allgemeiner Christlichkeit, die zu nichts anderem ver­pflichtet als zu der Ein­ordnung in den totalen Staat?

Sollen die deutschen Christen die Kirche noch weiter vergewaltigen und jeden zum Hochver­räter stempeln dürfen, der bei ihnen die Stimme eines Fremden hört und darum in der Sorge um Leben und Seligkeit hinflieht zu dem, der die Mühseli­gen und Beladenen ruft und zer­streut, die hoffärtig sind?[34]

Die Kirche, die nicht hört, ist nicht Kirche, sagt Luther, darum wollen wir ent­schlossen den Weg des Hörens und Gehorchens einschlagen, den Weg, da Gottes Wort unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unsrem Wege ist.[35] „Ach, daß ich hören sollte, was der Herr redet, daß er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf daß sie nicht auf eine Irrheit geraten.“[36]

Wer die Herrschaft und Lehre der deutschen Christen verwirft und entschlossen ist, wider sie im Gehorsam des Glaubens und Leidens zu zeugen, der sage es sei­nem Geistlichen.

Editiert von Siegfried Hermle.

Quelle: Evangelische Theologie, 51. Jg., Heft 2, 1991, S. 192-197.


[1] Vgl. den Wahlaufruf der Religiösen Sozialisten zu den badischen Kirchenwahlen 1932, in: Th. Schabel (Hg.), Die Machtergreifung in Südwestdeutschland. Das En­de der Weimarer Republik in Baden und Württemberg 1928-1933 (Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs Bd. 6), Stuttgart 1982, 251 (Die Zei­chensetzung wurde heutigen Gepflogenheiten angepaßt).
[2] Schmalkaldische Artikel, WA 50, S. 250,1-4.
[3] Vgl. Kirchliches Jahrbuch 1933-1944, hg. von J. Beckmann, Gütersloh 19762 (KJ 1933-1944), 62f.
[4] A.a.O. 62.
[5] Vgl. u.a. die Rede bei der Sportpalastkundgebung von Reinhold Krause, in: J. Gauger, Chronik der Kirchen­wirren I (Gotthardbriefe 138-145), Elberfeld 1934, 109.111.
[6] KJ 1933-1944, 33f.
[7] Röm 1,3.
[8] Röm 11,18b-21.
[9] 2Kor 5,17a.
[10] Offb 1,6.
[11] Röm 10,12.
[12] Eph 2,14.
[13] Vgl. oben Anm. 33.
[14] Ursprünglich „versteht“; die korrigierte Fassung ist nicht sicher zu lesen.
[15] KJ 1933-1944, 62f.
[16] CA 7, in: BSLK 19798, 61.
[17] CA 28, in: BSLK 19798, 124f.
[18] KJ 1933-1944, 64.
[19] A.a.O.44.
[20] Pfarrer Dr. Karl Steger (1889-1959), Friedrichshafen.
[21] Vgl. G. Schäfer (Hg.), Die Evangelische Landeskirche in Württemberg und der Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zum Kirchenkampf ΙΠ. Der Einbruch des Reichsbischofs in die württembergische Landeskirche 1934, Stuttgart 1974, 196.
[22] 1Kor 16,14.
[23] 1Kor 10,31.
[24] Kol 3,17.
[25] Röm 14,23.
[26] Vgl. Vgl. Schäfer, III, 196 und Anlage II zum Schreiben des Präsi­denten des württembergischen Landeskir­chenta­ges von Mitte April 1934 (LKA Stuttgart D 1, 48)
[27] Nach dem Text von Diem, war dies ein Ausspruch eines Mitglieds „der gegen­wärtigen Reichskirchenregie­rung“; vgl. Schäfer, III, 366.
[28] Anlage II, wie Anm. 26.
[29] Vgl. Mitteilung des württembergischen Oberkirchenrats an alle Pfarrämter vom 19.4.1934, in: Schäfer, III, 146.
[30] Anlage II, wie Anm. 26.
[31] Vgl. Ps 119,114.
[32] KJ 1933-1944, 63.
[33] Hebr 10,23.
[34] Mt 11,28; Lk 1,51.
[35] Ps 119,105.
[36] Ps 85,9.

Hier Schempps Text als pdf.

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