„Das Wort vom Kreuz bewirkt einen Bruch, der schärfer und tiefer nicht gedacht werden kann“ – Oswald Bayers Artikel über das Kreuz aus der TRE

Schlüsselkreuz

Das „Wort vom Kreuz“ (I Kor 1,18) ist so wenig selbstverständlich, daß es sich nur aus sich selbst heraus zu verstehen gibt – freilich nicht ohne Bezug zur „Weisheit der Welt“ (I Kor 1,20). Jedoch: Wie sich an einem Brückenpfeiler das Wasser nach der einen oder nach der anderen Seite hin teilt, ist das Wort vom Kreuz den einen Torheit, den anderen Weisheit. Es rettet die einen und läßt die anderen verloren sein; es ist den einen zum ewigen Leben, den anderen zum ewigen Tod (II Kor 2,15f) – uns zur Aufklärung, den anderen zu bleibender Verblendung (II Kor 4,3f). Aus dieser Binnenperspektive, die Paulus einnimmt, läßt sich nicht heraustreten. Verstehen und Mißverstehen, Glaube und Unglau­be, lassen sich nicht etwa auf einen dritten Ort hin beziehen oder von ihm aus verständlich machen.

Im Verstehen geschieht eine Veränderung. Mit dem geistgewirkten (I Kor 2,6-16) Verstehen des Wortes vom Kreuz unlöslich verbunden ist eine Lebenswende – wie die des Paulus. Der Mensch, der in der Erfüllung des Gesetzes sein Heil sucht, aufgrund seines gerechten Han­delns bestehen und damit aus sich selbst sein will, wird zu Boden geworfen (Act 9; 22; 26) und zerbrochen (Phil 3,1-11). Seinem Identitätsverlangen, das er auf moralische und meta­physische Weise zu befriedigen strebt, wird gründlich widerspro­chen. Über den Bruch hin­weg vermag er keine Kontinuität zu stiften; kraft seiner bisherigen Welt- und Selbster­fahrung vermag er eine Kontinuität nicht einmal zu erkennen. Er wird vielmehr neu geschaf­fen und hat seine Identität bleibend außerhalb seiner, in einem Anderen, Fremden: in dem, der in einem wundersamen Wechsel und Tausch menschlicher Sünde und göttlicher Gerechtigkeit an seine Stelle getreten ist (Gal 2,19 f; vgl. II Kor 5,21). Mit diesem Ereignis des stellver­tre­tenden Sühnetodes Jesu Christi ist ein „Kanon“ (Gal 6,16: unmittelbar auf 6,14f bezogen) der Wahrheit (Gal 2,5.14; 5,7) gegeben, von dem aus sich die Theologie zu jeder Substanz- und Subjektphilosophie, da diese ein exzentrisches Sein nicht zu denken erlaubt, nur kritisch ver­halten kann.

Das Wort vom Kreuz bewirkt einen Bruch, der schärfer und tiefer nicht gedacht werden kann. Er betrifft nicht nur die heidnische Geschichte, sondern auch die jüdische (Gal 3,13) und mit Juden und Heiden die Geschichte aller Menschen (Gal 3,22; Röm 11,32). Sofern die Weltge­schichte Kampf um gegenseitige Anerkennung im Willen zur Selbstrechtfertigung ist, erleidet sie mit der Kreuzigung Jesu ihr definitives Ende (Röm 10,4; vgl. Am 8,2) – was sich freilich nur im Widerspruch zur geschichtlichen Erfahrung bekennen läßt. Jesu Kreuzigung betrifft nicht nur die Weltgeschichte. Mit der Sonnenfinsternis (Mk 15,33; vgl. Am 8,9) betrifft sie zugleich die Weite der ganzen Schöpfung (vgl. EKG 63,2; 72,3.5); durch sie wird die Schöpfung – erst und schon – vollendet (Joh 19,30; vgl. Gen 2,1f).

Nur durch solches Ende und Gericht über alles Fleisch, das sich „rühmen“ (Gal 6,13) will und sich selbst zu rechtfertigen „begehrt“ (Röm 7,7), hindurch geschieht „neue Schöpfung“ (II Kor 5,17). In ihr nimmt der Mensch sein Leben wieder als unverdient (Gal 6,15) gewährt wahr und lobt, angesichts solcher creatio ex nihilo (vgl. Röm 4,5.17) über sich und die Welt staunend, ihren Schöpfer und Richter: Röm 11,33-36.

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