Iwands Predigt über Matthäus 18,23-35: „Er ist offenbar in seiner großen Stunde kein Königskind geworden, sondern ein Knecht ge­blieben. Das ist das Schreckliche“

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Predigt über Matthäus 18,23-35

Von Hans Joachim Iwand

Die Geschichte, die wir eben gehört haben, hat eine doppelte Seite. Die eine Seite ist hell, die andere dunkel. Auf der einen Seite sehen wir, daß der Himmel sich auftut, und wir werden Zeugen einer wahrhaft königlichen Handlung. Hier ist nichts als Gnade. Hier kann man fas­sen, was für ein großer Augenblick es ist, wenn einem Menschen das widerfährt: Verge­bung. Hier wird einem Menschen die Gelegenheit gegeben, sein Leben ganz neu anzufangen, hier geschieht genau das, woran uns der Bußtag erinnert und weswegen wir heute zusammen sind. Hier ist ein König, der Gericht hält. Sein Gericht heißt Ver­gebung. Und hier ist ein Mensch, der Strafe verdient hat, aber sie trifft ihn nicht! Ihm und allen, die ihm nahe sind, Weib und Kind, wird die Möglichkeit geschenkt, neu anzufangen.

Aber dann ist da die andere Seite, die dunkle Seite, wo alles wieder ausgelöscht wird, was wir eben sahen. Da ist derselbe Mensch, dem seine Schuld vergeben wurde, er geht hin und holt seinen Mitknecht und fordert von ihm die Schuld zurück, die dieser an ihn hat. Es ist seltsam, wenn wir diese beiden Handlungen, die eine, wo der Mensch der Schuldner ist, und die ande­re, wo derselbe Mensch den Richter spielt, wenn wir diese beiden Szenen aus dem Leben des einen Menschen nebeneinanderhalten, wie es hier im Gleichnis geschieht. Sind wir nicht alle betroffen über diesen Widerspruch? Sagen wir nicht: Wie kann derselbe Mann, dem eben alle Schuld erlassen wurde, so handeln? Wie kann er hingehen und Richter spielen an seinem Mit­knecht, der ihm so lächerlich wenig schuldete und bereit war, alles zurückzuzahlen? Hat er denn ganz vergessen, was er selber eben erlebte, als er vor seinem König stand, als er nieder­kniete und nichts anderes vorzubringen wußte, als flehentlich zu bitten: »Herr, habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen.« Genau dasselbe hatte ihn dann der Mitknecht, der Mit­mensch gebeten, und er hatte ihm nichts geschenkt. Dort ging es um eine ungeheure Schuld. 10.000 Pfund, sagt unser Text. Hier geht es um 100 Groschen, um so eine Kleinigkeit, um ein Nichts im Vergleich zu dem, was er dem König schuldete. Wir fragen nun: Hat dieser Mann denn ganz vergessen, daß er selbst ein Schuldner war? Erinnert er sich nicht in seinem Bruder, der jetzt vor ihm am Boden liegt und ihn bittet: Habe Geduld mit mir!, an seine eigene Lage, wie er gebeten hatte: Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen? Was ist hier los? Wie kommt es, daß sich derselbe Mensch so und so aufführt?

Nicht wahr, jetzt wissen wir, warum es auf der einen Seite hell und auf der anderen dunkel ist. Diese Dunkelheit ist nicht eine Sache für sich, diese Dunkelheit muß nicht sein, sie entsteht nur darum, weil dieser Mensch, der hier handelt, sich selbst im Licht steht. Er tritt selbst her­aus aus der Gnade, er wählt die Dunkelheit. Er hat vergessen, was hinter ihm liegt. Was für eine helle, schöne, große Stunde wurde ihm geschenkt, als sich der König seiner erbarmte, als er ihn aufhob und an sein Herz zog, ihm alle seine Schuld erließ, als er die Tür auftat und mit seiner königlichen Macht ihm einen neuen Anfang seines ganzen, schon verloren geglaubten Lebens schenkte. Das alles hat er vergessen.

