Luthers Predigt über das Vaterunser (Matthäus 6,5-15) von 1530: „In der Summe, kurz soll man beten, aber oft und stark; denn Gott fragt nicht danach wie und lang man betet, sondern wie gut es ist, und wie es von Herzen geht“

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In seinen Wochenpredigten über Matthäus 5-7 hatte Martin Luther 1530 auch über das Vaterunser gebetet:

Predigt über Matthäus 6,5-15

Von Martin Luther

Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. 6. Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der in das Verborgene siehet, wird dir’s vergelten öffentlich. (v 5-6)

Nach Almosen geben, oder dem Nächsten wohl tun, gehört auch dies Werk zu einem Chri­sten, dass er betet. Denn gleich wie die Notdurft dieses Lebens fordert, dass wir dem Nächsten Gutes tun, und uns seiner Not annehmen; denn darum leben wir auf Erden bei einander, dass einer dem anderen dienen und helfen: also, weil wir täglich in allerlei Gefahr und Not in die­sem Leben stecken, die wir nicht umgehen noch wenden können, so müssen wir auch immer zu Gott rufen und Hilfe suchen, beide für uns und jedermann.

Aber wie jenes ein seltsames Werk ist in der Welt, recht Almosen geben, nicht allein des ge­meinen Glaubens und Stehlens wegen, und dass in der Welt überall geht, da niemand dem anderen wohl tut, und jedermann nur auf seinen Mist scharrt, und nichts danach fragt, wo der Nächste bleibt, sondern auch, dass, ob sie gleich gute Werke tut, sie doch nur dass Ihre damit sucht; dass also die Welt doch nichts anderes ist, denn nur Räuber und Diebe, beide zur linken und zur rechten Seite, beide leiblich und geistlich, beide im bösen und guten Werken; also ist nun auch das Beten ein seltsames Werk, dass niemand tut denn die Christen, und doch so ge­mein in der Welt gewesen, besonders bei den Juden, die Christus hier zeigt, in Schulen und an allen Ecken auf den Gassen, und jetzt in so viel Kirchen, Stiften, Klöstern, da man sich Tag und Nacht zerreißt mit singen und lesen, dass die Welt überall desselben voll ist, und an dem Werk nicht fehlt und, und doch alles auf einen Haufen nicht eines Hellers wert ist.

Denn weil hier Christus straft und verwirft all ihr Gebet, dass sie doch mit allem Fleiß übten, allein darum, dass sie damit vor den Leuten gesehen werden wollten und Ruhm haben: wie viel mehr ist unserer Geistlichen Gebet zu verdammen, die nichts damit suchen, denn dass sie ihren Bauch damit füllen, und ihr keiner ein Vater Unser spräche, wenn es nicht Geld bringe? Und wenn sie es auf das Beste gemacht haben, so haben sie einen Sack voll Worte getönt, ganz ohne Herz, Verstand und Glauben, gleichwie die Glocken oder Orgeln. Haben dazu die Ehre und Ruhm davon gehabt, dass sie es allein wären, die da beten; die anderen aber, als die mit Weltsachen umgingen, könnten nicht beten noch Gott dienen; sie aber müssten an unser Statt beten, dass wir sie mit unserem Geld und Gut zu Herren machten.

Wie nötig aber das Gebet ist, ist hier nicht zu erzählen; sie sollten es zwar selbst fühlen, weil wir im Fleisch im eins, welches steckt voll allerlei böse Stücke, uns allen Jammer und Herze­leid anrichtet, und so viel Plage anlegt, dazu der Teufel überall um uns herum ist, der da unzählige Sekten, Orten und Verführung erweckt, und uns treibt zu Unglauben, Verzweiflung, das doch niemals ein Ende wird, und nicht zu ruhen haben, weil wir von solchen Feinden umringt sind, die nicht aufhören, sie haben uns denn wieder geschlagen, so wird doch als einzelne armen Menschen so viel Feinden viel zu schwach sind. Darum spricht Gott im Pro­pheten Sacharja, 12,10, dass er wolle den Seinen geben den Geist der Gnaden und des Gebe­tes, damit sie, weil sie so zu Felde liegen, erhalten werden, und sich wehren und schützen können wider den bösen, schädlichen Geist. Darum ist es der Christen eigentlich Werk, so den Geist Gottes haben, dass sie nicht müde und faul sind, sondern immer beten und nicht aufhö­ren, wie Christus anderswo lehrt.

Aber da liegt nun die Macht an, dass es ein rechtschaffenes Gebet, und nicht eine Heuchelei sei, wie ihr Gebet und unseres bisher gewesen ist. Darum sieht Christus an, dass er sie lehre recht beten, und zeigt, wie sie sich dazu schicken sollen, nämlich, dass sie nicht öffentlich auf den Gassen stehen und beten, sondern daheim in ihren Kämmerlein allein beten im Verborge­nen, das ist, dass sie vor allen Dingen das falsche Gesuch Weg legen, dass sie wollen um Ansehen und Ruhmes willen oder desgleichen etwas beten. Nicht, dass es verboten sei, dass man nicht dürfe auf der Gasse oder öffentlich beten (denn ein Christ ist an keine Stätte ge­bunden, und mag wohl überall beten, es sei auf der Straße, im Felde oder in der Kirche), son­dern allein, dass es nicht geschehe um der Leute willen, Ehre und Vorteil davon zu suchen. Gleichwie er nicht darum will verboten haben die Posaunen oder Glocken zum Almosen, sondern den Zusatz und die falsche Meinung straft er mit diesen Worten, dass sie vor den Leuten gesehen werden.

Also ist es auch nicht als nötig geboten, dass man immer müsse in ein Kämmerlein gehen und sich verschließen. Obwohl es fein ist, wenn einer beten will, dass er allein ist, da er kann frei und ungehindert sein Gebet zu Gott ausschütten, und Worte und Gebärden führen, dass er vor den Leuten nicht tun kann. Denn obwohl das Gebet kann im Herzen ohne alle Worte und Ge­bärde geschehen, doch hilft es dazu, dass der Geist mehr erweckt und entzündet wird; sonst soll es im Herzen fasst ohne Unterlass gehen. Denn ein Christ hat allezeit (wie gesagt) den Geist des Gebetes bei sich, dass sein Herz in solchem steten Seufzen und Bitten steht zu Gott, im eins, trinkt, arbeitet, denn sein ganzes Leben ist dahin gerichtet, dass er Gottes Namen, Ehre und Reich ausbreitet, dass, was er sonst tut, muss alles unter dem Gebet gehen.

