Iwands Predigt über Lukas 6,36-42 von 1939: „dass sein Ruf: Seid barm­herzig! hinein­ragt mitten in die Unbarmherzigkeit unseres Lebens, in die Härte des Berufs­lebens, des Kampfes ums Dasein, in die Härte des Völ­kerkampfes“

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Predigt über Lukas 6,36-42

Von Hans Joachim Iwand

Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Rich­tet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch ver­geben. Gebet, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüssig Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird man euch wie­der messen. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger ist nicht über seinen Mei­ster; wenn der Jünger ist wie sein Meister, so ist er vollkommen. Was siehest du aber einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht ge­wahr? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt stille, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, — und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuch­ler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge und siehe dann zu, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest! (Lukas 6,36-42)

Vor einiger Zeit ging eine Rede durch einige Tageszeitungen, der Vortrag eines Professors, der etwa Folgendes gesagt hatte: daß, wenn die Weltanschauung und das Weltbild, auf das wir heute hinstreben, vollkommen und geschlossen und total werden soll, zwei Begriffe ver­schwinden müssen aus dem Denken, aus dem Sprachschatz des deutschen Volkes, und diese beiden Begriffe nannte er Schöpfung und Buße. Wenn man das las, dann fragte man sich, ob denn hier nicht zwei Dinge zusammengestellt sind, die gar nichts miteinander zu tun haben; denn das sind wir ja gewöhnt, daß heute ein Kampf geführt wird gegen die Buße und gegen die Sünde und gegen die Erlösung und gegen die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen; das ist uns ja so geläufig, wie der Wind, der weht, wie daß die Sonne aufgeht, so geläufig, ja schon zur Phrase geworden ist das, was dagegen gesagt wird. Aber Schöpfung! Von Schöp­fung ist bei uns immer bisher im positiven Sinne die Rede gewesen, von Schöpfungsordnun­gen, vom Schöpfergott. Man sagte immer, man wollte nicht atheistisch sein, man wolle daran glauben, daß Gott uns geschaffen hat, daß Gott uns regiert, daß Gott die Vorsehung sei; und nun sagt auf einmal dieser Mann, einer der schärfsten Vor­kämpfer moderner Weltanschauung, zwei Worte müssen weichen, Buße und Schöpfung. Es ist ein kluger Mann, der das gesagt hat; dieser Mann sieht viel schärfer, viel radikaler als die meisten bei uns, die immer noch glauben, man könne den zweiten Artikel streichen und den ersten behalten, man könne Gott behalten und man könne Jesus Christus streichen. Der Mann sieht ganz radikal bis auf den Grund; er sieht so radikal wie unser Text, den wir eben gehört haben, er, der Feind des christ­lichen Glaubens, sieht ebenso scharf wie die Worte unseres Herrn Jesu Christi selbst.

Denn das ist das Entscheidende bei dem Text, den wir eben hör­ten, daß Jesus Christus zwei Dinge miteinander verbindet, die Um­kehr, die Buße des Menschen und die Verkündigung, daß Gott lebt: «Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist!» So gewiß, als Gott die Welt geschaffen hat, so gewiß, als sein Herz getragen, bewegt wird von der Barmher­zigkeit, so gewiß könnt ihr nur Söhne des Höchsten sein, als auch ihr seid, was Gott ist; das ist der Tenor des Ganzen, was wir hörten. Es ist so, als ob plötzlich mitten in diese Welt hinein ein Ruf erschallt: «Seid doch, was ihr artgemäß sein solltet von Gott her, was ihr sein müßtet, wenn ihr der Schöpfung, der Bestimmung der Schöpfung Ausdruck geben solltet in allem eurem Sein!»

