Ernst Fuchs, Neues Testament und Wort Gottes (1972): „In Wahrheit existiert der Mensch einfach seine Zeit“

Wie hatte Ingolf Dalferth über Ernst Fuchs geschrieben: „Fuchs’ Texte muss man schwäbisch lesen, sonst erschließen sie sich kaum. […] Wer mit der Lektüre von Fuchs’ Texten Schwierigkeiten hat und kein Schwäbisch versteht, der kann sich an die Arbeiten von E. Jüngel halten. Dort werden in hermeneutischer Pünktlichkeit alle Sätze zwischen den Gedanken von Fuchs geboten, die dieser ungeschrieben gelassen hat.“ (Radikale Theologie, Leipzig 2010, S. 29, Fn. 17)

Neues Testament und Wort Gottes

Rückblick auf zwei Vorlesungen in Kopenhagen und Aarhus (30.9./1.10. und 2./3.10. 1968)

Von Ernst Fuchs, Marburg

Das auf Diskussion angelegte Rahmenthema „Neues Testament und Wort Gottes“ wird klarer bestimmbar, wenn man sagen darf: Das Wort Gottes ist Thema des Neuen Testaments. Aber in welchem Sinne, d. h. in welchen Be­zügen gilt das? Darüber wird das Neue Testament selbst Auskunft geben müssen (I). Danach können wir darüber nachdenken, was das Wort Gottes im Horizont unserer eigenen Existenz bedeutet (II). Anhangsweise werden Thesen beigefügt.

I. Das Wort Gottes als Thema des Neuen Testaments

Das Neue Testament ist literarisch betrachtet eine Text­sammlung. Die neutestamentliche Textsammlung entstand von Q. bis Past im Verlauf einer ungefähr 100 Jahre um­fassenden Geschichte bald breiterer, bald schmälerer Text­überlieferung im Zusammenhang mit der christlichen [2] Mission und ihren Problemen. Die Texte waren als Kampf­schriften von Anfang an umstritten. Wahrscheinlich ging manches verloren. Was erhalten blieb, wurde bekanntlich kritisch gemustert und durch mehr oder weniger gesamt­kirchliche bzw. sogar staatliche Approbation fixiert. Man brauchte, schon im Blick auf das AT, einen Textkanon für die regula fidei (vgl. Röm 12,3; 2,20). Das Neue Testa­ment verdankt sich gerade auch als Kanon, so vom Taufbekenntnis bzw. vom Gottesdienst her gesehen, einem geschichtlichen Prozeß. An diesem geschichtlichen Prozeß nahm das im Neuen Testament neu bezeugte Wort Gottes teil. Insofern läßt sich sagen, das Neue Testament enthalte so etwas wie eine abschlie­ßende Redaktionsge­schichte des Wortes Gottes. In dieser Redaktionsgeschichte wurde fest­gehalten, was der Welt als Wort Gottes ver­kündigt werden wollte und sollte, nämlich Jesus und seine Worte neben Gottes Geboten.

Diesen drei Sachkomplexen wenden wir uns jetzt nach­einander zu. [3]

A. Jesus als Wort Gottes

1. Statistisch gesehen erscheint Jesus im Neuen Testa­ment erst zuletzt nominell als „Wort Gottes“, nämlich in Apk Joh 19,13. Er ist dort der eschatologische Reiter auf dem weißen Pferd, der „König der Könige und Herr der Herren“, der zum Gericht über die Völker kom­men wird. Sein. Name „Wort Gottes“ verdeutlicht offensichtlich den alten apokalyptischen Titel des „Menschensohnes“ (vgl. 14,14; 1,13 ff), nicht als neuer Oberbegriff, wohl aber im göttlichen Anspruch seiner Herrlichkeit, weil Jesus alle Geschichte nicht nur ins Ende brin­gen, sondern seinerseits neu redigieren wird. Ist er doch für die Seinen das „Lamm“ (arníon), das auf seiner triumphalen Glorie besteht (19,9), so daß sich die Seinen ihrerseits mit „den wahrhaftigen Worten Gottes“ schmücken lassen konnten (19,9b ff), weil sie zumal als Mär­tyrer der „Hochzeit“ des Lammes entgegengingen. Doxographie erscheint in der Apk Joh als Doxologie.

2. Von da aus gibt es eine Verbindungslinie zum Evangelium des Johannes, das den traditio­nell pluralisti­schen Begriff des Wortes Gottes ebenfalls in den Singular, diesmal in den Sin­gular des absoluten „Wortes“ überführt. Das „Wort“ wird, formal auch im Unterschied zu 1 Joh, im Prolog des Evangeliums völlig attributlos genannt (Joh 1,1.14), ist aber wie in Apk Joh doxologisch gemeint (vgl. Joh 17), wie denn dieser „Prolog“ Joh 1,1-18 zuerst rein hym­nisch konzipiert war (Demke). Der traditionelle Aus­druck „Wort(e) Gottes“ würde im Zusammenhang des johanneischen Prologs zur undeutlichen Aussage werden. Das „Wort“, das „im Anfang war“, läßt sich zu Gott weder nur mit einem Gen. subj. noch nur mit einem Gen. obj. ins Verhältnis setzen. Vielmehr: Gott hat sich in seinem Wort zuerst zu sich selbst ins Verhältnis gesetzt: „Gott war das Wort“, das zuletzt in Jesus „Fleisch“ wurde (Joh 1,1.14). Es „war“, es „wurde“, was besagt das? Beides besagt sicher auch, daß „Gottes Sein“ a1s Sein eine Kehre, ein „Werden“ enthält. Nicht als habe sich Gott aus einem Neu­trum zu einer geschichtlichen Größe personaler Prägung in dem Menschen Jesus erst entwickelt. Die johan­neische Doxologie mutiert nicht in eine quasi-historische Erklärung der Existenz Jesu! Ge­meint ist vielmehr, daß sich Gott von sich selbst zu sich selbst als „Vater“ in dasjenige Ver­hältnis gesetzt hat, dem dann im Evangelium einzig das doxologische Geschehen der „Er­kenntnis“ des Glaubens an Jesus, den „eingeborenen Sohn“, entspricht. Das Evan­gelium wird bei uns allein „aus Glauben“ (sola fide), was es ist, Verbum. Es wiederholt das, was „bei“ Gott wardaß Gott sich selbst durch sich selbst schon aus­gesagt hat, bevor ihn jemand von uns aussagen konnte. Gott der Vater will diese seine Ausgesagtheit als Evangelium vom Sohn der Liebe (Kol 1,13) in der Welt wiederholt haben. Das Bekenntnis des Glaubens führt dann zum Gnaden thron, wie der Hebräerbrief sagt (Hebr 4,14-16).

Im Anfang sprach die Liebe und die Liebe war bei Gott und Gott war die Liebe, ohne die nichts geschaffen wurde. Sie „wurde“ in Jesus sichtbar; das Evangelium sagt: „Fleisch“, um a m Fleisch Gottes Herrlichkeit sakramental anschaulich zu machen, wie die johanneischen Wunder zeigen. Wir werden die metaphysische Aussage, Gott sei unsichtbar, im Bund mit Joh 1,18 kritisch überprüfen müssen. Das Evangelium der Liebe (Joh 3,16) fixiert in Jesus die Anschaulichkeit seiner Aussage als Ausgesagtheit Gottes. Gott wiederholt sich, sich, den Vater, in uns, nicht in Steinen! Daher ist Gottes Wort im NT primär Evangelium, nicht Gesetz, sondern „Gnade über Gnade“, Auszeichnung des Menschen. Das alles besagt: Wort Gottes und Liebe gehören jedenfalls johanneisch gesehen zusammen. Darum jenes „Ich bin“, egṓ eimi, wel­chem dieses Evangelium das Wort läßt. Man hat daraus [4] ein mißverständli­ches „Gott ist“ gemacht, als ob Gottes Sein nunmehr nach den Maßstäben des objektiv Seien­den auszusagen wäre. Aber diese Auffassung hat auch in Hebr 11,6 keinen Anhalt. Der Schöp­fer und Vergelter will nach wie vor nicht mit seiner Schöpfung verwechselt werden, wie beson­ders Paulus eingeschärft hat (vgl. Röm 1,18 ff). Das auch in Hebr 11, 3 anklingende Deus dixit von Genesis 1 wird im Neuen Testament zweifellos christologisch gefüllt und erreicht über 2 Kor 4, 4-6 gerade im johanneischen „Ich bin“ seine wunderbare Aussagekraft beim Menschen. Paulus sprach in diesem Sinne in Phil 3,10 von der Kraft der Auferstehung, nicht von einem schwächlichen Lehrsatz.

