Iwands Predigt über Jesaja 40,26-31 von 1941: „Über ihm flattern wie graue Vögel der Nacht die häßlichen Fragen: Wozu, warum, warum gerade ich, warum hat mir das Le­ben nicht gehalten, was ich glaubte?“

Wilhelm Groß - Jesaja 2. Der heilige Same
Wilhelm Groß – Der heilige Same (Jesaja)

Predigt über Jesaja 40,26-31

Von Hans Joachim Iwand

Hebet eure Augen in die Höhe und sehet! Wer hat solche Dinge geschaffen und führt ihr Heer bei der Zahl heraus? Er ruft sie alle mit Namen; sein Vermögen und seine starke Kraft ist so groß, daß es nicht an einem fehlen kann. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber? Weißt du nicht? hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt; sein Ver­stand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Die Knaben werden müde und matt, und die Jünglinge fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffah­ren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden. (Jesaja 40,26-31)

1. «Hebet eure Augen in die Höhe …» — sehen wir die Men­schen nicht geradezu vor uns, an die diese Botschaft ergeht? Men­schen, deren Augen gehalten sind von all dem Unbegreifli­chen und Niederziehenden, das sich hier auf Erden abspielt. Dann hört der Himmel auf, für uns da zu sein, und nur noch die Erde ist hier und das Geschehen, das sich auf Erden abspielt. Und wir suchen nach einem Schlüssel, nach einer Formel, dieses Geschehen zu ent­rätseln, aber es ist wie ein Labyrinth. Je tiefer wir eindringen, desto abgründiger und verworrener das Ganze. Kennen wir solche Men­schen nicht, deren Augen gehalten sind? Der Herr Christus sagt einmal: Das Auge ist des Leibes Licht; er wollte damit sagen, daß der Mensch nicht nur mit seinen Augen heraustritt in die ihn um­gebende Welt, sondern daß auch durch das Auge die Welt eine Tür hat ins Innere, ins Herz des Menschen. Was kann alles durch das Auge in uns eindringen und uns binden. Was für ein Kampf und Streit, wenn das Ohr das Gegenteil von dem in uns einläßt, was das Auge sieht. Was für ein Kampf, wenn das Wort und das Ge­sicht beide darum streiten, das Herz des Menschen zu gewinnen. Wenn die Wirklichkeit, von der das Wort redet, kein anderes Zeugnis und Zeichen hat als das Wort, und wenn sie dem Auge so tief verborgen bleibt, daß unser Auge nur immer jene andere Wirk­lichkeit sieht, die das Wort Lügen straft.

Und ich denke, wir alle kennen dieses Verlorensein und dieses Sich-verlaufen-haben im Laby­rinth des Lebens. Vielleicht ist da einer, der kommt von seiner eigenen Lebensführung nicht mehr los; er hat an sich geglaubt und dieser Glaube hat nicht gehalten; er ist von sich selbst enttäuscht, was sein Auge sieht, das hat ihm die Achtung vor sich selbst genommen. Oder er hat an einen ande­ren geglaubt, und der andere hat ihn betrogen; sein Leben ist dar­über in Unordnung geraten, er bekommt seine Augen gar nicht weg von seinem zerbrochenen Glück. Oder er hat auf Gott vertraut und ist fröhlich und zuversichtlich in die Bahn des Le­bens ge­schritten; nun hält das Leben ihm nicht, was es versprach, er schleppt sich nur noch wie ein Mann den Weg entlang, der tief, tief ermattet ist. Und über ihm flattern wie graue Vögel der Nacht die häßlichen Fragen: Wozu, warum, warum gerade ich, warum hat mir das Le­ben nicht gehalten, was ich glaubte? — und Stüde für Stück zieht die harte, böse Wirklich­keit in sein Herz mit all den häßlichen Namen, die sie sich dann gibt, ob das nun Geld ist, oder Essen und Trin­ken, oder Genuß, oder Selbstliebe; es ist so, als ob dann unter dem Hohnge­lächter der Hölle das ganze Heer aus der Tiefe Einzug hält in ein Herz, das einmal Gottes Tempel, Gottes Wohnung, das ein­mal erleuchtet war von dem großen kindlichen Vertrauen. Damals lebte er aus dem Wort, heute ist alles totenstill, nur die garstigen Bilder dessen, was wir sehen, sind da aufgestellt, wie Götzen, die unser Herz verwandeln in eine Stätte des Grau­ens und des Todes. Dann glauben wir nur noch, was wir sehen, dann erreicht kein Wort von oben mehr das Herz; die Welt, die gottlose, an sich selbst verlorene Welt hält die Tür von innen zu. Sie hat gesiegt, und das Wort hat verloren.

