Hans Joachim Iwand im Brief an Karl Barth (1959): „Ich fürchtete schon, dass ich aus dem Geschirr genommen werden müßte. Denn alle meine Gedanken liefen mir weg, und sie wa­ren wie wilde Pferde, die ich nicht mehr an der Leine hatte.“

Der Brief an Karl Barth vom 31.12.1959 gibt das Stimmungsbild von Hans Joachim Iwand wenige Monate vor seinem Tod wieder:

Brief an Karl Barth

Von Hans Joachim Iwand

31. Dezember 1959

[…] Eben bringt mir die Nachmittagspost Deine Predigt vom 27. Dezember.[1] Sie ist sehr schön, wenn man sie einmal gelesen hat, muß man sie gleich noch einmal lesen. Es geht einem wie bei einem guten Musikstück. Das Ende verschlingt sich mit dem Anfang. Und wenn man sie dann zweimal gelesen hat, kann man sie auswendig und lebt sie in einem. So ist das. Das ist die wunderbare Macht des Evangeliums, das Du wie wenige zu sagen verstehst. Während des Krieges war es nicht immer ganz einfach zu predigen, denn man war doch in Dortmund, mitten unter den ständigen Luftangriffen, oftmals mehr dort, wo die Berge einfie­len, als bei dem stehenden Bund der Gnade. Und ich habe dann immer eine Deiner Predigten aus »Komm Schöp­fer Geist« oder aus Gollwitzer »Wir dürfen hören« langsam und aufmerk­sam gelesen, bis sie in mir zündete und ich wieder auf der rechten Bahn war. Das war mehr als ein Kommentar. Dort »predigte es«. Dort wurde man mit hineingenommen in das rechte Gefälle, das von oben kam, dort begriff man, daß die Räder des Getriebes von den Wassern der Schrift getrieben wurden. In was für Lagen mögen die Menschen von damals solche Glau­benssätze gesprochen haben. Es ist unfaßlich. Und wie sie bis heute stehen! Man kann sich an ihnen aufrichten, wo aller Boden zu sinken scheint. Ach, Karl, Du hast uns schon viel ge­schenkt – gewiß, ich weiß, wir müssen abnehmen, Er muß wachsen, aber es ist doch eine große Sache, wenn eines [Menschen] Werk durch das Feuer bewährt erfunden wird.

Ich schäme mich, daß ich so lange nicht geschrieben habe. Aber mir ging es nicht gut, im Frühjahr gar nicht gut, und ich fürchtete schon, daß ich aus dem Geschirr genommen werden müßte. Denn alle meine Gedanken liefen mir weg, und sie wa­ren wie wilde Pferde, die ich nicht mehr an der Leine hatte. Ein bißchen davon erlebt man ja in allen Zweifeln und in den An­fechtungen, aber meist fängt man sich dann doch wieder ein. Aber im Frühjahr sah es nicht gut aus – mein Kopf war wie ein leeres Vogelbauer, in dem sich allerlei Getier einnistete. Das wurde dann aber doch besser, und seit meinem Schwedenur­laub[2]mit Baden und viel Luft und Wald geht es mir wieder gut. Es ist auch das für mein Alter angemessene Maß von Lebenslust wieder da. Manchmal wünschte ich sogar, noch einmal jung zu sein, wenn ich sehe, in wie fa­der, fauler Luft wir hier leben und unser rein aus Gnade geschenktes, neu geschenktes Leben ver­fallen lassen. Das Leben ist eben doch der Güter höchstes nicht. Daß es mir damals nicht gut ging, kann seinen Grund darin gehabt haben, daß ich ein sehr starkes Mittel gegen hohen Blut­druck bekam – es muß nicht unbedingt den Anfang von Irresein bedeuten! Das ist noch beruhigend.

