Hans Joachim Iwand im Brief an Karl Barth über den Tod seiner Frau Ilse: „das eben war und ist so namenlos schwer zu begreifen, dass man bei dieser letzten Fahrt jeden, auch den liebsten Menschen lassen muß“

Als seine Frau Ilse (geb. Ehrhardt, 1901-1950) kurz vor Weihnachten nach einer Tumorerkrankung im Krankenhaus in Oldenburg verstarb, schrieb Hans Joachim Iwand am 4. Januar 1951 folgende Zeilen an Karl Barth:

Ich fand Deinen Brief hier vor, als ich von Ilses Sterben heimkam; ich konnte noch bei ihr sein bis zum letzten Atemzuge. Es war alles so ähnlich todesernst und bis in die Wurzel des Lebens hinabreichend wie bei dem ersten Beginn unserer Wanderung. Damals mußten wir aufgeben, was wir jetzt wieder wählen mußten, daß jeder von uns für sich seinen Weg gehen muß. Nicht das Sterben als solches war eigentlich das Schwere, aber der Abschied vom Leben, von diesem schönen, noch nicht erfüll­ten Leben. Der Tod ist eben doch der letzte Feind (1. Korinther 15,26) – und es war eigentlich wunderbar, wie meine Frau um jeden Zentimeter Leben kämpfie, bis Gott diesem Kampfein Ende setzte.

Ilse las zuletzt noch das kleine Schriftchen »Jugend« von Jo Conrad, ich weiß nicht, ob Du diesen Mann kennst. Ich hatte ihr das Bild des vollbespannten Segelschiffes von Caspar David Friedrich auf den Tisch neben ihr Bett gestellt, wir mußten ihr auch immer wieder von der See erzählen. Nun ist sie eingestiegen – und ich bin am Ufer zurückgeblieben, wie ein armer Bettler, der nicht mitgenommen wurde auf die große Fahrt. Wir haben viele Stürme zusammen bestanden, das war die große und innere Kraft unseres Zusammenseins, aber das eben war und ist so namenlos schwer zu begreifen, daß man bei dieser letzten Fahrt jeden, auch den liebsten Menschen lassen muß; daß hier die Hilfe und Kraft unter dem Titel: solus Christus steht, auch für die, die auf Erden ein Fleisch waren.

Als Ilse starb, saßen Anemone, meine älteste Tochter und ich, am Tisch, der Atem wurde leicht wie Flocken, die zergehen, dann ging Ilse still und sanft hin­aus und was eben noch letzte Ahnung ihrer Erscheinung unter uns war, lag da, wie ein Gewand, das sie abgeworfen hatte. Wir lasen noch 1. Korinther 15 an ihrem Bett und gingen dann heim, der letzte, schwerste Dienst in diesem schön­sten Abschnitt meines Lebens war getan.

Quelle: Jürgen Seim, Hans Joachim Iwand. Eine Biografie, Gütersloh, 2. A., 1999, S. 406.

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