Hans Joachim Iwands Predigtmeditation zu Lukas 5,1-11 (5. Sonntag nach Trinitatis) von 1939

Predigtmeditation zu Lukas 5,1-11 (5. Sonntag nach Trinitatis)

Von Hans Joachim Iwand

Die Berufung der ersten Jünger gehört hinein in die Gründungsgeschichte der Kirche. So ging das zu, so alltäglich-einfach und so wunderbar-überwältigend zugleich, während noch die falsche Kirche in voller Blüte steht und der Tempeldienst in Jerusalem in seinem feierlichen Leerlauf abrollt, vollzieht sich hier, am See Genezareth, ohne Form und Feierlichkeit, dafür aber in Wunder und Kraft von oben die Neugründung der Kirche, die allein aus dem Wort lebt. „Auf dein Wort“ — das ist das Bekenntnis, das einen Jünger Jesu als berufstüchtig er­weist. So erinnert uns das Evangelium an den Ursprung der Kirche, zu der wir uns bekennen, und macht die Hoffnung groß, die wir in der Arbeit für sie haben dürfen, aber es fragt uns zugleich, ob diese Zeichen, unter denen hier der erste Schritt getan wird, auch bei uns noch in Kraft stehen, ob wir dem Wort auch noch alles Zutrauen. Man kann die wesentlichen Momen­te für Kirche und Amt in dieser Geschichte wiederfinden, gerade Lukas hat die Einzelheiten der Handlung stärker herausgearbeitet als Matthäus und Markus. Unsre Auslegung wird darum auch die Einzelheiten besonders zu beachten haben. Die Handlung beginnt, wie auch Matth. 4,17 und Mark. 1,15 mit der Verkündigung Jesu, über deren Inhalt aber nichts gesagt ist. „Darum wollen wir das Werk predigen, das Christus hier getan hat“ (Lu­ther). Die Erwählung bereitet sich vor, sie geht allein vom Herrn aus; die, die es trifft, sind ahnungslos. Der „Anknüpfungspunkt“ ist der Kahn (2, 3). Der Befehl Jesu macht den Ge­horsam offenbar, der zu diesem Dienst gehört (4, 5), es ist ein Gehorsam besonderer Art und er wird vom Wunder gekrönt (6, 7). Das Wunder ist zugleich die Epiphanie Got­tes, im Lichte der Erkenntnis Gottes begreifen diese Menschen, wer sie selbst sind und erschrecken. Die Anfechtung bricht auf (8, 9). Dahinein erklingt Jesu Gnadenwort und Auftrag, der sie frei macht von dem, was sie sind, und sie bindet für ihren neuen Beruf. So treten sie in die Nachfolge und „vergessen, was dahinten ist“.

Wir erkennen sofort, die Handlung liegt ganz und gar bei Jesus. Er ist der Herr der Kirche, die Junger sind die Geführten. Ihre Berufung liegt auf einer Linie mit den Prophetenberufungen. Petrus ergeht es wie dem „geblendeten Gaul“. Er könnte auch bekennen: „Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen“ (Jer. 20,7).