Aber man könnte doch – als Deutscher unter Deutschen – schon irre werden. Wieder diese Vermessenheit, wieder das Hinwegsehen über das ganze Elend, das wir an den Menschen des Ostens – vornehmlich – angerichtet haben, wieder diese Art, jene Völker als »Untermen­schen« zu behandeln, natürlich jetzt mit den starken USA im Rücken! Gott sei Dank, daß Dul­les uns nicht mehr ins neue Jahr führt. Endlich macht sich wenigstens etwas Vernunft bemerk­bar. Törichtes Reden zum »Tag der Heimat«.[3] Wir verlangen – unter Berufung auf Gott und die Charta![4] – die »Heimat«, Sprecher sind alte Nazis und baltische Barone, und bei uns schweigt schon wieder alles wie gebannt. Als ob alles wieder vor den alten deutschen Zauber­sprüchen in die Knie ginge. Das halte aus, wer kann! Dazu dann die Tiraden des Ratsvorsit­zenden[5] gegen den Atheismus. Er plant ja einen Weltkongreß gegen den Atheismus in Berlin 1961 und will dort seine Toga niederlegen[6] – o diese Wahnsinnigen. Und wir an unseren Fa­kultäten rechtfertigen uns in dem allen mit dem Lobe der Fachwissenschaft. Das war schon das Motto 1945. Aber sangen wir nicht als Studenten: Nur der Teufel ist neutral? Wenn eine neue Probe kommen wird, wird er aus dieser Neutralität hervortreten und das – ordnungsmä­ßig ge­schmückte – Haus beziehen.[7] Das ist meine Sorge.

Ja, und dann – aber das sage ich nicht gern offen –, wenn ich unsere europäische Zivilisation ansehe, wenn ich denke, das sind dieselben Menschen, die das hinter sich gebracht haben, was sie hinter sich brachten, und sehe, wie wir leben – dann muß ich zuweilen an die Bilder der Propheten denken, an den Eingang von Jesaja, an Amos’ Korb mit reifen Früchten und Jere­mias siedenden Topf von Mitternacht, und fürchte, wir schmeckten Gott nicht mehr! O wir Deutschen, was sind wir für ein rätselhaftes Volk. Jedenfalls – es müßte schon wirklich ein Wunder geschehen, ein richtiges Wunder in unseren Tagen, wenn wir uns nicht mit der Atom­bombe selbst ein Ende setz­ten. Die Anstalten dazu sind getroffen und das wiederum gesi­chert und gerechtfertigt durch die allerchristlichste Partei und die sogenannten »Männer der Kir­che«. Man sollte doch einmal versuchen, »Männer der Kirche« im NT zu entdecken. Schnie- wind sagte in solchen Fällen immer: Übersetzen Sie es einmal ins Griechische. Das ist das Narrenhaus, in dem man lebt, und dazu Studenten, die so gut sind, daß man seine Kräfte des Lei­bes und des Geistes verdoppeln möchte, um ihnen das zu sein und zu geben, wonach sie so verlangen. Dies ist unsere vorder­gründige, nicht eigentliche, aber doch auch wieder nicht zu übersehende Not: Wir können nicht im Rahmen des CDU-Programms Christen sein. Das CDU-Programm ist die noch einmal in politische Form gegossene theologia naturalis christi­ana. Darum können sie auch die »Gottlosigkeit« nicht be­greifen und schlagen auf etwas zu, was sie nicht ist. Es ist genau das, was Du in [KD] III, 3 über die Verwechslung des Nichti­gen sagst. »Den Teufel spürt das Völkchen nie.« Darum, wo das nicht geschieht, wo hier die ent­scheidende Einsicht und Wende nicht geschieht, daß man das wahre Christentum vom Schein desselben zu unterscheiden beginnt, da ist Hopfen und Malz verloren. Und hier versagen in der Regel unsere Fakultäten. Sie hoffen ihren »christlichen Unterricht« auf demselben Funda­ment der natürlichen Religion aufbauen zu können, das der »Fürst der Luft« – der Zeitungs-, Rundfunks- und Kirchenluft – als sein Reich ansieht.

