Luthers Predigt über Matthäus 7,1-5: „Richtet nicht, aus dass ihr nicht gerichtet werdet.“ (1530/32)

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„Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“ Predigt über Matthäus 7,1-5

Von Martin Luther

Math. 7,1-5: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und seiest nicht gewahr des Balken in deinem Auge? Oder wie wagst du, zu deinem Bruder zu sagen: halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge. Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest. [193]

Im vorigen Kapitel haben wir gehört, wie der Herr Christus nach der Lehre von rechten guten Werken eine lange Predigt zur Warnung wider den Geiz getan hat; denn der Geiz hindert Got­tes Reich sehr, in der Lehre wie im Leben, und tut mördlichen Schaden in der Christen­heit. Hier warnt er nu vor einem weiteren Stück, das auch ein großes schädliches Laster ist: das ist die eigene Weisheit, die jedermann richtet und tadelt. Wo diese zwei Laster regieren, da kann das Evangelium nicht bleiben. Denn der Geiz macht, daß entweder die Prediger schweigen oder die Zuhörer das Evangelium nicht achten, so daß es also durch Verachtung ausgetrieben wird. Wo aber die eigne Klugheit drein gerät, da will ein jeder der beste Prediger und selbst Meister sein, niemand hören noch von andern lernen; daraus kommen dann Sekten und Rot­ten, die das Wort falschen und verderben, so daß es nicht rein bleiben kann und auch so wie­der das Evangelium mit seinen Früchten untergeht. Solches heißt Christus hier richten und urteilen, wenn einem jeden sein eigenes Tun wohl gefällt, während das Tun des andern alles stinken muß. Das ist eine schöne holdselige Tugend, es ist der feine Mann, den man Meister Klügel heißt und dem weder Gott noch die Welt hold ist, obschon die Welt voll solcher Leute ist.

Man soll sich aber an dieser Predigt nicht stoßen und sie nicht unrecht verstehen, als ob hier­mit verboten sei, zu urteilen und zu richten. Aus dem, was droben oft gesagt ist, ist klar, daß Christus hier allein seinen Jüngern predigt und gar nicht von dem Urteilen und Strafen redet, die in der Welt sein müssen. Vater und Mutter im Haus müssen unter Kindern und Gesind richten, strafen und dreinschlagen, wenn die nicht recht tun wollen. Desgleichen, wenn ein Fürst oder Richter sein Amt recht führen will, so kann er nichts andres tun als richten und strafen. Das gehört alles ins weltliche Regiment und geht uns nichts an. Darum lassen wir’s auch gelten, wie es gelten soll und muß. Hier aber reden wir von einem andern Reich, das doch jenes nicht schwächt noch aufhebt, nämlich vom geistlichen Leben und Wesen unter den Christen. In diesem Reich ist’s verboten, daß einer den andern richtet und verdammt. Aber da mengt sich der Teufel immer drein und treibt sein Werk: da dünkt sich ein jeder im Recht und meint, sein Ding soll allein gelten und das beste sein und alles, was sich nicht nach ihm rich­tet, das tadelt er und hält er für nichts.

Das ist nun schon in weltlichen Sachen eine rechte Torheit, aber noch zu leiden, obgleich es nicht recht ist; denn es ist so grob, daß es jedermann greifen kann. Eine Metze kommt sich schöner vor als alle andern, und was sie an den andern sieht, das gefällt ihr nicht; ein junger Narr will so schön und ge-[194]schickt sein, daß er seinesgleichen nicht kennt; unter den Weisen und Gelehrten ist es noch besonders im Schwang, daß keiner gelten läßt, was ein andrer tut oder kann, und jeder selber der sein will, der alles besser und niemand ungetadelt lassen kann. Das sieht und versteht jedermann wohl. Aber dennoch ist dieser Meister Klügel allenthalben und dünkt sieh so klug, daß er das Pferd im Schwanz zäumen kann, obschon es alle Welt sonst vorn im Maul zäumen muß.