Achten wir zunächst auf das, was uns hier über die Verkündigung gesagt wird. Jesus bringt das „Wort Gottes“ (1), er bringt es der Volksmenge, die zuhört, ähnlich wie Matth. 13,2; 15,10; Mark. 12,38. Das Evangelium ist keine Geheimlehre, es muß heraus (Luk. 12,3). Es erfordert auch keine ausgesuchten Hörer, es ergeht an „Gute und Böse“ (Matth, 22,10). Daß das Wort Gottes hier an die Menge ergeht, neu, wahr, lebendig, mit Vollmacht gesprochen — das gestaltet diesen Gottesdienst. Hier werden wirklich die Massen erreicht. Nur daß die Schrift in ihrer Nüchternheit dies nicht schon Erfolg nennt, wie wir das gerne tun, sondern lediglich als Aussaat ansieht. Jesus weiß nur zu gut, daß dieser umfassenden weite des Ange­bots nicht die Zahl derer entspricht, die Frucht bringen (Matth. 13). Ungeachtet besten wird das Wort hinausgetragen in die ganze Welt, denn das Angebot richtet sich nicht nach der Nachfrage, sondern enthüllt die Unbegrenztheit der Güte Gottes. So predigt Jesus. Er will nicht mit guten Köpfen Kompanie machen, hier hörst du nicht das odi profanum vulgus des antiken Weisen, sondern über seinem Wirken steht geschrieben: „es jammerte ihn“ (Matth. 9,36; 15,32). Aus der Maste der Verlorenen wählt er seine Jünger, und eben das meint das Bekenntnis des Petrus: „Ich bin ein sündiger — nämlich nicht zur Elite der Frommen gehö­riger — Mensch.“ Daß hier gerade das Wort Frucht bringt, zeigt, daß es das schöpferische, umschaffende, wirkende Wort ist. Wie Jesus das Wort Gottes wieder mitten ins Volk hinein­trägt, so auch mitten ins Tagewerk der Leute. Gerade dadurch wird die Verkündigung das Ungewöhnliche, das, was die Leute überfällt, so daß sie sich ihr nicht entziehen können. Das Schiff wird zur Kanzel, das Gestade zur Kirchenbank, das Wort Gottes geschieht hier und heute! Das nannte Luther die viva vox evangelii, weil das Wort so laut wird — anders als bei den Schriftgelehrten (Matth. 7,29) — lassen die Leute alles stehen und liegen und — hören.

Alle hören zu, aber mit ein paar von ihnen hat der Herr etwas Besonderes im Sinne (V. 2). Sie beruft er als Mitarbeiter in diese Arbeit des „Menschenfanges“. Sie ahnen nichts. Sie sind nicht besonders ergriffen von dem Gehörten. Der Beruf, zu dem sie der Herr ruft, ist überh­aupt so geartet, daß sich, recht verstanden, kein Mensch dazu drängen oder anbieten kann. Die Initiative liegt allein bei Jesus Christus. Petrus und seine Genossen stehen abseits und wa­schen die Netze aus, müde von der ergebnislosen Fahrt. Aber daß Jesus gerade in Simons Fahrzeug steigt (V. 3), zeigt, wen er meint. Auf Simon hat er es abgesehen. Erst besetzt er sein Schiff, bald wird er den Mann besitzen, wie auch sonst (Joh. 4,7) beginnt der, der ihm bald befehlen wird, mit einer Bitte. So fängt er ihn. Auf einmal sitzt Simon mit Jesus im Schiff und wird zum Zuhörer seiner Lehre. Und der Herr läßt ihn nicht mehr los. Als die Pre­digt zu Ende ist, bekommt er den Befehl: Fahre auf die Höhe . . . (V. 4). Petrus tut es; allen Regeln des Handwerks, aller Erfahrung zum Trotz (V. 5). Ein anderer hätte wohl geantwortet: „Lieber Herr Prediger, verzeihet mir, lehrt michs nicht Fische fangen, ich weiß es gewißlich bester… wartet ihr eures predigens, laßt mir das Netz liegen“, aber Petrus bleibt an solchen fleischlichen Gedanken nicht hängen, sondern kehrt sich von seiner schönen Vernunft und hängt sich an Christi Wort; als wollte er sagen: „So ich meiner Vernunft folgen wollte, so würden wir Dreck fangen. Aber ich will meiner Vernunft und dem Handwerk jetzt nicht fol­gen, sondern dem Wort, das du Herr mir sagst, will ich folgen . . .“ (Luther). Petrus gibt hier ein Beispiel echten Glaubensgehorsams. Vom Erfolg weiß er noch nichts, er hört nur den Befehl: non statim promittit Dominus capturam, explorat prius obsequia Simonis (Bengel). Die Taten Gottes versteht der Mensch nur vom Ende her, darum muß er zunächst im blinden Gehorsam folgen. Vgl. Anselms: credo, ut intelligam und Luthers opus nostrum intelligimus, antequam fit, Dei autem opus non intelligimus, donec factum est (zu Röm. 8,26). Das ist die erste Erfahrung, die die Jünger machen müssen, es bleibt die grundlegende Regel für die Mit­arbeiterschaft im Reiche Christi. „Auf das Wort hin“ ans Werk gehen, geht über alle eigene Einsicht hinaus. Der Erfolg entspricht dem Einsatz, das Wunder ist die Erfüllung dieses We­ges. Es sind Gottes Taten, die an uns offenbar werden (vgl. Hebr. 2,4).

