Friedrich Mildenberger, Gottes Gegenwart im Heiligen Geist: „Von Gottes Geist redet da die Bibel, oder auch vom Heiligen Geist, wo Gott sich Menschen mitteilt, und wo Menschen, etwa im Gebet, sich Gott mitteilen.“

Friedrich Mildenbergers Vorlesung „Theologie des Heiligen Geistes„, die er im Wintersemester 1980/81 in Erlangen gehalten hatte, ist dank Ernst Dehlinger online als pdf lesbar. Hier der Gemeindevortrag „Gottes Gegenwart im Heiligen Geist“, den Friedrich Mildenberger 2002 in Pegnitz gehalten hatte:

Gottes Gegenwart im Heiligen Geist

Von Friedrich Mildenberger

Wie wir richtig vom Heiligen Geist reden, das soll uns heute abend beschäftigen. Dabei will ich nun nicht streng systematisch vorgehen. Sonst müßte ich bei dem selbst schon nicht ein­fachen Thema des Heiligen Geistes mit der Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit beginnen. Das will ich Ihnen nicht zumuten. Ich nehme vielmehr in einer Reihe von kurzen Überlegun­gen das biblische und kirchliche Reden vom Heiligen Geist auf. Seine Vielfalt kann ich dabei freilich nicht ausschöpfen. Ich kann nur auswählen und das anführen, was mir besonders wichtig ist. Dabei soll das Hauptgewicht auf biblischen Texten liegen, die ich anführe. Ich hoffe aber, daß damit auch deutlich wird, wie wir selbst vom Fragen nach dem Heiligen Geist betroffen sind.

1. Komm Heiliger Geist!

Das ist eine Szene, die wir aus vielen Krimis kennen: Da ist einer festgenommen worden und soll nun von den Kommissaren verhört werden. „Ich verlange meinen Anwalt!“ – so der Beschuldigte. Er bekommt ein Telefon zugeschoben, damit er seinen Anwalt anrufen kann. Und der kommt dann auch unverzüglich.

„Komm! Ich brauche dich. Ich bin in Not. Ich weiß allein nicht mehr weiter.” Wenn es so steht, dann braucht es einen Anwalt, der für mich eintritt, der Bescheid weiß, der reden kann, der dafür sorgt, daß mir kein Unrecht geschieht. Ich rede damit schon vom Heiligen Geist. In den Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium, Kap. 14-17 wird den Jüngern der Heilige Geist zugesagt. Wenn Jesus zum Vater weggegangen ist, dann wird er kommen. Und der Ausdruck, mit dem er im Griechischen bezeichnet wird, heißt „paraklätos“. Luther hat das mit „Tröster” übersetzt. Die katholische Einheitsübersetzung sagt dafür „Beistand“. Aber genauso richtig ist es, wenn wir diesen Ausdruck mit „Anwalt” übertragen. Dieser Anwalt wird von uns angerufen: „Komm!”

Dazu kann ich nun nicht die ganzen Pfingstlieder aus unserem Gesangbuch durchgehen. Im­mer wieder ist da die Bitte um das Kommen des Heiligen Geistes und seiner Gaben. „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott, erfüll mit deiner Gnaden Gut deiner Gläub’gen Herz Mut und Sinn, dein brennend Lieb entzünd in ihn…” „O komm, du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein. Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an…”

So finden wir den Heiligen Geist in unserem christlichen Sprechen: Er wird angerufen; wir bitten um sein Kommen; denn wir brauchen ihn in unseren Verlegenheiten, in Not, Angst, Unwissenheit. Freilich sieht das dann oft anders aus als im Krimi. Da kommt der Anwalt, wenn er angerufen wird und steht seinem Mandanten bei. Wenn wir den Heiligen Geist an­rufen: „Komm!”, dann wissen wir zugleich, daß wir sein Kommen nur erbitten, aber nicht verlangen können. So sagt das Jesus zu Nikodemus: „Der Wind bläst wo er will und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt” (Joh 3,8). Der Wind, das ist im Griechischen wie im Hebräischen dasselbe Wort wie „Geist”. Unfaßbar wie der Wind ist Gottes Geist.

