Eduard Thurneysen, Die Aufgabe der Predigt von 1921: „Wir sollten Sonn­tag für Sonntag alles Volk und uns selber damit herausführen in die Wüste, heraus aus allen jenen Lagern, Burgen und Schlupfwinkeln, in denen wir eine letzte Zuflucht und Sicherheit suchen.“

Die Aufgabe der Predigt

Von Eduard Thurneysen

Wer nur ein wenig tiefer nachdenkt über die Aufgabe der Predigt, der wird alsbald auf das vollständig und grundsätzlich inkommen­surable Verhältnis stoßen, in dem der Inhalt, über den zu reden wäre, zu der jeweiligen Verkündigung selber steht. Es ist eine tiefe Kluft befe­stigt zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gemeint wäre, um es kurz auszudrücken: zwischen dem Wort des Predigers und dem Wort Gottes, das in seinem Worte zu Worte kom­men sollte. Das Wort im Worte: das ist das zentrale Geheimnis und die daraus entspringende zentrale Problematik jeder Predigt. Diese Kluft aber ist so tief, daß keine Brücke hinüberführt, denn sie ist genau so tief, so unergründlich, wie die Kluft zwischen Himmel und Erde, zwi­schen Diesseits und Jen­seits, zwischen Gott und Mensch nun einmal ist. Der deus abscon­ditus, die ganze tiefe Verborgenheit und Unzugänglichkeit Gottes für den Menschen auf der einen Seite – Gott wäre nicht Gott, wenn – es Brücken, direkte Wege und Zugänge ebenen Fußes vom Boden des Menschen zu ihm hinüber gäbe – und auf der andern Seite der Mensch und sein Deuten, Benennen und Künden dessen, was kein Auge (kein Auge!) gesehen und kein Ohr (kein Ohr!) gehört und was in keines Menschen (in keines Menscben!) Herz gekom­men ist, unser Begreifen dessen, das nur als unbegreiflich begriffen werden kann, unser Reden von dem, über den zu reden nicht möglich ist, weil nur in seinem eigenen Worte von ihm geredet werden könnte, die unerhörte Frohbotschaft vom Begegnen Gottes mit dem Men­schen, des Gottes, der in einem Lichte wohnt, da niemand zukann, mit dem Menschen, der sterben, nichts weniger als sterben muß, wenn er Gott begegnet. Wer will hier einen Brücken­schlag wagen, wer will hier Rat erteilen, wie es gemacht wer­den könnte, wer will hier von „Aufgabe“ reden, als ob die Aufgabe, um die es sich hier einzig handeln kann, im Bereich menschlicher Mög­lichkeiten läge! Es wird zwar versucht, es wird geraten, es wird gewagt – aber „der im Himmel wohnet, lacht ihrer, und der Herr spottet ihrer“! Und es ist uns, wenn wir nur ein wenig aufrichtig vor unsrer Predigtaufgabe stehen, als hätten wir alle schon etwas von diesem La­chen gehört, das im Himmel über sämtlichen Ratschlägen, Rezepten und [96] Mittelchen der praktischen Theologie ertönt. Wirklich, nur um belang­lose Mittelchen kann es sich hier handeln, denn es liegt kein Grund vor, zu denken, die Kluft zwischen Göttlichem und Menschlichem sei an dieser Stelle überschreitbarer, weil gerade an dieser Stelle besonders viel Illusionen über deren Möglichkeit genährt werden. Im Gegenteil, man muß sagen: alle Ratschläge und Versuche, zu zeigen, wie’s gemacht wird, gerade wenn sie klug, ernst und treugemeint sind und aus reicher Erfahrung stammen, steigern nur die Schwierigkeit des Unternehmens, müssen gerade das Gegenteil bewirken von dem, was sie möchten. Sie bewir­ken, daß die menschliche Anstregung aufs höchste steigt; der Pfarrer gibt sein Bestes her, er geht überdies ausgerüstet mit dem treff­lichsten Handwerkzeug, das vor ihm von den bewähr­testen Meistern dieser Kunst des Unmöglichen angewendet wurde, hinter seine Predigt­aufga­be: aber je höher die menschliche Leistung und Technik, je ange­spannter die menschliche Bemühung, desto steiler und tiefer nur die Kluft, die notwendigerweise gerade da am tiefsten und unzugänglich­sten wird, wo das Menschliche seine letzte, seine höchste und edelste Höhe erreicht, Calvins: unde discimus, deum in sua inscrutabili altitudine non esse investigandum! ist gerade an dieser Stelle, gerade über Kanzeln und Kathedern allen Naiven, Unvorsichtigen und Übermüti­gen zur Warnung und, wo sie nicht gehört wird, zum Gerichte ange­bracht. Man könnte auch sagen: je eifriger und geschäftiger geschaufelt wird, um den Kanal auszuheben, durch den die Wasser des göttlichen Wortes rinnen sollten, desto gähnender schaut uns nur die Leere dieses Kanals entgegen; denn kein Schaufeln und Graben und Formen auf unserer Seite zwingt die Offenbarung von der andern Seite herbei. Wo aber Offenbarung, d. h. wieder hervorbrechendes göttliches Wort ist, da gräbt sie sich ihr Bett selber und spottet unserer Kanäle.