Wenn Jesus mit seinem Wort in unsere Welt hineintritt, dann geht es uns immer wieder so, daß wir seine Worte hören als Worte aus einer total anderen Welt; daß sein Ruf: Seid barm­herzig! hinein­ragt mitten in die Unbarmherzigkeit unseres Lebens, in die Härte des Berufs­lebens, des Kampfes ums Dasein, in die Härte des Völ­kerkampfes; wo ein Volk dem andern das Licht und den Platz an der Sonne streitig macht, das Lebensrecht nimmt, wo um Brot, um die Futterplätze, um die Rohstoffplätze der Menschheit Blut um Blut vergossen wird, wo alles bewegt ist von einem ganz anderen Gesetz, daß wir nämlich entweder Hammer oder Amboß sein müs­sen, daß jeder lieber Hammer als Amboß ist und jeder lieber oben ist als unten. Und mitten in die Welt hinein, wie sie ist, da sagt Jesus dieses Wort: «Seid barmherzig!» So, als ob er uns alle an­spräche, als ob nicht irgendeiner noch da wäre, den er mit diesen Worten treffen könnte, der aus diesem Wort lernen könnte, wie Gott eigentlich diese unsere Welt, dieses un­ser Zusammenleben von Mensch und Mensch gemeint hat. Es ist so, als ob Jesus in die Welt hineinkäme wie ein Kind, als ob er zu uns spräche, als sei diese Welt wirklich noch Gottes Welt, wie ein Mensch, der nichts weiß von Sünde und von Not und von Bruderhaß und Zwist, und durch dessen Mund auf einmal das tiefste Lebensgesetz der Welt auf­bricht; und dieses Lebensgesetz ist das Lebensgesetz Gottes selbst. Es heißt kurz vorher in unserem Text: «So werdet ihr Kinder des Höchsten sein!» Dann werdet ihr Gottes Kinder sein, ihr werdet sein wie Gott! Haben wir das nicht schon einmal gehört? Kam dieser Ruf nicht schon einmal zu den Menschen: «Ihr werdet sein wie Gott?» Aber war es nicht aus einem ganz anderen Mun­de?» «Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist!» Und nun kommt dieser Ruf noch einmal zu uns, gleichsam als ob uns gesagt werden sollte: Jawohl, es ist etwas Rechtes daran, ihr sollt wirklich Gott ähnlich sein; ihr sollt wirklich seines Wesens sein, seine Kin­der, seines Geistes Kinder, ihr sollt sein wie Gott! Aber das Sein wie Gott, das ist festgelegt, das ist bestimmt in einem Punkt: Es gibt gleichsam über dem weiten Graben, der da zwischen Gott und Mensch ist, eine Brücke, einen Steg, da begegnen sich Gott und Mensch; den Steg müßt ihr finden, da wird Gott menschlich, und da könnt ihr Menschen göttlich werden, und diese eine Brücke heißt Barmherzigkeit. Da, wo Gott sich herabneigt in seiner Menschheit, da zieht er euch herauf zu seiner Gottheit. Alles Streben des Men­schen nach Gottähnlichkeit, das nicht an diesem Punkt einsetzt, führt zu einer furchtbaren Hybris, zu einer Selbstvergötterung und Selbstübersteigerung. Das liegt uns von Natur, so mächtig zu sein wie Gott, so unabhän­gig zu sein wie Gott, Gott zu gleichen in seiner Macht und in seiner Kraft, in seiner Gewalt und in seinem Wissen. Die Menschheit strebt ja schließlich danach, alles zu können und zu haben, so daß sie Gottes nicht mehr bedarf; aber eines fehlt, und darum ist die Gottähnlichkeit der Menschen so furchtbar, so grausig, darum wird dadurch aus der Erde die Hölle, weil das Ganze nicht getragen ist von einem Herzen, weil diese Menschen, die nach Gottähnlichkeit streben, die sich wie Götter fühlen und behandeln lassen, die Gottheit nicht begriffen haben in ihrem In­nersten, in ihrer Barmherzigkeit, in Jesus Christus: da begriffen haben, wo sich Gottes Herz aufschließt, wo er ein Mensch wird, wo er seinen Sohn ans Kreuz gehen läßt, wo er seinen Sohn dienen läßt, leiden läßt, für uns bitten läßt. Sie haben nicht begriffen, was da geschah, als die Not und die Sünde und die Verlorenheit des Menschen bis zum Himmel heraufschlug, und Gottes Barmherzigkeit gleichsam löste, so daß der Vater sich herabneigte auf die Erde, uns das Kind in die Wiege legte, den Mann ans Kreuz führte. Das ist es. Wir sind eigentlich als Christen mit diesen Gewaltmenschen, mit diesen Übermenschen in einem ganz einig: daß der Mensch von Gottes Art ist, daß er gottähnlich ist, aber mit dem einen Unter­schiede, daß wir wissen: diese Ähnlichkeit zu Gott, die wird nur an einem Punkte erworben, die ist nur an einem Punkte echt: wenn wir da Gott finden, wo er uns sucht, in der Barmherzigkeit. Wenn ein Mensch Gewalt hat, oder wenn er Wissen, oder wenn er Macht hat wie ein Gott, und er ist nicht barmherzig, dann ist er nicht ein Abbild Gottes, sondern dann ist er ein Abbild des Satans. Das ist es, was wir mit Grausen in dieser Welt erleben; das ist es, wozu Jesus Christus auf rief: Seid wie Gott, das heißt, lernt Barmherzigkeit! Gott ist nicht unmenschlich, sondern er ist der menschlichste aller Menschen; er ist der Barmherzige, der Helfende, der Niedrige, der, der sich der Elenden und Niedrigen erbarmt, das ist Gott. Das ist das Grundgesetz alles gütlichen Lebens. Nicht wahr, wir verstehen meistens noch gar nicht, was Barmherzigkeit wirklich heißt; wir verwechseln Barmherzigkeit sehr oft mit Almosen, wir denken: das ist barmherzig, wenn wir hier etwas geben, oder da etwas tun, viel­leicht auch viel tun und viel geben. Das ist noch nicht Barmherzig­keit, sondern das nur ist Barmherzig­keit, wenn uns das Herz bricht über der Not und der Sünde unseres Nächsten, wie Gottes Herz gebrochen ist über der Not und Verlorenheit des Menschen, das ist Barmherzigkeit. Das ist Barmherzigkeit, wenn Gott uns das stei­nerne Herz aus der Brust nimmt und uns ein fleischer­nes Herz ein­setzt, ein Herz, mit dem wir alle Nöte unseres Nächsten spüren und tragen, das darüber verblutet, das darüber müde und matt wird, ein Herz, das kämpft, das leidet, das betet, auf das sich die ganze Not der Welt legt, das darüber zerbrechen kann, das ist Barmherzigkeit. Ich möchte sagen: barmherzig sein, das heißt, aus­geliefert sein, preisgegeben sein an die Not der Menschheit, so preis­gegeben sein, daß man sich gar nicht retten kann davor, daß sie uns im Herzen bewegt, uns keinen Frieden und keine Ruhe läßt. Als Kain sagte: «Soll ich meines Bruders Hüter sein?» da sprach er das Wort, das Stichwort des Menschen aus, der kein Herz mehr hat; aber als Jesus kam und das Volk sah — wie es von ihm heißt: «Es jammerte ihn des Volkes, denn sie waren wie eine Herde ohne Hir­ten» — da war wieder der Mensch unter uns, der ein Herz hatte, von dem wir alle wieder lernen, ein Herz zu haben. Darum ist diese Barm­herzigkeit, von der Jesus redet, auch so klar; sie hat gar nichts Weiches an sich, sie hat nichts Sentimentales an sich, sondern eher etwas Hartes, Scharfes, Männliches.

