Martin Buber: „Die Hoffnung für diese Stunde geht auf eine Erneuerung der dialogischen Unmittelbarkeit zwischen den Menschen“

Martin Buber1

Martin Bubers Ansprache vom 6. April 1952, die er in Carnegie Hall in New York gehalten hatte, ist immer noch lesenswert:

Hoffnung für diese Stunde. Eine Ansprache

Von Martin Buber

Wir fragen nach Hoffnung für diese Stunde. Damit ist gesagt, daß wir Fragenden diese Stunde nicht bloß als eine der schwersten Bedrängnis empfinden, sondern auch als eine, für die es keinen Ausblick in künftige wesensverschiedene Stunden, in eine Zeit der Helle und der Höhe zu geben scheint. Solch ein Ausblick ist es ja, den wir im spezifischen Sinne als Hoff­nung bezeichnen.

Unsere gemeinsame Frage hat aber nur dann einen großen gemein­samen Sinn und darf nur dann eine wegweisende Antwort erwarten, wenn es wirklich die große Not des Menschen in dieser Stunde ist, die wir ge­meinsam empfinden. Kämen hundert oder tausend Menschen zusammen, und jeder brächte die heutige Not seines eigenen Lebens, seine ganz per­sönliche Welt- und Lebensangst von heute, mit sich, und sie legten ihre Nöte zusammen, nie würde eine gemeinsame Not daraus, der ein echtes gemeinsames Fragen entsteigen könnte. Nur wenn allen Fragenden ihre persönliche Not die große Not des Menschen in dieser Stunde erschließt, können die Wasseradern der Not, zum Strom vereinigt, die stürmende Frage em­portreiben.

Es kommt aber wesentlich darauf an, daß wir die gemeinsame Not, die uns fühlbar wird, nicht in ihren äußeren Manifestationen allein, sondern in ihrem Ursprung und ihrer Tiefe erkennen. So wichtig es ist, daß wir das heutige Menschenleid gemeinsam leiden, wichtiger noch ist es, gemeinsam zu erspüren, woher es kommt, denn nur von dort, von dem Grunde her kann uns die wahre Hoffnung auf Heilung beschert werden.

Die Menschenwelt ist heute, wie nie zuvor, in zwei Lager aufgespalten, von denen jedes das andere als die leibhafte Falschheit und sich selber als die leibhafte Wahrheit versteht. Zwar haben oft in der Geschichte Völker­gruppen und Religionsverbände einander so radikal gegenübergestanden, daß die eine Seite die andere in deren innerster Existenz verneinte und verdammte. Jetzt aber ist es die menschliche Bevölkerung des Planeten Erde überhaupt, die sich so aufgeteilt hat, und mit seltenen Ausnahmen wird allerorten diese Aufteilung als die Notwendigkeit des Daseins in dieser Weltstunde angesehen. Wer sich ausnimmt, wird von beiden Seiten ver­dächtigt oder verlacht. Jede Seite hat das Sonnenlicht in Besitz genom­men und hat die Gegenseite in Nacht getaucht, und jede Seite fordert von dir, dich zwischen Tag und Nacht zu entscheiden.

Wir erfassen die Entstehung dieses grausamen und grotesken Zu­stands in den einfachsten Linien, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie die drei Prinzipien der Französischen Revolution auseinandergebrochen sind. Dort waren die Abstrakta Freiheit und Gleichheit durch die kon­kretere Brüderlichkeit zusammengehalten, denn nur wenn Menschen sich als Brüder fühlen, können sie einer echten Freiheit voneinander und einer echten Gleichheit miteinander teilhaf­tig werden. Als dem Losungswort der Brüderlichkeit sein Wirklichkeitsgehalt entzogen wur­de, konnte jedes der beiden übrigen sich gegen das andere etablieren, um dabei immer weiter von seiner Wahrheit abzukommen und sich immer gründlicher mit fremden Elementen, Ele­menten der Macht sucht und Besitzgier zu ver­mischen, gebläht und usurpatorisch.