3. Die hermeneutische Voraussetzung für diesen von vornherein in ein Beieinander von Gott und Mensch bzw. in ein Nebeneinander von Vater, Sohn und Geist weisenden christologi­schen Vorgang (1 Joh) ist bei Paulus um des Glaubens willen eine soteriologische, die sich der Erfahrung der erlösenden Ansage bedient: Gottes Wort ist gerade nicht im Gesetz, wohl aber durch das Kreuz in Christus als Ende des Gesetzes anschaulich geworden (Gal 3,1). Des­halb orientiert Paulus seine christologischen Aussagen an einem soteriologischen Gegensatz, der sich in Über­bietung und Antithese nicht zufällig der Stilfiguren des Chiasmus bzw. der Paradoxie bedient. Man kann das leicht an Röm 2,7-10 (Chiasmus) und an Gal 5,25 (Parado­xie) ablesen. Auch der Christ hat noch Ermahnun­gen nötig (Röm 6,19-23). Aber diese Ermah­nungen sind als Ermunterungen an die neue Voraussetzung des Existie­rens angeschlossen (Röm 6,15-18). Die Ermunterungen gelten zwar der Existenz im Glauben, aber gerade darin zuvor der Wahrheit der Aussage der Verkündigung (Röm 3,4-7), also der Wahrheit des Evan­ge­liums (Gal 1,5.14). Das Evangelium bezeugt Gott als Wahrheit des Glaubens. Der Glaube wird deshalb unmittel­bar, als Existenzvollzug, zur Geltung gebracht (Röm 3, 8). Der Glaube ist bei Paulus gerade im Horizont des Gesetzes das einzig zureichende Kriterium für das volle Verständnis des Wortes Gottes (Röm 3,19 ff). Existenz ermöglicht sich für Paulus nur als Glaube, gerade nicht durch Werke (Röm 3,28; Gal 3,21). Glaube und Werke konkurrieren deshalb bei Paulus als Existentiale, eben weil gesagt werden soll, daß nur das Evange­lium Existenz als Existenz möglich macht, so daß der Mensch dem Willen Gottes allein im Glau­ben voll ent­spricht (vgl. Röm 12,1 f).

Diese hermeneutische Konkurrenz von Glauben und Werken schlägt sich für das neue christ­liche Bewußtsein des Paulus wie gesagt als Gegensatz nieder: Entweder rühmt man sich in Werken seiner selbst oder man lobt im Namen Jesu – tertium non datur. Der Mensch wird jetzt durch Gottes präsentes Wort, in Christus, vom Apostel sogar logisch gezwungen, Rechenschaft darüber zu geben, ob er in sich oder nicht in sich gefangen, also befreit ist (2 Kor 2,14-17; 4,5). Eben diese Alternative besagt, daß schon sub lege als Gottesbewußtsein des Men­schen Selbstverständnis gefordert, aber problematisch ge­wesen war (Röm 7) und deshalb erneuert werden muß (Röm 8,12 ff). Gottes Wort erzwingt so oder so, durch das Evangelium oder durch das Gesetz, negativ oder positiv, des angesprochenen Menschen Gottesbewußtsein und treibt alle dadurch entweder in ein Nichts (Röm 7) oder aber in den Innenraum der Offenbarung Gottes (Röm 8).

Der sich selbst stets entzogene Mensch war immer schon auf Gott bezogen, so wahr er sich zu sich selbst nur deshalb ins Verhältnis setzen muß, weil sich Gott um des Menschen willen (Deus dixit!) zu sich selbst ins Ver­hältnis gesetzt hat. Gott und der Mensch sind, was sie sind, beide relational, nämlich der Mensch in Gott (Subjekt), Gott für den Menschen (Objekt), wenn doxologisch gedacht wird (vgl. Joh 3, 21). [5]

4. Von Paulus her gesehen muß vor allen andern bei Jesus z. B. im Horizont von Mt 5,17 von einem Selbst­verständnis geredet werden können, wenn Jesus zwischen Gott und Mensch in der Welt vermitteln, weil im „Wort der Versöhnung“ verkündigt werden sollte (2 Kor 5,19). Gottes Wort ist als Kerygma zum Wort des Apostels ge­worden (2 Kor 2,14 ff), das Wort des Apostels weist in das Selbstverständnis des Glaubens (1 Kor 2,4), das Selbstver­ständnis des Glaubens in das Selbstverständnis Jesu (Röm 15,3), das Selbstverständnis Jesu in Gottes Sein für den Menschen (2 Kor 4, 4). Gottes Sein war und ist Gottes Entscheidung für die Liebe. Sein besagt in diesem ur­sprünglichen Zusammenhang immer die Möglichkeit, Gott und den Menschen in einem Voneinander und Füreinander als definitiv (eschatologisch) ausgesagt zu ver­stehen. Paulus: „Christus lebt in mir“ sein Leben (Gal 2,20), ich lebe durch den Glauben an ihn von Gott (Röm 6,11), Gott lebt „in Christus“ für alle, so gewiß im Evangelium Gottes „Gerechtigkeit“ als Gnade aus­zusagen ist (Röm 1,17).

5. Was „Gerechtigkeit Gottes“ besagt, wurde neuerdings exegetisch umstritten. Nun ist der paulinische Begriff der Gerechtigkeit Gottes in der Tat als Streitbegriff gemeint. Umstritten wird in dieser Gerechtigkeit Der Mensch muß Gott recht geben geschieht aber nur, wenn der Mensch (Röm 3,5 ff). Gottes Gnade gibt dann Gott selbst. (Röm 3,4). Das sich unrecht gibt diesem Menschen Anteil an Gottes Kraft, gewährt ihm neuen Gehorsam und durch diesen Gehorsam auch der Welt ein neues Gesicht. Weil Paulus diesen Vorgang durch Christi Kreuz verkündigt und Christus nur als Gekreuzigten kennen will (Gal 5,11; 1 Kor 1,23; 2,2), bedient er sich zentral nicht einer bloß virtuellen Anthropologie der Kraft, als wäre Christus die doke­tische Inkarnation der göttlichen Macht. Paulus bedient sich vielmehr immer wieder, auch in Röm 5, 2-4, also auch gegenüber dem Glaubenden, einer Negation, nämlich der Erkenntnis der Sünde. Die Sünde wird nie überspielt (Röm 4). Nur Christi Kreuz führt in die Gnade (Röm 6). Christi Kreuz treibt stets erneut in den Glauben (2 Kor 4,6). Christus wird nicht zum Geist! Aber wer an Gott in Christus glaubt (2 Kor 4,7 ff), der lebt vom Geist Christi (Röm 8,9), d. h. im Gegensatz zu sich selbst (Röm 8,12-14). Gerade in diesem Gegensatz ist ein Mensch durch Gottes Gnade mit sich eins geworden (2 Kor 5,17). Dieser Mensch hat auf seiner Seite Gottes Wort als ihm geschenkte Gerechtigkeit, Christi Kreuz als Wahrheit über die Präsenz des gött­lichen Seins – er lebt von Gott, weil an ihm gerade nicht Gottes Wort, sondern er selbst, als Fleisch, vergeht (2 Kor 4,16-18). Zwar weiß sich der paulinische Christ durch den Glauben vom Zwang zur Sünde und damit von der nicht abzustreitenden Herrschaft des Fleischestrie­bes in seinen Gliedern befreit. Aber diese Freiheit läßt sich nur im Geist durchführen. Der Mensch existiert dann im Fleisch den Glauben an die Gnade. Er vermag in diesem Glauben auch zugunsten seines Nächsten zu leben (Röm 14) und läßt darin nicht schon sich, wohl aber Christus am Kreuz den Herrn und Sieger über alles Fleisch sein. Der Christ verleugnet also nicht die eigene Schwäche, aber er vertraut im neuen Horizont des ihm verkündigten Jesus­lebens auf Gottes unwiderrufliche Präsenz am Kreuz (vgl. Röm 8,28 ff).