Es war eine grauenhafte Wirklichkeit, die die Augen der Leute bannte, an die der Prophet seinen Ruf richtet: das Volk Gottes war in die Gefangenschaft weggeführt, an den Wassern von Babylon saßen sie und weinten, dahin waren die Verheißungen Gottes, die Heiden herrschten über sie, Gott hatte verloren und die Heiden­götter hatten gewonnen. Wo war er nun, ihr unsichtbarer Gott? Das war doch etwas anderes, wenn man hier hineinzog zum Isch­tartor, und die Stadtgöttin thronte sichtbar und augenfällig über dem Ganzen! Hier war Macht, Sieg, Gelingen. Wo war der Gott, der sich einmal offenbart haben wollte im Wort, ach ja, Ägypten, aber das lag so weit zurück, ach ja, Elias, aber solche Propheten gibt es nicht mehr, was es nur noch gibt, ist das Ende, das Scheitern all dieser großen Pläne und Verheißungen, es ist jetzt die letzte Minute, sich darauf einzustellen, zu erkennen, daß die Zugehörigkeit zur Gemeinde Gottes nur Illusion gewesen ist, vielleicht eine fromme, verständliche Illusion, aber heute sind andere Götter da, die ver­ehrt sein wollen: die Götter, die man sehen und fühlen kann, mit denen man rechnen kann, die unsichtbare Welt ist enthüllt als Traum, von dem wir erlöst werden müssen: denn kennen wir das nicht auch, dieses Auseinanderbrechen von Wirk­lichkeit und Verheißung Gottes, dieses Eingefangenwerden der Kirche in die Gefangenschaft der Mächte dieser Welt, dieses schwach und schwächer Werden des Wortes und stark und stärker Werden des Gesichtes? Man spürt es direkt, wie das, was wir sehen, alles beherrscht, wie niemand mehr die Verheißung als Wirklichkeit nimmt, niemand mehr Gott als letzte blei­bende Wirklichkeit vernimmt, hört, glaubt und verkün­digt, sondern wie wir anfangen zu rechnen: Gott und die Wirklich­keit, bis uns die gottlose Wirklichkeit ganz hat, ganz, mit Haut und Haaren.

Dahinein heißt es nun: Hebet eure Augen in die Höhe und se­het. Reißt sie doch einmal los von dem, was euch hier so nahe und aufdringlich bezaubert, los von dem Auf und Ab der Wogen in der Tiefe, wenn die so seltsam aus Menschenwerk und Gottes Plan ge­mischte Weltgeschichte hier unten euch die Besinnung raubt, eine Wirklichkeit ist noch da, die auch dem Auge bezeugen könnte, was das Ohr vernimmt: ein Loblied Gottes steht noch unange­fochten über dem Ganzen: die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, und die Feste verkündigen seiner Hände Werk. Da ist noch Ordnung und Maß, da ist noch Geltung seiner Gesetze und seines Willens. Da wird Gott uns noch groß und der Mensch uns klein, «wer hat solche Dinge geschaffen und führt ihr Heer an der Zahl heraus?» Leuch­tet nicht so über unseren verdun­kelten Städten heute der Himmel, als predigte er uns von «seinem Vermögen» und «seiner Kraft»? Es ist schon ein deutlicher Unterschied, ob wir unsere Augen in die Höhe heben oder sie gefangen sein lassen von all dem, was sich vor ihnen abspielt. So will der Prophet uns ausrichten, daß wir unsere Augen nach oben richten, mitten hindurchbrechen, anfangen mit der Allgegenwart Gottes zu rechnen, wo wir auch gerade stehen mögen, denn das Labyrinth der Welt hat zwar keinen Ausgang nach vor oder nach hinten, aber von oben her leuchtet ein Zeugnis von Seiner Kraft und Seinem Vermögen bis hinein in die untersten Orte der Erde.

