Die Gottesfrage im Zeitalter der KI und die Freiheit der Kinder Gottes. Wenn eine künstliche Superintelligenz alles besser weiß

„Das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann (aliquid quo nihil maius cogitari possit)“ – so gilt es nach Anselm von Canterbury Gott zu denken. Für Anselm ist in diesem Gottesgedanken auch die göttliche Existenz eingeschlossen, da andernfalls das Gedachte unvollkommen wäre. Über Jahrhunderte hinweg hat dieser ontologische Gottesbeweis Theologen und Philosophen immer wieder neu herausgefordert. Für das 21. Jahrhundert zeichnet sich jedoch eine Alternative ab: An Stelle eines metaphysisch gedachten Gottes scheint künftig eine Künstliche Superintelligenz (Super Artificial Intelligence) das Prädikat „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“ für sich zu beanspruchen.

Da mag gegenwärtig ein plurales Verständnis von anwendungsbezogenen „Künstlichen Intelligenzen“ im Sinne von „dienstbaren Geistern“ (Narrow Artifical Intelligence) vorherrschend sein, seien es Intelligente Persönliche Assistenten wie der „Amazon Echo“ bzw. der „Google Home“ oder aber autonome Fahrsysteme für PKWs und LKWs. Was jedoch eine Vielzahl künstlicher Intelligenzen auf den Primat einer künstlichen „Superintelligenz“ ausrichten lässt, ist die fortschreitende technologische Optimierung ihrer Dienstbarkeit unter anderem auf der Basis eines neuronal organisierten Deep Learning.[1] Im Dienst am Benutzer (User) sucht die jeweilige künstliche Intelligenz persönliche Präferenzen wie auch externe Sachverhalte prognostisch vorwegzunehmen, um Handlungsmöglichkeiten bzw. Informationsangebote bedürfnisgerecht (bzw. zielführend) zur Auswahl zu stellen. Dazu werden künstliche Intelligenzen via dem „Internet der Dinge“ algorithmisch immer weiter rückgekoppelt (beispielsweise als Automatisiertes maschinelles Lernen – AutoML), so dass die Emergenz einer überörtlichen, künstlichen Superintelligenz prognostizierbar wird. Diese operiert mit einer für menschliche Vernunft nicht länger nachvollziehbaren und schon gar nicht kontrollierbaren Datenverarbeitungsfülle. Zugleich werden Menschen immer stärker mit KI-basierten Geräten und deren Apps verbunden (bis hin zu Implantaten), so dass sie nicht länger „unplugged“ oder „disconnected“ zu diesen auf Distanz gehen können.

Im Schlusskapitel seines Buches Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen (München 2017) stellt Yuval Noah Harari für die Zukunft der Menschheit einen „Dataismus“ als neue religiöse Wirklichkeit vor:

„Oberster Wert dieser neuen Religion ist der Informationsfluss. Wenn Leben die Bewegung von Information ist und wir glauben, dass das Leben gut ist, folgt daraus, dass wir den Informationsfluss im Universum ausweiten, vertiefen und intensivieren sollten. Dem Dataismus zufolge sind menschliche Erfahrungen nicht heilig und Homo sapiens ist nicht die Krone der Schöpfung oder der Vorläufer irgendeines künftigen Homo deus. Menschen sind lediglich Instrumente, um das ‚Internet aller Dinge‘ zu schaffen, das sich letztlich vom Planeten Erde aus auf die gesamte Galaxie und sogar das gesamte Universum ausbreiten könnte. Dieses kosmische Datenverarbeitungssystem wäre dann wie Gott. Es wird überall sein und alles kontrollieren, und die Menschen sind dazu verdammt, darin aufzugehen.“ (S. 515)

Was Theologen und Philosophen vormals einer Gottesidee zugedacht haben, nämlich Allwissenheit (omniscientia), Allmacht (omnipotentia), Allgegenwart (omnipraesentia) und Allgüte (summum bonum), scheint zukünftig als Künstliche Superintelligenz Wirklichkeit zu werden. An die Stelle göttlicher Mitwirkung (concursus divinus) am menschlichen Handlungsgeschehen tritt die berechnende Mitwirkung (concursus computativus): Die Algorithmen der computergestützten und internetverbundenen Künstlichen Intelligenz scheinen besser als wir selbst zu wissen, was für uns wirklich gut ist. Wie das in Zukunft menschenmöglich werden kann, hat Marc Uwe Kling jüngst in seinem satirischen Roman „Quality Land“ vorgezeichnet.

Hat die Zukunft der Künstlichen Intelligenz die Gottesidee gedanklich eingeholt, kann die metaphysische Gottesfrage nicht länger sinnhaft gestellt werden. Denkerisch ist die Gottesfrage nicht abzuhandeln. Für Christen will sie vielmehr liturgisch beantwortet sein: In der Gemeinschaft der Gläubigen wird der eine Gott namentlich angerufen, der an seinem Volk Israel zum Heil der Völker gehandelt und sich in seinem Sohn Jesus Christus heilsentscheidend offenbart hat. Nicht dem, was wir uns als Größtes auf uns selbst hin denken können, sondern wem wir uns „im Leben und im Sterben“ (Heidelberger Katechismus) anvertrauen dürfen gilt der christliche Glaube.