6. Der Glaube bleibt also predigtbezogen (Gal 3,1). Gottes Wort tut „durch“ den Glauben (Röm 3,30), was es Evangelium sagt: daß sich der Glaubende um des Kreuzes Christi willen des Endes des ihn richtenden Gesetzes (Röm 10,4) erfreut (Gal 3,2). Der am Fleisch haftende Zwang zur tödlichen Negation der Existenz verwandelt sich in derselben Existenz durch den Glauben in die Leben schaffende Negation einer neuen Schöpfung, die im Bewußtsein des Glaubens zur Freiheit vom Tode übergeht (Röm 4,17; 8,18 ff). [6]

Man kann Gal 5,25 so paraphrasieren: Wenn wir be­reits durch die Freiheit vom Tode leben, so laßt uns auch in der Freiheit vom Tode leben!

Dem entspricht nun das Bekenntnis zu Christus als dem auferstandenen Herrn (Röm 14,17). Dieses Be­kenntnis besagt die grundlegende Wende. Vorher blieb Gottes Wort im Gesetz vom Sünder geschieden und trieb den Sünder durch das Gesetz in die eigenen Werke, kurz, in die Welt der Selbstbehauptung. Jetzt ermächtigt Gottes Wort um Jesu willen zum Glauben an Gottes Liebe, weil es dem Sünder in Christus zur alicna iustitia werden soll, die uns tatsäch­lich ganz von uns selbst befreit (2 Kor 5,21). Das Sollen wird zur Aufgabe des Heiligen Geistes (Röm 8, 2). Gott tut selbst, was er will.

7. Gottes Gerechtigkeit bleibt so bei Paulus Thema sowohl des Gesetzes (Röm 1,18-3,20) als auch des Evangeliums (Röm 3,21-4,25), nämlich Gottes Wort gegen uns ohne den Glauben und für uns in dem Glauben. Der Glaube soll durch kein menschliches Werk ersetzt werden (Gal 5, 3). Denn Gottes Gerechtigkeit schloß sich als Gottes Wort am Kreuz in Christus mit dem Glau­ben an Gottes Wort zusammen. Christus ohne Glauben aussagen zu wollen würde Christus dem Fleisch, nämlich dem Fluch über das Fleisch unterordnen (Gal 3,13), also aus dem Schöpfer selbst einen Fluch machen (vgl. 1 Kor 12,3). Das meint die verzweifelte Klage des Ver­lorenen in Röm 7,24, die trostlos dem Gott des Gesetzes flucht, so wie mancher heute versucht ist, der Geschichte der Menschheit als einem Teufelskreis von Macht und Ohnmacht zu fluchen, der den Menschen einem heillosen „Vorbei“ zu überantworten scheint. Genau dieses heillose Vorbei identifiziert Paulus mit der Zeit des „Gesetzes“. Wird nun Christus im Fleisch am Kreuz „für uns“, nämlich statt uns, zum Fluch, wie Gal 3,13 sagt, so bezieht Pau­lus das Vorbei in Christus auf das Vorbei selbst, also auf ein Vorbei des Vorbei. Denn Chri­stus hat Anspruch auf seine eigene Zeit! Auf Gottes Zeit! Eben dies meint die Gegenüberstel­lung des geschichtlichen Gesetzes der Werke und des geistlichen Gesetzes des Glaubens. Ich denke an Röm 3,27 sowie an den Gegensatz zwischen dem Gesetz der Sünde und des Todes einerseits und andererseits dem Gesetz des Geistes in Röm 8,2. Christus war des geschichtli­chen Gesetzes Ende (Röm 10,4; 2 Kor 3,13). Aber als dieses Ende war Christus der geistliche Anfang jenes Friedens mit Gott (Röm 5,1), der über alle Erwartung der Vernunft hinausgeht (Phil 4, 6-10). Im Kampf mit einem bloß an Tatsachen, d. h. an der Werk­gerechtigkeit orien­tierten religiösen Rationalismus ver­steht Paulus gerade Jesu Kreuz als Gottes Tat und deshalb Jesu Person selbst als Gottes Wort (Röm 4,25). Der Apostel predigt, weil er Jesu Tod als Got­tes Dasein im Leben schenkenden Glauben an Jesus neu verstehen kann (2 Kor 4,13). Dieser Glaube beantwortet Jesu Existenz. Er hält fest, was Jesu Gehorsam für alle erbrachte (Röm 5,12 ff) – Gottes Ansprechbarkeit (1 Kor 15, 28), wah­res Leben (Gal 2,20), den Geist (Röm 8,12 ff), Gnade (Röm 3,31). Statt Christen ins Gesicht zu gaffen, sollte man lieber fragen, welche Kräfte mit dem Glauben ver­bunden sind.

B. Jesu Verkündigung

1. Was bei Johannes als Evangelium der Liebe, bei Paulus als Gottes Gerechtigkeit in der Gnade zu Wort kam, das verkündigte Jesus als neue Zeit der Gottesherr­schaft. Auch bei Jesus verändert sich die Situation durch die Predigt, so daß Jesu Verkündigung nicht bloß eine Christologie, sondern das ganze Heilsgeschehen „impliziert“, wenn anders von Gott nur innerhalb einer totalen Veränderung unserer Existenz, also innerhalb eines absoluten Werdens gesprochen werden kann und soll. Sagt [7] der Evangelist Johannes wie seine Schüler, was Liebe ist, sagte Paulus, was Liebe war, so sagt Jesus, was Liebe sagt. Jesus bedenkt die Exi­stenz in der Vorwegnahme ihrer Zukunft. Paulus und Johannes werden dasselbe in der Vor­wegnahme von Jesu Gegenwart tun. Alle drei, Jesus sowie Paulus und Johannes, machen praktisch die Gegen­wart in Freud und Leid zum Katalysator von Gottes Wort. So wurden die neutestamentlichen Texte als Gegenwarts­zeugnisse möglich. Der eigentliche Gegner der christlichen Wahrheit ist die Utopie. Gegen sie wird von der Glaubens­verkündigung der neue Einblick in die Vergangenheit, in das Vorbei jenes Vorbei, als Gegenwart aufgeboten, wie sie sich aus dem Werden der Existenz, nämlich aus der „Wortförmigkeit“ der Existenz in der Gegenwart „vor Gott“ ergibt (Röm 4,17).

Was ist das gegenwärtige Kennzeichen der die alte Existenz des Menschen beherrschenden Vergangenheit? Antwort: Daß der Mensch allein bleibt, bis er dazu kommt, Gottes Sein mit seiner eigenen Gegenwart, z. B. als Gottes Gerechtigkeit oder Gnade, zu beantworten. Diese Antwort wird Glaube heilen. Man hat deshalb schon Jesu Verkündigung als Einübung des Glaubens zu ver­stehen. Der Glaube bringt sich in den synoptischen Evan­gelien freilich meist als Wunderglaube zur Geltung. Das geschieht bereits unter dem Einfluß der Christologie. Auch der Gebetsglaube, dem wir den Senfkornglauben zurechnen mögen (Mk 11,22 f. par), gehört noch zum Wunderglauben (Mk 9,23 f). Jedoch: Solcher Wunderglaube sagt ja seiner­seits Gottes Nähe aus. Eben sie ist aber Thema schon von Jesu Verkündigung der Gottesherr­schaft. Jesus hat den fernen Gott zum nahen Gott existentiell, nicht erst in apokalyptischer Reflexion, in Beziehung gesetzt. Er schloß die Existenz des Menschen für deren verlorene Nähe auf.