Er ist offenbar in seiner großen Stunde kein Königskind geworden, sondern ein Knecht ge­blieben. Das ist das Schreckliche. Er hat nicht begriffen, daß er einbezogen wurde in die Gottesherrschaft Jesu Christi, unter das königliche Recht der Gnade. Dorthin, wo niemand mehr fragt: Wie oft, wievielmal kann man eigentlich seinem Mitbruder vergeben? Dieser Mann ist trotz allem ein Knecht geblieben, in der ganzen Niedrigkeit eines Knechtes, der nun, kaum daß er selbst frei ist, sich aufmacht, um seinerseits Herr zu spielen. Er selber tritt wieder hinaus in die Finsternis, aus der ihn Gottes Gnade herausgerissen hatte. Er selbst verläßt den Weg der Großmut und der Geduld. Er selbst spielt sich als Richter auf und versucht, unge­schehen zu machen, was ihm geschehen ist! Eben damit bringen wir uns um das Licht, eben- damit wählen wir die Finsternis. In diese Welt des Richtens und Rächens, in diese Welt der Knechtseligkeit geht das Licht der Gnade Gottes nicht mit uns ein.

Wie gesagt, wenn dieses beides so nebeneinandersteht, wenn wir sehen, wie es eigentlich nur ein Schritt ist von hier nach dort, von dem Stehen vor Gott zu dem Stehen vor den Menschen, von der Gerechtigkeit Gottes zu dem Recht-haben-Wollen der Menschen, dann werden wir wohl bald fragen: Wie kann ein Mensch so sein? Wie kann er so etwas tun? Wir begreifen, daß Jesus damit etwas abgemalt, ins Bild gefaßt hat, was bei uns alle Tage geschieht. Wir begreifen, daß Jesus hier einen Spiegel vorhält, um uns das Unbegreifliche, das Rätsel zu zeigen, das wir mit uns herumtragen, wer wir sind, wie wir sind, wie wir die helle, lichte, freudenvolle Gnade Gottes in dem Augenblick verspielen, vertun, preisgeben, wenn wir aus seinem Saal heraustreten, wie wir immer wieder abirren aus der Vergebung, aus der Freude des neugeschenkten Lebens in das qualvolle Miteinander des Rächens und einander in den Schuldturm Bringens. Jesus setzt beides in eins, was wir trennen, das, was wir vor Gott tun, und das, was wir mit unserem Bruder tun. Jesus zeigt den Sonntag und den Alltag, er zieht es in eins zusammen und macht dadurch das ganze Leben anschaulich und sagt: Danach werdet ihr beurteilt werden, nicht nach eurem Sonntag allein. Jesus zeigt, daß das Licht Gottes nicht unentwegt licht ist, gleichgültig, wie wir uns dazu verhalten, sondern daß es sich in Dunkel­heit ver­wandelt, wenn wir es nicht heraustragen, so wie es uns geleuchtet hat, auf daß es allen leuchtet, die im Hause sind.

Jesus zeigt, daß das Gesetz der Gottesherrschaft die Vergebung ist, d. h. ein Gesetz, unter dem wir alle leben, das wir nicht anwenden können, wenn wir wollen, und außer Kurs setzen kön­nen, wenn es uns paßt und es für uns günstig ist. Das tun wir doch meistens. Wir begreifen nicht und wollen es auch nicht begreifen, daß uns Gott mit der Vergebung der Schuld zu sei­nen Kindern macht, zu Königskindern, die nun auch so göttlich zu denen sich stellen sollen, die vor ihnen schuldig wurden, wie sie das von Gott selbst erfahren haben. Die Vergebung der Schuld ist das große Ja und ist das oberste Gesetz im Gottesreich, – aber dieses Gesetz will gelten auf Erden! Wer in seinem Licht gestanden hat, der kann sich nicht mehr dem anderen Gesetz zuwenden, dem Gesetz des »Auge um Auge, Zahn um Zahn«, dem, was die Menschen Recht nennen, dem Spruch: »Bezahle, was du mir schuldig bist«, ohne daß das Licht für ihn erlischt, ohne daß alles, was er eben noch zu haben meinte, hinfällig wird und er damit in das Schattenreich, in den Zornbereich des Königs tritt. Ich denke, meine Freunde, wenn wir das Gleichnis so in uns reden hören, dann erst begreifen wir, was für eine todernste, gefährliche Sache es um die Vergebung ist, um die Vergebung, die uns Gott geschenkt hat in Jesus Chri­stus und die wir einfach Tag um Tag, Stunde um Stunde nötig haben, um zu leben, um den Berg von Schuld abzutragen, hinter uns zu bringen, der zwischen Gott und uns steht. Aber dann kommen die anderen, die uns sagen, es seien zwei Dinge, die Vergebung vor Gott und die Vergebung dem Bruder gegenüber. Dort bin ich demütig, dort ist mein Sonntag, dort ist mein Bußtag, dort habe ich nichts, was ich vorbringen kann, vor Gott leben wir – natürlich, selbstverständlich – alle aus reiner Gnade. Aber hier auf Erden kann das nicht gelten, hier muß jeder bezahlen, was er schuldig ist, hier darf ich mich nicht erinnern, daß ich eben selbst in die Knie ging vor dem Richter und mein Leben neu empfing aus reiner Gnade. Hier geht alles korrekt zu, hier muß alles seine Ordnung haben, hier muß bezahlt werden, was wir ein­ander schuldig sind.

