Tom Hollands, Why I was wrong about Christianity: „Mit Blick auf meine Ethik und meine Moral habe ich gelernt, dass ich weder grie­chisch noch römisch geprägt bin, sondern durch und durch christlich und dass ich stolz darauf bin.

Tom Hollands „Dominion: The Making of the Western Mind“ (September 2019), das den nachhaltigen ethischen Einfluss des Christentums auf die europäische Gesellschaft erzählerisch nachzuzeichnen sucht, steht zur deutschsprachigen Veröffentlichung an. Bereits im September 2016 hatte Holland, bekennender Agnostiker, in seinem Artikel „Why I was wrong about Christianity“ in der linksliberalen britischen Wochenzeitung „New Statesman“ darüber Folgendes geschrieben:

Warum ich in Sachen Christentum falsch lag

Von Tom Holland

Ich habe viel Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass meine Einstellungen und Sitten nicht griechisch oder römisch, sondern im Grund und mit Stolz christlich sind.

Als ich ein Junge war, wurde meine christliche Erziehung zum Spielball meiner Begeisterun­gen. In erster Linie waren da die Dinosaurier. Ich erinnere mich noch lebhaft an meinen Schock, als ich während des Religionsunterrichts die Bibel für Kinder aufschlug und eine Illustration von Adam und Eva mit einem Brachiosaurus sah. Ich war damals erst sechs Jahre alt, aber einer Sache war ich mir sicher: Kein Mensch hatte je einen Sauropoden gesehen. Der Umstand, dass dieser Irrtum den Lehrer nicht kümmerte, verstärkte nur noch meine Empörung und Erschütterung. Zum ersten Mal hatte ein schwacher Zweifel meinen christlichen Glauben überschattet.

Im Laufe der Zeit nahm diese Verdunkelung zu. Mein Interesse für die Dinosaurier wurde zum Interesse für die antiken Reiche. Als ich die Bibel las, wurde meine Aufmerksamkeit nicht von den Söhnen Israels oder von Jesus und seinen Jüngern angezogen, sondern von ihren Gegnern: die Ägypter, die Assyrer, die Römer. Parallel dazu, obwohl ich auch weiterhin vage an Gott glaubte, schwand meine Begeisterung für ihn, den ich für weit weniger charis­matisch als die Götter des Olymps hielt, die ich nun bevorzugte: Apollo, Athene, Dionysos. Anstatt Gesetze zu erlassen, zogen sie es vor, sich zu amüsieren. Und obwohl sie unnütz, ego­istisch und grausam waren, verlieh ihnen genau das jenen Charme von Rockstars.

Mit der Zeit las ich Edward Gibbon und andere große Schriftsteller der Aufklärung und war nur zu bereit, ihre Geschichtsdeutung zu übernehmen: der Triumph des Christentums habe zu einer „Epoche des Aberglaubens und der Leichtgläubigkeit“ geführt. Die Moderne hingegen gründe sich auf der Wiederherstellung der lange vergessenen klassischen Ideale. Mein kind­licher Instinkt, der mich den biblischen Gott als direkten Feind der Freiheit und des Amüse­ments sehen ließ, fand dadurch endlich seine vernünftige Begründung. Die Niederlage des Heidentums hatte zur Herrschaft des „Nobodaddy“[1] und aller Kreuzzügler, Inquisitoren und heuchlerischen Puritanern geführt. Farbe und Erregtheit waren aus der Welt verbannt worden. „Du hast erobert, oh bleicher Galileo“, schrieb Swinburne und griff damit die apokryphe Kla­ge von Julian dem Apostaten, dem letzten heidnische Kaiser Roms auf. „Die Welt ist durch deinen Atem grau geworden.“ Instinktiv machte ich mir das alles zu eigen.