Zu diesem Zweck bedient sich Jesus z. B. in seinen Gleichnissen nicht selten der Ironie. Iro­nie steht bei Jesus gegen Utopie. Seine Verkündigung kommt aber bei dem, der Ironie und der Utopie, insofern zuvor, als ihre Quelle eine Freude ist, die zwar zornig werden kann, aber ohne Verbitterung bleibt (siehe mein Buch „Jesus. Wort und Tat“ 1971).

Soviel zur Signatur derjenigen Texte, die für Jesus selbst in Anspruch genommen werden können, wie das die Ge­meinde tat, als sie berichten wollte, was sie von Jesus lernte. Histo­rische Fragen nach der Echtheit der Jesusworte verkennen zwar in der Regel die hermeneuti­schen Voraus­setzungen der Jesustradition, weisen aber ihrerseits doch auch in die Geschichte, welche der Glaube unter Jesu Einfluß mitgemacht hat. Man kann also mit historischen Fragen anfangen, muß sie aber unter dem Einfluß der Texte korrigieren.

2. Jesus hat den Glauben nicht terminologisch, sondern mit Hilfe einer kritischen Doxologie oder besser einer Doxologiekritik eingeübt, für welche schon die Rudimente seines Gebetes zeugen: Gott ist ihm einfach „Vater“, also der Inhalt jenes „Logos“ von Joh 1,1, der Name, der dem verlorenen Heimkehrer zum Wort wird (Lk 15,18 ff). Man wird das Selbstverständ­nis Jesu im Gegenzug zu jenem murrenden älteren Bruder einer fatalen Familie als das Lieben des wahren Erstgebore­nen entwerfen können, so daß man sich durch Titelfragen der Christo­logie im Blick auf Jesus selbst nicht mehr beirren zu lassen braucht. Weil sich Jesus als Sohn in Vollmacht versteht, kann er alle streitenden Brüder eines besseren belehren (vgl. Mt 21,28-32). Nicht er, sondern diese werden dann Gott zu rechtfertigen haben (Lk 7,29f). Aber Jesus kommt ihnen gerade mit Gottes Rechtfertigung zuvor, existentiell (Mt 5,45; 6,26.28b-30 u. Parr), und eben deshalb mit seinem Wort (vgl. Mt 20,1-16). Zwar stehen sich nach wie vor Fluch (Mt 23 u. 11) und Segen bzw. Freude (Mt 5 u. 11) gegenüber. Aber der Jesu Ver­kün­digung beherrschende Ton bleibt wie gesagt der Ton [8] der Freude (Mt 13). Mochte Gottes Nähe für den Blick des Täufers Anlaß zum Schrecken gewesen sein, für Jesus war Freude an Gott das Gebot der Stunde (Mt 11,19 Par). Die es besser wissen wollten, mußten sich von Kindern beschämen lassen (Mt 18,3; 19,14). Kinder leben eben noch von der Zukunft, welche der sündige Mensch verspielt hat. Würde dieser Mensch lernen, sich selbst die Ver­gangenheit, aber Gott die Zukunft zuzuschreiben, so wäre er gerettet (Mt 16,25 Parr). Denn Gott kann sich selbst nicht verleugnen (vgl. 2. Tim 2,13; Jak 1,17). Er bleibt der Schöpfer (Mt 22, 23-33 Parr) und will gerade in der Gegenwart als Schöpfer beantwortet sein (Mt 5,48).

3. Jesu Verkündigung hat dialogische, nicht dialektische Struktur. Seine Gerichtsworte haben nicht den Zweck, einen einseitigen Optimismus abzuschirmen. Ebensowenig über­bietet Jesus die eschatologische Schärfe einiger Zeitgenossen durch eine eigenwillige Hoffnung. Daß sein freudiges Wort zugleich ein scharfes Wort ist, liegt vielmehr an der Rela­tion dieses Wortes zum Glauben und ist insofern schon bei Jesus, nicht erst bei Paulus, in der dialogischen Unter Scheidung von Glauben und Werk, insofern allerdings eben falls in dem Gegensatz von Wort und Gesetz begründet. Was bei Paulus den Unterschied zwischen Geist und Buch­staben ausmacht, nämlich eben der Glaube an den ge­predigten Christus, das bleibt bei Jesus selbst der Gegensatz zwischen seinem eigenen Wort und dem Gesetz der „Alten“, also ebenfalls im Horizont von Glaube und Werk. Das hat das Johannes-Evangelium im „Ich bin …“ zu Ende gedacht.

C. Das Gebot als Wort Gottes

Alttestamentlich formuliert stehen Gottes Gebote als Gerechtigkeitserweise im Plural, wie in 1 Kor 7,19, weil der tätige Gott nicht nur einmal gesprochen hat. Aber im Neuen Testament tritt dafür jener Singular ein, den wir in Joh 13,34 lesen, weil sich nun Gottes Wort auf jenen Einen konzentriert hat, von dem Hebr 1,2 spricht und dem Hebr 4,12 entspricht. Jesus ist in Person die krísis der menschlichen Existenz geworden (Joh 3,18 usf.). Gebote, die zu den „Alten“ gesagt waren, können sich in diesem Zusammenhang nur auf jenen Alten auf erlegte Werke beziehen, die sie vor allem zu unterlassen hatten, wenn sie gehorchen wollten. Aber jetzt tritt Gottes Wort selbst hervor, geht in Jesus ein und fordert uneingeschränkten Glauben an Gottes „Herrlichkeit“ in der Existenz Jesu (2Kor 4,4). Auch Jesus wollte sagen: „Alles, was nicht aus Glauben (getan wird), ist Sünde“ (Röm 14,23). Dafür ist der Gekreuzigte inso­fern zum bleibenden Vorbild geworden, als ja auch er nicht sich selbst gefiel (Röm 15,2 f). Was aber jetzt, im Namen Jesu, geschehen soll, ist genau das, was nur Gottes Wort selbst vermag: eine neue Schöp­fung als neue Existenz in der Liebe (2 Kor 5,17; Joh 3,16; Mt 5,43-48). Also: Gott will von uns Glauben und durch den Glauben Freude an der Liebe haben, weil nunmehr allein die Liebe den Weg oder das Werden vorzeichnet, für das sich Gott in Jesus endgültig ausgesprochen hat (Hebr 1,2). Christliche Existenz soll nun, wenn auch a posteriori, als Liebe anschaulich werden (Gal 5,6). Eben dazu bedarf sie des Glaubens an Gottes Wort, das die Welt richtet, weil die Liebe in diesem Wort rettet. Jesus heißt in Joh 4,42 der „Retter“ der Welt. Eben deshalb gipfelt jetzt Gottes Wort im erfüllten Gebot der Liebe (1 Joh 4,7 ff).

Summa: Der Mensch ist durch Gottes Wort im Evangelium zur Liebe befreit worden. Nicht mehr des Men­schen Werke, nein, Gott selbst steht jetzt in der Liebe für alles Werden ein. Die Quintessenz der neutestament­lichen Christologie des Wortes Gottes heißt Liebe. Das ist der kurze Inhalt des Glaubens im Neuen Testament. [9]

Können wir die christologische Übersetzung des Wortes Gottes im Neuen Testament ins Anthropologische wenden, ohne den Unterschied zwischen Jesus und dem Geist theo­logisch aufzugeben? Die Entscheidung über diese Frage liegt beim Einblick des Glaubens in die Struktur der Existenz. Davon wird in der nächsten Vorlesung thematisch zu reden sein.

II. Das Wort Gottes als Thema unserer Existenz

Wir antworten im folgenden auf die Frage nach dem Frieden.