Aber doch (sage ich) soll über das das äußerliche Gebet auch gehen, beide, sonderlich, als, dass jeglicher morgens, abends, und über Tisch, und wenn er Zeit hat, einen Segen oder Vater Unser, Glauben oder Psalmen spräche, danach auch, da man zusammenkommt, Gottes Wort handelt, und darauf dankt, und ihn anruft um Not; das soll und muss öffentlich geschehen. Und sind dazu besondere Orte und Zeit bestimmt, da man zusammenkommt; welches ist ein köstliches Gebet, und eine starke Wehr wider den Teufel und seine Anschläge, weil da die ganze Christenheit einträchtig zusammensitzt. Und je stärker es geht, die schneller wird es erhört, und desto geschäftiger ist, wie es denn auch jetzt viel Gutes schafft, wo viel böse Tücke des Teufels wert und hindert, so er sonst sollte anrichten durch seine Glieder, das bestimmt, was da jetzt steht und bleibt, beide in geistlichem und weltlichem Regiment, durch das Gebet erhalten wird.

Was aber für Stücke und Eigenschaften dazu gehören, die ein rechtes Gebet an sich haben soll, habe ich anderswo oft gesagt und gehandelt; nämlich, dass ich es kurz wiederhole: das uns dazu treibe, zum ersten, Gottes Gebot, der es uns ernstlich befohlen hat, dass wir beten sollen. Danach, seine Verheißung, darin er zugesagt, und zu erhören. Zum dritten, dass wir unsere Not und Elend ansehen, so uns drückt und auf dem Halse liegt, dass wir es wohl bedürfen, und dasselbige frisch vor Gott tragen und ausschütten, auf sein Gebot und Befehl. Zum vierten, dass wir auf solch Gottes Wort und Verheißung mit rechten Glauben beten, gewiss und ungezweifelt, dass er uns erhören und helfen will. Und das alles Namen Christi, durch welchen unser Gebet dem Vater angenehm ist, und um seinetwillen uns alle Gnade und Gutes gibt.

Solches zeigt Christus hier mit dem Wörtlein, da er spricht: „und bete zu deinem Vater im Verborgenen“. Und danach klarer, da er die Worte stellt: „Vater unser im Himmel“. Denn das ist so viel gelehrt, dass unser Gebet soll zu Gott gerichtet sein, all zu unserem gnädigen, freundlichen Vater, nicht als einen Tyrannen oder zornigen Richter. Das kann nun niemand tun, er habe denn Gottes Wort, dass er solches haben wolle, dass wir ihn Vater heißen, und als ein Vater und zu helfen und erhören zugesagt habe; und er auch solchen Glauben im Herzen habe, dass er fröhlich dürfe Gott seinen Vater nennen, und aus herzlicher Zuversicht bitten, und auf solch Gebet, dass er gewisslich erhört, sich verlassen, und Hilfe erwarten kann.

Dieser Stücke aber keines ist in jenem pharisäischen Gebet, welche nicht weiterdenken, denn wie das Werk getan sei, dass sie damit gesehen werden als heilige Leute, die gerne beten; oder, wie unsere Mönche und Pfaffen, dass sie den Bauch davon füllen. Ja, sie sind so ferne davon gekommen, dass sie sollten mit solchen Glauben beten, dass sie es für eine Torheit und Vermessenheit geachtet haben, dass einer sollte rühmen als gewiss, dass sein Gebet Gott angenehm und erhört wäre. Und also, ob sie gleich gebetet, doch alles auf lauter Abenteuer hingesetzt, und damit Gott schrecklich erzürnt haben durch Unglauben und Missbrauch seines Namens, wider das erste und andere Gebot.

Darum lerne hier, dass kein rechtes Gebet geschehen kann ohne solchen Glauben. Fühlst du dich aber schwach und blöde (wie denn Fleisch und Blut immer sich wieder den Glauben sperren), als seist du nicht würdig oder geschickt und brünstig zu beten, oder zweifelst, ob dich Gott erhört habe, weil du ein Sünder bist, so halte dich an das Wort, und sprich: ob ich gleich ein Sünder und unwürdig bin, so habe ich doch hier Gottes Gebot, das heißt mich beten, und seine Verheißung, dass er nicht lediglich erhören will, nicht um eine Würdigkeit, sondern um des Herrn Christi willen. Damit kannst du die Gedanken und Zweifel ausschla­gen, und fröhlich niederknien und bitten, nicht angesehen, wie würdig oder unwürdig du bist, sondern deine Not und sein Wort, darauf er dich heißt bauen. Besonders weil er dir auch die Worte vorgestellt und in den Mund gelegt hat, wie und was du bitten sollst (wie folgt), dass du solch Gebet fröhlich durch ihn hinauf lassest und in seinen Schoß legen kannst, dass er es durch seine Würdigkeit vor den Vater bringe.

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhöret, wenn sie viel Worte machen. 8. Darum sollt ihr euch ihnen nicht gleichen. Euer Vater weiß, was ihr bedürfet, ehe denn ihr ihn bittet. 9. Darum sollt ihr also beten: Unser Vater in dem Himmel! Dein Name werde geheiliget. 10. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. 11. Unser täglich Brot gib uns heute. 12. Und vergib uns unsere Schul­den, wie wir unsern Schuldigern vergeben. 13. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewig­keit. Amen. (v 7-13)

Wo oben (Vers 5-6) hat er ihre falsche Meinung über das Gebet, dass sie auch in dem Werk, dass allein gegen Gott gerichtet ist, dass man ihn anrufe und um Hilfe bitte in unserer Not und Anfechtung, ihre Ehre und Vorteil bei den Leuten suchten. Hier tadelt er nun auch die Unart des Gebetes, dass sie meinen, dass beten sei, wenn man viel Worte und Plappern macht, und nennt es eine heidnische Weise, und ein loses unnützes Gewäsch, als derer, die da meinen, sie werden sonst nicht erhört. Denn er hat wohl gesehen, dass es so würde gehen, und solcher Missbrauch auch in der Christenheit bleiben, wie es damals bei Ihnen war, dass man aus dem Gebet ein Werk machen würde, welches man nach der Größe und Länge achtete, als wäre es damit köstlich ausgerichtet, und also anstatt eines rechten Gebetes ein lauter Gewäsch und Geplapper würde, welches das Herz nicht erreicht.