Behalten wir das. Ich muß darauf noch zurückkommen: So reden wir in der christlichen Kir­che vom Heiligen Geist, daß wir ihn anrufen: „Komm!”, weil wir seinen Beistand brauchen.

2. Vom Geheimnis des Geistes

Hier muß ich nun doch eine Erklärung versuchen: Was sollen wir uns eigentlich denken, wenn wir „Heiliger Geist” sagen? Da kommt wohl den meisten das Bild von der Taube in den Sinn, wie sie etwa unter den Schalldeckeln an vielen Kanzeln angebracht ist. Diese Taube erinnert an die Taufe Jesu durch Johannes im Jordan. Ich führe jetzt nur den Wortlaut an, mit dem der Evangelist Markus davon redet. Da heißt es von Jesus: „Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah er, daß der Himmel sich auftat und der Geist wie eine Taube herab­kam auf ihn. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen” (Mk 1,10f). Vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch an die Pfingstge­schichte, wo es von den Aposteln heißt: „Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden unter ihnen und sie wurden alle erfüllt vom Heiligen Geist und fingen an, zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszuspre­chen” (Apg 3,3.4). Das heißt natürlich nicht, daß der Heilige Geist aussieht wie eine Taube oder auch wie Feuerflammen. Bilder sind das, durch die das Unsichtbare angezeigt werden soll.

Um uns dieser unsichtbaren Wirklichkeit des Heiligen Geistes zu nähern, will ich auf einen Sachverhalt verweisen, den wir alle kennen. Allerdings ist er uns so selbstverständlich, daß wir ihn normalerweise kaum bemerken: Wir verstehen uns. Sicher gilt auch das andere: Häu­fig verstehen wir uns auch nicht. Mißverstehen, Unverständnis gehört zu unserer Erfahrung dazu. Aber das ändert ja nichts daran, daß ich anderen Menschen mitteilen kann, was ich denke, und auch mitteilen kann, was ich fühle. Gedanken, Gefühle: die sind doch auch etwas Unsichtbares. Das bemerken wir nur darum in der Regel nicht, weil wir von klein auf Spre­chen und Denken miteinander gelernt haben. Und noch früher haben wir gelernt, unsere Ge­fühle zu zeigen, zu lachen und zu weinen. Was wir dann allenfalls mühsam lernen müssen, ist Gefühle und Gedanken zu verbergen, mindestens bei uns zu behalten. „Nimm dich zusam­men!” heißt es dann, oder: „Denk erst nach, ehe du losredest!” So können wir dann das unter­scheiden, was im Kopf ist und im Herzen, und was wir zeigen, was wir herauslassen können und herauslassen dürfen.

Wenn wir unsere Gedanken aussprechen, unsere Gefühle äußern, dieses Unsichtbare, das da im Kopf ist und im Herzen, dann werden wir von anderen Menschen verstanden. Die sich gut verstehen, die verstehen sich sogar ohne Worte, durch einen Blick, eine Geste. Wie ist das möglich? Dafür kann man „Geist” sagen – das ist noch nicht der Heilige Geist. Geist ist das, was uns verbindet, was in mir ist und in anderen. Diese Verbindung geht über leibhafte Äuße­rungen, Lachen, Weinen, Sprechen, Zeigen und andere Gesten. So können wir Menschen uns untereinander verständigen, auch wenn es dabei manchmal zu Mißverständnissen kommt. Jeder von uns ist ja nicht nur Körper, Leib. Er ist auch Geist oder Seele, wie man zu diesem Unsichtbaren auch sagen kann. Ich sagte: Normalerweise bemerken wir diese Mitteilung von Geist zu Geist, von Seele zu Seele gar nicht. Sie ist uns zu nahe, zu selbstverständlich. Darum denken wir nicht darüber nach, wie das eigentlich kommt, daß wir uns so von Geist zu Geist, von Seele zu Seele verstehen können. Doch wenn wir mit solchem Nachdenken einmal an­fangen, wie beispielsweise jetzt, dann bemerken wir rasch, wie geheimnisvoll solches Verste­hen ist.