Es ist eben doch wohl so, daß hier Jesus die letzten Grundgesetze unseres Seins aufdeckt, so wie wenn ein verschüttetes, ein übermal­tes und verdecktes Bild freigelegt wird, und der Goldgrund des Bildes wieder offenbar wird. Und so legt Jesus uns alle frei in dem, worin wir uns gegen diese Barmherzigkeit verschließen. Richtet nicht! Vergebt! Gebt! Das heißt Barm­herzigkeit. Es ist so, als ob er mitten hineingriffe — ja, ich möchte schon einmal sagen, in das Maul der beißenden, richtenden, verurteilenden Menschen, als ob er ihnen allen entgegenträte und sagte: Wißt ihr denn nicht, daß ihr mit eurem Richten und Verdammen, Verurteilen und Zugerichtsitzen euch selbst das Gericht setzt? Der Maßstab, den ihr anwen­det, der wird einmal bei euch angewendet werden, sowie es im Al­ten Testament heißt: Ich will alles dieses in deinen Busen legen, der du die Leute richtest und richtest dich selber nicht. Der du sagst: du sollst nicht stehlen! und stiehlst selber. Der du sagst: du sollst nicht ehebrechen! und brichst selber die Ehe. Der du sagst: du sollst nicht Götzendienst treiben! und treibst selber Götzen­dienst. Und, meine Brüder und Schwestern, wir stehen hier vor der Grenze der menschlichen Moral. Jeder, der etwas erfahren hat vom menschlichen Leben, wird es wissen: wir können nirgends richten, ohne daß wir uns darin verurteilen. Wo wir auch immer glauben, mit unserer Moral, mit unserem Wissen von Gut und Böse die Menschen richten zu können, da richten wir uns selbst, ganz gleich was es sei. Wenn die Kirche heute die da draußen rich­tet, richtet sie sich selbst, und wenn die draußen heute die Kirche richten, richten sie sich alle selbst. Wenn sich heute die Leute hinstellen und die Moral predigen — es pfeifen uns ja die Spatzen von allen Dächern, es ist so, als ob wir alle das Lied singen könnten: Was richtest du einen anderen und dich selber nicht? Die ewigen Gesetze Gottes er­füllen sich hier über Men­schen, die da glauben, andere richten, an­dere verdammen, andere verurteilen zu können; und es weiß doch die ganze Welt, daß wir selber genauso sind wie die, die wir rich­ten. Das sagt Jesus. Es ist so, als ob er ein großes Halt hineinruft in dieses grausame menschliche Gericht, das wir vollziehen, ein: Haltet an, ihr wißt ja nicht, was ihr tut. Ihr baut die Mauer des Ge­fängnisses, in das ihr selbst einmal eingeschlossen werdet, in die­sen Maßstab der Unbarmher­zigkeit des Gerichts, da werdet ihr selbst eingeschlossen sein in Ewigkeit. Ihr baut heute schon mit eurer Hartherzigkeit die Mauern des ewigen Gefängnisses!