Wie wir sehen, dass es gegangen ist in Stiften, Klöstern, und dem ganzen geistlichen Haufen, welche nichts anderes in Ihrem Stande zu tun gehabt, denn dass sie täglich so viel Stunden, und auch des Nachts, sich blau und müde machten mit Lesen und Singen. Und je mehr sie von diesem machen konnten, je heiliger und größer Gottesdienst hat es geheißen. Und ist doch unter Ihnen allen nicht einer gewesen, der ein rechtschaffenes Gebet von Herzen getan hätte; sondern alle in dem heidnischen Wahn gewesen, als müsste man beide, sich und Gott, müde schreien und murren; als könnte oder wollte er sonst nicht hören. Habe damit nichts anderes getan, denn die Zeit unnütz verloren, und sich, wie die Esel, mit Beten zermartert.

Darum haben sie auch selbst gesagt, dass keine Arbeit schwerer sei denn beten. Und es ist wahr, wenn man das Beten dahin richtet, dass man ein Werk oder Arbeit daraus macht, dem Leibe auflegt, so viel Stunden an einander zu lesen oder singen, dass kein Tagelöhner nicht lieber sollte wählen einen Tag zu dreschen, denn zwei oder drei Stunden an einander nur das Maul zu regen, oder schnell in ein Buch zu sehen. In der Summe, ihr Beten ist nicht ein Seuf­zen oder Begierde des Herzens gewesen, sondern eine gezwungene Arbeit des Mundes, oder der Zungen; das, wenn ein Mönch 40 Jahre lang seine Zeiten gelesen oder geplappert hat, so hat er nicht in den allen eine Stunde von Herzen gebetet. Denn sie denken niemals Gott eine Not vorzutragen, sondern denken nicht anders, denn sie müssen es tun, und Gott müsse solche Mühe und Arbeit ansehen.

Aber der Christen Gebet, so im Glauben auf Gottes Verheißung geht, und von Herzen seine Not vorträgt, das ist leicht, und macht keine Arbeit. Denn der Glaube hat es bald gesagt, was er begehrt, ja, mit einem Seufzen, dass das Herz tut, und mit Worten nicht zu erholen noch aus­zusprechen ist, wie Paulus sagt (Römer 8,26). Der Geist betet, und weil er weiß, dass ihn Gott erhört, darf er nicht ein solch ewig Gewäsch führen. Also haben die Heiligen in der Schrift gebetet, als Elias, David und andere, mit kurzen, aber starken und gewaltigen Worten; wie man in den Psalmen sieht, darin selten ein Zeichen ist, der da ein Gebet habe über fünf oder sechs Verse lang, darum haben die alten Väter wohl gesagt: es tue es nicht mit vielen langen gebeten; sondern loben die kurzen Stoßgebete, da man mit einem Wort oder zwei hinauf zum Himmel seufzt; welches einer kann oft und viel tun, wenn er liest, schreibt, oder andere Arbeit tut.

Die anderen aber, die nur eine Büffelarbeit daraus machen, können niemals mit Lust noch Andacht beten, sondern werden froh, dass sie nur ihr Gewäsch ausgerichtet haben. Wie es denn gehen muss, wo man ohne Glauben und Not bittet, so kann das Herz nicht dabei sein. Wo aber das Herz nicht bei ist, und der Leib soll arbeiten, so wird es schwer unverdrossen. Wie man auch in leiblicher Arbeit sieht, wer etwas unwillig tut, wie schwer und sauer es wird; aber wiederum, wo das Herz lustig und willig ist, da wird es der Arbeit nicht gewahr. Also auch hier, wo man es mit Ernst meint, und lustig ist zu beten, so weißt noch fühlt der Mensch keine Arbeit noch Mühe, sondern sieht nur seine Not an, und hat die Worte gesungen und ausgebetet, ehe er sich umsieht. In der Summe, kurz soll man beten, aber oft und stark; denn Gott fragt nicht danach wie und lang man betet, sondern wie gut es ist, und wie es von Herzen geht.

Darum spricht nun Christus: „Euer himmlischer Vater weiß, was ihr bedürfet, ehe ihr darum bittet“; als wollte er sagen: Was tut ihr, dass ihr meint ihn mit eurem langen Gewäsch zu betäuben, dass er euch gebe, was ihr bedürfet? Ihr dürft ihn nicht mit Worten überreden, oder lange unterrichten, denn er weiß es zuvor besser, was euch not ist, denn ihr selber. Gleich als wenn du vor einen Fürsten oder Richter kämest, der deine Sache besser wüsste, denn du sagen könntest, und wolltest viel Gewäsch machen, ihn davon zu unterrichten, so werde er über dich lachen, oder vielmehr unlustig auf dich werden. Ja, wir wissen auch nicht, spricht Paulus (Römer 8, 6. 20), wie wir bitten sollen, dass, wenn er uns erhört und etwas gibt, so gibt er es, über das wir verstehen und hoffen können (Epheser 3,20). Darum lässt er uns häufig etwas bitten, dass er nicht sofort gibt, oder wohl gar nicht gibt, als der wohl weiß, was uns not und nütze ist oder nicht; welches wir selbst nicht sehen, und zuletzt selbst müssen bekennen, dass uns nicht gut gewesen wäre, wenn er uns nach unserem Bitten gegeben hätte. Darum dürfen wir ihn nicht lehren noch vormalen mit unserem langen Gewäsch, was und wie er uns tun soll; denn er will also geben, dass sein Name geheiligt werde, und sein Reich und sein Wille da­durch gefördert werden und fortgehe.