Der Befehl Jesu: „Fahre auf die Höhe“ ist oft allegorisch oder auch mystisch gedeutet worden. Das wird man vermeiden müssen, da dazu kaum ein Hinweis vorliegt. Aber daß wir hier an den Augenblick denken, da der Herr den Jüngern den Befehl geben wird: „Gehet hin in alle Welt …“ ist gewiß am Platze. Denn Jesus will solche Diener, die aufs Ganze gehen. Vieles, was sich hier, als Bescheidenheit ausgibt — z. B. die Bescheidung auf die eigene Gemeinde, auf die Erweckten, auf den inneren Kreis uff. ist nichts anderes als Ungehorsam und Klein­glaube. Jesus ist der Herr der Welt und so will er auch seine Kirche als universale Kirche. Das Wort ist uns gegeben, daß wir damit wuchern sollen (Luk. 19,11ff.), wer kärglich sät, der wird auch kärglich ernten (2. Kor. 9,6).

Dem Glaubensgehorsam entspricht der reiche Fang (V. 6). was will das besagen; Hier wird man sich davor hüten müssen, diesen Zug unserer Erzählung lediglich im übertragenen Sinne auszulegen. Die Jünger haben darin ein Zeichen, daß sie „bei ihm keinen Mangel leiden wer­den und ebensowenig ihr Dienst bei ihm vergeblich sein wird“ (Schlatter, ähnlich Calvin). Auch die Sorge um den Leib trägt der Herr der Kirche. Und obschon er auf Erden arm ist, sollen die Seinen wissen, daß ihm alle Dinge gehören. Die Ausbreitung der Gottesherrschaft soll ihre erste Sorge sein, das Übrige wird ihnen zufallen. Das zeigt den Jüngern der reiche Fang. Es ist eben nicht ein „Fischereizauber“, sondern ein Zeichen, daß dieser Herr für sie sorgen kann. Darum ist es auch ihre letzte Fahrt!

Luther nennt diesen Glauben, den Petrus hier bewährt, den Milch- oder Kinderglauben, also den Glauben, der sich auf die äußere, irdische Lebensführung bezieht. Aber wie schwer wird und wurde der Kirche dieser Glaube! Und weiter — wenn wir diesen Glauben nicht aufbrin­gen, wie wollen wir dann den Glauben an die Vergebung der Sünden empfangen; Es ist doch wohl eine furchtbare Perversion, wenn eine Kirche meint, in der Frage der Sündenvergebung sei allein der Glaube entscheidend, aber die Unterhaltsfrage im Glauben beantworten zu wol­len, das sei Schwärmerei. Es ist lehrreich, daß der Weg, den Petrus hier geführt wird, gerade umgekehrt verläuft. Die eigentliche, schwere Probe seines Glaubens steht ihm noch bevor, die betrifft seine Sünde — ist es bei uns nicht oft umgekehrt; Und weil weithin die Vergebung der Sünde aufgehört hat, ein — nein das Wunder zu sein, weil sie zur Selbstverständlichkeit her­abgesunken ist, zur praesumptio!, darum treten die „praktischen“ Fragen so belastend und beschwerend in den Vordergrund, wenn uns das wieder Not machen würde, was hier dem Petrus Not macht, dann würden wohl auch unsre Netze nicht leer bleiben.