So stehen die Dinge, und von da aus erhebt sich die strenge, die kritische Frage: Wer wagt es, überhaupt weiter zu unternehmen, was doch ein Unternehmen des Menschen in keinem Sinne mehr heißen kann? Wer wagt es, Gottes Wort verkündigen zu wollen?! Diese Frage hat freilich nichts zu tun mit der in der Theologie (ich denke etwa an Otto Baumgartens Schriften) aufgeworfenen Frage nach den morali­schen, religiösen, persönlichen, den gesellschaftlichen und den Begabungs-Voraussetzungen auf der menschlichen Seite, von denen es ab­hängen soll, ob einer sich dazu entschließen darf, Prediger des Evan­geliums zu werden. Die Frage, wie wir sie hier meinen, ist von Gott aus gestellt und nicht vom Menschen aus. Und darum geht sie ohne [97] Ausnahme uns alle an, die wir diesseits der Kluft stehen, und nicht im Sin­ne einer Auslese nach Bedingungen, sondern im Sinne einer großen, kritischen Voraus­set­zung, die alle und alles gleicherweise in Frage stellt. „Da hörte ich die Stimme des Herrn, der da sprach: Wen soll ich sen­den, und wer soll uns gehen?“ (Jes. 6,8). In dieser Gottesfrage tut sich die ganze Tiefe jener Kluft auf, von der die Rede war. Sie kann von uns aus nur nega­tiv beantwortet werden mit der Einsicht in die gänz­liche menschliche Unmöglichkeit des Unter­nehmens, das wir Pfarrer – jeden Sonntag unternehmen. Positiv beantworten kann sie kein Mensch, nur Gott selber, der sie gestellt hat. Und Gott hat sie positiv beant­wortet: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker“ (Matth. 28,19). Und weil er sie beantwortet hat, ist es kei­ne Frage menschlicher Vor­aussetzungen mehr, ob es gewagt werden soll, was doch von uns aus nicht gewagt werden dürfte. Es darf gewagt werden, es muß gewagt werden – aber nur von Gott selber aus. Es muß Boten geben, die zeugen; Gott stellt die Frage nicht nur zum Hohn; er stellt sie, weil er in der Frage die Antwort geben, die Brücke von sich zum Men­schen schlagen will. Aber nur der versteht diese Antwort, der sie in der Frage versteht. Nur der darf es wagen, diese Brücke zu betreten, der weiß, daß es nicht gewagt werden darf. Nur in der tiefsten Einsicht kann gepredigt werden, daß eigentlich nicht gepredigt werden kann. Nur der wird das Wort Gottes auf die Lippen bekommen, der weiß, daß Gottes Wort auf kei­nes Menschen Lippen liegen kann. Nur der darf Gottes Zeuge sein, der, indem er es wird, in den Abgrund hinaustritt, über alles Menschliche hinausgreift, nur der, der sterben will, indem er vom Leben redet. „Wir verkündigen nicht uns selbst … wir verkündigen Christus, den Ge­kreuzigten“ (1.Kor. 1,23; 2.Kor. 4,5). Den Tod des Menschen und alles Menschlichen zu ver­kündigen, ist die Aufgabe der Predigt. Wo diese Predigt wirklich erschallt, da antwortet Gott mit dem Worte, das Auferstehung heißt und ist, und dieses Auferstehungs­wort ist dann das Wort im Worte.

