Luther in seiner Predigt über Matthäus 8,23-27 von 1531: „Christus ist noch im Schiff. Der Vernunft freilich erscheint’s, als sähe und hörte er Wetter, Wind und Meer nicht.“

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Rembrandt – Jesu und seine Jünger im Sturm auf dem See Genezareth (Federzeichnung, um 1645-1655)

Christus ist noch im Schiff! (aus einer Predigt über Mt 8,23-27)

Von Martin Luther

Hier ist eine Beschreibung der Person Christi. Matthäus beschreibt ihn, daß er schlafe. Es war ein natürlicher Schlaf und kam daher, daß er des Nachts so viel gebetet und gewacht hatte. So ist er auch müde geworden und hat drum am Tag geschlafen, während die andern wachten. Man soll Christus nicht ansehen als einen, der gute Tage hatte. Wenn alles von ihm aufge­schrieben wäre, würden wir manche starke Anfechtung lesen. »Ich bin elend und mir ist weh« [Ps.69,30] von meiner Jugend an, hat’s bei ihm geheißen. Er ist in großer Anfechtung dahin­gegangen, man hat ihn nichtviel lachen sehen. Gewißlich ist er manche Nacht ungeschlafen geblieben, wie auch David spricht [Ps.6,7]: ich netze mit meinen Tränen mein Lager.

Aber alles, was dieser Mann tut, dient dazu, daß wir den Glauben üben und bessern lernen, auch wenn Christus natürlicherweise schläft. Dazu dient es, wenn er schläft und sich stellt, als säh er uns nicht und wüßte unsre Anfechtungen nicht. Dennoch läßt er uns nicht außer Acht, denn er ist mit uns im Schiff. Hierher gehört auch das Sprichwort: Christus ist noch im Schiff. Der Vernunft freilich erscheint’s, als sähe und hörte er Wetter, Wind und Meer nicht. Derglei­chen geschieht auch jetzt, da die ganze Welt sich gegen uns stellt: der Kaiser und die Fürsten zu Augsburg sind jetzt nichts andres als was damals die Apostel erfahren haben. Da spricht auch die Vernunft: was sind wir gegen diese großen Fürsten? Sie trachten noch immer dar­nach, dies Schifflein umzustoßen. Wir fühlen ihre Wellen, Zorn und Macht wohl, vielleicht kommt auch der Teufel dazu. Da ist’s wie ich gesagt habe: was sollen wir tun? wir sitzen im Schiff und sehen nichts als den Tod vor Augen. Aber da muß man lernen: es hat noch keine Not, der Herr ist noch im Schiff, er schläft nur. Wenn er sich auch stellt, als säh er uns nicht, so müssen dennoch wir uns stellen, und glauben, daß er der Herr ist über Kaiser, Türken, Teu­fel und Papst und dem allem wehren kann.

Darnach findet jeder auch bei sich selber, wie der Satan sich einschleicht. Und dennoch bleibt’s still. Christus ist aber noch bei dir im Schiff, rufe nur zu ihm, so wird er dich hören. Man soll nicht gleich verzweifeln, wenn das Unglück angeht. Du mußt ein wenig herhalten und den Teufel ein wenig sausen lassen, damit du erkennen könntest, welche Macht der Glaube hat und wie er sich wehren kann, und wiederum auch, was für ein Gesell der freie Wille sei, wenn der Herr nicht hilft. Das heißt den Glauben gestärkt und geübt.

Quelle: WA 34 I, 132,5-133,16 (aus der Rörer- bzw. Lauterbach-Nachschrift der Predigt vom 29. 1. 1531)

Hier der Text als pdf.

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