Wir reden von „Geist”, wenn wir beschreiben wollen, was dieses Unsichtbare ist, unsere Ge­danken, unsere Gefühle, die wir einander mitteilen und die wir so miteinander teilen können. Das können und müssen wir dann aber auch übertragen: Nicht nur von Mensch zu Mensch gibt es solches Mitteilen. Gott selbst teilt sich uns Menschen mit. Seinen Gedanken können wir nachdenken. Auch dem können wir nachdenken, daß die Gedanken Gottes größer sind als daß wir Menschen sie verstehen könnten: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedan­ken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Him­mel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Ge­danken als eure Gedanken” (Jes 55,8). Von Gottes Geist redet da die Bibel, oder auch vom Heiligen Geist, wo Gott sich Menschen mitteilt, und wo Menschen, etwa im Gebet, sich Gott mitteilen. Auch sol­che Mitteilung geht nicht unmittelbar. Es braucht auch da Worte und Zei­chen für eine solche Mitteilung. Daß sie gelingt, daß Gott uns versteht und daß wir Gott ver­stehen, das ist das Ge­heimnis des Heiligen Geistes.

3. Der Beistand in der Bedrängnis

Ich bleibe in der Spur, die ich gleich anfangs aufgenommen habe, auch wenn ich so nicht die ganze Fülle des biblischen Redens vom Geist Gottes ausmessen kann. Wir rufen den Heiligen Geist an: „Komm!”, weil wir in Bedrängnis sind. Dazu erinnere ich zunächst an die Pfingstge­schichte. Die ist uns allen geläufig. Da sind die Jünger Jesu, ängstlich, eingeschüchtert, ratlos. Sie wissen nicht, was aus ihnen werden soll, nachdem Jesus nicht mehr da ist. Aber da kommt der Heilige Geist über sie. Was da mit ihnen geschah, das ist freilich nicht eindeutig. Die Leu­te, die Zeugen dieses Geschehens wurden, entsetzten sich. Andere aber hatten ihren Spott, sagten, die seien anscheinend schon am frühen Morgen betrunken. Petrus hat in seiner Predigt erklärt, daß dieses Geschehen durch den Propheten Joel vorausgesagt worden sei. So, im Ver­weis auf seine Bibel – wir reden heute vom Alten Testament – konnte er sagen, was jetzt not­wendig war. Und Viele von denen, die zuhörten, haben das ja auch verstanden, alle, die gläu­big wurden und sich taufen ließen. So hat der Heilige Geist die bedrängten Jünger zu freimüti­gen Zeugen Jesu Christi gemacht.

Nicht nur der Abschnitt aus dem Propheten Joel, den Petrus ausdrücklich anführt, gehört zur Pfingstgeschichte. Da ist auch eine Geschichte, die im Zusammenhang der Wüstenwanderung Israels erzählt wurde, an die die Pfingstgeschichte erinnert. Da hatte sich Mose wieder einmal bei Gott beklagt. Er allein komme nicht mehr zurecht mit diesem großen Volk, mit seiner Aufsässigkeit, seinem Ungehorsam, seiner Zuchtlosigkeit. Gott wies ihn an, er solle sich von den Ältesten Israels, den Familienoberhäuptern, siebzig Leute heraussuchen und zur Stiftshüt­te bringen, jenem Zelt, in dem Gott mit Mose verkehrte. Und dann kam Gott in der Wolke verhüllt niedergefahren, redete mit Mose und nahm von seinem Geist und legte ihn auf die siebzig Ältesten. „Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Pro­pheten und hörten nicht auf” (4.Mose 11,25). Nicht mehr Mose allein sollte es sein, durch den sich Gott seinem Volk mitteilte. Auch die siebzig Ältesten sollten und konnten nun solche Mittlerdienste tun. Man konnte ihre Bevollmächtigung an ihrer „Verzückung” erkennen. Frei­lich ist das kein eindeutiges Zeichen des Geistes Gottes gewesen. Als Samuel den Saul zum König in Israel bestimmt und ihn gesalbt hatte, geriet der auch in eine solche Verzückung. Auch da gab es Spott, wie dann an Pfingsten. Einige meinten: „Was ist mit dem Sohn des Kisch geschehen? Ist Saul auch unter den Propheten?” (1.Sam 10,12, eine bis heute gängige Redensart).

