Hans Joachim Iwand über das Blut Christi: „Durch das Blut ist der Tod Jesu auf uns bezogen, sind wir »besprengt«, getauft, gereinigt“

Blut

Da werden systematische Theologen schmallippig, wenn die Rede auf das Blut Jesu Christi fällt. Anders Hans Joachim Iwand in seinem RGG-Artikel von 1957:

Blut Christi (dogmatisch)

Von Hans Joachim Iwand

An entscheidenden Stellen der neutestamentlichen Versöhnungslehre begegnet die Aussage vom »Blut Christi«. Nicht daß sich im Neuen Testament eine entfaltete Lehre über dessen Bedeutung beim Heilswerk Christi findet – theologisch-systematische Spekulationen darüber sind erst seit dem Mittelalter im Abendland zu verzeichnen – aber der Begriff Blut Christi nimmt im Neuen Testament unzweifelhaft eine zentrale Stellung ein. Daß wir dabei die Spra­che und Denkformen des alttestamentlichen Opferkultes antreffen, wird niemand bezweifeln. Mit dem Tode Jesu ist die Substanz dieses kultischen Denkens im Innersten verwandelt. In Jesus Christus ereignet sich das, und zwar in einem irdisch-menschlichen Geschehen, worauf jenes kultische Handeln so lange hinwies. Jetzt gewinnen die Begriffe des alttestamentlichen Kultes ihre rechte, d. h. der Sache und dem Tun Gottes entsprechende Verwendung. Jetzt geht das Hohepriestertum von uns Menschen auf den einen Menschen über, in dem Gott versöh­nend und erlösend mit dem Menschengeschlecht handelt. Jetzt haben diese Begriffe nicht mehr nur symbolische Bedeutung, sondern sind mit letzter Realität erfüllt, so daß im Blick auf Gott und sein Handeln Begriff und Sache sich decken. Wenn vor einem halben Jahrhundert P. Fiebig noch den Satz schreiben konnte: »Als eine Tat sittlich-religiöser Aufopferung ist uns Jesu Tod verständlich, als kultisches Opfer wertlos, weil unsere Religion keine kultischen Opfer bringt«, so ließ er sich dabei von einem Religionsbegriff leiten, der im Blick auf das Ganze der neutestamentlichen Versöhnungslehre kaum gerechtfertigt war. Hier wurde aus dem »zur Sühne hingegebenen Leben« (H. Cremer), das als solches im Heilsplan Gottes ge­lebt und in den Tod gegeben wurde, eine sittliche Leistung, die wir nach unseren allgemeinen ethischen Maßstäben messen, vielleicht auch als vorbildlich erachten. Aber dies Werturteil geht von uns aus. Es ist bezeichnend, daß die Redeweise vom Blut Christi einen solchen Rah­men sprengt. Natürlich gehört sie in den Zusammenhang mit dem Tode Jesu hinein, aber sie ordnet diesen Tod anders ein, macht ihn anders wirksam, als es jenes Schema der sittlich-reli­giösen Aufopferung tut. Von dort aus gesehen ist Blut Christi meist synonym für den Tod Jesu gebraucht. Das dürfte aber die Sache allzusehr vereinfachen. Man kann an den meisten der obengenannten Stellen nicht Blut Christi mit Tod vertauschen. Blut Christi bedeutet mehr. Es hebt die enge Beziehung hervor, die zwischen dem Tod Jesu und seinem Leben und Sieg in der Auferstehung und Erhöhung besteht. Er selbst, Jesus Christus, waltet als der Herr seines Werkes. Weil er als der sich für uns opfernde Herr und Richter vor Gott steht (vgl. Hebr 9,14), vermag sein Blut die Gläubigen in deren Sein vor Gott, d. h. in ihrem Gewissen, zu reini­gen. So hoch und so tief reicht das Blut Christi. Es schreit – anders als das Blut Abels, der auch unschuldig starb – »Barmherzigkeit« (vgl. J. A. Rothes: »Ich habe nun den Grund gefunden« Strophe 4); es hat seinen Platz im Himmel, »es verwest nicht« (Zinzendorf), und doch macht es zugleich »uns rein von aller Sünde« und »rechtfertigt uns jetzt schon« (Röm 5,9). Das Blut Christi nimmt teil an der Erniedrigung und Erhöhung Jesu Christi selbst. Auf der einen Seite erinnert uns dieses Wort daran, daß wir teuer erkauft sind, wer der war, der das Lösegeld bezahlte, und worin es bestand. Auf der anderen Seite sind wir im Glauben durch den in seinem Blut geschlossenen Bund der Sünde und dem Tod für immer entnommen. Das Blut Christi umschließt die Wirkung des Todes und der Auferstehung. Es weist auf jene Mitte, wo Tod und Leben in Jesus Christus wie auch in uns in eins greifen. Insofern der Tod Jesu als Aktion Gottes mitten im Reich des Todes und der Sünde zu verstehen ist, hält die Re­deweise vom Blut Christi dieses Von-ihm-selbst-her-wirksam-Sein des Todes Jesu auf­recht. Das Blut Christi reinigt, versöhnt, in ihm liegt die ganze Aktivität des Werkes Christi. Durch das Blut ist der Tod Jesu auf uns bezogen, sind wir »besprengt«, getauft, gereinigt. Darum wird man die Lehre vom Blut Christi nach zwei Seiten hin abgrenzen müssen. Einmal gegen­über denen, die den Tod Christi in einen rein gedanklichen Bedeutungszusammenhang auflö­sen (vgl. S. Eberhard), dann aber denen gegenüber, die aus dem Blut eine Sache für sich ma­chen (Bernhard von Clairvaux). Die Abtrennung des Blutes Christi von der Botschaft der Versöhnung, ja, die Hypostasierung des Blutes als einer materia coelestis, die dann auch zu dem Streit um die Reliquie dieses Blutes bzw. die gelegentliche Wandlung in Blutstropfen beim Abendmahlswein führte, löst das Werk Christi von dem Wirken seiner Person.