Sprichst du aber: warum lässt er uns denn bitten und unsere Not vortragen, und gibt es uns nicht ungebeten, weil er alle Not besser weiß und sieht, denn wir selbst? Gibt er doch der ganzen Welt täglich so viel Gutes umsonst, als Sonne, Regen, Korn, Geld, Leib und Leben, darum ihn niemand bittet noch dafür Dank, denn er weiß, dass sie keinen Tag ohne Licht, Essen und Trinken entbehren kann; wie heißt er denn darum bitten? Antwort: darum heißt er es bestimmt nicht, dass wir ihn mit unserem Beten solches sollen Lehren, was er geben soll, sondern darum, dass wir es erkennen und wie kennen, was er uns für Güter gibt, und noch viel mehr geben will und kann; also dass wir durch unser Gebet mehr uns selbst unterrichten denn ihn. Denn damit werde ich umgekehrt, dass ich nicht hingehe wie die gottlosen, die solches nicht erkennen noch dafür danken; und wird also mein Herr zu ihm gekehrt und erweckt, dass ich ihn lobe und danke, und in Nöten zu ihm Zuflucht habe und Hilfe von ihm erwartet. Und dient alles dazu, dass ich ihn je länger je mehr lerne erkennen, was er für ein Gott ist. Und weil ich bei ihm suche und anklopfe, so hat er auch Lust, desto mehr und reichlicher zu geben. Siehe, das ist denn ein rechter Bitter, nicht den anderen unnützen Wäschern gleich, die wohl viel plappern, aber solches niemals erkennen. Er aber weiß, dass es

Gottes Gabe ist, was er hat, und spricht von Herzen: Herr, ich weiß, dass ich mehr selbst nicht ein Stück meines täglichen Brotes schaffen noch erhalten kann, noch mich vor allerlei not oder Unglück behüten; darum will ich es von dir erwarten und bitten, wie du mich heißt und zu geben verheißt, als der ohne meine Gedanken zuvor kommst, und dich meiner Not an­nimmst.

Siehe, solche Erkenntnis im Gebet gefällt Gott wohl, und ist der rechte, höchste und köstlich­ste Gottesdienst, den wir ihm tun können; denn damit wird ihm seine Ehre und Dank gegeben, die ihm gehört. Denn das tun die anderen nicht, sondern reißen und fressen alle Gottes Güter dahin, wie die Säue, nehmen ein Land, Stadt, Haus, nach dem anderen; denken auch nicht daran, dass sie Gott einmal ansehen, wollen aber heilig sein mit ihrem großen, vielen Getöne und Geplärr in der Kirche. Aber ein christliches Herz, so aus Gottes Wort lernt, dass wir alles von Gott, und nichts von uns haben, das nimmt solches an im Glauben, und übt sich darin, dass es sich alles kann von ihm erhoffen und erwarten. Also lehrt uns das Gebet, dass wir beide, uns und Gott, erkennen, und lernen was uns fehlt und woher wir es nehmen und suchen sollen. Daraus wird ein fein vollkommen, verständlich Mensch, der sich zu allen Sachen recht schicken und halten kann.

Weil nun Christus solch falsch und vergeblich Gebet gestraft und verworfen hat, fährt er fort und stellt selbst eine feine kurze Form vor, wie und was wir beten sollen, darin allerlei not gefasstes, die uns treiben soll zu beten, dass wir uns derselben in solchen kurzen Worten täglich erinnern können, und niemand entschuldigt sei, dass er nicht wisse, wie oder was er beten soll. Und ist eine sehr gute Übung, besonders für den einfachen Mann, Kind und Gesin­de im Hause, dass man das Vater Unser täglich ganz bete, beide, morgens und abends und über Tisch, und auch sonst, dass man darin allerlei not unserem Gott vortrage. Weil aber das Vater Unser im Katechismus und sonst genügend ausgelegt ist, will ich es dabei bleiben las­sen, und hier keine neuen Glossen machen.

Es ist aber, wie oft gesagt, bestimmt das allerbeste Gebet, das da auf Erden gekommen ist oder von jemand erdacht werden mag, weil es Gott der Vater durch seinen Sohn gestellt und nie in den Mund gelegt hat, dass wir nicht dürfen zweifeln, dass es ihm aus der Maßen wohl­gefalle. Er vermahnt uns aber bald im Anfang auch beides, seines Gebotes und Verheißung, mit dem Wort „Unser Vater“, als der von uns solche Ehre fordert, dass wir von ihm bitten sollen, als ein Kind von seinem Vater, und die Zuversicht von uns haben will, dass er uns gerne geben will, was uns not ist. So ist auch darin beschlossen, dass wir uns rühmen, dass wir seine Kinder sind durch Christum. Und also in seinem Gebot und Verheißung, und in des Herrn Christi Namen kommen, und mit aller Zuversicht vor ihm treten.

Nun, die erste, andere und dritte Bitte betrifft die höchsten Güter, so wir von ihm haben, nämlich, zum ersten, weil er unser Vater ist, dass er seine Ehre von uns habe und sein Name in aller Welt schön und hoch gehalten werde. Damit fasse ich auf einen Haufen allerlei falsche Glauben und Gottesdienst, und die ganze Hölle, alle Sünde und Gotteslästerung, und bitte, dass er steuere dem lästerlichem Glauben des Papstes, Türken, Rottengeister und Ketzer, als die alle seinen Namen entheiligen und Schänden, oder unter dem Namen Ihre Ehre suchen. Das ist wohl ein kurzes Wort, aber mit dem Sinn geht es so weit, als die Welt ist, wider alle falsche Lehre und Leben. Zum anderen: nachdem wir sein Wort und rechte Lehre und Gottes­dienst haben, dass auch sein Reich in uns sei und bleibe, das ist, dass er uns in solcher Lehre und Leben regieren, und dabei schütze und erhalte wider alle Gewalt des Teufels und seines Reiches, und dass alle Reiche, so dagegen toben, zu Scheitern gehen, damit dies Reich bleibe. Und zum dritten, dass auch nicht unser noch keines Menschen, sondern allein sein Wille ge­schehe, und was er denkt und Ratschläge, fortgehe, wider alle Anschläge und Vornehmen der Welt und was wider diesen Willen und Rat strebt, ob sich gleich alle Welt zusammenschlüge und stärkte, ihr Ding dagegen zu erhalten. Das sind die drei vornehmsten Stücke.