Wie genau diese Verzückung damals ausgesehen hat, wissen wir nicht. Aber wir kennen solche „Verzückung”, mit dem Fremdwort Ekstase kann man sie auch bezeichnen, aus vielen Kulturen und Religionen, bis hin zur gegenwärtigen Drogenszene, wo Pillen eine solche Ek­stase erzeugen sollen.

Suchen wir beim Propheten Joel den Abschnitt auf, den Petrus dann an Pfingsten anführt, so ist da zuerst von der großen Not die Rede, in die das Volk geraten wird. In ihr erfährt es Got­tes Gericht. Aber zuletzt wird Gott gnädig mit ihnen handeln. „Und nach diesem will ich mei­nen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen. Auch will ich zur sel­ben Zeit über Knechte und Mägde meinen Geist ausgießen” (Joel 3,1.2). Nicht nur wie bei der Beauftragung der Ältesten zur Zeit Moses soll es da sein, sondern alle miteinander sind in dieser verheißenen Zeit geistbegabt. Gott teilt sich ihnen mit, wie sie sich wieder Gott mittei­len. Wo das geschieht, ist die Not vorbei. Da verstehen die Menschen Gott, weil er sich ihnen durch seinen Geist verständlich gemacht hat.

4. Die Zweideutigkeit der Berufung auf den Geist

Eben habe ich schon darauf hingewiesen: Was da als Wirksamkeit des Heiligen Geistes er­scheint, das kann auch auf Unverständnis stoßen. Das gilt nicht nur für die Zungenrede an Pfingsten, sondern auch für andere ekstatische Erfahrungen, bei denen Menschen außer sich geraten. Ich kann dem hier nicht genauer nachgehen, erwähne es nur.

Wichtiger ist es mir jetzt, dem nachzufragen, wie Mitteilungen Gottes als solche erkannt werden können, und nicht als menschliche Erfindungen gelten. Von Träumen und Gesichten ist beim Propheten Joel die Rede, wo er die zukünftige Begabung mit Gottes Geist voraussagt. Solche Gesichte oder Visionen lassen sich als eine Art unwillkürlicher Wachträume beschrei­ben. Wie bei den Träumen kann man hier danach fragen, wie weit sich so eben menschliche Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen äußern. Also etwas, das Menschen schon lange in sich herumtragen, und was dann in einem solchen Erleben als Wirkung des Geistes Gottes verstan­den wird. Zugleich geht es aber auch darum, wie ein Mensch dann das, was er als Mitteilung Gottes empfangen zu haben glaubt, anderen so weitergeben kann, daß die es auch als etwas, das von Gott kommt, annehmen. Auch hier kann es dann dazu kommen, daß solche Eingebun­gen unbewußt und ungewollt so geformt werden, wie sie am besten bei den Leuten ankom­men.

Der Prophet Jeremia hatte in besonderer Weise mit falschen Propheten zu streiten, die bei den Leuten viel besser ankamen als er, der in seinen Worten Gottes Strafgericht androhen mußte. Ich führe aus dem 23. Kapitel seines Buches einige solche Kampfworte an, ohne sie groß aus­zulegen. Sie sprechen für sich selbst: „So spricht der Herr Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkündigen euch Ge­sichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird euch wohlgehen –, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen” (16f). Oder: „Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: mir hat ge­träumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Her­zens Trug weissagen und wollen, daß mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der Herr. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?” (25-29).