In solchem Stand der Dinge ist der Mensch mehr als je geneigt, sein eignes Prinzip in dessen ursprünglicher Reinheit, das gegnerische hingegen in dessen gegenwärtiger Deteriorierung zu sehen, zumal wenn die Gewalten der Propaganda seine Instinkte bekräftigen, um ihn besser verwenden zu können. Der Mensch begnügt sich nicht mehr, wie in früheren Epochen, das eigne Prinzip für das allein wahre und das ihm gegenüberstehende für durchaus falsch zu halten, er ist überzeugt, daß es auf seiner Seite mit rechten Dingen zugehe, auf der Gegenseite mit unrechten, daß es ihm um die Erkenntnis und Verwirklichung des Richtigen zu tun sei, dem Gegner um die Maskierung seiner selbstsüchtigen Interessen; in der modernen Termino­logie ausgedrückt: daß bei ihm die Ideen, bei dem andern nur Ideologien seien. Von dieser Quelle wird das Mißtrauen gespeist, das zwi­schen den beiden Lagern herrscht.

Während des ersten Weltkriegs ist mir offenbar geworden, daß sich ein Prozeß vollzieht, den ich bisher nur geahnt halte: die zunehmende Er­schwerung des echten Gesprächs, und ganz besonders des echten Gesprächs zwischen Menschen verschiedener Art und Gesinnung. Der unmittelbare, rückhaltlose Dialog wird immer schwerer und seltener, immer unbarmher­ziger drohen die Abgründe zwischen Mensch und Mensch unüberbrückbar zu werden. Dies, so ging mir damals, vor 35 Jahren, auf, ist die eigentliche Schicksalsfrage der Menschheit. Seither habe ich unablässig darauf hin­gewiesen, daß die Zukunft des Menschen als Mensch von einer Wieder­geburt des Dialogs abhängt. Ich habe daher eine starke Genugtuung emp­funden, als ich vor kurzem die Worte las, in denen einer der nicht eben häufigen zuständigen Männer, Robert Hutchins, die Wichtigkeit und Mög­lichkeit einer Civilization of the Dialogue formulierte. “The essence of the Civilization of the Dialogue”, sagt Hutchins, “is communica­tion. The Civilization of the Dialogue presupposes mutual respect and understanding. It does not presuppose agreement.” Und weiter: “It is no good saying that the Civilization of the Dia­logue cannot arise when the other party will not talk. We have to find the way to induce him to talk.” Hutchins empfiehlt als Mittel dazu, Interesse und Verständnis für das zu zeigen, was der andere zu sagen hat. Aber für all dies besteht jedoch eine wesentliche Voraussetzung: es gilt, das massive Mißtrauen im andern zu überwinden, aber auch das in uns selbst. Ich mei­ne damit nicht das angestammte Urmißtrauen, etwa das gegen den Artfremden, den Unsteten, den Traditionslosen, das Mißtrauen des Bauern im abgelegenen Gehöft gegen den plötzlich vor ihm auftauchenden Landgänger. Ich meine das universale Mißtrauen unseres Zeitalters. Nichts steht dem Aufstieg einer Kultur des Dialogs so sehr im Wege wie die dämonische Macht, die unsere Welt regiert, die Dämonie des grundsätzlichen Mißtrauens. Was hilft es, den andern zum Reden zu bewegen, wenn man grundsätzlich im Sinne hat, dem was er sagen wird keinen Glauben zu schenken? Schon die Begegnung mit ihm vollzieht sich unter der Perspektive seiner Unzuverlässigkeit. Und diese Perspektive ist nicht unberechtigt; denn unter der entsprechenden Perspektive vollzieht sich ja seine Begegnung mit mir. Das grundsätzliche Mißtrauen, in die Er­scheinung tretend, erzeugt Grund zum Mißtrauen, und so fort und fort.