Wer an einem hohen Festtage, etwa am Karfreitag, sich unter das große Volk begibt, das in Basel, Zürich oder Bern oder anderswo unter der Kanzel des jeweils gerade beliebtesten von uns Pfarrern sich zu­sammendrängt, oder noch besser: wer gerade nach Schluß eines solchen Gottesdienstes (um dies Wort hier unbesehen zu gebrauchen) sich unter die Menge mischt, die eben (wahrlich nicht unter Protest!) das Lokal der Kirche verläßt, der wird die psychologische Situation, die hier geschaffen wurde, gerade sofern es eine ernste, eine gute, eine beredte [98] Predigt ist, der man entgegensieht oder von der man kommt, am besten als die einer erhöhten Stimmung bezeichnen: die geistig-seelische, oft auch die nervöse Spannung ist heraufgesetzt, es werden wahre, schöne Gedanken ausgesprochen und bewegt und tiefe, edle Gefühle ange­tönt und zum Schwingen gebracht. Angeregt plaudernd, vielleicht auch ernst versunken, strebt die Menge auseinander. Es haben alle auf den verschiedenen toten Geleisen, auf denen sie standen, einen Stoß erhalten, und nun sind sie wieder ein wenig ins Rollen geraten, bis sie – ach, wie bald! – aufs neue zum Stehen kommen und eines neuen sonntäglichen Stoßes be­dürfen. Das alles ist ein ganz untrügliches Zei­chen dafür, daß hier der Brückenschlag, auf den es in der Predigt ankäme, versucht worden, aber ebensosehr auch, daß er mißlungen ist, ein untrügliches Zeichen dafür, daß wieder einmal wie fast überall, wo „gute“ Predigten vor vol­len Kirchen gehalten werden, das Gegenteil von dem sich ereignet hat, was sich ereignen müßte. Statt daß der Mensch stillgelegt würde, endlich das gebieterische Halt! vernähme, das die Grenze anzeigt, die Gott von allem Menschentum scheidet, statt daß der Mensch also an den Rand jener Kluft hinausträte, an die ge­führt wird, wer dem Gott begegnen will, der mehr ist als Menschen­einbildung, statt daß er die Zone des Todes zu Gesicht bekäme, die zwischen Mensch und Gott liegt, zwischen unserm sogenannten „Leben“ (auch wenn es kirchliches, moralisches, religiöses, auch wenn es inwen­diges oder Gebetsleben ist) und dem wahren, dem ewigen Leben, dem Leben der Auferstehung, das Leben des Menschen in keinem Sinne mehr heißen kann: Statt dessen wird gerade das Leben des Menschen, natürlich in seinen edelsten und reinsten, aber gerade darum auch zähe­sten Trieben den Hörern vor Augen gestellt und womöglich aufs neue in ihnen angeregt. Und das Mittel dieser Galvanisierung der toten Glie­der der Kirche ist – nun eben die Predigt, ausgerechnet die Predigt, deren Aufgabe es wäre, das radikale Zu-Ende-sein, den Tod alles Menschlichen rücksichtslos aufzudecken, damit der Sinn für das, was jenseits alles Menschlichen möglich ist und wird, der Sinn für Gott und sein unbegreifliches Erbarmen mit der verlorenen Menschheit unter den Schuttbergen unserer gottlosen Frömmigkeit endlich, endlich wieder erwache. Gott sollte angerufen werden, eine „Stätte der Anbetung“ sollte die Kirche sein, „ihr aber macht einen Schlupfwinkel, wie ihn Räuber haben, daraus“ (Matth. 21,13). Das heißt: wenn der Mensch durch die Not und die Rätsel des Daseins umgetrieben, gejagt und gehetzt, nahe daran wäre, sich auf Gott zu besin­nen, so findet er in der [99] Kirche sicher jenes verhängnisvolle Wort, das ihn wieder nur – zu sich selber ruft. Denn täuschen wir uns doch nicht länger darüber, der Mensch wird angeru­fen und aufgerufen in unsern Predigten, der Mensch ist gemeint, der Mensch wird, wie wir selber uns auszudrücken belieben, „aufgerichtet“, bestärkt und bestätigt, man könnte auch sagen „gerecht­fertigt“, natürlich nicht der Mensch, wie er ist, sondern der qualifizierte Mensch, der religiöse, der kirchliche, der ernste, der moralische, der betende Mensch im Menschen. Und also aufgerufen, also bestärkt, also „gerechtfertigt“ vor dem unqualifizierten, dem niedrigen, dem unge­rechten und unmoralischen, dem gottlosen und sündigen Menschen, dem Menschen, wie er zunächst und gewöhnlich ist, verläßt man die Kirche und „geht hinab in sein Haus“. Man hat seinen Schlupfwinkel wiedergefunden. Und das nennt man dann „Heiligung der Ge­fühle“, „Gottesdienst“, „Sündenvergebung“! Der Mensch wie er ist aber, der Gottlose, der Sünder, der Mensch, der keinen Schlupfwinkel mehr findet, der nackt da­steht, den Tod vor sich sieht, nur noch auf Gnad’ und Ungnade Gott in die Hände fallen kann, er mag sich trö­sten, er ist in guter Gesellschaft. Gegen unsere Predigten nimmt sich seiner die Bibel an: der Zöllner im Tempel tritt neben ihn, der Schächer am Kreuz ist in seiner Nähe, der verlore­ne Sohn wird wider alles Erwarten und trotz hundertfacher Mißhandlung durch die lehrenden Theologen immer noch gerade und nur als verlorener Sohn vom Vater in die Arme geschlos­sen, und für den, der für unbequeme und beunruhigende Tat­sachen noch Augen hat, steigt Hiob aus seiner Grube und zürnt wider seine Freunde, die ihm mit wahrlich überzeu­genden und beredten Pfar­rerargumenten beweisen wollen, daß Gott sich seine Unnahbarkeit durch religiöses oder sittliches Wohlverhalten abkaufen lasse. Breiter als je gähnt die Kluft, fester als je steht es, daß der Mensch sterben muß, wenn er Gott begegnen will, auch der qualifi­zierte, der ernste, der bekehrte, der kirchliche Mensch, ja gerade er. Unbegreiflicher aber auch und gerade in ihrer Unableitbarkeit siegreicher als je leuchtet die frohe Botschaft von dem, der gekommen ist, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten. Wer Ohren hat zu hö­ren, der höre! Und wer gehört hat, der rede. Aber er möge sich hüten, sein Wort vom Tode, in den alles Menschliche gegeben werden muß, allzulaut in jene vollen Kirchen oder unter jene sie eben verlassenden Angeregten und ernst Versunkenen in Basel, Zürich, Bern oder anders­wo zu rufen; es könnte ihm schlecht ergehen. Es sah auf dem Tem­pelsplatz in Jerusalem nicht so viel anders aus in jenen Tagen, in denen bald darauf zur Kreu­zigung [100] geschrieen und geschritten wurde. Eben das will der Mensch, wollen wir alle nicht hören und nicht ausrich­ten, daß wir sterben müssen, um zu leben. Darum eben ist unsere Predigt so menschlich und so wenig göttlich. Es geht keine wirkliche Hilfe von ihr aus. Alle Versuche aber, sie wieder mit Geist und Leben zu füllen, müssen scheitern, solange dieses zentrale „darum“ unauf­ge­deckt bleibt, nicht zugegeben wird. Das einfachste, stammelnde Wort jedoch, das wieder in dieses Zentrum griffe, von da aus geredet wäre, hätte Geist und Feuer, ohne zu suchen. Denn in diesem Wort könnte Gottes Wort wieder zu Worte kommen.