Meine Freunde, kennen wir das nicht, erfüllt dieses Doppelspiel, dieser Wechsel von Hell und Dunkel nicht unser aller Leben, wenn anders das noch Leben genannt werden darf? Ist das nicht die tiefste, innerste Spaltung unseres Wesens, daß wir vor Gott andere sind als vor unse­rem Nächsten; daß wir dort auf den Knien liegen und hier um unser Recht kämpfen; daß wir dort auf Erbarmen angewiesen sind und bleiben und doch hernach uns weigern, diese beiden Seiten der einen großen Lebenswirklichkeit, die wir die Menschheitsgeschichte nennen, so nahe aneinanderzurücken, daß der Himmel die Erde, daß das Tun Gottes unser Tun bestimmt: Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden? Nein – das sind zwei Reiche. Das Gebet ist falsch. Das Geschehen des Willens Gottes kann unsere Erde nicht ertragen! Darum lernen wir zu unterscheiden: den Feiertag, da wir vor Gott stehen, und den Alltag, da unser Bruder vor uns steht. Darum richten wir eine unüberschreitbare Scheidegrenze auf, damit kein Strahl von drüben herüberfällt und wir ganz vergessen, woher wir kommen, wodurch wir leben. Auf dem Vergessen ruht das Recht, den anderen, der vor uns auf den Knien liegt, in den Schuldturm zu werfen.

Was für ein Licht, was für eine Erkenntnis könnte von dieser Geschichte ausgehen! Es ist ja noch nicht lange her, da lag unser ganzes Volk so vor Gott auf den Knien und sah seine große Schuld und sah seinen Untergang vor sich. Und dann wurde uns vergeben. Nicht nur von Gott her, sondern auch von den Menschen. Wir ver­gessen immer wieder, was für große Dinge da geschehen sind, daß uns viel Schuld erlassen wurde, daß wir wieder leben durften. Und auch die anderen Völker sollten das wissen nach dem entsetzlichen Morden, das hinter uns allen liegt, daß auch sie aus der Vergebung leben, allein aus dieser Vergebung. Die Japaner haben ja doch wohl einiges auf dem Herzen gegenüber den Amerikanern und die Asiaten gegenüber den Europäern, und die Menschen, die aus den Konzentrationslagern herausgekommen sind, haben doch wohl etwas auf dem Herzen gegen die, die sie einsperrten. Wenn wir leben wol­len, sollten wir uns einmal daran erinnern lassen, daß wir mehr noch als frühere Zeiten darauf angewiesen sind, von der Vergebung zu leben. Wir werden uns heute von Gott daran erinnern lassen müssen – sonst wird dies kein Landes- Buß- und Bettag sein – daß es einem Menschen nicht ansteht, dem der König die Schuld erlassen und den er trotz seiner Schuld zu sich her­aufgezogen hat, zurückzufallen in das Knechtsdenken der Abrech­nung und in das Aneinan­der-Rache-Nehmen der Knechte.

Aber können wir das? Steht etwas davon zu lesen in unseren Zeitungen, ist etwas davon zu spüren in den internationalen Beziehun­gen, ist etwas davon zu spüren in dem Denken unserer Menschen? Wenn dem so wäre, könnte unser Reden und Handeln nicht so erschreckend hart geworden sein, könnten wir nicht so reden, als ob der andere, dem wir die Rechnung machen, nicht ein Gleichnis wäre unseres eigenen Selbst und unserer eigenen Verlorenheit. Gilt das alles nicht? Gilt das nur für die private Existenz im Niemandsland der Religion oder gilt die Vergebung Gottes, gilt Golgatha und gilt der zerrissene Schuldbrief vom Kreuz für die ganze Wirklichkeit unseres Lebens? Könnten wir dort Königskinder sein und hier wieder Knechte spielen? Das ist es, was der Bruder uns heute fragt. Vielleicht in letzter, in entscheidender Stunde. Der Bußtag erinnert uns an die größte und entscheidendste Stunde unseres Lebens; Jesus erinnert uns daran, wie der König, sein und unser Vater, einen Weg fand, um uns die Schuld abzunehmen. Der Weg war nicht leicht, und wir wissen alle, daß Gott die Schuld nicht aufgehoben hat wie ein Kaufmann, der einen Passiv-Posten in seinem Geschäftsbuch durch­streicht. Dazu war die Schuld viel zu groß. Schuld zwischen Gott und Mensch ist kein Re­chenexempel. Dann müßte Gott nicht Gott sein.

