Martin Luthers „Der 101. Psalm ausgelegt“ (vollständiger Text): „Dieser Psalm ist einer, der Gott lobt und dankt für den weltlichen Stand“

Ständebaum
Der Ständebaum (Holzschnitt aus Petrarcas Trostspiegel, Hans Weiditz, Frankfurt 1596, fol. 13)

Neben Psalm 82 und Psalm 127 ist der 101. Psalm für Luther ein biblischer Schlüsseltext für seine politische Ethik. Seine Auslegung leitet er mit folgenden Worten ein:

Dieser Psalm ist einer, der Gott lobt und dankt für den weltlichen Stand, wie der 127. und 128. und viele andere tun. Er hat sich immer [64] unter andern Psalmen in den Kirchen von den geistlichen Herren singen lasten, welche allein das heilige gelobte Volk Gottes und die Kirche sein wollten und doch gar nicht wußten noch verstanden, daß sie in diesen Psalmen mit dem Munde den Stand so hoch priesen, den sie täglich gar schmählich hielten und fast mit Füßen traten. Hätten sie solche Psalmen verstanden, so hätten sie sie, wie ich meine, ausge­lassen und nimmermehr gesungen, weil es ein ungereimt Ding ist, wenn weltlicher Stand von solchen heiligen Leuten öffentlich in der Kirche besungen und gepriesen wird. Sie hielten ihn schon allein darum für verächtlich gegenüber ihrem eigenen Stand, weil sie gerne sich selbst ganz allein als Herren auf Erden, alle andern Herren aber als Mönche gesehen hätten. Und wahrlich, sie habens bis heute fast zur Hälfte oder mehr erreicht, daß weltliche Herren ihr Amt vergaßen, sich der Kirche und Messe befleißigten, die Geistlichen aber sich ihres Prie­steramts entäußerten und dafür Jagd, Krieg und ganz weltlich Wesen trieben. Aber Gott hat diesen Psalm und seinesgleichen durch ihren Mund singen lassen, gleich wie er durch die Eselin mit Bileam redete (4. Mos. 22,28), wiewohl der törichte Prophet es nicht verstehen konnte.

Vielmehr aber ist dieser Psalm gegen die Rottengeister, welche damit große Heiligkeit vorge­ben, daß sie Haushalten, Ehestand, hohen und niedern Stand auf Erden verdammen. Denn er lehrt und tröstet Leute, die in solchen Ständen sind und sein müssen, und heißt sie nicht davonlaufen und alles liegen- und stehenlassen. Und besonders lehrt er die hohen Stände, bei denen man Hof und Hofgesinde halten muß. Darum setzt sich hier David, der ein König war und Hofgesinde halten mußte, selbst zum Exempel, wie ein frommer König oder Fürst auf sein Gesinde sehen soll. Ich bin freilich selbst zu Hofe unerfahren und weiß wenig, was für Tücke und List da regiert. Doch was ich vom andern gehört und gemerkt habe, will ich so gut ich kann beitragen und mich auch aus den Historien behelfen, um die Worte des Psalms desto deutlicher zu treffen und auszulegen.

Hier der vollständige Text von Luthers Auslegung des 101. Psalms als pdf.

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