Es ist wichtig, deutlich wahrzunehmen, worin sich das spezifische moderne Mißtrauen von dem uralten, ja dem Menschenwesen anscheinend inhärenten unterscheidet, das in allen Kul­turen seine Zeichen hinterlassen hat. Immer hat es zahllose Situationen gegeben, wo ein Mensch im Um­gang mit einem Mitmenschen vom Zweifel ergriffen wurde, ob er ihm ver­trauen dürfe, d. h. ob der andere auch wirklich meine, was er sagt, und ob er handeln würde, wie er spricht; wo ein Mensch glaubte, sein Lebensinter­esse fordere von ihm, den Verdacht zu hegen, der andere lege es darauf an, ihm anders zu erscheinen als er ist, und er müsse auf der Hut sein, das an­drängende Scheinbild abzuwehren. In unserer Zeit ist etwas wesentlich anderes hinzugekommen, das mit weit größerer Mächtigkeit die Grund­lagen des zwischen­menschlichen Daseins zu untergraben geeignet ist. Es wird nun nicht mehr einfach befürchtet, der andere verstelle sich willentlich, sondern es wird schlechthin vorausgesetzt, er kön­ne gar nicht anders; die bei ihm angenommene Differenz zwischen Meinung und Äußerung, zwi­schen Äußerung und Handlung wird hier nicht mehr als Absicht, sondern als Wesensnot­wendigkeit verstanden. Der andere teilt mir den Aspekt mit, den er von einem bestimmten Gegenstand gewonnen habe, aber ich nehme seine Mitteilung gar nicht wirklich zur Kenntnis, sie ist mir nicht ein ernst­zunehmender Beitrag zur Information über diesen Gegenstand; ich höre vielmehr vor allem etwas heraus, was den andern antreibe, das zu sagen was er sagt, ein unbewußtes Motiv, einen „Komplex“ etwa. Er äußert einen Gedanken über ein Lebensprob­lem, das mich beschäftigt, aber ich frage mich gar nicht nach dem Wahrheitsgehalt des Ge­äußerten, ich achte nur darauf, welches Interesse der Gruppe, der der andere angehört, sich in dieses dem Schein nach so sachliche Urteil verkleidet habe; die Idee ist mir, eben als die Idee des andern, nur noch eine „Ideologie“. Die Hauptaufgabe im Umgang mit meinem Mitmen­schen wird mehr und mehr, ihn, sei es individualpsychologisch oder soziologisch, zu durch­schauen und zu entlarven — wobei im klassischen Fall gar nicht mehr eine Larve ge­meint ist, die er sich aufgesetzt habe um mich zu täuschen, sondern eine, die sich ihm ohne sein Wissen aufgesetzt, ja geradezu aufgeprägt habe, so daß der eigentlich Getäuschte sein eigenes Be­wußtsein ist; dazwischen gibt es natürlich unzählige Übergangsformen. Mit dieser veränderten Grundhaltung, die in den Lehren von Marx und Freud wissenschaftliche Rationalisierungen gefunden hat, ist das Mißtrauen zwischen Mensch und Mensch existentiell geworden. Und zwar im doppelten Sinn: es stellt nicht mehr bloß die Aufrichtigkeit, die Redlichkeit des andern in Frage, sondern die innere Übereinstimmung seines Daseins selber, und es hebt nicht mehr bloß das zuverlässige Gespräch zwischen offenen oder geheimen Gegnern auf, sondern die Unmittelbarkeit des Miteinanderseins von Mensch zu Mensch überhaupt. Die Durch­schauung und Entlarvung wird jetzt der große zwischenmenschliche Sport, von dem die ihn treiben freilich nicht ahnen, wohin er sie verlockt. Nietzsche wußte was er tat, als er die „Kunst des Mißtrauens“ pries, und wußte es doch nicht — denn das Spiel wird naturgemäß in dem Maße vollständig, als es gegenseitig wird, d. h. in dem Maße, in dem der Entlarvende selber zum Gegenstand des Ent­larvens wird. Es ist somit zukünftig ein Grad der vollständigen und voll­kommenen Gegenseitigkeit im existentiellen Mißtrauen abzusehen, wo die Rede in Stummheit und der Sinn in Wahnsinn umschlägt. Noch neigt der Mensch dazu, den andern zu schonen, um selber geschont zu werden, denn wenn er auch zuweilen sich anschickt, sich sel­ber in Frage zu stellen, er wird im allgemeinen noch rechtzeitig innehalten mögen; aber die Dämonie läßt nicht mit sich spaßen. Im Grunde ist ja das existentielle Mißtrauen nicht mehr, wie das alte, ein Mißtrauen zu meinem Mitmenschen, sondern es ist die Vernichtung des Vertrauens zum Dasein überhaupt. Daß wir von einem Lager zum andern kein echtes Gespräch mehr führen können, ist das stärkste Symptom der Krankheit des Menschen von heute; das existentielle Mißtrauen ist diese Krankheit selber; aber die Zerstörung des Ver­trauens zum menschlichen Dasein ist die innere Vergiftung des gesamt­menschlichen Orga­nismus, der diese Krankheit entstammt.

