Upton Sinclair, Der Dschungel (1906), über die Zustände in Schlachthöfen: „Sollte es wirklich nirgendwo auf der Erde oder über der Erde einen Himmel für Schweine geben, wo sie für all ihre Leiden entschädigt werden?“

Über die Zustände der Chigagoer Schlachthöfe zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Upton Sinclair 1905/06 seinen Roman Der Dschungel (The Jungle) geschrieben. Aus aktuellem Anlass eine Passage daraus:

Man konnte da nicht lange zusehen, ohne ins Philosophieren zu kommen, ohne auf Gleichnisse zu verfallen, Sinnbilder zu sehen und das Schweinequieken des ganzen Alls zu hören. Sollte es wirklich nirgendwo auf der Erde oder über der Erde einen Himmel für Schweine geben, wo sie für all ihre Leiden entschädigt werden? Jedes dieser Schweine stellte doch ein Geschöpf für sich dar; manche waren rosa, andere schwarz oder braun, wieder andere gefleckt; manche waren alt, manche jung, manche waren rank und schlank, manche dick und fett. Und jedes hatte seine Individualität, seinen eigenen Willen, seine Wünsche und Hoffnungen; jedes besaß Selbstgefühl und Würde. Vertrauensvoll und stark im Glauben war es seinen Geschäften nachgegangen, während die ganze Zeit ein schwarzer Schatten über ihm schwebte und ein schreckliches Verhängnis seiner harrte. Und jetzt schlug dieses Schicksal plötzlich zu, kam wie ein Raubvogel herabgestürzt und packte es am Bein. Brutal vollzog es seinen Willen an ihm, gefühllos gegen alles Protestieren und Schreien des Tieres, so als hätte dieses überhaupt keine Empfindungen – es schnitt ihm die Kehle durch und schaute zu, wie es sein Leben aushauchte. Sollte man da nun glauben, daß es nirgendwo einen Gott der Schweine gebe, dem diese Schweinepersönlichkeit teuer ist, dem diese Schreie und Todesqualen etwas bedeuten? Der das Schwein dann in die Arme nimmt und es tröstet, der es für sein wohlgetanes Werk belohnt und ihm den Sinn seines Opfers klarmacht? Ein Schimmer von all dem war wohl auch in den schlichten Gedanken unseres Jurgis, als er sich zum Weitergehen mit den anderen wandte und murmelte: »Dieve – was bin ich froh, kein Schwein zu sein!«Das tote Tier wurde maschinell aus dem Kessel geschöpft und fiel dann ins nächste Stockwerk hinunter, wobei es unterwegs einen wunderbaren Mechanismus mit zahlreichen Schabmessern durchlief, der sich automatisch seiner Größe und Form anpaßte. Hatte es ihn passiert, waren fast alle Borsten entfernt. Dann wurde es, ebenfalls maschinell, wieder aufgehängt und auf eine weitere Drahtseilfahrt geschickt, diesmal zwischen zwei Reihen von Männern hindurch, die auf einer erhöhten Plattform saßen und die jeder einen bestimmten Handgriff ausführten, wenn das Schwein an ihnen vorbeikam. Einer schabte die Außenseite eines Beins ab, ein anderer die Innenseite. Einer führte einen schnellen Schnitt um den Hals herum, ein anderer trennte mit zwei raschen Hieben den Kopf ab, der auf den Boden fiel und durch ein Loch verschwand. Einer schlitzte den Bauch auf, ein zweiter erweiterte die Öffnung, ein dritter zersägte das Brustbein, ein vierter löste die Innereien, ein fünfter zog sie heraus, und auch sie glitten durch ein Loch im Fußboden davon. Da saßen Männer, die die Seiten und den Rücken schabten, und andere, die den Körper innen sauberputzten und auswuschen. Blickte man den Saal hinunter, sah man eine hundert Meter lange Reihe hängender Tierleiber, die sich langsam vorwärtsbewegte, und alle Meter gab es einen Mann, der werkte, als hetze ihn ein Teufel. Hatte das Schwein dieses Ausschlachtband durchlaufen, war jeder Zoll von ihm mehrmals bearbeitet worden, und dann wurde es in die Kühlhalle gekarrt, wo es vierundzwanzig Stunden blieb und in der sich ein Fremder in einem Wald gefrierender Schweine verirren konnte.

Doch ehe es dort hineindurfte, mußte es erst noch durch die Fleischbeschau, vorgenommen von einem bundesamtlich bestallten Herrn, der am Eingang saß und die Halsdrüsen auf Tuberkulose abfühlte. Dieser Mann machte keinen überarbeiteten Eindruck; er stand offenbar nicht unter der Angst, das Schwein könne weiterziehen, ehe er mit seiner Untersuchung fertig war. Zeigte man sich interessiert, ließ er sich bereitwillig in eine Unterhaltung ein und erklärte die tödliche Wirkung der Ptomaine in tuberkulösem Schweinefleisch, und während er so mit einem plauderte, konnte man schwerlich so undankbar sein und bemerken, daß derweilen zehn, zwölf Tierkörper ungeprüft an ihm vorbeirollten. Zum Zeichen seiner Würde trug der Fleischbeschauer ein imposantes silbernes Abzeichen; es verlieh der Szene etwas Amtliches, drückte allem, was bei Durham geschah, sozusagen den Stempel behördlicher Billigung auf.

Quelle: Upton Sinclair, Der Dschungel, aus dem Amerikanischen übersetzt von Otto Wilck, Frankfurt a.M.: März bei Zweitausendeins, 3. A., 1981.

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