Aber wenn solches in geistlichen Sachen geschieht und der Teufel seinen Samen in Christi Reich sät, so daß es in Lehre und Leben einreißt, dann erhebt sich erst Jammer und Not. In der Lehre geht’s dann so zu: obgleich Gott einem gegeben und befohlen hat, das Evangelium zu predigen, so finden sich dennoch andre, selbst unter den Schülern, die es zehnmal besser kön­nen wollen als er. Da muß das Evangelium die Plage und das Unglück haben, daß es sich von jedermann beurteilen lassen muß und ein jeder zum Doktor an ihm wird und selbst in der Leh­re Meister sein will. So ging es auch Moses Num. 16 [4.Mose 16,3ff.], als Korah mit seinem Haufen gegen ihn und Aaron auftraten und sprachen: warum erhebt ihr euch über Gottes Volk? sind sie nicht allzumal heilig? sollt Gott allein durch Mose und Aaron reden? Gleicher­maßen sprechen sie auch jetzt: sollten wir nicht ebensowohl den Geist haben und die Schrift verstehen als andre? Da ist dann schnell eine andre Lehre angerichtet und eine Sekte gemacht, da erhebt sich das Richten und Urteilen und besonders das schändliche Afterreden, bei dem ein Teil den andern aufs giftigste tadelt und verflucht, wie auch wir jetzt genug erfahren. Dar­aus folgt dann der mördliche Schaden, daß die Christenheit zertrennt wird und die reine Lehre allenthalben untergeht.

Solches hat Christus wohl befürchtet, ja nicht allein befürchtet, sondern er hat auch verkün­digt, daß es so gehen werde. Denn die Welt läßt sich nicht anders machen, wenn wir uns auch zu Tod predigen sollten. Drum, wo das Evangelium aufgeht, da müssen Rotten und Sekten folgen, die es wieder verderben und dampfen. Ursach: der Teufel muß seinen Samen unter den guten Samen säen; und wo Gott eine Kirche baut, da baut er seine Kapelle oder Taberne daneben. Denn der Satan will immer mit unter den Kindern Gottes sein, wie die Schrift sagt [Hiob 1,6; 2,1]. Darum will Christus hiermit seine Apostel und rechtschaffenen Prediger war­nen, daß sie sich fleißig vor diesem Laster hüten und zusehen, daß es nicht einreißt und Zer­trennung und Uneinigkeit vor allem in der Lehre draus wird. Als wollt Christus sagen: wollt ihr meine Jünger sein, so lasset euer Verständnis und eure Meinung in der Lehre gleich und einträchtig sein, es soll niemand Meister sein und etwas Neues oder Bessres wissen und die andern richten und verdammen wollen; und sehet nicht an, wer die Person sei, sondern bleibt bei dem, was ich euch zu predigen befehle, und lasset es einträchtig zugehen, damit nicht einer den andern verachte und ein Neues aufwerfe.

Doch sollst du es nicht so verstehen, als ob dem, der im öffentlichen Predigtamt steht, es ge­nommen sei, über die Lehre, dazu auch über das Leben [195] zu richten. Denn es gebührt ihm von Amts wegen, öffentlich zu strafen, was nicht der rechten Lehre gemäß ist, eben damit kei­ne Sekten eindringen und aufkommen, desgleichen auch da öffentlich zu strafen und zu weh­ren, wo er sieht, daß man nicht recht lebt. Denn er ist dazu da, daß er hierauf sehe, und ist dafür verantwortlich· Ja, auch ein jeder Christ ist schuldig, zu vermahnen und zu wehren, wo er sieht, daß sein Nächster übel tut. Das kann ja nicht ohn Urteilen und Richten gehen. Aber das alles ist aus einem Amt und Befehl getan. Hier aber redet Christus nicht davon, wie genug gesagt ist. Aber das ist verboten, daß ein jeder mit seinem eigenen Kopf daher kommt und eine eigene Lehre und eigenen Geist macht und sich als Meister Klügel vorkommt und jeder­mann meistern und tadeln will, obschon ihm nichts befohlen ist. Diese sind’s, die der Herr hier straft. Denn er will nichts ohne Befehl aus eigenem Dünken heraus getan oder vorgenom­men, besonders aber nicht über andre Leute gerichtet haben.