Aber so darf das Jahr und darf der Brief nicht schließen. Ich muß Dir noch einiges Gute be­richten. Darunter eins, was ich nun schon mehr als ein Jahr mit mir herumtrage. Als ich in Ungarn war, stand plötzlich – im Konzert von Annie Fischer, einer unter den Nazis durchge­kommenen Jüdin, hervorragen­den Pianistin – Georg Lukács neben mir. Er ist ein Freund der Künstlerin – wir unterhielten uns etwas, und dann sagte er: »Wenn Sie Herrn Barth sehen, und er es nicht ablehnt, den Gruß eines Atheisten anzunehmen, so grüßen Sie ihn bitte (wir dach­ten damals, Du könntest nach Frankfurt kommen) von mir. Ich habe keine Lust mehr, deut­sche Philosophen von heute zu lesen. Aber seine Dogmatik, die lese ich. Das ist die große gei­stige Bewegung Deutschlands.« Er schreibt an einer Ästhe­tik, wird versuchen, die Lenin­sche Rückspiegelungstheorie[8]den Kommunisten zu begründen. Er ist immer klug – und ne­ben Bereczky einer derer, der mir in Ungarn am meisten impo­nierte. Die Kirche in Ungarn hatte so große Möglichkeiten und hat viele gute Theologen, aber die Nachkriegsjahre sind für sie nicht gut gewesen. Ihre Führer – mit Ausnahme von Bereczky und einigen seiner Freunde – haben versucht zu überwintern, bis das bolschewistische Gewitter abzieht. Daran ist der Libe­ra­lismus Budapests im wesentlichen schuld. Und wohl auch Genf. Mag Hromádka mit seinem Ungarnbrief[9] zu weit gegan­gen sein, er ist eben damals, als das Schiff nach rechts umzukip­pen drohte und alle, alle hier im Westen wie im Osten verrückt wurden (bitte, was haben wir in Warschau gemacht, als die Polen sich erhoben!)[10] – da ist er eben kräftig auf die linke Seite getreten. Er ist einer der wenigen, der wirklich klar sieht. Und Bereczky war krank. Sonst wäre vieles anders gelaufen.

Eben war ich in Warschau. Zum ersten Mal nach 1933. Die Begegnung mit den Polen war nicht so schwierig, wie ich dachte. Die Haltung der Polen uns gegenüber beschämend freund­lich im Vergleich zu den Reden und Gesten unserer Vertriebenenführer. Das sind die Deutsch­nationalen in der Potenz. Aber die Lage des Protestantismus ist äußerst schwierig. Von 1 100 000 Evangelischen sind noch 100 000 geblieben. Das ist weniger als 10 Prozent. Ihre jungen, tüchtigen Theologiestu­denten, vor denen ich eine Vorlesung hielt, leben in einer Ar­mut, die der unsrigen von 1946 gleicht. Sie brauchten eine große und gute Akademie, aber wer kann helfen? Wir können es nur indirekt. Leider wirtschaften die Deutschen mit nationali­sti­schen Tendenzen schon wieder kräftig hinein. Überall bei uns stößt man auf die These, daß es keine evangelische Kirche geben wird – ohne die Deutschen. Als wenn die Slawen nicht auch von sich aus sich dem Evangelium der Reformation zugewendet hätten. Aber es waren erstaunliche Begegnungen, die ich dort hatte, zum Teil ganz privat in ärmlichen Stuben mit zwei oder drei polnischen evangelischen Pastoren. Da hat wirklich Chri­stus seine Verheißung wahrgemacht, und wir konnten hernach miteinander beten, uns umarmen und über soviel Un­recht und Schrecklichkeit hinweg eine Brücke des Friedens bauen. Es war ganz erstaunlich. Sie werden uns besuchen, und ich werde mit unseren ostpreußischen Brüdern Zusammensein. Sie fragten im­mer nur: Gibt es denn noch mehr Leute in Deutschland, die so denken? Und die Tränen standen ihnen in den Augen.

Im Dezember war ich dann noch in Cottbus bei G. Jacob und seinen 200 Pfarrern und tapferen Pfarrfrauen. Alles das war stärkend – und ein lebendiger Erweis, daß es höchste Zeit ist, daß der Herr Ratsvorsitzende den Weg frei gibt für die Kirche des Evangeliums.

Nur noch eins – es gäbe noch vieles! – ich wollte Dir doch gern die Aufsätze[11] schenken, ein ärmlich geringes Zeichen für all die großen Dinge, die ich von Dir empfing. Ich ent­nehme Deiner Karte, daß Du sie schon hast. Aber ich möchte gern, daß ich sie Dir trotzdem geben kann – ja, das ist es eben. Heute könnte ich das mit Jenseits von Gesetz und Evangelium nicht mehr so sagen. Überhaupt, was da vom Gesetz drin steht, das ist nicht mehr meine Position heute. Erst das Versagen der Lutheraner im Kirchenkampf hat mir dafür die Augen geöffnet und mich unterscheiden gelehrt zwischen Gottes Gebot und jenem zeitlosen Nomos, der mit allen Inhalten gefüllt werden kann. Das ist eben doch eine der ganz großen Tragiken – oder wie soll man das ausdrücken –, daß wir Deiner Dogmatik nicht gleichzeitig auf der Spur blei­ben konnten,[12] daß sie nicht – wie die anderen Sa­chen –Band um Band uns traf und half und in die theologi­sche Bewegung einbezogen werden konnte. So strampeln wir jetzt alle hinter­her. Denn man braucht ja Zeit zum Verstehen. Und Schleiermachers Ansätze wie auch die Melanchthons – leben unterdessen in der Theologie Bultmanns mit einigen Umformungen weiter. Aber es wird. Es kommt.