Hinterher wissen wir es schon: Jeremia, der Gottes Gericht über das ungehorsame Volk an­kündigte, der hatte recht. Und die Propheten, die ankündigten, Gott werde diesem Volk helfen und es aus der Kriegsnot durch die babylonischen Eroberer retten, hatten nicht recht. Darum nennen wir sie ja „falsche” Propheten. Aber damals, als Jeremia mit diesen falschen Prophe­ten stritt, da stand Wort gegen Wort, da stand die Berufung auf Gottes Geist gegen die Beru­fung auf Gottes Geist. Wie sollten die Leute da urteilen? Weil Jeremia allein stand gegen viele andere, konnte er nicht recht haben: so war das eine naheliegende Möglichkeit. Weil die ande­ren Propheten sagten, was besser einging, weil sie Heil und nicht Unheil ankündigten, darum wollten die Leute lieber auf sie hören. Ich lasse es jetzt einmal bei diesem einen Beispiel.

5. Die kirchliche Tradition und der Heilige Geist

Sicher nicht zu Unrecht wird die Geistausgießung auf die Apostel an Pfingsten als die Ge­burtsstunde der christlichen Kirche bezeichnet. Denn in diesem Geschehen ist der Weg von Gott zu den Menschen und von den Menschen zu Gott eröffnet. Es sind die Apostel, über die dieser Weg führt. Wir wissen zwar aus der Pfingstgeschichte selbst, daß auch da die Zweideu­tigkeit nicht aufgehoben war, die sich mit der menschlichen Begabung durch Gottes Geist immer wieder verbindet. Aber es gehört zu den Grundgegebenheiten des christlichen Glau­bens, daß er sich bleibend auf diese Mitteilung des Heiligen Geistes an die Apostel beruft. Darum steht ja in dem Nizänischen Glaubensbekenntnis, in dem sich östliche und westliche Christenheit treffen, die Klausel: „Wir glauben … die eine, heilige, allgemeine und aposto­lische Kirche.” Es kommt mir dabei jetzt auf die Bestimmung „apostolisch” an: Die Kirche lebt bis heute von der Geistmitteilung an die Apostel.

Diese Geistmitteilung wird weitergegeben im apostolischen Glauben. Eine Formulierung dieses Glaubens habe ich eben genannt, das Nizänische Glaubensbekenntnis. Geläufiger ist uns das apostolische Glaubensbekenntnis, das schon in seinem Namen sich auf den durch die Apostel formulierten und weitergegebenen Glauben beruft. Dessen Zentrum ist das Bekennt­nis zu Jesus Christus. Ich führe eine sehr alte Formulierung dieses Christusbekenntnisses an: „Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Daß Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift; und daß er begraben worden ist; und daß er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und daß er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen” (1.Kor 15,3.4).

Dieser apostolische Glaube wird weitergegeben. Aus dem 2. Brief des Paulus an Timotheus führe ich an: „Halte dich an das Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe in Christus Jesus. Dieses kostbare Gut, das dir anvertraut ist, bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt” (1,13f). An das Charisma, die Gabe des Gottesgeistes, erinnert Paulus den Timotheus. Diese Gabe sei ihm durch Handauflegung zuteil geworden. Diese geschah durch den Apostel selbst (1,6), aber auch „durch Weissagung mit Handauflegung der Ältesten” (1.Tim 4,14). Auch hier kann und will ich nicht auf Einzelheiten eingehen. Genug, daß wir sehen: Das apostolische Amt wird weitergegeben, so daß die Geist­mitteilung an die Apostel durch die Geschichte der Kirche hindurch weiterdauert.

Dabei ist wieder das so weitergegebene Amt wie der apostolische Glaube an die Schrift gebunden. Das ist zunächst einmal die jüdische Bibel. Aber zu ihr treten dann die Schriften des Neuen Testaments, die auf die Apostel und ihre Schüler zurückgehen. Ich führe dazu noch einmal Paulus an Timotheus an: „Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast und daß du von Kind auf die heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Jesus Christus” (2.Tim 3,14).