In den anderen vier Bitten kommen wir auch die Not, die uns täglich betrifft, dieses Armen, Schwachen, zeitlichen Lebens halben. Darum wir erstlich bitten, dass er uns unser täglich Brot gebe, das ist, alles, was uns not ist zur Erhaltung dieses Lebens: Nahrung, gesunden Leib, gutes Wetter, Haus, Hof, Weib, Kind, gutes Regiment, Frieden, und behüte uns vor allerlei Plagen, Krankheit, Pestilenz, teure Zeit (wirtschaftliche Krisen), Krieg, Aufruhr. Da­nach, dass er uns auch unsere Schuld vergeben, und nicht ansehen den schändlichen Miss­brauch und Undank der Welt für die Güter, die er uns täglich so reichlich gibt, und darum dieselben nicht versage und entziehe, noch mit Ungnaden strafe, wie wir verdienen, sondern uns die gnädiglich verzeihe, ob auch wir, die wir Christen und seine Kinder heißen, nicht ohne Sünde leben, wie wir sollen. Zum dritten: weil wir auf Erden leben, mitten in allerlei Anfech­tung und Ärgernis, da man uns auf allen Seiten zusetzt, dass man uns hindere, und nicht allein auswendig von der Welt und Teufel, sondern auch inwendig von unserem eigenen Fleisch angefochten werden, dass wir nicht leben können, wie wir sollten, noch vor so viel Gefahr und Anfechtung einen Tag könnten bestehen; so bitten wir, dass er uns in solcher Gefahr und not erhalte, dass wir nicht dadurch überwunden und gefällt werden. Und zum letzten, dass er uns endlich aus allem Unglück ganz und gar helfe, und wenn die Zeit kommen, dass wir sollen aus diesem Leben treten, ein gnädig, selig Stündlein beschere. Also haben wir kurz alle leib­liche und geistliche Not in seinen Schoß gelegt, und mit jeglichem Wort die ganze Welt auf einen Haufen gefasst.

Es ist aber im Text ein Stück daran gehängt, damit er das Gebet beschließt, als mit einem Dank und gemeinen Bekenntnis, das heißt also: „denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit in Ewigkeit“. Das sind die rechten Titel und Namen, die Gott allein gebühren. Denn die drei Stücke hat er ihm selbst vorbehalten, die da heißen, Richten, Rechten und Rüh­men. Richten, oder regieren und Oberhand haben, soll niemand denn Gott allein, oder denen er es befiehlt, durch welche er das Regiment ausrichtet, als seine Diener. Desgleichen soll auch kein Mensch mit dem anderen Recht üben, oder zürnen und strafen, außer wer das Amt hat, von Gottes wegen. Denn es ist nicht den Menschen angeboren, sondern von Gott gege­ben.

Das sind die zwei, die er hier heißt das Reich oder Herrschaft, dass alle Obrigkeit sei; und danach, die Kraft, das ist, die Folge des Rechten, dass er kann strafen, die Bösen unter sich werfen, und die Frommen schützen. Denn wer da straft, der tut es als an Gottes statt, und geht alles aus seiner Kraft, dass man Recht handhabt, schützt und erhält. Darum soll sich niemand selbst rächen noch strafen; denn es ist nichts sein Amt noch Vermögen, und gelingt auch nicht; wie er sagt (5. Mose 32,35): „Mein ist die Rache, ich will es vergelten“. Und anderswo droht (Matthäus 26,52): „Wer das Schwert selbst nimmt, sich zu rächen, soll mit dem Schwert gestraft werden“.

Also ist auch die Herrlichkeit, oder Ehre und Ruhm, allein Gottes eigen, dass sich niemand nichts rühme, keiner Weisheit, Heiligkeit oder Vermögens, denn durch ihn und aus ihm. Denn, dass ich einen König oder Fürsten Ehre und gnädigen Herren heiße, oder die Knie vor ihm biege, geschieht nicht um seiner Person willen, sondern um Gottes willen, als der der sitzt in der Majestät, an Gottes statt. Also, wenn ich Vater und Mutter, oder die an ihrer statt sind, Ehre erzeige, so tue ich es nicht den Menschen, sondern dem göttlichen Amte, und Ehre Gott in Ihnen; also, dass wo Obrigkeit und Kraft ist, dem gebührt auch die Ehre und Ruhm.

Und geht also sein Reich, Kraft und Herrlichkeit in der ganzen Welt, dass er allein regiert, straft, und den Preis hat in den göttlichen Ämtern und Ständen, als Vater, Mutter, Herr, Rich­ter, Fürst, König, Kaiser, obwohl der Teufel durch die Seinen dagegen sich setzt, und selbst will die Herrschaft und Gewalt führen, Rache und Strafe üben, und seinen Ruhm allein haben. Darum bitten wir auch besonders um seinen Namen, sein Reich, und seinen Willen, als die allein sollen gehen, und alle anderen Namen, Reich, Gewalt und Wille zu Scheitern gehen. Und wir also erkennen, dass er der Höchste sei in alle diesen drei Stücken; die anderen aber sein Werkzeug, dadurch er solches treibt und ausrichtet.