„Christus wohnt nur unter Sündern.“ „Gottes Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollen­dung.“ Das lebendige Wort von jenseits der Kluft kann im Wort des Menschen nur da hervor­brechen, wo nach Gott als nach jener letzten „unmöglichen Möglichkeit“ gegriffen wird, die nur am Rande und jenseits alles Menschenmöglichen auftaucht. Unsere Predigten sind auf Erfolg und Wirkung ins Breite hin angelegt, das spiegeln gerade die gangbarsten Predigtbü­cher am deutlichsten. Aber: „wer sein Leben retten will, der wird es verlieren“, und nur: „wer sein Leben hergibt um der Heilsbotschaft willen, der wird es retten“. Todes­weisheit (Over­beck) ist auch hier und gerade hier wirkliche Lebens­weisheit. Eine Pastoraltheologie, die auf dieser Einsicht aufgebaut wäre, würde freilich anders, sehr anders ausfallen als die, die jetzt unter uns Kurs hat. Sie würde am zentralen Punkt der Wortverkün­digung zu radikalem Um­denken rufen müssen, und ihre besten Rat­schläge für den Prediger würden in großen Nega­tionen dessen bestehen, was heute wie einst als Regel des Erfolges einer sogenannten „geseg­neten Predigttätigkeit“ aufgefaßt wird. „Gewaltig und nicht wie die Theologen“ hat Jesus geredet, weil er wirklich von Gott redete. Die Gewalt des Wortes liegt nie und nimmer im Wort des Predigers selber, sondern einzig und allein in dem, was das Wort sagt, im Sinn, in der Bedeutung, in der vis, der dýnamis des Wortes. Auch das Wort, das Menschenwort, muß ans Kreuz geschlagen, muß in den Tod gegeben werden, wenn das Wort aller Worte, Gottes Wort, wieder zu uns reden soll. „Auch das Wort tut’s nicht“, sagt Luther in diesem Sinne einmal einem überredungsmächtigen Redner gegenüber. Denn auch das Wort ist vergänglich, ist sterblich, muß seiner unheimlichen psychischen Eigen­gewalt entkleidet, muß begraben werden, sonst steht es Gottes Wort im Wege. „Nur wo Gräber sind, gibt es Auferstehungen“ (Nietzsche). Die [101] Kanzel sei das Grab aller Menschenworte, denn auf ihr geht es um Auferstehung, um Gott.