Der apostolische Glaube, das apostolische Amt, die apostolische Schrift werden so zu den Mitteln, durch die der Heilige Geist in der Kirche weitergegeben wird und weiter wirkt. Das heißt sicher nicht, daß damit die Zweideutigkeiten aufgehoben wären, die sich immer mit dem menschlichen Anspruch verbinden, durch Gottes Geist bevollmächtigt zu sein. Das gilt für die Tradition des Glaubens, es gilt für das Amt und für die Schrift, oder besser: deren Auslegung und Verständnis. Dabei weise ich nun darauf hin, daß die großen christlichen Konfessionen hier verschieden gewichten: Die Ostkirche, die „Orthodoxie”, wie wir sagen, sieht in der Überlieferung des christlichen Glaubens in der gottesdienstlichen Liturgie das Zentrum, wo­bei selbstverständlich das apostolische Amt und die Heilige Schrift mit dazu gehören. Bei der römisch-katholischen Kirche liegt der Akzent auf dem Amt in seiner Ausrichtung auf den Papst in Rom als den Nachfolger des Petrus. Auch hier gehören natürlich der tradierte Glaube und die Heilige Schrift mit zu dem, was die Kirche als apostolische Kirche ausweisen soll. In den evangelischen Kirchen liegt das Hauptgewicht auf der heiligen Schrift, obwohl da ebenso Amt und Glaube ihre Rolle spielen.

6. Institution und Charisma

Daß die Kirche als Gemeinschaft wie die einzelnen Glaubenden in der Kraft des Heiligen Geistes leben, das ist unbestritten. Fragen wir danach, wo denn dieser Geist wirksam ist, können wir auf die Einrichtungen verweisen, die ich eben in ihrer unterschiedlichen Akzen­tuierung durch die großen Konfessionen genannt habe: Der Gottesdienst in seiner Vergegen­wärtigung Jesu Christi, das durch die Ordination weitergegebene Amt, die gelesene und aus­gelegte Heilige Schrift. Ich fasse mit dem Fachausdruck „Institution” zusammen: Da ist ein Dauerndes eingesetzt, um das zu bewahren, was nicht verloren gehen darf, wenn die Kirche christliche Kirche bleiben soll, in der Gottes Geist wirksam ist.

Gegen eine solche Bindung des Heiligen Geistes an die Institutionen, den Gottesdienst mit seiner festen Liturgie, das Amt, die Heilige Schrift, hat sich in der christlichen Kirche auch immer wieder Widerspruch geregt. Nicht nur die Reformation war eine solche Bewegung des Widerspruchs. Den hat es auch längst vorher und wieder nachher gegeben, das Mönchtum der Wüstenväter im alten Ägypten, die Armutsbewegung des hohen Mittelalters, oder Pietismus und Aufklärung mit ihrer Betonung des Individuums und seines Eigenrechtes. Und solcher Protest geht ja bis in unsere unmittelbare Gegenwart, um nur die Pfingstbewegung oder die charismatische Gemeindeerneuerung zu nennen. „Der Geist weht, wo er will.” Darauf kann man sich da berufen. Warum sollte sich dieser Geist darum ausgerechnet an den römischen Papst oder auch an das Bibelbuch, den papierenen Papst binden lassen?

Aufbruchsbewegungen, die sich auf die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in ihrer Mitte beru­fen, sind damit freilich nicht der schon genannten Zweideutigkeit entnommen. Ekstatische Erscheinungen wie Zungenrede oder Heilungen, um nur diese zwei behaupteten Geistphäno­mene zu nennen, können zwar als Wirksamkeit des Geistes Gottes beschrieben werden. Aber müssen sie das sein? Der evangelische Christ wird sich dagegen im Zweifelsfall auf seine Bibel berufen und der Katholik auf das Amt. Geistbegabung, Charisma wird sich auf jeden Fall an der apostolischen Tradition der Kirche messen lassen müssen, und damit an der Bin­dung an Christus. Auch das nenne ich hier nur eben, ohne dem ins Einzelne nachzugehen.