Alle große Kultur ist in einem gewissen Maße eine Civilization of the Dialogue gewesen. Die Lebenssubstanz ihrer aller war nicht, wie man ge­wöhnlich meint, das Vorhandensein bedeu­tender Individuen, sondern ihr echter Umgang miteinander; die Individuation war nur die Voraussetzung für die Entfaltung des dialogischen Lebens. Was man den schöpferischen Geist des Menschen nennt, ist nie etwas anderes gewesen als die Ansprache, die denkerische oder künstlerische Ansprache des zum Sagen Berufenen an die zum wirklichen Vernehmen Befähigten und Bereiten; und was sich hier konzentriert hat, war die allgemeine Dynamik des Dialogs. Natürlich gab es zu allen Zeiten schwere innere Hemmungen und Störungen, es gab Verschlossenheit und Unzugänglichkeit, es gab Maskentrug und Verfüh­rung; aber wo das menschliche Wunder je und je erblühte, geschah es immer so, daß diese Hemmungen und Störungen überwunden wurden durch die elementare Potenz der gegenseitigen Bestätigung der Menschen. Der eine wandte sich an den andern als an das einmalige Personwesen, das durch alle Irrungen und Trübungen nicht versehrt wird, und empfing des andern Sich-an-ihn-Wenden, der eine verspürte den andern in dessen alle Scheinbilder überdauerndem Sein, und auch wenn sie einander bekämpf­ten, bestätigten sie einander als das was sie waren. Der Mensch will vom Menschen bestätigt werden als der der er ist, und echte Bestätigung gibt es nur in der Gegenseitigkeit.

Trotz dem fortschreitenden Niedergang des Dialogs, der unsere Zeit kennzeichnet, und dem damit verbundenen Wachstum des universalen Mißtrauens dauert das Bedürfnis des Men­schen, bestätigt zu werden, fort, aber es findet zumeist keine natürliche Befriedigung mehr. So begibt sich der Mensch auf einen von zwei Scheinwegen: er sucht entweder von sich selber oder von dem Kollektiv, dem er angehört, bestätigt zu werden. Beide Unter­nehmungen müs­sen fehlschlagen. Wen kein anderes Wesen bestätigt, dessen Selbstbestätigung hält nicht stand; er muß sich mit immer krampfhafteren Anstrengungen sie wiederherzustellen bemühen, und zuletzt erfährt er sich als unabwendbar preisgegeben. Die Bestätigung durch das Kollektiv aber ist pure Fiktion, denn es gehört zum Wesen des Kollektivs, daß es zwar jedes seiner Mitglieder als diesen bestimmten, so beschaffenen und begabten einzelnen annimmt und verwendet, keinen aber in dessen eigenem Sein, also unabhängig von seiner Brauchbarkeit fürs Kollek­tiv, anzuer­kennen vermag. Der moderne Mensch, sofern er die unmittelbare personhafte Gegenseitigkeit zu seinem Genossen aufgegeben hat, kann für das verlorene Bestätigtsein nur noch ein illusionäres eintauschen. Hier gibt es keine andere Rettung als durch die Erneuerung des dialogischen Verhält­nisses, und das heißt vor allem durch die Überwindung des existen­tiellen Mißtrauens.