Die eigentliche Anfechtung bricht setzt erst auf, als Petrus begreift, wer der ist, der vor ihm steht (V. 8). Daß wir Gottes Mitarbeiter sein sollen, daß wir sein Wort und sein Werk treiben sollen, daß wir aber nichts anderes sind als sündige, unter die Sünde verkaufte Menschen, die diesen Dienst tun sollen — das wieder zu wissen, ist das erste Erfordernis für die „Eignung“. Gerade weil Petrus dafür Augen hat, erfährt er den Trost des Evangeliums. Aber doch soll man diese Erkenntnis nicht als Tugend oder Verdienst hinstellen, auch nicht als „vorbildlich“, denn das entspricht nicht der Situation. Die Situation ist die der großen, schweren Anfech­tung, die über den Menschen kommt, wenn er erkennt, daß Gott ihm nahe ist. Luther sagt sehr schön: „Nun ist’s wahr, Petrus lügt damit nicht, daß er sagt: er sei ein sündiger Mensch … aber das ist nicht recht, daß er Christum von sich geben heißt.“ Das Sündenbekenntnis des Petrus und das Zöllnergebet liegen nicht auf einer Li­nie. Petrus siebt den Abgrund zwischen sich und dem heiligen Gott und siebt die Brücke nicht, die über den Abgrund führt. Er möchte fliehen vor Gott und weiß doch nicht, daß die einzige Flucht, die uns rettet, die Flucht in die Arme dessen ist, der vor ihm steht. Vorhin mußte er vergessen, daß er ein Fischer ist, und aufs Wort bin gehorchen, jetzt muß er verges­sen, daß er ein sündiger verlorener Mensch ist und aufs Wort bin den Beruf ergreifen, in den Jesus ihn ruft.

Die Überwindung der Anfechtung geht wiederum allein von Jesus aus (V. 10). Mit seinem Wort deckt Jesus die Lage des Petrus auf: sie ist Furcht! Furcht vor Gott! Furcht davor, daß nun offenbar wird, wer er ist. Diese Furcht ist die Wurzel aller anderen Furcht im Leben, wer ihr gegenüber besteht, der fürchtet sich nicht vor der Hölle. Darum offenbart sich Jesus nun als der, der er ist, als die Freundlichkeit, die Barmherzigkeit und Güte Gottes mit seinem „Fürchte dich nicht“. Das bedeutet die Begegnung mit Jesus, daß wir im Augenblick des Verzagens vor Gott dies Wort hören: „Fürchte dich nicht.“ wer das hört und glaubt, der hört das ewige Wort, wie oft erklingt gerade dieser Trost — Matth. 14,27; 17,7; 28,5; 28,10; Luk. 1,13; 2,10. In Jesus Christus bedeutet die Epiphanie Gottes für den sündigen Menschen nicht den Tod, sondern das Leben. Denn er ist ja die Vergebung. Darum beißt es: Fürchte dich nicht! Darum gibt es in ihm Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch.

Und so, als ob er aus dem Tode ins Leben träte, wie ein Geretteter, der sich nicht mehr selbst gehört, erklingt nun über ihn seine neue Bestimmung: „Du wirst von nun an Menschen fan­gen“ — „du wirst“ sagt Jesus. Es ist keine Frage, nicht einmal ein Befehl, Petrus kann weder Ja noch Nein sagen — wer könnte auch zu diesem Beruf Ja sagen; — sondern Petrus erfährt nur, wie über ihn entschieden ist. Und auf einmal bekommt die ganze Geschichte, die er eben erlebt, einen neuen, tiefen Sinn. Das Meer wird zur Welt, der Nachen zur Kirche, das Netz zum Wort, das er in die Tiefe senkt, und die Fische sind jetzt auf einmal Menschen, die er fangen muß mit dem Fischnetz des Himmelreichs.

Menschen fangen — das ist der Beruf, in den Jesus seine Jünger ruft. Das ist es, was sie bei ihm lernen werben in dem täglichen Umgang mit ihm. Also nicht nur die Lehre an sich, nicht nur die Wahrheit an sich — das wäre Spekulation und nicht Arbeit auf dem Ackerfeld Gottes. Aber doch wieder Menschenfang eben mit der Wahrheit, Menschenfang nicht mit List und Fälschung (vgl. 2. Kor. 4,2), sondern so, daß die Wahrheit die Menschen frei macht. Für die­sen Beruf verlassen sie alles, was sie haben, denn „wer die Hand an den Pflug legt und stehet zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes“.

Quelle: Georg Eichholz (Hrsg.), Herr, tue meine Lippen auf. Eine Predigthilfe, Bd. 1, Die altkirchlichen Evangelien, Wuppertal-Barmen: Emil Müller Verlag, 7. A., 1964, Seiten 228-233.

Hier Iwands Text als pdf.

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