Darum erste Regel: keine Beredsamkeit! Man spüre es, daß der Pre­diger nicht in eigener Sache redet. Darum rede er auch nicht wie ein Advokat, der eine gefährdete Position zu retten, oder wie ein Kauf­herr, der für seine Ware Reklame zu machen sucht. Unsere allzu lauten, allzu beredten Gottes- und Christusanpreisungen, unser aufdringliches Haschen nach immer neuen Gelegenheiten und immer größeren Loka­len, sie an den Mann zu bringen, sind Kapu­zinerweisheit und glatter Verrat an der Sache. Unsere christlichen Familienfeste, Gartenver­gnügen, Gemeindehausanlässe, Theaterabende, Jugendvereine und wie diese sogenannten Gelegenheiten zu „Volksevangelisation“ und „außer­kirchlicher Wortverkündigung“ alle heißen mögen, stehen unheimlich nahe jener Stelle, an der die Tische der Taubenkrämer und Wechsler im Tempelhof zu Jerusalem aufgeschlagen waren. Diese dienten wahr­haftig auch nichts anderem als kultisch-kirchlichen Opferzwecken, aber wir wissen, wie Jesus über sie dachte und zu was für äußersten Maß­nahmen er ihnen gegenüber griff. Der Prediger ist, wenn er ist, was er sein soll, nicht Agitator und nicht Krämer. Er ist Zeuge vor Gericht, der eine Aussage macht (was sollen da alle rednerischen Künste!), er redet nicht aus eigenem Antriebe, sondern im Auftrag; wo aber Auftrag ist, da ist eigener Antrieb Nebensache und wirkt nur verdunkelnd, wenn er sich hervordrängt. Die größten Prediger Gottes sind gegen ihren eige­nen Antrieb redende Prediger gewesen. Darüber wäre in Jeremia einiges zu lesen. Der Predi­ger steht am Rand jener Todeszone, von der die Rede war, er sieht alles Heil in jener einzigen letzten Mög­lichkeit, die keine menschliche Möglichkeit mehr ist, Gott rede wieder. Draußen am Rande dieser jenseitigen Möglichkeit aber ist Verhalten­heit und schlichteste Sachlichkeit, ist „Furcht und Zittern“ einziges Zei­chen der Glaubwürdigkeit und Echtheit. Da wird man nicht mehr mit Schleiermacher „sich selber zuhören und ein schönes und tiefes Gefühl dabei haben“ wollen und können; romantische Selbstbespiegelung ist sicheres Anzeichen dafür, daß man nicht dort außen am Rande der Kluft, nicht in der Furcht Gottes steht! Da wird man gera­de die Augen­blicke in der Predigt, wo die eigenen Worte einen mit sich fortreißen wollen, als die gefährlichsten und schwächsten Momente betrachten, weil die Verwechslung des Göttli­chen mit dem Menschlichen dort so besonders nahe liegt. Wo Gott verkündigt wird, da erster­ben die arm­seligen Versuche menschlicher Redekunst, da steht das Wort nicht zu [102] Gebote, weil man, indem man redet, hinhört, seufzt, sucht und aus­schaut nach jenem ganz andern Wort, das nie und nirgends zu Gebote der Menschen steht, weil es Gottes Wort allein ist. Wo dieses verbor­gene Seufzen und Suchen nach Gottes Wort nicht durch eine Predigt hindurchgeht, spürbar gerade an jener Verhaltenheit der Rede, wo im Reden des Predigers nicht jenes Gedränge am Tor entsteht, welches an­kündigt, daß etwas Größeres als mensch­liches Wort ans Licht drängen möchte, da ist die Predigt nichts wert gewesen.