Denn so ihr den Menschen ihre Fehle vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15. Wo ihr aber den Menschen ihre Fehle nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehle auch nicht vergeben. (v 14-15)

Das ist ein wunderlicher Zusatz, aber doch sehr köstlich, und möchte wohl jemand wundern, wie er soeben mit solchem Zusatz kommt auf dies einige Stück: „vergib uns unsere Schuld“, so er doch Leben sowohl hätte können auch an der anderen ein solches Stück knüpfen, und sagen: gebt uns unser täglich Brot, wie wir unseren Kindern geben; oder, führe uns nicht in Versuchung, wie wir niemand versuchen; erlöse uns von dem Übel, wie wir unseren Nächsten retten und erlösen. Und doch kein Stück ist, das einen Zusatz hat, als dieses. Und lässt sich dazu ansehen, als sollte die Vergebung der Sünden erworben und verdient werden durch unser Vergeben wo bliebe denn unsere Lehre, dass die Vergebung allein durch Christum, und im Glauben empfangen werde? Antwort aufs erste: er hat sonderlich diese Bitte so wollen stellen, und die Vergebung der Sünde an unsere Vergebung binden, dass er damit die Christen ver­knüpfte, dass sie sich untereinander lieben, und das lassen ihr Hauptstück und vornehmste sein, nächst dem Glauben und empfangener Vergebung, dass sie ihren Nächsten auch ohne Unterlass vergeben. Das, wie wir gegen ihm leben im Glauben, also auch gegen dem Näch­sten durch die Liebe, dass wir nicht einander Verdrieß und Leid tun, sondern denken, dass wir immer vergeben, ob es uns gleich Leid geschehen ist (wie denn in diesem Leben oft vorfallen muss); oder sollen wissen, dass uns auch nicht vergeben ist. Denn wo der Zorn und Groll im Wege liegt, so verderbt er das ganze Gebet, dass man auch der vorigen Stücke keines beten noch wünschen kann. Siehe, das heißt ein starkes und festes Band gemacht, damit wir zusam­mengehalten werden, dass wir nicht unter einander und eins werden, und Spaltung, rotten und Sekten anrichten, wo wir anders vor Gott kommen wollen, beten und etwas erlangen, sondern einander durch die Liebe vertragen, und aller Dinge eins bleiben. Wenn das geschieht, so ist denn ein Christenmensch vollkommen, als der da beide, recht glaubt und liebt. Was danach mehr für Gebrechen an ihm ist, das soll in dem Gebet verzehrt werden und alles vergeben und geschenkt sein.

Wie setzt er war mit diesen Worten die Vergebung eben auf unser Werk, und spricht: wenn ihr dem Nächsten vergebt, so soll euch vergeben sein, und wiederum? D.h. ja nicht die Verge­bung auf den Glauben gestellt? Antwort: die Vergebung der Sünde, wie ich sonst aufgesagt habe, geschieht zweierlei. Einmal, durch das Evangelium und Wort Gottes, welches empfan­gen wird, inwendig im Herzen vor Gott durch den Glauben. Zum anderen, äußerlich durch die Werke, davon 2. Petrus 1,10 sagt, da er von guten Werken lehrt:“ lieben Brüder, tut Fleiß, euren Beruf und Erwählung fest zu machen“. Da will er, dass wir solches sollen gewiss machen, dass wir den Glauben und Vergebung der Sünde haben, das ist, dass wir beweisen die Werke, dass man den Baum an den Früchten spüre, und offenbar werde, dass es ein guter und nicht ein fauler Baum sei. Denn wo ein rechter Glaube ist, da folgen gewisslich auch gute Werke. Also ist ein Mensch beide, auswendig und inwendig, fromm und gerecht, beide vor Gott und den Leuten. Denn das ist die Folge und Frucht, damit ich mich und andere gewiss mache, dass ich recht glaube, welches ich sonst nicht wissen noch sehen könnte.

Also ist hier auch die äußerliche Vergebung, so ich mit der Tat erzeige, ein gewisses Zeichen, dass ich Vergebung der Sünde bei Gott habe. Wiederum, wo sich solches nicht erzeigt gegen den Nächsten, so habe ich ein gewisses Zeichen, dass sich auch nicht Vergebung der Sünde bei Gott haben, sondern stecken noch im Unglauben. Siehe, da es zweierlei Vergebung; eine inwendig im Herzen, die allein an Gottes Wort hängt; und auswendig, die herausbricht, und uns gewiss macht, dass wir die innerliche haben.

Also unterscheiden wir die Werke vom Glauben, als eine innerliche und äußerliche Gerechtig­keit, aber also, dass die innerliche zuvor da sei, als der Stamm und die Wurzel, daraus die guten Werke, als Früchte, wachsen müssen; die äußerliche aber ein Zeuge derselben, und, wie 2. Petrus 1,1) sagt, eine Versicherung, dass jene gewisslich da sei. Denn wer die innerliche Gerechtigkeit nicht hat, der tut der äußerlichen Werke keines. Wiederum, wo die äußerlichen Zeichen und beweisen nicht ist, so kann ich jener nicht gewiss sein, sondern beide, mich und andere, betrügen. Wenn ich aber sehe und fühle, dass ich gerne dem Nächsten vergebe, so kann ich schließen und sagen: das Werk tue ich von Natur nicht, sondern fühlen nicht durch Gottes Gnade anders, denn zuvor.

Das sei kurz wider der Sophisten Geschwätz geantwortet, das ist aber auch wahr, dass dies Werk, wie er es hier nennt, nicht bloß ein Werk ist, wie andere, so wir von uns selbst tun, denn es ist auch des Glaubens nicht dabei vergessen. Denn er nimmt solch ein Werk und stellt eine Verheißung dazu, dass man es mit guten kehren möchte ein Sakrament nennen, den Glauben dadurch zu stärken. Gleich als, die Taufe ist auch wohl ein Werk anzusehen, dass ich tue, der ich Taufe oder mich taufen lasse, aber weil Gottes Wort dabei ist, ist es nicht ein schlechtes Werk, als das für sich selbst etwas gelte oder schaffe, sondern ein göttliches Wort und Zeichen, daran sich der Glaube hängt. Also auch, unser Gebet, als unser Werk, würde nichts gelten noch schaffen; aber das tut es, dass es geht in seinem Gebot und Verheißung, dass es auch wohl mag ein Sakrament, und mehr ein göttlich, denn unser Werk geachtet werden.