Und dann, nicht wahr, auch wieder unweltlich fremd, aber doch im Letzten von Gott her wahr: «Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben!» Wir glauben es ja nicht, es sieht ja ganz anders aus. Aber, wenn wirs glauben könnten, dann würde es gesche­hen. Es ist doch niemand davon arm geworden, daß er den Armen geholfen hat, es ist noch niemand daran zerbrochen, daß er seinem Bruder die Schuld vergeben hat. Reich in Gott werden, das heißt geben, reich in Gott werden, das heißt vergeben. Wer das kann, der lebt göttlich. Das sagt Jesus, mitten hinein in diese Welt ruft er diesen Ruf zur Umkehr, der Um­kehr in dem Sinne, als ob er sagen wollte: Wenn ihr wieder in Gottes Welt leben wollt, wenn ihr Gottes Kinder sein wollt und wenn ihr etwas spüren wollt davon, daß Gott euer Vater ist und ihr seine Kinder, daß ihr in der Schöpfung Gottes lebt, dann müßt ihr umkehren, dann müßt ihr Barmherzigkeit lernen, dann müßt ihr das Richten, das Verdammen verlernen, dann müßt ihr vergeben lernen, geben ler­nen, dann lebt ihr nach den Gesetzen des Reiches Gottes!

Dann steht mitten drin das Bild vom blinden Blindenführer: «Wehe euch, ihr blinden Blinden­führer!» sagt Jesus bei Matthäus zu den Pharisäern. Nicht wahr, das Wort ist ja sprichwörtlich ge­worden; es geht heute durch aller Menschen Mund, aber es ist ein furchtbares Bild. Stellen Sie sich einen Zug von Menschen vor, alle in furchtbarer Not, alle sind blind. Einer faßt den anderen an, keiner weiß, wohin der Weg geht. Alle sind in einer furchtbaren Ratlosigkeit, sie müssen vorwärts und sie wissen doch nicht, wo­hin geht es. Aber sie leben alle von dem Glau­ben, daß der, der ganz voran geht, daß der sieht, daß das ein sehender Mensch ist, darauf ver­trauen sie. So geht der Zug der Menschheit durch die Zeit, immer aufs neue hat sich wieder ein Mensch an die Spitze gesetzt bei diesem Zug und sagt: Ich sehe. Und die Menschen, die seinerzeit in Jerusalem diese Leute waren, die an der Spitze wa­ren, diese Sehenden, die Führer des Volkes, das waren die Phari­säer, zu denen sagt Jesus: Ihr blinden Blindenführer! Ich kann euch dieses nicht ersparen, ich muß es euch allen sagen, dem ganzen Volk: Ihr seid alle blind. Es ist eine Illusion, wenn ihr glaubt, der da vorne geht, an der Spitze, der sähe. Der sieht nicht mehr als ihr. Ihr müßt die Wirklichkeit des Lebens verstehen, ihr, die ihr euch alle aneinander angefaßt habt: Ihr seid einer so blind wie der andere. Keiner weiß, in welchen Abgrund ihr taumelt, auf welchen Abgrund ihr zutreibt! Wieder, nicht wahr, wie ein Ruf, ein großes Halt! Es ist nicht wahr, daß wir den Weg wissen; wir sind alle blind, die geführt sind von Blinden; das ist der Zug der Mensch­heit.