Und neben der Warnung vor Beredsamkeit stehe die andere vor dem Eingehen auf das so­genannte Bedürfnis des Hörers. Die Predigt ist nicht der Ort, wo um das Verständnis des Menschen, sondern wo um das Verständnis Gottes gerungen wird. Es handelt sich in der Kirche gerade nicht darum, daß ein Mensch auf andere Menschen eingehe, sondern darum, daß alle Menschen allem Menschlichen den Rücken kehren und auf Gott eingehen. Also keine Bemühungen um die Psycho­logie des Predigthörers und um sogenannte Menschenkenntnis mehr! Keine Mitteilung von Lebenserfahrung, auch nicht von frommer Le­benserfahrung (weder fremder noch zu allererst eigener!) auf der Kanzel zu Zwecken der Anregung neuer Lebenserfahrung bei andern! Sondern: Gotteserkenntnis, Gottesverkündigung! Jesus hat den Ge­heilten verboten, von ihren wahrhaftig nicht kleinen „Erfahrungen“ überhaupt zu jeman­dem zu reden (Mark. 1,44). Er wußte warum. Er wollte keine „Pietisten“ züchten. Wo Erleb­nisse des Menschen (und wären es an Jesus gemachte Erlebnisse) in den Mittelpunkt gestellt werden, wo man auf den Menschen und seine Lebenserfahrungen ein­geht – und zwar gerade wenn es in feinsinniger und verstehender Weise geschieht –, wo die Predigt Welt- und Zeit­bilder entrollt, da wird alsbald unvermeidbar das Menschliche selber zum Thema, das fromme Menschliche, versteht sich, aber deswegen nicht weniger das Menschliche, da dient das Gött­liche nur noch zur Beleuchtung der Welt, da ist Gott schließlich doch wieder nur für den Men­schen da (statt umgekehrt!) und wird damit – zum Götzen. Nicht genug ist zu warnen vor der psychologischen Kunst berühmter Kanzelredner, die auf ihr Menschenverständnis so stolz zu sein pflegen. Wenn Psychologie ge­trieben werden soll, dann jedenfalls keine andere als die Psychologie Kierkegaards oder Dostojewskis oder des Predigers und der Sprüche Salomo, d. h. eine sich selber aufhebende, weil fortwährend über alles Menschliche hinausweisende, alles Menschliche zersetzende und auf­lösende Psychologie. Warum gibt es uns nicht mehr zu denken, wie [103] vollständig gleichgültig die Bibel in allen ihren Teilen an allem persönlich-psychologisch-biographisch Interessanten vorbeigeht, es nie zu einem an sich wichtigen The­ma werden läßt? „Die Mittel zu einem Charakterbilde auch nur eines der Jünger gibt uns Markus nicht“, stellt ein neuerer Erforscher der Evangelien (Paul Wendland) klagend fest. Und das Bild Jesu selber trotzt bis auf den heutigen Tag in der abso­luten Rätselhaftigkeit seines Messiasgeheimnisses allen psychologischen Künsten der Ausleger und Prediger. Das ist nicht Zufall, ist nicht schriftstellerische Unbeholfenheit, das liegt im Wesen der Sache. Es handelt sich eben in der ganzen Bibel und am allermeisten im Neuen Testament im Gegensatz zu unsern Predigten um etwas anderes als um fromme Lebenserfahrung und religiöse Charak­terbildung. „Illum opportet crescere, me autem diminui!“ Es handelt sich nicht um die Varia­tion des Themas Gott und die Seele, das unter uns das Thema geworden ist, sondern um Gott selber, um Gott allein. Erst wo das wieder verstanden wird, wird der Gottesdienst wirklich zum Gottes­dienst. Wo aber nicht mehr der Mensch, auch nicht als religiöse Persön­lichkeit, in der Mitte steht, wo Gott, wirklich Gott, gedient wird, da und gerade da wird auch der Mensch nicht zu kurz kommen. Der Mensch wartet ja im tiefsten auf nichts anderes als darauf, daß ihm Gott wieder als Gott verkündigt werde. Denn er wartet auf seine Er­lösung von sich sel­ber. Er will im Grunde – die zunehmende Kirchen­flucht beweist es – gar nicht „verstand­en“, bestärkt, beseelsorgt wer­den. Er gibt nichts um fromme Erfahrungen, nichts um „Heili­gung der Gefühle“. Er will etwas Reales, Kräftiges, eine ganze Hilfe, er will, was nur noch Gott, Gott selber geben und tun kann. Er will in den Abgrund hinaustreten, damit er den neu­en Boden jenseits seiner ihm selber so fragwürdigen, so unterhöhlten und erschütterten Menschlich­keit (man lese darüber Dostojewski!) unter die Füße bekomme. Er will sterben, um Gott zu begegnen und in Gott endlich Leben zu finden. Wer ihn darin versteht, hat ihn verstanden. Und ihn darin verstehen, ihn unbarmherzig und auf der ganzen Linie nicht ver­stehen, sondern über sich selber hinausführen, vor den Tod alles Menschlichen stellen, das heißt – wahre Barmherzigkeit üben. Warum erweisen wir diese Barmherzigkeit so selten?