Wir verlieren zuweilen den Weg, aber dann ist das Licht wieder da, und wir wissen, wo wir hingehören. Dank für die Predigt, für alle Grüße und alle Freundschaft. Und wenn nicht alles täuscht, dann haben wir doch in aller unserer Not nicht ganz umsonst auf Gott gehofft und geharrt. Vielleicht wendet er doch noch einmal – unverdient für uns hier – alles so, daß der Same nicht nur unter Dornen und auf Felsen fällt.

Immer in Dankbarkeit und mit den besten Wünschen für Dich und Dein Schaffen Dein

Hans Iwand

Quelle: Hans Joachim Iwand – Theologie in der Zeit, hrsg. v. Peter Sänger und Dieter Pauly, München: Chr. Kaiser, 1992, S. 197-203.


[1] »Der Herr dein Erbarmer. Jesaja 54,10« in: K. Barth, Rufe mich an! Neue Predigten aus der Strafanstalt Basel, 1965, 5-16.

[2] August 1959 in Furusund nördlich Stockholm.

[3] Siehe die drei vorhergehenden Briefe.

[4] Charta der deutschen Heimatvertriebenen, am 5.8.1950 in Stuttgart im Beisein von Vertretern der Bundesregie­rung, der Kirchen und der westdeutschen Länderparlamente verkündet, fordert u. a. gleiches Recht als Staatsbür­ger für alle Umsiedler und die Anerkennung des umstrittenen »Rechts auf Heimat« als eines Grundrechts der Menschheit.

[5] Der EKD: Otto Dibelius.

[6] Das hat Dibelius in JK 21, 1960, 455, mit der Bemerkung zurückgewiesen, »daß an dieser Mitteilung nicht ein einziges wahres Wort ist«. Man vergleiche aber in demselben Jahrgang dieser Zeitschrift Seite 199, wie sich die 1959 in München ausgesprochene Einladung des 10. Deutschen Evangelischen Kirchentages nach Berlin über­raschend gegen andere Alternativen durchgesetzt hat. Aus »Kirche in der Zeit« vom April 1960 wird Seite 257 dazu folgendes zitiert: »Denn die Wahl Berlins, darüber muß man sich klar sein, ist ein Programm, sonst wäre sie Leichtsinn. Das Programm heißt, auf die Frage antworten, ob und wie ein Christ heute im atheistischen Weltan­schauungsstaat leben kann, darf, muß…« Es ist nicht ausgeschlossen, daß Iwands herbe Kritik in diese Richtung zielt.

[7] Anspielung auf Matth. 12,43-45. Schon 1955 hieß es in dem GPM: »… was die Lage von heute angeht, so kann man nur an Mt. 12,43-45 erinnern« (PM I 438,1).

[8] Gemeint ist die Widerspiegelungs- oder Abbildtheorie des dialektischen und historischen Materialismus.

[9] Stellungnahme gegen die im Herbst 1956 von außen sich einmischende Reaktion, die eine Konterrevolution herbeiführte.

[10] Gemeint ist die Demonstration der Bevölkerung, die am 28. 6. 1955 in Poznan (Posen) den Charakter des Aufruhrs annahm. Die BRD unterhielt zu der Zeit eine Handelsmission in Warschau. Näheres ist nicht bekannt.

[11] Die von Karl Gerhard Steck gesammelten Aufsätze, veröffentlicht unter dem Titel »Um den rechten Glauben«.

[12] Nur KD 1,2 erschien – nach einer Pause von sechs Jahren – noch 1938, KD II,1 erst im Kriege 1940, II,2 1942, III,1 1945.

Hier der Brief als pdf.

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