In der neueren protestantischen Theologie haben neben Paul Gerhard als Liederdichter vor allem Bengel und Zinzendorf die Lehre vom Blut Christi besonders entwickelt. Bengels Aus­führungen in seinem Gnomon zu Hebr 12, 24 sind noch heute mit Respekt zu lesen. Ent­schei­dend ist für ihn § 3: Sanguis ille etiam in statu effusionis ab omni corruptione inde­libatus est. Vgl. dazu Luther, WA 52, 816: Also lebt und fließt das Blut unseres lieben Herrn Christi noch immerdar, es ist nicht gestocket noch kalt. Geistesorganisch will J. T. Beck das Blut Christi verstanden wissen, biblisch gegründeter Menken; als Bezeichnung für das »voll­zogene, dar­gebrachte Opfer« nimmt es H. Cremer; ähnlich versteht M. Kähler »Blut Christi« im Hebräer­brief analog zu dem »geschlachteten Lamm« der Apokalypse und dem »Wort vom Kreuz« des Paulus. Weitgehend dogmatisch entwickelt ist die Bedeutung des Blutes bei Th. Jellinghaus. Zu erinnern ist auch an die Symbole von Blut und Feuer auf der Fahne der Heils­armee. Vor einer solchen Bluttheologie warnen schon die letters of preaching von J. Wesley.

Literatur: Außer den reichen Zitaten in BENGELS Gnomon: G. MENKEN, Homilien über das 9. u. 10. Kapitel an die Hebräer, 1831 – J. T. BECK, Christliche Lehrwissenschaft, (1841) 18752, 624 – H. CREMER, Bibl.- theol. WB, 1898 – M. KÄHLER, Dogmatische Zeitfragen H. 2: Zur Lehre von der Versöhnung, 1898, bes. 304 ff. – TH. JELLINGHAUS, Das völlige gegenwär­tige Heil, 1903 – P. FIEBIG, Jesu Blut ein Geheimnis, 1906 – F. W. FABER, Das kostbare Blut, 19204 – S. EBERHARD, Kreuzes-Theologie (Zinzendorf), 1937 – BARTH, KD IV/1, 305 ff.

RGG3, Bd. 1 (1957), Sp. 1330f.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s