2. Von daher wird jetzt Gericht gehalten über all das laute oder auch heimliche Gerede, mit dem der Unglaube von uns Besitz er­greift. «Warum sprichst du: mein Weg ist dem Herrn verborgen? Mein Recht geht an meinem Gott vorüber.» Warum erdreistest du dich, Gott auch herabzuziehen in das Eintagsdasein, das du führst? Meinst du wirklich den Gott, der Himmel und Erde geschaffen, den ewigen Gott, wenn du solches redest? Meinst du wirklich, das, was hier und dir geschieht, sei ohne seinen Willen? Wie eine längst verklungene Erinnerung wird hier das Wort wieder lebendig, das uns so fremd geworden war: Weißt du nicht, hast du nicht ge­hört? Es gab eine Stunde, da erreichte dich ein Wort, und dieses Wort zeugte von dem öffentlich und kündlich, wovon stumm und allgegenwärtig des Himmels Heere singen: daß diese Welt einen Herrn hat, der nicht vergänglich ist wie alles, was er geschaffen hat, daß die Welt in den Händen des ewigen Gottes liegt, fest von ihm gelenkt und gehalten. Meinst du, Gott sei dahin, meinst du, er sei müde geworden, müde des Regimentes dieser Welt, müde, dich selbst zu führen und zu lenken? Oh nein, eher müßte die Zeit auf­hören, Blätter zu treiben an ihrem sich stets erneuernden Baum, ehe die Ewigkeit an ihr ermüden könnte. Eher müßte der Mensch las­sen von seinen Irrwegen und Widerspenstigkeiten, ehe er Gott matt machen könnte! Was für ein Wahn, zu meinen, die Zeit sei Herr ge­worden über die Ewigkeit! Oh nein, ganz recht haben die, die Gott ihre Sache anvertrauen, er wird das zerstoßene Rohr nicht zer­bre­chen, und den glimmenden Docht nicht löschen, er wird im Gegen­teil zu seiner Zeit seine Verheißungen wahr machen, dann wird er ein Ende machen der Gefangenschaft, dann werden die Blinden sehen und die Gefangenen aufstehen aus ihrer Finsternis.

Dahinter steht das Dritte: er gibt den Müden Kraft und Stärke. Das können wir einsehen, daß die Ewigkeit nicht ermattet über der Zeit, und Gott nicht müde wird über unser Tun. Aber hier wird ja noch viel mehr gesagt, hier wird gesagt, daß diese seine Kraft und Stärke unsere Kraft und Stärke wird und zwar gerade die Stärke dessen, der kein eigenes Vermögen und keine eigene Kraft hat. Hier wird das Geheimnis aufgedeckt und angerührt, das später einmal ein Apostel in die Worte fassen wird: wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Es ist so, als ob darin auch die Stärke der Kirche liegt, als ob es sagen wollte: wenn ihr heute in diese Gefan­gen­schaft geführt werdet, dann darum, daß ihr wißt, daß er eure Stärke ist und die innere Leidenschaft unseres Glaubens. Man könnte wohl sagen, ach, wenn das doch uns heute ge­schenkt würde, wenn doch daran die Not, in der wir heute stehen, wenn doch daran diese Not ihre Klärung und Erklärung fände, als ob Gott sagen wollte: sieh, nun nehme ich dir alles, ich nehme es dir, um zu Schwachheit meine Stärke zu leihen. Wenn Gott uns zerschlägt, dann tut er es darum, weil er ein Gefäß aus uns macht, das seine Stärke und seine Kraft aufnehmen kann. Gott handelt mit uns so, wie Luther sagt: wie ein Bildhauer, der mit Holz schnitzt und in­dem er von dem Holz wegschnitzt, fördert er das Bild, das er ha­ben will, so muß Gott viel wegnehmen, um das Bild zu fördern, was wir nicht sind, was er mit uns im Sinne hat. Also: hebet eure Augen in die Höhe, lernet von da, daß dennoch über dem ganzen Weltgeschehen die Ewigkeit und der ewige Gott regiert, und sein Verstand das Ganze in seinen Händen hält. Und nun zum Schluß dieses, daß seine Stärke und Macht nicht allein ihm gehören sollen, son­dern daß er kommt, den glimmenden Docht nicht zu löschen, daß er kommt und seine Arme ausbreitet und ruft: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig beladen seid, ich will euch er­quicken.

Wo das geschieht, daß Gottes Kraft unsere Kraft wird, da wird in Erfüllung gehen, was hier gesagt ist: die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.

Alles, was wir tun können, ist dieses, daß wir harren. Luther sagt: eine Harrende ist geworden meine Seele.

Daß wir unsere Hände ausstrecken, er wird sie ausfüllen zu seiner Zeit.

Gehalten am 11. Januar 1941 in der Marienkirche in Dortmund.

Hier die Predigt als pdf.

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