A. Die Struktur der Existenz

1. Wenn es wahr ist, daß der Mensch in Geist und Fleisch sich selbst entzogen bleibt, dann muß er selbst in sich selbst auf ein Extra, auf ein Außerhalb seiner, bezogen sein. Diese Rela­tion von Entzug und Bezug meinen wir, wenn wir von Existenz reden. Davon verantwort­lich zu wissen, gehört im Neuen Testament zur Existenz. Zwar sind auch Tiere auf anderes bezo­gen, indem sie sich entzogen sind. Sie bleiben z. B. an ihre Triebe gebunden, so lange norma­le Lebensbedin­gungen bestehen. Aber das Tier kann darüber nicht sprechen, weil es seine Struktur nicht verantwortet. Anders der Mensch. Er will vielleicht nicht davon reden. Aber er weiß trotzdem um die Fraglichkeit seiner Existenz: im Gewissen. Jeder kennt das Urteil des Gewissens, sogar als Wort Gottes, sobald er nämlich dem Urteil des Gewissens nicht mehr ausweichen kann. In solchen Situa­tionen reflektiert ein Mensch, wovon er lebt (Mt 4,4).

Alles, wovon der Mensch lebt, stellt ihm zugleich die Frage, wozu man lebt. Es genügt nicht, mit dieser Frage in die Welt als das Insgesamt der menschlichen Existenzmöglichkeiten aus­zuweichen. Schon um des Gewis­sens willen steht ja der Einzelne in der Welt als er selbst auf dem Spiel. Zwar bietet ihm die Welt zumeist eine gerade noch vorhandene Ausweichmöglich­keit. Aber daran zeigt sich erst recht: der Mensch kann sich (in Furcht und Hoffnung) voraus sein. Eben dieses Sich-voraus-sein-können wird strukturell durch die Stimme des Gewissens ermöglicht. Also; man muß sich Rechenschaft darüber geben, nicht ob, sondern was man exi­stiert! Menschliches Leben wird nicht nur gelebt, sondern auch erwogen. In der Gewissenser­kenntnis fragt sich nicht nur, was gewichtig ist, sondern ebenso, was gewichtig war, wie denn das für unser Dasein in Wahrheit Entscheidende z. B. als Glück oder Unglück sowohl verbor­gen gewesen als such immer noch verborgen sein kann.

2. In der Gewissenserkenntnis scheint alles Gewicht auf unserem Handeln zu liegen, so daß der Mensch wesentlich als für seine Werke verantwortlich erscheint. Das ist aber nur eine sehr vorläufige Zwischenbestimmung der Existenz. Selbst wenn formal konzediert werden mag, daß einer tun kann, was er will, so bleibt auch sein Wille der Struktur der Existenz verhaftet. Gerade wenn gilt, daß einer will, wenn er etwas will, so unterliegt doch dieses Daß im volo me velle (Jonas) als Ablauf einem Sich-selbst-entzogen-sein, d. h. einer grundlegenden Ab­hängigkeit unseres menschlichen Daseins. Es fragt sich allemal nicht nur, ob wir wollen, sondern was uns affiziert. Insofern liegt nahe, von einer zwischen Antrieb und Treibkraft fast spielen­den Ambiva­lenz der Existenz zu reden. Unser Wille ist mit dem, was wir nicht wollen, in Entscheidungen zusam­mengekoppelt.

Kann sich nun der Inhalt des Wollens ändern, so wird man auch fragen, woher uns jene Gebo­te gegeben [10] sind, denen sich der Einzelne de facto unterwirft. Neben der Stimme des Gewissens erhebt sich die Stimme der Vernunft. Die Stimme der Vernunft gibt uns den Rat, die Abhängigkeit unseres Daseins in Regeln zu bän­digen, die unserem Handeln Sicherheit gewähren. Aber weil sich diese Regeln oder Maximen nur auf das übliche beziehen können, bleibt auch das Denken als phrónēsis auf die Stimme des Gewissens zurückverwiesen. Diese Stimme wird uns im Blick auf die Vergangen­heit oft genug verurteilen. Die sophía wird also wissen: mit dem Nächstliegenden ist es eben nicht getan.

Im Gewissen ringen eine Nähe und eine Ferne, Vergangenheit und Zukunft der Existenz wie ein Geviert (gegenwendig?) miteinander. Wir sprechen von der Stimme des Gewissens. Darin liegt: das Ringen zwischen Nähe und Ferne, Vergangenheit und Zukunft der Existenz konsti­tuiert die menschliche Sprache. Unsere Sprache ist keineswegs nur auf Vernunft festgelegt, sondern kulmi­niert im Streit um ein Selbstverständnis des Menschen, zumal das Ringen um Nähe und Ferne in der Existenz geschichtlich als Streit um das Selbstver­ständnis ausgetragen wird. Nun kommt alles darauf an, was einer als er selbst zu sagen hat. In diesem Sinne ist Existenz strukturell auf Wahrheit angelegt. Existenz soll wenigstens innerlich wahr sein! Sein ist für uns Menschen z. B. als Frieden haben Existenzwahr­heit. Existenzwahrheit geht vor sich. Sie ist der Anfang eines Extra nos im Spiegel unseres Bewußtseins. Wir sind, was wir nicht sind, sofern unsere Existenz in ihrem Was auf ein Werden angelegt ist, dem wir in Wahrheit zu entsprechen haben.

3. Allein im Werden weiß die Existenz um ihren Gehalt. Existenz vollendet sich für unser Bewußtsein in der Sprache sogar grammatikalisch, im Satz (tetélestai), als Werden im Ver­gehen. „Werde was du bist“, z. B. ein Mann, kann in diesem Zusammenhang sowohl Ab­schied als auch Ankunft bedeuten. Auch der Abschied wird immer ein Ganzes umschließen, dessen Ankunft seinerseits den Abschied ermöglicht hat. Der Mensch kann sich zwar nicht von sich selbst verabschieden. Aber er kann dem Kommenden durch seinen Abschied z. B. im Testament Weichen stellen. Weil nun niemand bloß von selbst da ist, ist jeder auch für den anderen oder andere und anderes da, das er bejaht und verneint, aber immer beantworten muß und je schon mit seiner Existenz beantwortet hat. Existenz bezieht sich deshalb von vornher­ein auf Gemein­schaft. Eben die Gemeinschaft äußert sich in der Sprache! Mit der Sprache verantworten wir den Zusammenhang menschlichen Daseins, auch als Welt, aber vor allem als personale Gemeinschaft z. B. in Familie und Staat. (Auch Geschäftsleute und Politiker sind Seel­sorger, nicht nur Leibsorger.)

In summa: Der Mensch ist eben sowohl seine Vergangenheit als auch seine Zukunft. Selbst wenn offen­geblieben sein mag, was ihn mehr bewegt, die Vergangen­heit oder die Zukunft, so steht doch fest, daß jeder Mensch vor allem der zeitlichen Bewegtheit seiner Existenz unter­worfen ist. Unser Handeln kann sich genau wie unser Wille nur innerhalb der zeitlichen Be­wegtheit der Existenz an den Tag bringen. Handeln und Wollen sind zwar in der Regel an Nächstliegendes gebunden. In Wahr­heit existiert der Mensch einfach seine Zeit. An sie muß er glauben, weil ihm die Zeit im Widerstreit von Ver­gangenheit und Zukunft stets auch entzogen bleibt. Aber gerade dieses Wissen um die Zeit als Zeit von Existenz kann nun jenes Extra nos begründete Sein gegenwärtig machen, in welchem zumal die Ferne als Nähe zu uns selbst das Existenzverstehen in ein Selbst­verständnis weist, das uns für ein ursprünglicheres Gegen­über öffnet. Dieses Gegenüber ist als Alternative zu uns selbst: Gott. [11]