7. Der Heilige Geist als Anwalt

Mit dieser Bestimmung habe ich angefangen. Ich will sie abschließend noch einmal aufneh­men und ausführen. Dort braucht es den Anwalt und Beistand, wo sich einer nicht selbst hel­fen kann. Und das ist besonders wichtig, wenn die Verbindung zu Gott abgebrochen ist. Das ist wahrscheinlich öfter der Fall, auch bei uns, als wir das selbst merken, erst recht als uns das Not macht. Da hat man sich im Leben eingerichtet. Es geht so, vielleicht mehr schlecht als recht. Aber es geht. Die Hoffnung hat ihre kleinen Ziele im Blick, einen beruflichen Aufstieg, mehr Geld, den gelungenen Urlaub. Das Gebet, auch der Besuch des Gottesdienstes, kann dabei gewohnheitsmäßig weitergehen.

Aber die große Hoffnung, die ist weit weg gerückt. Von dieser großen Hoffnung schreibt Paulus im Römerbrief: „Das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, daß die Kinder Gottes offenbar werden” (Röm 8,19). Die Kreatur, das ist alles Leben, das dem Tod und dem Vergehen entgegengeht, anscheinend unaufhaltsam. Ob das dann ein bewußtes Zugehen auf den Tod ist, wie bei uns Menschen, oder ob es nur eben so ist, wie bei Tieren und Pflanzen, das spielt hier kaum eine Rolle. Dem Apostel liegt daran, auf das Ziel hinzuweisen, das er solchem Sterben und Vergehen entgegensetzt: Das ist die Offenbarung des Lebens Gottes an seinen Kindern. „Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat”, den Menschen nämlich, durch dessen Sünde der Tod in der Welt herrscht – „doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes” (20.21). Das ist die große Hoffnung. Sie ist überall da in ihrem Gegenteil, in der Angst, im Seufzen der Hoffnungslosigkeit. „Denn wir wissen, daß die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet” (22). Solches Seufzen kennen wir, bei uns selbst, bei anderen Menschen, auch bei Tieren. Da wird der Atem herausgepreßt und zeigt so die Not an.

Paulus fährt fort, indem er nun von den Glaubenden redet, von denen, die „den Geist als Erstlingsgabe haben”. Sie kennen die große Hoffnung. Aber damit sind sie noch nicht frei. Wir, sagt der Apostel, „seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, nach der Erlösung unseres Leibes” (23). Das kann dann sehr wohl auch bei uns ein Seufzen der Angst sein, der Ausweglosigkeit, der Schmerzen, der Hoffnungslosigkeit. Heißt es hier doch immer nur Warten und noch einmal Warten. Warten, den Tod und das Vergehen vor Augen, die wir wahrnehmen an der Kreatur, an den Menschen, mit denen wir zusammen sind, an uns selbst. Das ist es ja, was wir sehen, was uns tagtäglich begegnet. Das Seufzen der Kreatur ist uns gewiß nicht fremd. Wir seufzen mit.

Hier nun, so beschreibt es Paulus, tritt der Geist als Anwalt und Beistand für uns ein: „De­sgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich´s gebührt, sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seuf­zen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt” (26.27). Das Seufzen, durch Not, durch Schmer­zen, durch Angst uns abgepreßt, das bringt der Geist vor Gott. Und Gott versteht dieses Seuf­zen und sieht darin die Gewißheit der großen Hoffnung, der Hoffnung auf seine Liebe in Jesus Christus, die unserer Sünde und so der Vergänglichkeit der Schöpfung ein Ende machen wird und die Fülle des Lebens in Gott und aus Gott schaffen wird.

Vortrag gehalten in Pegnitz, am 12. November 2002.

Hier der Vortrag als pdf.

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