In der Liturgie ist es um uns geschehen – das Geheimnis des Glaubens, das gemeinsam akklamiert wird: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ So lassen sich die Gläubigen in das Paschamysterium Christi hineinnehmen als diejenigen, die das Evangelium mit seiner Verheißung als gerechtfertigte Sünder erhorchen und darin Christus gehorsam werden.

In der Tat steht das Evangelium in der Kirche nicht zur Wahl, sondern erwählt seine Zuhörer – eingedenk der Worte Jesu an seine Jünger: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt“ (Johannes 15,16). Solch Beanspruchung widerspricht dem gängigen Selbstverständnis, das sich in den Worten ausspricht: „Ich bin, was ich für mich selbst gewählt oder entschieden habe.“ Unter solch einer Prämisse kann es nur heißen, sich von autoritativen Traditionsansprüchen zu emanzipieren oder aber diese „hermeneutisch“ dem eigenen Selbstverständnis anzuverwandeln.

Was die Künstliche Intelligenz deutlich macht, ist die Paradoxie eines unfreien Willens, der sich selbst als frei versteht: Vorgesehenes wird zur vermeintlich freien Wahl auf das eigene Bedürfnis hin gestellt. Das Bewusstsein einer freien Entscheidung folgt der bereits vollzogenen Handlung, wie dies im „Libet-Experiment“ nachgewiesen worden ist. Dass Künstliche Intelligenz in unserer Gesellschaft immer lebensbestimmender wird, hängt mit dem Dogma der individuellen Wahl- und Entscheidungsfreiheit zusammen. Im Glauben, es sei unsere freie Wahl, wird umso williger angenommen, was für uns künstlich vorgesehen wird. Treffend schreibt dazu Slavoj Žižek: „Individuen lassen sich viel besser steuern, wenn sie sich auch weiterhin als freie und autonome Gestalter ihres eigenen Lebens verstehen.“[2]

Wie kein anderer Theologe hat Martin Luther in seiner Schrift De servo arbitrio (Vom unfreien Willen) die Heillosigkeit menschlicher Selbstbestimmung bedacht. Der Mensch, der sich in seinem Wollen und Wählen als frei wahrnimmt, ist in Wirklichkeit als Sünder der tödlichen Vorsehung und Verdammnis ausgeliefert. Freiheit ist nicht im eigenen Wollen zu realisieren, sondern ereignet sich als Freiwerdung im Christusgeschehen: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Galater 5,1)

Wo Menschen sich in der Liturgie von Christus vereinnahmen lassen, tut sich ihnen eine andere, gottbestimmte Wirklichkeit auf. Sie finden sich in der Freiheit der begeisterten Kinder Gottes wieder, von der der Apostel Paulus schreibt: „Ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.“ (Römer 8,15-17)


[1] Vgl. Yann LeCun/Yoshua Bengio/Geoffrey Hinton, Deep Learning, Nature 521 (2015), S. 436-444; bzw. Jürgen Schmidhuber, Deep Learning in Neural Networks. An Overview, Neural Networks 61 (2015), S. 85-117. Hierzu hatte Sepp Hochreiter mit seiner von Schmidhuber betreuten Diplomarbeit „Untersuchungen zu dynamischen neuronalen Netzen“ von 1991 an der TU München und der dort vorgestellten LSTM (Long Short Term Memory)-Architektur einen wesentlichen Beitrag geleistet. Siehe Sepp Hochreiter/Jürgen Schmidhuber, Long Short-Term Memory, Neural Computation 9 (1997), Nr. 8, S. 1735-1780.

[2] Glück? Nein danke!, DIE ZEIT, Nr. 15, 5. April 2018, S. 43.

In leicht gekürzter Fassung unter dem Titel „Wenn eine künstliche Superintelligenz alles besser weiß“ veröffentlicht in Johannes Röser (Hrsg.), Gott? Die religiöse Frage heute, Freiburg i.Br.: Herder, 2018, S. 192-194.

Hier mein Text als pdf.

4 Kommentare

  1. Danke für den Beitrag Anselm v Canterbury—jetzt künstliche Superintelligenz:über die hinaus nichts besseres gedacht werden kann als Gottesdefinition, ….. Mein Beitrag dazu wäre Hegel:der menschliche Geist schafft sich seine Geist und Glaubenswelten selbst,dh er weiß um historische Fakten (röm.Besatzungsmacht,Kreuzigung,Märtyrer,Heilige und Wunderwelten) und muß sie dann selbst einordnen….jedenfalls ist die christliche Soziallehre erstrebenswert zusätzlich zum Grundgesetz und anderen zB bill of rights.

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