Wo hat der Wille zu dieser Überwindung anzusetzen? Genauer: von welcher geistigen Posi­tion aus ist der Mensch, für den das existentielle Mißtrauen schon zur selbstverständlichen Eingangssituation im Umgang mit seinen Mitmenschen geworden ist, zur Selbstkritik in diesem wesentlichen Belange zu veranlassen? Es ist eine Position, die als Kritik der Kritik bezeichnet werden kann. Es handelt sich darum, einen fundamentalen und ungeheuerlich einflußreichen Irrtum aller Durchschauungs- und Entlar­vungstheorien aufzuzeigen. Das Wesen dieses Irrtums ist, daß man ein vordem nicht oder zu wenig beachtetes, nun entdecktes oder erhelltes Element im seelischen und geistigen Bestand des Menschen mit seiner Gesamt­struktur identifiziert, statt es in diese einzugliedern. Es müßte ein führendes methodologisches Postulat für alle anthropologische Er­kenntnis im weitesten Sinne sein, daß jedes neuentdeckte und neuerhellte Element auf sein relatives Gewicht hin im Verhältnis zu den anderen, bereits einigermaßen bekannten und erklärten Elementen und in seiner Wechselwirkung mit ihnen zu erfassen ist. Die einleitenden Fragen müßten sein: welche Proportion besteht zwischen ihm und den anderen; in welchem Maße und in welcher Weise schränkt es jene ein und wird von ihnen eingeschränkt; in welche Dynamik ist es in den verschiedenen histo­rischen und indivi­dualgenetischen Momenten der menschlichen Existenz einbezogen? Die wissenschaftliche Anfangsaufgabe müßte daher jeweils sein: die Demarkationslinien der Geltung für die über das neuentdeckte oder neuerhellte Element aufstellbaren Thesen zu ziehen, d. h. zu bestim­men, innerhalb welches Bereiches sie Geltung beanspruchen dürfen. Die Durchschauungs- und Entlarvungstheorien, sowohl die psychologischen wie die soziologischen, haben es unter­lassen diese Linien zu ziehen. Sie haben den Menschen jeweils auf das aufgezeigte Element zurückgeführt. Betrachten wir als Beispiel die Ideologientheorie, wonach Ansichten und Ur­teile eines, einer bestimmten Gesellschaftsklasse angehörigen Menschen im wesentlichen als Produkt dieser seiner Klassenlage, das heißt im Zusam­menhang der Aktion seiner Klasse zur Durchsetzung ihrer Interessen zu untersuchen sind. War das Problem der Klassenlage und ihres Einflusses mit aller Deutlichkeit gestellt, so hätte die wissenschaftliche Eingangs­frage lauten müssen: Da der Mensch in seine Welt als in einen vielfältigen Zusammenhang von beeinflussenden Sphären, von der kosmischen zur erotischen, gefügt ist, als eine von denen die soziale Schichtung erscheint, in welchem Gewichtsverhältnis und in welcher Wech­selwirkung steht der Klasseneinfluß in der Gestalt der Ideologie zu dem nichtideologischen Be­stand der Person? Natürlich könnte die Beantwortung solcher Fragen dem wissenschaftli­chen Denken vorerst nur als Ziel gesetzt werden, diese Ziel­setzung aber wäre eine wesentliche Vorbedingung für die Richtigkeit dieses Denkens. Statt dessen haben die Ideologientheorien den Ansichten hegenden und Urteile formulierenden Menschen auf das Ideologische redu­ziert. Diese schrankenlose Simplifikation hat an der Ausbildung des existentiellen Mißtrauens entscheidend mitgewirkt. Wollen wir dieses Mißtrauen über­winden, so müssen wir nicht etwa hinter sie zurück, in eine unkritische Akzeptation der menschlichen Kundgebungen, sondern über sie hinaus gehen, indem wir der Ideologienkritik immer exakter Maß und Grenze setzen. Was ich meine, ist kein vager Idealismus, sondern ein umfassen­derer, ein eindringenderer Realismus, ein größerer Realismus, der Realis­mus einer größeren Realität. Der Mensch soll nicht durchschaut, sondern in seinem Offenbaren und seinem Heimlichen, in dem Verhältnis beider zu einander immer vollständiger angeschaut werden. Wir wollen ihm nicht blind, wohl aber sehend vertrauen, d. h. wir wollen seiner Vielfältigkeit und seiner Ganzheit, seiner ei­gentlichen Beschaffenheit inne werden, ohne alle vorgefaßte Meinung über diese oder jene Hintergründe, mit der Ab­sicht, ihn so sehr anzunehmen, zu beglaubigen, zu bestätigen, als uns dieses Innewerden erlauben wird.