B. Das mögliche Selbstverständnis

1. Selbstverständnis ist existentielles Wissen um ein Selbst, nicht nur Selbstbewußtsein. Das ist schon deshalb so, weil das Selbst im Selbstbewußtsein zum die Erinnerung durchhaltenden oder verdrängenden Ich, im Selbstverständnis dagegen als Ich strittig wird. Ein mit sich selbst entzweiter Mensch muß sich am Ende verlorengeben, falls ihn keine neue Bedingung seiner Existenz mit seinem Schöpfer einigt. So war es auch bei euch, hatte Paulus den Getauften in Rom zu sagen (Röm 6,19-23). Die neue Bedingung der vorher entzweiten Existenz heißt dem Apostel Gnade. Die Zwischenbestim­mung der alten Existenz war neben dem Gewissen das die Existenz zerreißende Gesetz (Röm 7,14 ff). Teilt man den Unterschied zwischen Alt und Neu nur biographisch in Epochen ein, so kann der alte Zwang zur Sünde unter dem Gesetz als neue Freiheit zur Sünde unter der Gnade reaktiv mißverstanden werden. Aber man hätte dann die Gnade, die Paulus in Christus verkündigt, mit Hilfe der Sündenvergebung verworfen. Got­tes Gerechtigkeit hat aber allem zuvor den Zwang, der sich unter dem Gesetz sprach­lich als Todesurteil über „alles Fleisch“ zur Geltung gebracht hatte, im Evangelium der Gnade aufge­hoben. Die Unterscheidung zwischen Tod und Leben ist jetzt neu präzisiert. Tod und Leben wurden aus der Beziehung zwischen Gnade und Sünde als die in Christus erschie­nene Gerechtigkeit Gottes neu verteilt (Röm 6,11). Weil Christus das, was er starb, ein für allemal der Sünde starb, nämlich den der Sünde verfallenen Leib, unsere Nichtigkeit, daher lebt er das, was er lebt, nämlich unsere Gerechtigkeit durch den Glauben, gerade in uns verloren Gewesenen. Christus „erlebt“ uns für Gott, um uns durch den Effekt seines Todes, nämlich das Leben für Gott, also durch seine eigene Beziehung zu Gott, für den Glauben an seine Stellvertretung frei zu machen (vgl. 2 Kor 5,21). Das war Christi meritum. Wir sollen uns in Zukunft als Kinder Gottes der herrlichen Freiheit des Sohnes Gottes erfreuen (vgl. Röm 8,21). Paulus umschreibt diese Zukunft als Heiligung. Die Heili­gung ist das Ergebnis der Taufe in Christi Tod (Röm 6,8), die im sõma pneumatikón d. h. in der von Gott als unsere Zukunft gewollten Gemeinschaft der Glaubenden, Grund und Bestand hat (1 Kor 15,44; Phil. 3,21). Christus selbst bleibt als Herr über Sünde und Tod unsere Gerechtigkeit im métron písteōs. Der Glaube setzt die der Freiheit von der Sünde verliehenen Gnaden­gaben in uns durch (1 Kor 12,12-27); Röm 12,3-13; Gal 6,1-10; 6,6 und auch 6,10 b sind fragwürdig).

2. Paulus hat es um des Herrn willen gerade nicht nötig, die „Schwachheit eures Fleisches“ (Röm 6,19) zu ignorieren oder wie ein Gnostiker zu bagatellisieren. Er betont auch bei der Heiligung, daß „wir nicht (mehr) unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade“ sind (Röm 6,15). Gerade dafür steht ihm nun in unserer Schwachheit der „Geist“ gut (Röm 8, 26), der ja der „Geist Christi“, d. h. die dem Glauben zum Kampf gegen die Sünde in uns gegebene Kraft Gottes ist (Röm 8, 2-11).

Um das besser zu verstehen, müssen wir uns noch dem Herrenmahl zuwenden. Dessen Litur­gie feiert ja bei Paulus in 1 Kor 11,23-25 auf Grund von 1 Kor 10,16 f genau die Gemein­schaft, die uns, durch Christi Hingabe am Kreuz, mit dem Herrn so zusammenschließt, daß wir im Geist bekommen, was wir im Fleisch verlieren (Röm 8,10). Nur deshalb können wir die neue Kraft des Glaubens als Kraft Gottes gegen die alte Schwachheit des Fleisches mobil machen (Röm 8,12-14). Das tun wir, wenn wir einer wie der andere einer für den anderen einzu­stehen beginnen (Gal 6,2). Das ist das „Gesetz des Glau­bens“ (Röm 3,27) oder das „Gesetz Christi“ (Gal 6,2), also nicht ein Übergang Christi in „den“ Geist, sondern die [12] existentiell gewordene Wahrheit des Glaubens an unsere Gerechtigkeit, die uns Christus als Gottes Gerech­tigkeit am Kreuz erworben hat (vgl. Röm 5,10; 3,24-26 mit Gal 2,20). Statt des Gesetzes wurde Gottes Gnade durch den Glauben an den Gekreuzigten zur Zwischen­bestim­mung einer uns „in Christus“ als gemeinsam zuge­dachten Existenz. An sic glaubt der Christ. Was ein Christ geistlich mit dem Glauben bekommen hat, das will er nun als Liebe mit allen anderen Menschen teilen! Das ist die Arbeit des Geistes. Nur so können wir mit Paulus sagen: der Glaube an das Ereignis der Gnade wirkt sich unter den Glaubenden als Liebe aus (Gal 5,6).

3. Paulus äußert sich über den Geist zwar stets präzis, aber im ganzen doch zurückhaltend. (Dafür mögen polemische Gründe maßgebend sein, weil sich der Apostel immer wieder auf das Evangelium selbst zurückziehen mußte, also dem Glauben jenen Vorrang gab, der Röm 1-4 vor Röm 5-8 stellt.) Der Geist kommt durch den Glauben und bleibt beim Glauben. Das ist im Gegensatz zu den Gesetzeswerken gesagt (Gal 3, 2), die dem exklusiven Gegensatz von Geist und Fleisch unter­liegen (Gal 5,17). Das besagt aber nicht, daß der Glaube auf Werke schlechthin verzichtet. Im Gegenteil, gerade der Geist ist ja im Glauben tätig (Gal 5,13 ff). Denn der Geist des Glaubens macht uns füreinander frei (2Kor 13,13). Nur er ist die Kraft zur Liebe (vgl. 1 Kor 13). Als Kraft der Liebe macht der Geist aber den Einzelnen schwach – das ist das existentielle Argument des Apostels für die Wahrheit seiner eigenen Existenz, d. h. dafür, daß nur die Kraft seiner Verkün­digung die Existenz des Apostels als sein besonderes Teil im Leiden beherrscht und ihn mehr als andere Christen an Christus bindet (1 Kor 9,16). Aber man kann doch sagen: Jeder Christ existiert den Geist Christi.