Nicht wahr, wenn Jesus hier nicht von sich selbst spräche, wenn das das letzte Wort wäre, dann müßten wir verzweifeln; aber er spricht von sich selbst. Er spricht von sich selbst in geheimnisvoller Form, wie er das gern tut: «Ein Schüler ist nicht über seinen Lehrer, und wenn der Schüler so ist wie sein Lehrer, dann ist er vollkom­men.» Als ob er sagen wollte: Mitten hier in diesem Blindenzuge, da steht einer, der ist der Lehrer. Mitten im Volk, das im Finstern wandelt, da geht mitten aus der Finsternis ein Licht auf. Ich bin das Licht der Welt. Ich zeige euch nicht nur den rechten Weg, son­dern ich mache euch sehend. Die große Barm­herzigkeit Gottes, die geht auf über euch wie ein Licht, ja mehr noch, wie ein Licht, das se­hend macht alle, die blind sind. Das ist also echtes Führertum. Wo die Kraft wäre, die Men­schen, die blind sind, sehend zu ma­chen, nicht nur sehend für ihr Glück und nicht nur sehend für das, wie wir den nächsten und den übernachten Tag überstehen werden, sondern sehend für Gott, sehend für Gottes Schöpfung, sehend für Gottes Willen, sehend für die echten letzten Gesetze unseres Le­bens. Und jetzt werdet ihr alle das verstehen, das letzte Wort in unserem Text, das Wort, das ihr ja alle kennt, das gehört hier hin­ein; das ist jetzt gleichsam die Opera­tion, die der Arzt an uns voll­zieht; jetzt wird uns der Star gestochen, jetzt sollen wir alle sehend werden. Was sagst du zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Split­ter aus deinem Auge ziehen! Du Narr, zieh’ zuerst den Balken aus deinem Auge und dann geh’ hin und zieh’ den Splitter aus dei­nes Bruders Auge! Das ist die Operation, so kommt dieser Lehrer Jesus zu uns, das ist der Griff an unser Auge, um uns sehend zu machen. So hart, ja, so schmerzhaft greift Gott in unser Leben ein, damit wir sehend würden. Das heißt Buße: Sieh zuerst den Balken in deinem Auge! Als ob Jesus uns sagen wollte: Ist denn dein Auge rein? Wie kannst du deinem Nächsten raten, deinen Näch­sten heilen, deinen Nächsten beurteilen? Hast du auch das klare Auge dazu? Ist in deinem Auge nichts drin? Hast du zunächst an dich gedacht? Ach, nicht wahr, das ist der entscheidende Wende­punkt, wenn ein Mensch einmal bei sich den Fehler erlebt hat, der ihm bei anderen auf geht; wenn er einmal versucht hat, den Balken her­auszuziehen, den er bei anderen herausreißen möchte, dann wird er erleben, wie schwer das ist, ja, wie unmöglich das ist. Das ist sehr leicht, bei unserm Nächsten das zu beurteilen, da sagen wir: Er ist ein ehrgeiziger Mensch; aber wenn wir einmal versucht ha­ben, den Ehrgeiz bei uns selber herauszuziehen, das Unkraut her­auszureißen, dann merken wir, dann müssen wir den alten Menschen mit herausreißen. Wir sagen, das ist ein liederlicher Mensch, ein fauler Mensch; aber wenn wir einmal bei uns selbst erlebt haben, wie bequem wir sind, oder auch, wie wir umgeben sind von Lei­denschaften und Lust, oder wie hart es uns doch anliegt, daß wir ans Geld gebunden sind oder an unseren Verstand, an unseren Geist, an unsere geisti­ge Überlegenheit, das beurteilen wir bei den anderen sehr leicht. Man kann sogar die Beob­achtung machen, daß die Menschen, die unter diesen Sachen leiden, das bei den anderen am allerschärfsten sehen. Da sagt Jesus: Halt! Du gehörst selbst auf den Operationstisch. Mach es erst mal bei dir, dann mach es bei den anderen! Wenn du gemerkt hast, wie das bei dir geht, dann wirst du ein Arzt werden für die anderen.

Jetzt blüht gleichsam am Schluß eine Hoffnung auf, eine wun­derbare Gnade Gottes. Es könn­te nämlich Menschen geben — wir alle sollten solche Menschen sein —, die den andern Men­schen hel­fen aus dem Wissen um die Not heraus, die den andern Menschen von seiner Sünde befreien, so vorsichtig, so freundlich, so barmher­zig, so gnädig, als wäre es ihr eigner Augap­fel, aus dem sie den Split­ter herausziehen. Ja, wenn wir solche Menschen würden, dann wür­den wir wieder Eltern sein für unsere Kinder, Männer für unsere Frauen, Freunde für unsere Freunde, Volksgenossen für unsere Volksgenossen, Nächste für unsere Nächsten; dann wür­den wir vielleicht alle etwas davon spüren, daß wir doch in Gottes Welt leben, weil wir alle miteinander verbunden sind durch das eine, daß wir alle Barmherzigkeit nötig haben, daß wir alle die große Barmherzigkeit Gottes nötig haben, daß wir alle unseren Herrn Jesus Christus nötig haben. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Wohl 1939 gehalten.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, Mün-chen: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 67-75.

Hier die Predigt als pdf.

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