„Wo ist Jesus Christus?“ Karl Barth über das ABC des christlichen Glaubens

Matthias Grünewald
Matthias Grünewald, Auferstehung Jesu, Isenheimer Altar (um 1513, Colmar, Museum Unterlinden)

Von Karl Barth stammt folgender Text aus dem Jahr 1961, der zu Weihnachten geschrieben worden ist und dabei die Osterbotschaft zur Sprache bringt:

Wo ist Jesus Christus?

Von Karl Barth

Er ist auferstanden. Er lebt und waltet «zur Rechten Gottes des Vaters», d.h. genau dort, in eben der Höhe, von der aus die Welt im Großen wie im Kleinen regiert wird: Er, Derselbe, der in Bethlehem geboren wurde und am Kreuz auf Golgatha gestorben ist — Er, der Herr und Erretter, das eine ganze Werk und Wort des Gottes, der die Welt geliebt hat, liebt und lieben wird [vgl. Joh. 3, 16] — Er, eines jeden Menschen Bruder und Fürsprecher. Ihm ist alle Gewalt gegeben [vgl. Mt. 28, 18].

So das christliche Glaubensbekenntnis. Es ist nicht nur ein beiläufiger Trost und nicht nur eine zusätzliche Hoffnung, zu wissen, daß Er dort ist. Das ist vielmehr das ABC des christ­lichen Glaubens. Und eben wo man dieses ABC kennt und übt — wo man also glaubt und weiß, daß Jesus Christus dort ist, da ist er selbst nicht nur dort, sondern auch hier, mitten unter uns. Zu denen, die das in der Macht des Heiligen Geistes glauben und wissen dürfen, ist ja gesagt: «Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende» [Mt. 28, 20].

Sind wir Christen Solche, denen es in der Macht des Heiligen Geistes gegeben ist, das zu glauben und zu wissen? Wären wir es, dann könnte die Antwort auf unsere Frage einfach sein: Jesus Christus ist überall da, wo Christen sind. Wenn es doch bei dieser Antwort sein Bewen­den haben dürfte! Wenn es doch die Menschen einfach sehen und merken müßten: wo Chri­sten sind, da ist Jesus Christus selber und also Licht, Liebe, Leben für sie alle!

Aber eben: es gibt auch in uns Christen so viel hochmütigen, faulen und dummen Widerstand gegen den Heiligen Geist. Es gibt darum so viel angeblich christliches, in Wirklichkeit totes Glauben und Wissen, angesichts dessen kein Mensch auf den Gedanken kommen kann, daß Jesus Christus auferstanden, zur Rechten Gottes ist und wie dort, so für die ganze Welt auch hier ist. Vielleicht bitten wir Christen viel zu wenig um die Gabe des Heiligen Geistes. Viel­leicht halten wir uns darum selbst nicht — oder nur mit halbem Herzen — daran, daß Jesus Christus auferstanden ist und lebt. Vielleicht haben wir darum so wenig Freudigkeit und Kraft, den Anderen zu zeigen, wo er zu suchen und zu finden ist: in welcher Höhe und in welcher Tiefe.

Das ist sicher, daß wir Christen immer im Unrecht sind, wenn wir uns über den Unglauben, die Unwissenheit, die Unart der Welt beklagen. «Gebt ihr ihnen zu essen!» [Mk. 6, 37]. In der Umgebung von zehn, ja von fünf, ja eines einzigen in aller Unvollkommenheit aufrichtigen Christen pflegt die Frage: Wo ist Jesus Christus? von selbst zu verstummen oder doch leise zu werden.

Hier der Text als pdf.

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