4. Auch das Gesetzesverständnis des Paulus ist im Grunde nicht dialektisch, wohl aber pole­misch orientiert. Dialektisch wird bei Paulus vor allem der menschliche Wille behandelt. Wer Gottes Gerechtigkeit als eigene Gerechtigkeit in Werken will, der erfährt dort den Tod als der Sünde Sold (Gal 5,4 vgl. mit Röm 6,23). Wer dagegen die Gerechtigkeit in Christus will, der findet in Christus ewiges Leben (Gal 2,17 vgl. mit Röm 5,21). Wenn also ein Jude Gottes Willlen erfüllen will, Paulus sagt: das ganze Gesetz tun will (Gal 5,3), so muß er sich überle­gen, was das Kriterium seines Willens ist. Dieses Kriterium ist aber gemäß Röm 2,7-10 er selbst, so daß er gefragt wird, was er denn mit seinen Werken wollte, wozu er also Lust hat (epithymeĩ). Muß er nun zugeben, daß er dieser Frage nicht gewachsen war, weil seine Werke in seinem Willen ein Eigenleben führen (Röm 7, 22 f), so daß er das Gesetz Gottes einseitig als Gesetz seiner guten Werke erfuhr, deren er sich wie eine törichte Kirche fast rühmen muß­te (Röm 3, 27; 10, 3; Phil 3, 4 b – 9), so ver­steht er sich als Alternative zu Gott statt Gott als Alter­native zu sich selbst (vgl. Röm 2, 20) – eben dieses Politi­kum ist die Sünde in der Sünde (Röm 2,17 ff). Nicht das Gesetz war sündig (Röm 7,7-12), sondern der Sünder, d. h. der Mensch, der sich anmaßte, (definitiv?) zu wissen, was gut und böse ist (vgl. Röm 10,2 f), weil er selber entscheiden wollte, was als seine Existenz gelebt wurde; daher wurde er mit dem Tod bestraft (Röm 6, 23). Als Ende des Fleisches brauchte das Sterben nicht der Sünde Lohn zu sein. Aber als der Sünde Handgeld kam der Tod gerade durch das Fleisch zu Wort, das nun in Gegensatz zu Gottes Geist trat, der von jeher nur lebendig macht (2 Kor 3,6). Durch diesen Gegensatz von Geist und Fleisch mußte das Gesetz als Wort Gottes sowohl verkannt als auch präzisiert werden – das Gesetz wurde zur ratio essendi, d. h. zum fatalen Existential des Sün­ders (Röm 3,20). Das Gesetz sollte aber ratio cognoscendi der Sünde sein (Röm 3, 20). Diese ratio cognoscendi [13] der Sünde mußte eingehalten werden. Eben deshalb wurde Christus unter das Gesetz getan (Gal 4,4; Phil 2,6 ff; Röm 8,3). Denn nun sollte sich an Christi Kreuz in Christus selbst am Ende des Gesetzes der Sünde und des Todes zeigen, daß das Wort Got­tes schon im Gesetz mehr war als ein Existential, nämlich der eigentliche Inhalt einer Exi­stenz, einer Existenz, die sich schon in Christi Kreuz aus Gottes Kraft die Freiheit von der Sünde zugesprochen, weil zugeteilt fand (2 Kor 13,4). So erlebten sie Jesu Liebe als Frieden mit Gott (Röm 5,1-5) oder, wie man vor Paulus formulierte, den Gekreuzigten als Gottes Lösegeld für alle unsere Sünden (Röm 3,25; 4,25 vgl. Gal 4,5). Dieser Mensch Jesus war und ist in Wahrheit Gottes Sohn, einst im Fleisch, jetzt im Geist (1 Tim 3,16). Gottes Sohn gab sich selbst als Mensch für uns, an unserer Statt, hin (Gal 2,20), um der gegenwärtigen bösen Weltzeit so ein Ende zu machen (Gal 1, 4), daß gerade wir selbst durch den Glauben an ihn in ihm Gottes Rechtfertigung würden (2Kor 5,21). Die das Glaubenden sind Menschen gewor­den, deren Stärke ganz allein in Gott beruht, weil Gott selbst mit seiner Liebe im Heiligen Geist ihre Stärke geworden ist (2Kor 4,7-15). Was ein Christ im Geist existiert, kann also nur als durch Christus getan, nur als Wort verkündigt und geglaubt werden (Röm 5,21). Das Exi­stential der neuen Zeit des Wortes Gottes, also der Verkündigung, bleibt nun erst recht das Gesetz. Denn das Gesetz forderte Werke, weil es an den Werken sowohl unsere Sünde als auch Christi Tat geschichtlich denkwürdig, d. h. wesentlich macht.

In summa: Der Christ weiß sich negativ im Gesetz und positiv im Evangelium als sich selbst entzogen, nämlich von sich selbst zu sich selbst befreit. Das christliche Selbstverständnis ent­steht an dem Vorbehalt, mit dem Gott durch das Gesetz anzeigt, dal} er das mensch­liche ich als ein zum Glauben bestimmtes Ich geschärten hat. Dieses Ich realisiert aber nicht der Mensch, sondern Gott selbst Tag für Tag, so wie sich Gott in Christus am Kreuz als das Wort der Liebe realisiert hat, das der Mensch gesagt bekommen muß und nun hören kann (Röm 3,24-26). Indem er an dieses Wort glaubt, findet sich der Apostel in diesem Wort als der Ver­heißung seiner Existenz wieder; „Denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark“ (2 Kor 12,10; Röm 8,17).

C. Aus Glauben zum Glauben

1. Gott in seiner Gnade ist die Alternative zum Selbst des Menschen. Gott ist Gott in der Wahrheit des Evangeliums, Gott ist Gott im Bezug zum sich selbst sowohl negativ als auch positiv entzogenen Menschen. Gott in seinem Wort, in Christus, das ist nun der Friede in allem Streit der Existenz (Phil 3,7). Eben dieser Friede war und ist paulinisch gesehen die Übersetzung der Christologie in die Anthropologie, die neue Zwischen­bestimmung mensch­licher Existenz.

Dabei kann es praktisch freilich nur dann bleiben, wenn der Mensch durch den Glauben an dem Werden teilnimmt, in welchem Gott als er selbst in unserer Existenz hervortritt, d. h. beantwortet wird, so daß der Mensch für sich selbst in jene Ferne gerät, in welcher Gott dem Menschen als seiner neuen Schöpfung nahekommt. Paulus nennt diesen Vorgang die noch in Gang befindliche Herrschaft des Herrn. Im vierten Evangelium geschieht dadurch das Wunder einer Existenz, die sich als die Arbeit des Vaters versteht, die er durch den Sohn in uns geschehen, ja geschehen sein läßt.

2. Diese Arbeit Gottes, das Werk des Herrn, beginnt im Glaubenden mit dem Glauben an das Evangelium der Gnade. Aber sie setzt sich dann aus Glauben zum Glauben so fort, daß wir den Übergang von der vernichtenden Herr-[14]lichkeit des Todes zur rettenden Herrlichkeit des Lebens an unserer Existenz in einem Zug erfahren (2 Kor 3,18; vgl. Röm 8,2). Das ist das Wirken des Heiligen Geistes in der Gemeinde, der als der Paraklet im Wort zum Geburtshel­fer der Freude des Glaubens (Joh 16,21) wird. Das Wort tut selbst, was es verspricht. Wie es den Vater durch den Sohn im Fleisch groß gemacht hat, so macht es auch in uns durch den Glauben die Liebe groß, die vom Vater und dem Sohn ausgegangen ist, so daß sich der Glau­be in uns als unser Glaube durchsetzen kann (vgl. 2 Kor 4,16-18; 5,1-11). Der Glaubende erfährt Gottes Liebe als Freude an der Liebe (Röm 14,17; Phil 2,1 ff). Aber eben deshalb er­fährt er auch die Schmerzen und Sorgen der Liebe, so daß er immer deutlicher erkennt, was er an der Predigt des Evangeliums hat: eben das Wort dieser Freude, das ihn von der Nichtigkeit seiner Existenz befreit, indem es diese Nichtigkeit mit dem neuen Vor­zeichen der Nähe Got­tes versieht (2 Kor 12,10; 6,10).

3. Das besondere Kennzeichen der neuen Zeit ist nicht nur etwas neu Vorhandenes, sondern die neue Klarheit in der Beurteilung des Werdens. „Alles ward neu“. Damit ist nicht bloß auf einen neuen Sinn, etwa des Leidens, verwiesen, sondern auf jenes Ganze von Röm 8,28, daß uns alles zum Besten dienen muß, Tod und Leben, wie Paulus gleich nachher ausführen wird (V. 38). Das Werden geht im Christen schon so vor sich, daß er eine durch den Geist befreite, nämlich vom Zwang zum Sün­digen befreite Existenz, sei es an sich, sei es an anderen, ken­nengelernt hat. Das nenne ich sakramentale annihilatio des sonst übermächtigen Fleisches, Pau­lus: die Verwandlung der Sünde in die Stärke der Schwach­heit (2 Kor 4, 7 ff).