Der Tod alles Menschlichen ist das Thema der Predigt. Darum treibe man in der Predigt nicht Aufbau, sondern Abbau. Abbau alles dessen, woran der Mensch sich klammert, worauf er sich stützt als auf Siche­rungen und Geländer, die ihn doch nur daran hindern sollen, mit Gott [104] zu rechnen, es mit Gott zu wagen, sich auf Gott allein zu stützen. Die Kirche arbeitet gegen Gott, wenn sie sich zum Schützer des Bestehenden aufwirft. Nirgends sollte der Angriff auf die Welt, das in Frage stellen und Aushöhlen alles Menschlichen, des Persönlichen und des Gesell­schaftlichen radikaler, umfassender und überlegener geschehen als dort, wo man von nichts anderem zeugen will als von der kommenden, der hereinbrechenden, der ganz und gar andern, neuen Welt Gottes. Nir­gends sollte das Diesseits mit all seinen heiligsten Gütern, heißen sie selbst Staat und Kirche, in seiner ganzen Vorläufigkeit und Fraglichkeit so illu­sionslos durchschaut und, wo es bereits zum Brechen und Stürzen kommt, so ruhig und unbe­schwert preisgegeben werden, als dort, wo man das ganze Diesseits, die ganze Zeit des Men­schen rings umschlun­gen und aufgehoben sieht vom Jenseits der Welt und des Menschen, von der Ewigkeit, als dort, wo man weiß oder wissen könnte, daß die ganze tiefe Infragestellung der Welt gerade davon herrührt, daß Gott lebt und daß sein Reich kommt. Warum bestärken und bestätigen und verklären wir auf den Kanzeln immer wieder alles Gegebene und Gegen­wärtige, als ob wir nichts wüßten von dem großen Nicht-Ge­gebenen, alles Gegebene Aufhe­benden, Kommenden? Warum sehen wir selber dieser großen Aufhebung, diesem Ende alles Menschlichen so furchtsam entgegen, als ob wir nicht wüßten, daß das Göttliche da­hinter ist und wir seine ersten Vorreiter sein sollten? Wieder wage ich zu sagen: Die Menschen warten im Brechen und Stürzen unserer Tage auf nichts anderes als auf dieses radikale und überle­ge­ne Wort, das von uns gesucht und gefunden werden sollte. Sie danken uns die Rücksicht auf das Bestehende, die wir ihnen immer noch schuldig zu sein glauben, gar nicht. Sie sind hung­riger und dürstender als wir meinen, nach dem Wiederhervorbrechen jener Botschaft, die das Urchristentum kannte, und die wir nicht mehr kennen: „Es vergehe die Gestalt dieser Welt, es komme dein Reich.“ Wir haben so lange kein Recht, uns über unter uns umlaufende falsche Prophetie und heidnische Eschatologie zu be­klagen, als wir die wahre, die Enderwartung Jesu und seiner Apostel nicht wieder in unserer Verkündigung zu Worte kommen lassen. Dar­um kein zögerndes Festhalten an der Gestalt dieser Welt mehr, kein Aufbau, auch kein sozialisti­scher Aufbau, sondern Abbruch und radi­kale Negation, damit jenseits davon die wahre, die einzige, die gött­liche Position wieder zu leuchten und zu reden beginnt.