Das rede ich darum, dass die Sophisten allein die Werke, so wir tun, bloß so ansehen, ohne Gottes Wort und Verheißung. Darum, wenn sie solche Sprüche hören und lesen, so auf die Werke gehen, müssen sie wohl sagen, dass der Mensch durch sein tun solches verdiene. Die Schrift aber lehrt uns also: dass wir nicht auf uns, sondern auf Gottes Wort und Verheißung sehen sollen, und daran mit dem Glauben haften, dass, wenn du ein Werk aus dem Wort und Verheißung tust, so hast du ein gewisses Wahrzeichen, dass dir Gott gnädig ist, also, dass dein Eigen Werk, das Gott nun zu sich genommen hat, soll dir ein gewisses Zeichen sein der Ver­gebung.

Nun hat uns Gott mancherlei Weise, Weg und Steg vorgestellt, dadurch wir die Gnade und Vergebung der Sünde ergreifen, als, erstlich, die Taufe und Sakrament, also (wie jetzt gesagt), das Gebet, also, die Absolution, und hier unsere Vergebung, dass Wege reichlich versorgt wären, und immer Gnade und Barmherzigkeit finden könnten. Denn wo wolltest du sie näher suchen, denn bei deinem Nächsten, bei dem du täglich lebst, und auch täglich Ursache genug hast, solche Vergebung zu üben? (Denn es kann nicht fehlen, dass du nicht solltest viel und oft beleidigt werden) also, dass wir nicht allein in der Kirche oder bei dem Priester, sondern in unserem Leben ein klägliches Sakrament oder Taufe haben, ein Bruder am anderen, und ein jeglicher daheim in seinem Hause. Denn wenn du die Verheißung durch dies Werk ergreift, so hast du eben das, dass du in der Taufe überkommst. Wie könnte uns nun Gott reichlicher be­gnaden, denn dass er und so eine gemeine Taufe an den Hals hängt und ins Vater Unser bin­det, die ein jeglicher an ihm selbst findet, wenn er betet und seinen Nächsten vergibt? Dass ja niemand Ursache hat zu klagen oder sich zu entschuldigen, er könne nicht dazu kommen, und sei ihm zu hoch und sofern, oder zu schwer und teuer, weil es ihm und seinem Nächsten vor die Tür gebracht, ja, in den Busen gelegt wird.

Siehe, wenn du es also nicht nach dem Werk an ihm selbst, sondern nach dem Wort, so daran geheftet ist, ansiehst, so findest du darin einen trefflichen, köstlichen Schatz, dass es jetzt nicht mehr dein Werk, sondern ein göttliches Sakrament ist; und mit mächtigen großen Trost, dass du zu der Gnade kommst, das du deinen Nächsten vergeben kannst, ob du gleich zur anderen Sakramente nicht kommen könntest. Das sollte dich bewegen, dass du solch ein Werk von Herzen gerne betest, und Gott dazu Dankes, dass du solcher Gnaden wert bist; solltest du doch bis an das Ende der Welt danach laufen, und all dein Gut darum verzehren; wie wir zu­vor um den erdichteten Ablass getan haben. Wer nun das nicht will annehmen, der muss ein schändlicher, verfluchter Mensch sein, besonders, wo er solche Gnade hört und erkennt, und dennoch so halsstarrig bleibt, dass er nicht will vergeben, damit er beide, Taufe und Sakra­ment, und alle andere (Gnade) auf einmal verliert. Denn sie sind alle aneinander gebunden, dass, wer eines hat, der soll sie alle haben, oder keines behalten. Denn wer getauft ist, soll auch das Sakrament empfangen; und wer das Sakrament empfängt, muss auch beten; und wer da betet, auch vergeben. Vergibst du aber nicht, so hast du hier ein schreckliches Urteil, dass dir deine Sünden auch nicht sollen vergeben sein, ob du gleich mit unter die Christen bist und der Sakramente und andere Güter mit genießt, sondern sollen dir nur desto schädlicher und verdammlicher sein.

Und auf das uns Christus desto mehr dazu reize, hat er auch feiner, freundlicher Worte ge­braucht, dass er also spricht: „wenn ihr den Menschen ihre Fehler vergebet“, sagt nicht, ihre Bosheit und Büberei, oder Mutwillen und Frevel. Denn ein Fehler heißt er eine solche Sünde, die mehr aus Gebrechlichkeit oder Unwissenheit geschieht denn aus Bosheit. Warum tut er das, dass er des Nächsten Sünde so verringert und verkleinert, so wir doch oft sehen, dass mancher vorsätzlich, aus lauter Frevel und bösem Willen sündigt? Darum tut er es, dass er dir deinen Zorn legen will, und dich erweichen, gerne zu vergeben, und sieht mehr darauf, dass er dann Herz süß und freundlich mache, denn dass er die Sünde so mache, wie sie an mir selbst ist.

Denn vor Gott ist und soll sie so groß sein, dass sie der ewigen Verdammnis wert ist, und den Himmel zu schließt, ob es gleich eine geringe Sünde, und nur ein Gebrechen ist, wo er es nicht erkennt oder dir abbittet. Aber von mir und dir will er die Sünde nicht so angesehen haben, als dem nicht gebührt die Sünden zu strafen, sondern zu vergeben; dass du also denkst: obgleich dein Nächster aus Bosheit wider dich getan hat, so ist er dennoch verirrt, gefangen, und verblendet vom Teufel. Darum sollst du so fromm sein, und dich sein vielmehr Erbarmen, als der vom Teufel überwältigt ist, dass es wohl des Teufels wegen, der ihm solches ein gibt, eine große, und vergebliche Sünde ist, aber des Menschen wegen ein Fehler und Gebrechen heiße. Wie Christus auch selbst gegen uns getan hat, als er am Kreuz gebeten hat:“ Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23,34). Das ist ja unsere Sünde klein und gering gemacht, welche doch an ihr selbst die allergrößten ist, so je auf Erden geschehen ist, denn was kann Größeres gesündigt werden, denn dass man Gott seinen einigen Sohn auf das allerschändlichste martert und tötet?