Wir brauchen nur einmal an das zu denken, was vor uns steht, wenn wir einen Augenblick unsere Augen zurückwenden: die Schuld aus unserem allerengsten Lebensbezirk und die Schuld aus dem allergrößten und weitesten Lebensbezirk. Unsere Zeit hat es nicht schwer, sich das anschaulich zu machen. In einem kürzlich erschienenen Buch über die letzten sieben Tage Europas, die wie die Schöpfungstage seine Auslö­schungstage sind, kommt am Ende eine Szene vor, in der weiße Flocken vom Himmel fallen, einige Kilometer entfernt ist eine Atom­bombe geworfen, und die Kinder greifen danach und rufen »Warmer Schnee!« – und dann sinkt alles um, und der Tod hält seine absolute Ernte. Wir müssen einmal die Welt, in der wir heute leben, mit den Augen eines Kindes ansehen, mit den Kinderaugen, die nicht wissen, was die Erwachsenen an ihnen tun, um zu ermessen, wie und was unermeßliche Schuld ist. Schuld heißt, daß nicht nur unser eigenes Herz verdorben wird, sondern daß wir auch den Unglauben, den Schrecken, die Selbst­sucht, die Mammonsgier, den Lebensgenuß in die anderen Men­schen hineinpflanzen, daß wir die Kinder in der Jugend verderben und die Verderber noch mit Lob und Ehre preisen. Das ist Schuld, das ist das nie Wiedergutzumachende, was am Men­schen geschieht. Das sind die 10000 Pfund, die ich nicht lösen kann, wenn ich mich und ande­re um meine Seele gebracht habe. Das ist die Schuld, um deren Aufhebung es Gott zu tun ist, die Gott, Gott allein, hinwegzunehmen vermag; das ist das Verderben, das Gott auf sich nimmt, indem er selbst ins Verderben geht. Das ist der Untergang der Menschheit, den wir in Szene setzen und den er aufhält, indem er für uns alle untergeht. Das ist das Königsein Gottes, daß von ihm her die Botschaft und der Befehl ausgeht, den wir von Natur aus nicht zu glauben vermögen: »Wenn eure Sünde blutrot wäre, so soll sie doch schneeweiß werden; und wenn sie wäre wie Scharlach, so soll sie doch wie Wolle werden.« Das ist der helle Schein ohne Schat­ten, in den zu treten wir heute alle gerufen sind, mit aller unserer Schuld, mit aller unserer Sünde. Das Alte ist vergangen; was war, soll nicht mehr sein! Gott will unser König sein. Gott will in der Weise unser König sein, daß wir durch ihn sehen und erfahren, daß dies alles nichts ist. Daß, sobald wir drinnen sind in seinem Haus, in seinem Palast, in seinem Reich, das Schwere von uns abfällt, was nie zu fallen schien, und das an uns wahr wird, was nie wahr werden wollte. Wir werden nun und wir dürfen nun seine Mitarbeiter sein, und ebendies sol­len wir nun können, nachmachen, verwirklichen auf Erden in unserem Miteinander, das, was er, Gott, im Gericht der Gnade, in seinem Sieg über Schuld und Sünde, für uns getan hat.

Werden wir auch wieder zurückfallen: Bezahle mir, was du mir schuldig bist? Nein, nein, dreimal nein! Wer einmal in diesem Saal gestanden hat, wer einmal in die makellose Hellig­keit des Erbarmens Gottes geschaut hat, der wird sich nimmermehr verführen lassen, wieder nach den Gesetzen der Dunkelheit und der Finsternis zu leben. Wer einmal selbst sein Leben so gerettet, vor dem Abgrund des Zorns gerettet sah, der wird auch seinen Bruder, den er scheitern sieht, aufnehmen in der königlichen Vollmacht der Vergebung. Der Bereich, da ich mit Gott neu leben darf und der, wo ich meinem Nächsten begegne, sind das zwei Bereiche, die nichts miteinander zu tun haben? Unser Gleichnis sagt uns, daß wir so denken; aber Gott denkt anders. Und ebendarum ist Jesus Mensch geworden, damit wir wissen: Gott denkt anders. Sein Wille will geschehen im Himmel und auf Erden, im Glauben und in der Liebe. Da ist ein Leben und ein Gesetz, da ist ein Gott und ein Mensch.