Noch ein letztes: Keine Abwechslung in der Predigt! Es muß jeden Sonntag alles und darum jeden Sonntag das Gleiche gesagt werden. Der [105] Sonntag sei in unsern Kirchen wirklich wieder der Tag des Herrn, d. h. er sei der Tag, an dem von nichts anderem als von Kreuz und Auf­erstehung die Rede ist. Es werde in der Predigt wenigstens Gott wieder gegeben, was Gottes ist. Diese Sonntagsheiligung sei unser erstes An­liegen, sie ist wichtiger als alle soge­nannte Sonntagsheiligung außer der Kirche. Wie soll die Welt Gottes Tag ehren, wenn Gott nicht einmal da zu seiner Ehre kommt, wo ausdrücklich von ihm geredet wird. Die Kirche sollte der Ort sein, wo Sonntag für Sonntag das eine Notwen­dige geschieht, „daß jeder Mund zugestopft und die ganze Welt vor Gott schuldig würde“ (Römer 3,19), aber wohlverstanden: jeder Mund, die ganze Welt, auch der fromme, der religiöse Mund, auch die kirchliche, die christliche Welt! Damit, wo alles Menschliche schweigt, Gott wieder das Wort nehmen kann. Wir sollten Sonntag für Sonntag tief hineintreten in die große Negation und Aufhebung alles Diesseitigen, hinaustreten an den Rand jener Kluft, wo man dem Tode ins Angesicht schauen muß und nur noch eines übrig bleibt: aus der Tiefe schreie ich, Herr, zu dir! Wir sollten Sonn­tag für Sonntag alles Volk und uns selber damit herausführen in die Wüste, heraus aus allen jenen Lagern, Burgen und Schlupfwinkeln, in denen wir eine letzte Zuflucht und Sicherheit suchen, und wozu neben Bildung und Wissen, neben Erzie­hung und Tugend auch die Kirche, die Frömmigkeit, die Religion ge­hört, damit die wirklich letzte Zuflucht, die einzige Sicher­heit wieder sichtbar werde, damit Gottes letzte und größte Worte: Vergebung der Sünden, Heiliger Geist, Barmherzigkeit, Erlösung, Auferstehung wie­der glaubwürdig von unseren Lippen kommen, weil Gott selber sie uns wieder darauf legen kann. Wir haben aus dem Gött­lichen eine bloße Begleitmelodie für das Menschliche werden lassen. Und diese das Leben begleitende Melodie ertönt nun Sonntag für Sonntag in vielfacher Ab­wechslung der jeweili­gen Lage des Menschen in Zeit und Welt ent­sprechend von den Kanzeln. Während des Krie­ges hielten wir Kriegs­predigten, und nun, da sogenannter Friede herrscht, suchen wir den Frie­den religiös zu verstehen und zu begleiten. Es entsteht eine christliche Frie­densideologie mit Friedensworten und Friedensweltbünden. Das eine ist nicht besser als das andere. Beides ist ein Zeichen dafür, daß wir kein eigenes Thema mehr haben, daß das Gefühl für Gottes eigene Sache, die mit keiner Menschensache verwechselt werden darf, verloren­gegangen ist. Und weil dieses Gefühl für Gottes Unantastbarkeit uns nicht mehr beherrscht und durchdringt, darum unsere Entgleisung ins Menschliche, Weltliche, Zeitliche. Darum fehlt uns die Glaub­würdig-[106]keit. Unsere Worte werden im Grunde nicht ernst genommen. Sie werden ver­standen als unmaßgebliche fromme Betrachtung und Be­leuchtung des Weltlaufs, aber nicht als Zeugnis einer kommenden Wirk­lichkeit. Sie sind dies auch längst nicht mehr. – Es gibt nur eine Aufgabe der Kirche, und die heißt: ringen um neuen Respekt vor Gott. Diese Aufga­be ist die zentrale Aufgabe der Predigt.

Sind das doch wieder Rezepte und Anweisungen, wie man’s machen soll, um aus der tiefen Not und Verlegenheit der Predigt in der Gegen­wart herauszukommen? Ich denke nicht. Aus dieser Not und Verlegen­heit kommt man nur heraus, wenn man ganz tief in sie hineingeht. Was wir predigen sollten, wird hier zuerst an uns selber wahr: Nur Gott, Gott allein kann hel­fen. Das eben macht die Tiefe dieser Not aus. Aber auch die Höhe der Errettung, die hier möglich werden könnte. Die einzige Voraussetzung einer wieder lebendig werdenden Predigt ist das anhaltende und umfassende innere Bewegen dieser Not. Das Tragen der immer glei­chen und mit jeder neuen Predigt neu sich auf uns legen­den Verlegenheit wird als die eine ernste, große Arbeit und Aufgabe vor uns treten müssen. Durch jede Predigt werden wir übri­gens auf die Bibel gewiesen. Und dort in der Bibel ist ja von nichts anderem die Rede als von dieser Verlegenheit, auf die wir hier gestoßen sind, und von dem Einen, der sie uns bereitet, um uns in ihr zu begegnen. Dort ist dieser merkwürdige Weg vom Tode zum Leben das eine, große Thema, das abgewandelt wird. Dort stirbt der Mensch und Gott kommt zur Ehre. Dort sind Kreuz und Auferstehung der geheimnisvolle Mit­telpunkt, dem alle Straßen entgegenlau­fen. Aus unserer Bedrängnis und aus unserer Versenkung in die Bibel heraus werden wir bald er­kennen, daß auch wir wieder von allen Seiten diesem Mittelpunkt entgegenstreben müssen. Dann wird auch die Predigt werden, was sie nicht mehr ist und doch wieder werden muß: ein Kerygma, ein Zeug­nis, nicht von uns selber, sondern von Gott.

Ursprünglich erschienen in Pastoralblätter für Predigt, Seelsorge und kirchliche Unterwei­sung 63 (1920/1921), S. 209-219.

Quelle: Eduard Thurneysen, Das Wort Gottes und die Kirche. Aufsätze und Vorträge (= Theol. Bücherei Bd. 44), München: Chr. Kaiser, 1971, S. 95-106.

Hier der Text als pdf.

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