Es ist daher keine Überraschung, dass ich die klassische Antike in meinem Denken als jene Epoche hütete, die mich antrieb und inspirierte. Die Jahre, die ich damit verbrachte, Ge­schichtsbücher über die klassische Welt zu schreiben, bestätigten mir die Faszination, die ich für Sparta und für Rom empfand. Ich pflegte weiterhin meine Phantasien, wie ich es früher schon mit meinen Dinosauriern getan hatte. Diese gigantischen Fleischfresser, so wunderbar sie scheinen, sind in Wirklichkeit von schreckenerregender Natur. Je mehr ich mich in das Studium der klassischen Antike vertiefte, desto fremder und besorgniserregender wurde sie mir. Die Werte des Leonidas, die die Menschen dazu brachte, eine besonders kriminelle Form der Eugenik zu praktizieren und ihre Kinder zu erziehen, bei Nacht zu töten, waren nicht mei­ne Werte. Ebenso wenig waren es die Werte Cäsars, der dafür bekannt ist, eine Million Gallier getötet und noch viel mehr Menschen unterjocht zu haben. Es war für mich schockierend, ein so extremes Ausmaß mangelnder Sensibilität festzustellen. Ebenso, dass es in der klassischen Zivilisation völlig fehlte, der Armut und der Schwachheit einen intrinsischen Wert zuzuspre­chen. So erschien mir die zentrale Überzeugung der Aufklärung, dass wir dem christlichen Glauben nichts verdanken, immer haltloser.

„Jeder vernünftige Mensch, jeder anständige Mensch muss die christliche Sekte verabscheu­en“, schrieb Voltaire. Um nicht anerkennen zu müssen, dass seine ethischen Grundsätze vom Christentum stammten, zog er es vor, sie von einer Reihe anderer Quellen abzuleiten, nicht nur von der klassischen Literatur, sondern auch von der chinesischen Philosophie und der Macht der Vernunft. Voltaire war jedoch in seiner Aufmerksamkeit für die Schwachen und die Unterdrückten weit stärker von der biblischen Ethik geprägt, als er zugeben wollte.

„Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für die Juden ein Ärgernis, für die Heiden eine Torheit“, sagte der Heilige Paulus. Recht hatte er. Nichts hätte in einem größeren Gegen­satz zu den tiefsten Überzeugungen seiner Zeitgenossen – Juden, Griechen oder Römer – stehen können als die Vorstellung, dass ein Gott aus freiem Willen breit war, Folter und den Tod am Kreuz zu erleiden. Eine solche Vorstellung war so schockierend, dass sie geradezu abstoßend schien. Die Vertrautheit mit der biblischen Kreuzigung hat unsere Fähigkeit ver­dunkelt, darüber nachzudenken, welche Sprengkraft und Einzigartigkeit in der Gottheit Christi liegt. In der antiken Welt beanspruchten die Götter, das Universum zu regieren, die Ordnung aufrechtzuerhalten und Strafen zuzufügen, nicht aber Strafen zu erleiden.

Heute, da der Glaube an Gott im gesamten Westen schwindet, bewahren die Länder, die einst christlich waren den Stempel, der ihnen durch die zweitausend Jahre der Revolution, die das Christentum bedeutet, eingeprägt wurde. Das ist der Hauptgrund, weshalb im Prinzip der Großteil von uns Angehörigen der nachchristlichen Gesellschaft es noch immer für selbst­verständlich erachtet, dass es edler ist zu leiden als Leiden zuzufügen. Dank dem Christen­tum gilt noch immer weitgehend, dass jedes Menschenleben den gleichen Wert und die glei­che Würde hat. Mit Blick auf meine Ethik und meine Moral habe ich gelernt, dass ich weder grie­chisch noch römisch geprägt bin, sondern durch und durch christlich und dass ich stolz darauf bin.

Übersetzung durch Giuseppe Nardi für https://katholisches.info


[1] Eine Begriffsschöpfung von William Blake, die ein Gottesbild meint, das in Gott keine Vaterfigur sieht (nobody’s daddy), sondern einen Gott, der ständig um seine Allmacht fürchtet, und daher wahrscheinlich sogar die Wurzel allen Übels ist. (Anmerkung des Übersetzers)

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s