„Für euch“ sagt die Liturgie des Herrenmahles im Blick auf Gottes Wort in Christus und bietet statt des alten Fleisches Brot an. Genauso bietet der Becher statt des alten Blutes Wein an. Dieses Brot kann man gemeinsam essen, den Wein gemeinsam trinken. Die Einheit der litur­gischen Gemeinschaft mit Christus ist deutlicher durch das zerbrochene Brot, die Ge­meinschaft selbst deutlicher durch Jesu Becher ausgedrückt. Es geht dabei im Ereignis um jenen Austausch oder Wechsel, daß Christus mit seinem Tod das in der Welt herrschende Alte abgetan hat, um mit seinem Leben in uns das Neue siegen zu lassen, das durch den Glauben an ein pures Wort als „das ist“ bereits wirksam ist. Gottes Wort verwandelt durch diesen Aus­tausch der Zeiten in Christus unsere Existenz (1 Kor 10,11), tut die Sünde in unserer Exi­stenz ab (Röm 6,2) und macht damit uns selbst als das Glaubende zum Gegenstand von Gottes Werk (vgl. Eph 2,10), so daß Christus sein Leben als Person bei uns findet (vgl. Gal 2,20; 2 Kor 4,4). Nicht geben wir ihm unser Leben. Wir geben ihm überhaupt nichts. Aber er hat sich unsern Tod angeeignet, um uns sein Leben geben zu können, und er tut das so, daß er uns, nachdem er uns durch seinen Tod die Möglichkeit des Glaubens an ihn unbegrenzt einge­räumt und so unser Dasein vom Todeszwang, der Sünde befreit hat, durch dieses Evangelium in seinen wahren Leib als in seine eigene Existenz eingliedert, um nun durch seinen Geist in uns das Leben zu er­wecken, um dessentwillen er als Mensch gestorben ist. Nicht der Geist, sondern er selbst, Gottes Person im Wort, sollte in uns auferstehen, um mit uns, den in ihm schon Toten, geistlich, d. h. göttlich zu leben (1 Thess 5,10).

4. Der Satz, daß der Mensch seine Vergangenheit und seine Zukunft ist, weist in unser Wer­den hinein, weil es das Werden von Gottes Sein in uns, d. h. von Gottes Aus- sagbarkeit durch uns ist. Gott ist durch sich selbst, gewiß, in Christus, für uns aussagbar geworden, Gott als der Vater, dessen Sein der Sohn für uns beantwortet. Dieser Sohn Gottes hat sich in uns durch den Geist so aussagbar gemacht, daß wir Gott als in Christus für uns [15] ausgesagt genau dann und dort glauben können, wo wir ohne diesen Glauben einer Gottferne oder Gottver­lassenheit ausgeliefert wären, wenn das überhaupt noch möglich wäre, nachdem die Sünde durch Christi Tod irreal geworden ist und bei uns nur noch als Schwachheit des Fleisches erscheint (Röm 6,18).

5. So bliebe noch übrig, den Heiligen Geist mit dem Ereignis des Glaubens zu identifizieren, nachdem der Gekreuzigte durch den Geist des Glaubens in Person mit Gottes Wort identifi­ziert worden ist. Dieses Ereignis des Glaubens vollzieht sich als das Gehör, das sich Christus durch die Predigt verschafft (Röm 10,8-17). Die Predigt sagt, daß Christus des Gesetzes Ende war (Röm 10, 4). Der Heilige Geist präzisiert nun das Geschehen von Wort und Glauben in uns als die Notwendigkeit des Seins Gottes in dessen Werden (Jüngel), Paulus sagt mit einem neuen Wort: durch das Gesetz des Geistes (Röm 8,2). Diese göttliche Notwendigkeit erklärt sich als jener Friede, den das Evangelium gewährt (Röm 5,1). Dieser Friede ist die Zukunft der Liebe, mit der Gott sein Sein in uns als Werden beweist; das vinculum pacis in Gott selbst; jene Versöhnung, mit welcher Gott sein Sein als die zwischen Vater und Sohn walten­de Liebe geoffenbart hat – sie hat den Menschen durch Wort und Glauben in sich aufgenom­men. Wir sind nicht nur angenommen, sondern aufgenommen, nicht nur akzeptiert, sondern rezi­piert.

Nur deshalb verkündigt auch das Neue Testament fast barock die Auferstehung der Toten. Wir alle wurden im Neuen Testament aufgeschrieben, weil Gott selbst unsere Zukunft ge­worden ist. So hat sich Gott in Christus ausge­sagt und damit der Predigt das Thema, dem Glauben den Inhalt, der Existenz die Struktur gegeben, die Luther „wortförmig“ nennt, weil nun Gottes Wort, nicht die Seele, den Menschen zum Menschen macht, der Gott die Ehre gibt.

Thesen

Thema: Das Wort Gottes ist Thema des Neuen Testaments.

I. Das Wort Gottes als Thema des Neuen Testaments

A. Jesus als Wort Gottes (Apk Joh 19,13)

1. Doxographie erscheint in der Apk Joh als Doxologie.

2. Das Wort Gottes ist im NT primär Evangelium, nicht Gesetz.

3. Das Evangelium bezeugt die göttliche Wirklichkeit des Wortes der Liebe als Wahrheit des Glaubens.

4. Gottes Sein ist Gottes Entscheidung für die Liebe.

5. Wer an Christus glaubt, lebt vom Geist Christi, d. h. im Gegensatz zu sich selbst. [16]

6. Der Glaubende bleibt predigtbezogen.

7. Der Apostel verkündigt, weil er Jesu Tod als Gottes Dasein im Leben schenkenden Glauben an Jesus ver­stehen kann.

B. Jesu Verkündigung

1. Sagt der Evangelist Johannes wie seine Schüler, was Liebe ist, sagt Paulus, was Liebe war, so sagt Jesus, was Liebe sagt.

2. Weil sich Jesus als Sohn in Vollmacht versteht, kann er alle streitenden Brüder eines Besseren belehren.

3. Jesu Verkündigung hat dialogische Struktur.

C. Das Gebot als Wort Gottes

1. Auch Jesus wollte sagen: Alles, was nicht aus Glauben (getan wird), ist Sünde.

Summa: Die Quintessenz der neutestamentlichen Christo­logie des Wortes Gottes heißt Liebe.

II. Das Wort Gottes als Thema unsrer Existenz

A. Die Struktur der Existenz

1. Wir sollen uns in Zukunft als Kinder Gottes der herr­lichen Freiheit des Sohnes Gottes erfreuen.

2. So können wir die neue Kraft des Glaubens gegen die alte Schwachheit des Fleisches mobil machen.

3. Der Christ existiert den Geist Christi als unsre Zu­kunft.

4. Das christliche Selbstverständnis entsteht an dem Vor­behalt, mit dem Gott durch das Gesetz anzeigt, daß er das menschliche Ich als ein zum Glauben bestimmtes Ich geschaffen hat.

B. Aus Glauben zum Glauben

1. Menschliches Leben wird nicht gelebt, sondern erwogen.

2. Existenz soll wahr sein.

3. In Wahrheit existiert der Mensch einfach seine Zeit.

C. Das mögliche Selbstverständnis (Christi meritum)

1. Dabei kann es freilich nur bleiben, wenn der Mensch durch den Glauben, daß Gott ist, an dem Werden teilnimmt, in welchem Gott als er selbst in unsrer Existenz hervortritt.

2. Das ist das Wirken des Heiligen Geistes in der Gemeinde.

3. Nicht der Geist, sondern er selbst, Gottes Person im Wort, sollte in uns auferstehen, um mit uns, den in ihm schon Toten, geistlich, d. h. göttlich zu leben.

Summa: Die Quintessenz der Liebe ist das „Wort“ (Joh 1,1).

Quelle: Theologische Literaturzeitung (ThLZ) 97 (1972), Heft 1, Sp. 1-16.

Hier der Text als pdf.

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