Laßt mich damit enden, liebe Freunde. Es gäbe unendlich viel mehr von hieraus zu sagen, es ließe sich jetzt zeigen, was alles wir zu tun haben, wenn wir erst einmal diesen Punkt, diesen einen Punkt festhalten. Müßten wir dann nicht hineingehen in jenes Reich des Rächens und Richtens der Schuldknechte und sie auseinanderreißen, müßten wir nicht denen wenigstens, die sich mit dem Namen Christi schmücken, sagen, woher sie kommen, sie erinnern, was das heißt, ein Christ zu sein? Müßten wir nicht diese beiden Räume, den des Glaubens und den der Liebe, den Saal, in dem mir vergeben wird, und den anderen, in dem wir mit unseren Brüdern rechten, so eng nebeneinanderlegen, daß wir hören, was hier und was dort geschieht? Müßte es nicht damit ein Ende haben, daß sie schalldichte Mauern aufrichten zwischen der Kirche hier und der Welt dort, zwischen dem Reich Gottes hier und der Politik dort, zwischen unserem Glaubens­verhältnis hier und unseren sozialen Verhältnissen dort? Sie, damit meine ich die Schalksknechte, die vergessen haben, was ihnen erlassen wurde. Jesus reißt mit seinem Gleichnis diese Mauern ein, die sie dazwischen aufgerichtet haben. Jesus scheut sich nicht, Petrus auf seine Frage, wie oft er seinem Bruder vergeben soll, zu antwor­ten: 7mal 70mal, also unendlich oft, ohne Ende. Jesus scheut sich nicht, das Gesetz der Vergebung als Lebens­gesetz für uns alle aufzurichten, von Mensch zu Mensch, eben weil es das Gesetz seines eige­nen Lebens, seiner Geschichte auf Erden ist, das Gesetz, das er aufgerichtet hat, ein für alle­mal, zwischen Gott in der Höhe und uns Menschen in der Tiefe.

Den Bußtag recht verstehen, das hieße also, das alles wegnehmen und einreißen, was unsere menschlichen Theorien aufgebaut haben, um das Licht der Vergebung unwirksam werden zu lassen in unseren realen Verhältnissen auf Erden, und zwar in Recht und Politik, in dem Fami­liären genauso wie im Öffentlichen.

Aber dies Evangelium am Bußtag recht verstehen, hieße noch mehr. Es hieße: es gibt auch dies Dunkle, es gibt die Gnadenwahl Gottes und die gnadenlose Wahl des Menschen. Es gibt dies, daß die Menschen ihr Recht allein wollen, ihr Recht, wonach sie sich gegenseitig in den Schuldturm werfen, moralisch und – wenn sie können – praktisch, und daß sie dieses ihr böses, mitleidloses Recht Gottes Recht nennen. Wer dieses Recht wählt, der soll nach diesem Recht selbst behandelt werden. Wer so denkt, der wählt sich selbst seinen Richter. Der kann nicht, wenn das Gericht an ihm vollzogen wird, plötzlich um Gnade betteln. Er hat die Gnade sich selbst verscherzt. Der Mann in unserem Gleichnis hatte das neue Leben in seiner Hand, warum konnte er seinen Mitknecht nicht mit hineinnehmen in sein neues Glück und in seine neue Freiheit? Warum muß er den neuen Wein in die alten Schläuche füllen, warum vergißt er über dem, was er dank der Gnade Gottes ist, das, was er dank seiner eigenen Schuld eben noch war? Warum erwählte er die Finsternis des Hasses, nachdem ihn Gott erwählt hatte im Lichte unendlicher Vergebung? Warum wählen wir die Finsternis, warum schreien wir es heraus, wir, ausgerechnet wir, wo wir nur können: Bezahle, was du mir schuldig bist!? Die Jünger Jesu aber wußten, was nunmehr für sie galt. Im Sichtbaren fällt die Entscheidung, die in der unsichtbaren Welt Gottes ihre Wurzel hat. Wer seinen Bruder, den er sieht, nicht liebhat, wie kann der Gott lieben, den er nicht sieht? So laßt uns denn alles tun, daß das Licht von oben auch das Licht hier unten werde, und denen widerstehen, die die Scheidewand aufrichten möchten zwischen dem, was Gott an uns getan, und dem, was wir aneinander darum zu tun schuldig sind.

Gehalten an Buß- und Bettag 1958 in Bonn.

Hier die Predigt als pdf.

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