Das Richten in der Lehre ist nu eins der höchsten schändlichsten und schädlichsten Laster auf Erden. Aus dem find alle Rottengeister entstanden und Mönche, Pfaffen und alles, was im Papsttum gewesen ist, ist darin gesteckt, ein jeder hat sein Ding als das beste aufgeworfen und über andre geurteilt, wovon jetzt nicht nötig ist zu reden. Das andre Urteilen und Richten ge­schieht im Leben: da tadelt und verdammt einer des andern Leben und Werk und läßt sich nichts gefallen, was andre tun; dies ist ein weitverbreitetes sehr allgemeines Laster. Gleichwie wir nu in der Lehre einträchtig sein sollen in einerlei Sinn und Verständnis oder Glauben, so sollen wir auch im äußerlichen Leben einträchtig gesinnt sein und einerlei Herz haben. Frei­lich kann das Leben nicht gleichermaßen einerlei Art haben wie der Glaube; denn da sind mancherlei Stände, drum müssen auch die Werke ungleich und mancherlei sein. Zudem findet man in solch mannigfaltigem Leben auch mancherlei Gebrechen, manche wunderlichen jäh­zornigen ungeduldigen Köpfe, wie dies denn in der Christenheit auch sein muß, weil unser alter Adam noch nicht tot ist und das Fleisch stets wider den Geist kämpft.

Da gehört nu die Tugend her, die da heißt tolerantia und remissio peccatorum, daß nämlich einer den andern trage, ihm zugut halte und vergebe, wie St. Paulus mit schönen Worten lehrt Röm. 15 [V. 1]: wir die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht Gefallen an uns selber haben. Das ist eben das, was Christus hier meint mit ,,ihr sollt nicht richten“: die, die hohe und bessere Gaben in der Christenheit haben, wie sie etliche, besonders die Prediger, haben müssen, sollen dennoch keine andern Sinne und Gedanken haben und sich nicht besser dünken als die, die die Gaben nicht haben, so daß im geistlichen Wesen keiner hoch herfahre über den andern. Äußerlich soll wohl ein Unterschied sein, ein Fürst soll höher sein als ein Bauer, ein Prediger und Gelehrter mehr als ein einfacher Handwerksmann; ein Herr kann nicht Knecht, eine Frau nicht Magd sein; aber trog solchem Unterschied [190] sol­len die Herzen gleich gesinnt sein und die Ungleichheit nicht beachten. Das geschieht dann, wenn ich dem Nächsten das Seine zugut halte, wenn er auch geringeren Standes ist und weni­ger Gaben hat als ich, und mir sein Werk, daß er als Hausknecht seiner Pferde wartet, so gut gefallen lasse als meine Werke, daß ich nämlich predige oder Land und Leut regierte, obschon das Meine besser ist und mehr schafft als jenes. Denn ich darf nicht die äußerliche Larve anse­hen, sondern das, daß er in demselben Glauben und Christus lebt und ebensoviel von der Gna­de, der Taufe und dem Sakrament hat als ich, wenn ich gleich andre höhere Werke und ein andres Amt habe; denn es ist ja nur ein Gott, der solches alles schafft und gibt und sich das geringste ebensogut gefallen läßt als das allergrößte.