Doch musst du solchen Fehler und Gebrechen so deuten, dass es der Nächste, so wider dich gesündigt, erkenne, und Vergebung begehre, und sich bessern wolle. Denn ich habe sonst gesagt, dass zweierlei Sünde ist; eine, die man bekennt, die soll niemand unvergeben lassen, die andere die man verteidigt; die kann niemand vergeben, denn sie will nicht Sünde sein, noch die Vergebung empfangen. Darum auch Christus in Matthäus 18,18, da er vom Verge­ben oder Schlüssel redet, jetzt er beide Stücke beieinander, Lösen und Binden, anzuzeigen, dass man die Sünde, die man nicht lassen will Sünde sein noch vergeben haben, nicht lösen kann, sondern binden soll in den Abgrund der Hölle; aber wiederum, die man bekennt, soll man lösen und in den Himmel heben.

Wie es nun zugeht im Amt der Schlüssel, so geht es auch mit einem jeglichen Christen gegen dem Nächsten. Welcher, ob er wohl soll bereit sein, jedermann zu vergeben, der hat ihm leid tut doch, wo der, so ihn verletzt hat, die Sünde nicht will erkennen noch ablassen, sondern weitermachen, so kannst du ihm nicht vergeben; nicht deiner, sondern seiner selbst wegen, weil er die Vergebung nicht haben will. Wenn er sich aber schuldig gibt und Vergebung begehrt, so soll es alles geschenkt sein, und die Absolution schnell darauf folgen. Denn weil er sich selbst straft, und die Sünde fallen lässt, dass keine Sünde mehr bei ihm bleibt, so soll ich sie vielmehr wegfallen lassen, wo er sie aber selbst hält, und nicht will fallen lassen, so kann ich sie nicht von ihm nehmen, sondern muss ihn lassen darin stecken, als der ihm selbst aus vergeblicher Sünde eine und vergebliche macht. In der Summe, wo er sich nicht erkennen will, soll man sein Gewissen auf das höchste beschweren, und keine Gnade erzeigen, als der da will mutwillig des Teufels eigen sein. Wiederum, wo er die Sünde bekennt, und dir abbit­tet, und du ihm nicht vergibst, so hast du sie auf dich geladen, dass sie auch dich verdammt.

Also will auch Christus die Sünde bekannt haben, damit, dass er sie dennoch einen Fehler heißt. Will nicht leugnen, dass es unrecht ist, noch dir auflegen, dass du es sollst billigen als recht getan, sondern nicht lassen recht noch gut sein; doch wenn es dazu kommt, dass es eine vergebliche Sünde geworden ist, und so gering, dass sie nicht ein Fehler heißt. Das du also zum Nächsten sagst: ob ich es wohl nicht loben kann, und ist ja unrecht; aber doch weil du dich erkennt, und dein Herz nun anders ist, und nichts Böses wider mich hat, so will ich es gerne lassen geschenkt sein, als einen Fehler und versehen, und allen Zorn vergessen.

Wenn du nun so gegen dem Nächsten gesinnt bist, so wird sich Gott auch wieder gegen dir also erzeigen mit solchen süßen, freundlichen Herzen, und deine große, schwere Sünde, so du wieder ihn getan und noch tust, auch so gering machen, dass er es nur einen Fehler heiße, wo du sie erkennst und um Vergebung bittest, als der mehr geneigt ist zu vergeben, denn wir uns selbst zu ihm versehen können. Nun solltest du ein solches Herz Gott abkaufen mit deinem Leib und Leben, und danach laufen bis an der Welt Ende; wie man unter dem Papsttum danach gelaufen ist, und sich mit so mancherlei Werken darum zermartert hat. Nun wird dir hier solches Herz angeboten, und lauter umsonst vorgetragen und geschenkt, gleichwie die Taufe, Evangelium und alle seine Güter; und kriegst mehr, denn du mit allen deinen und aller Menschen Werk erlangen möchtest. Denn da hast du die gewisse Verheißung, die der nicht lügt noch betrügt, dass alle deine Sünden, wie viel um Sie sind, sollen vor ihm so gering sein als menschliche, tägliche Gebrechen, die er nicht rechnen noch gedenken will, sofern du den glauben an Christum hast. Denn genau wie andere Sakramente herkommen und gehen durch den Herrn Christum, denn gleich wie andere Sakramente her vorkommen und gehen durch den Herrn Christum, also auch, dass unser Gebet erhört wird und wir gewisse Vergebung haben; dass wir es nicht verdient, sondern alles durch ihn erworben und uns geschenkt ist, dass er immer der einige Mittler bleibe, durch welchen wir alles haben, dass auch die Verhei­ßung, auf dies Werk gestellt, allein durch ihn gelte.

So siehst du nun, warum Christus diesen Zusatz zu dem Gebet getan hat, dass er damit uns hier fest zusammenbinde, und seine Christenheit behalte in der Einigkeit des Geistes, beide im Glauben und Liebe, dass wir uns um keiner Sünde noch Gebrechen willen lassen trennen, damit wir nicht Glauben und alles verlieren. Denn es kann nicht anders zu gehen, es müssen viel Anstöße unter uns täglich vorfallen in allen Ständen und Handel, da man gegen einander redet und tut, dass man nicht gerne hört und leidet, und Ursache gibt zu Zorn und Zwietracht. Denn wir haben noch Fleisch und Blut an uns, das tut, wie seine Art ist, und lässt ihm leicht­lich fahren ein böses Wort, oder zorniges Zeichen und Werk, damit die Liebe verletzt wird; also, dass doch eitel Vergebung sein muss und gehen bei den Christen; wie wir auch bei Gott ohne Unterlass Vergebung bedürfen, und uns immer müssen zu dem Gebet halten: Vergib uns, wie wir vergeben. Ohne, dass wir so heillose Leute sind, dass wir immer eher einen Splitter in das Nächsten Auge sehen, denn den Balken in unserem Auge, und unsere Sünde auf den Rücken werfen. Denn, sollten wir uns selbst täglich ansehen vom Morgen bis zum Haben, so würden wir wohl soviel an uns finden, dass wir der anderen vergessen, und froh würden, dass wir zu dem Gebet kommen könnten.

Aus Martin Luthers Wochenpredigten über Matthäus 5-7, 1530/32

WA 32, 413,11-427,40.

Hier der Text als pdf.

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