Erst wenn dies geschieht und soweit es geschieht, wird ein echtes Ge­spräch zwischen den beiden Lagern beginnen können, in die die Menschheit heute aufgespalten ist. Die es beginnen werden, müssen das apriorische Mißtrauen in sich überwunden haben und fähig sein, ihre Ge­sprächspart­ner in der Wirklichkeit ihres Wesens zu erkennen. Und selbstverständlich werden es nicht Menschen sein, die lediglich im eigenen Namen sprechen; hinter ihnen wird die nicht­organisierte Schar jener zu ahnen sein, die sich durch sie vertreten fühlen. Das ist eine ganz andere Art von Vertretung und Vertreterschaft als die politische: nicht in den Zwecken der Stunde gefangen, sondern mit der freien Weitsicht dessen begabt, dem die Unge­borenen entgegenrufen; unabhängige Personen ohne andere Vollmacht als die des Geistes, der be­kanntlich heute weniger offenbare Macht hat als je; aber es gibt Weltstunden, in dem trotz allem die Vollmacht des Geistes hinreicht, um die Rettung des Menschen zu unternehmen, und eine solche Stunde scheint mir zu nahen.

Die Vertreter, von denen ich rede, werden die wahren Bedürfnisse ihres eigenen Volkes kennen und sich für sie einzusetzen willig sein, aber den wahren Bedürfnissen des fremden sich verstehend zuzuwenden und das wahre Bedürfnis hier und dort aus dem auf­gebauschten herauszulösen wissen. Eben deshalb werden sie innerhalb dessen, was man den Gegensatz der Interessen nennt, zwischen Wahrheit und Propaganda unerbittlich scheiden. Erst wenn von der vermeintlichen Masse der Gegensätze nur noch der wirkliche Konflikt zwischen echten Bedürfnissen übrig sein wird, kann die Erwägung des notwendigen und möglichen Ausgleichs zwischen ihnen anheben. Die Frage, von der auszugehen ist, wird diese scheinbar allereinfachste und doch manche Schwierigkeiten bietende sein: Was braucht der Mensch, jeder Mensch, um als Mensch zu leben? Denn soll nicht der Erdball gesprengt wer­den, so muß der Mensch, jeder Mensch, bekom­men was er braucht um als Mensch zu leben. Aus den Lagern zueinander tretend, werden die in der Vollmacht des Geistes Stehenden mit­einander planetarisch zu denken wagen.

Was wird sich in letzter Instanz als das Stärkere erweisen, das ge­meinsame Vertrauen zum Dasein des Menschen oder das gegenseitige Mißtrauen? Auch wenn die Vertreter, auf die ich hoffe, sich finden, ihr Erfolg wird von den Vertretenen, von ihrer rückhaltlosen Ehrlichkeit, ihrem phrasenfeindlichen guten Willen, dem mutigen Einsatz ihrer Person ab­hängen; von da allein kann auf Erden den Vertretern die Kraft zukom­men, deren sie bedürfen. Die Hoffnung für diese Stunde ist auf die Hoffen­den selber, auf uns selber gestellt. Ich meine damit: auf die unter uns, die die Krankheit des heutigen Menschen am tiefsten empfinden und in seinem Namen das Wort sprechen, ohne das es keine Heilung gibt: Ich will leben.

Die Hoffnung für diese Stunde geht auf eine Erneuerung der dialo­gischen Unmittelbarkeit zwischen den Menschen. Aber laßt uns über die drängende Not, die Angst und Sorge dieser Stunde hinausgehen, laßt uns diese Not in dem Zusammenhang des großen Menschenweges sehen und wir werden erkennen: nicht zwischen Mensch und Mensch allein, sondern zwi­schen dem Wesen Mensch und dem Urgrunde des Seins ist die Unmittel­barkeit verletzt worden. Im Innersten des Widerstreits von Mißtrauen und Vertrauen zum Menschen birgt sich der Widerstreit zwischen Mißtrauen und Vertrauen zur Ewigkeit. Gerät es unserem Munde, wahrhaft Du zu sagen, dann haben wir, nach langem Schweigen und Stammeln, unser ewiges Du von neuem angesprochen. Versöhnung wirkt Versöhnung.

Hier Bubers Ansprache als pdf. 

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