Dagegen herrscht an in der Welt die schöne löbliche Tugend, von der Paulus redet (Röm. 12,3; 15,1), daß nämlich ein jeder sich selbst gefällt. Da fährt der Mensch in Teufels Namen daher und kann seine Laster nicht sehen, sondern nur die der andern. Das hängt uns allen von Natur an und wir können’s nicht los werden, obschon wir getauft sind. Wir machen uns gern schön und schmücken uns und sehen, was gut an uns ist, und kitzeln uns damit, als sei es un­ser eigen. Und damit wir ja allein schön seien, sehen wir am Nächsten nicht, was gut ist, son­dern tun’s aus den Augen, und wo wir irgendein Blättlein Böses gewahr werden, da füllen wir unsre Augen damit und machen’s so groß, daß wir davor nichts Gutes mehr sehen, wenn wir auch sonst Augen hätten wie ein Falk und sehen könnten wie die Engel. Es ist grad, als wenn ich jemand sähe in einem goldnen Kleid, an dem aber noch eine Naht oder ein weißer Faden zu sehen ist, – und ich wollte die Augen aufsperren wegen des Fadens, als wäre darum das ganze Kleid zu verachten und als könnt ich mir köstlich vorkommen in meinem groben Kittel, der mit einem goldenen Lappen besetzt ist. So sehen wir unsre eigenen Laster nicht, obschon wir ihrer voll sind, und können doch an andern Leuten nichts Gutes sehen. Wo nu solch unna­türliche Untugend unter die Christen kommt, da erhebt sich das Urteilen: da veracht und ver­damm ich einen andern bald, wenn er ein wenig strauchelt oder gebrechlich ist; und er tut auch mir wiederum gleichermaßen, mißt mit demselben Maß, wie Christus hier sagt, sucht und rügt auch nur das ärgste, was er an mir finden kann; dadurch wird dann die Liebe ganz unterdrückt und es wird nichts als Beißen und Fressen untereinander, bis man sich ganz verzehrt und zu Unchristen wird.

So geht’s zu, wenn man nur auf des andern Leben und nicht auf sich selbst sehen will. So findet man bald etwas, was uns mißfällt, und der andre desgleichen an uns. Auch die Heiden klagten ja schon, niemand sehe, was er hinten auf dem Rücken trage, aber der hinter ihm gehe, der sehe es wohl d. h. niemand sieht, wo es ihm selber fehlt, aber an einem andern sieht er’s bald. Wenn man nu solches Sehen behält, so kommt nichts andres heraus als After-eden und Richten unter-[197]einander. Das richtet der Teufel an in der Christenheit, bis er’s dahin bringt, daß unter ihnen nichts ist als Urteilen im Leben und in der Lehre, damit doch ja Christi Reich, das ein einmütig einträchtig und friedlich Reich in Lehre und Leben ist, zertrennt wer­de und an seiner Statt lauter Rotterei, Hochmut und Verachtung regiert.

Darum ist dies eine gar nötige Warnung: wenn wir unser Amt mit Predigen und öffentlichem Strafen oder brüderlichem Vermahnen (von dem Christus Matth.18 lehrt) ausgerichtet haben, dann sollen wir lernen und uns dran gewöhnen, des Nächsten Gebrechen zu tragen, zu decken und zu schmücken. Und wenn ich auch etwas an ihm sehe, das mir nicht allzusehr gefällt, so soll ich doch mir an die Brust schlagen und mich selbst ansehen, – dann werde ich auch viel finden, das andern Leuten nicht gefällt und das ich mir gern zugut gehalten und getragen ha­ben möchte. Dann wird sich der Kitzel bald legen, der sich selbst gefällt und über eines an­dern Gebrechen lächelt, und Meister Klügel wird sich fein trollen und sein Urteil fallen lassen. Ja, dann wirst du froh werden und gleich mit dem andern ins Reine kommen und sprechen: Herr, vergib mir meine Schuld, und dann auch zum Nächsten: hast du wider mich gesündigt oder ich wider dich, so laß uns untereinander auch vergeben. Siehst du aber, daß er’s zu grob macht und nicht abläßt, wenn du ihn nicht strafst, so gehe hin und sage es ihm selbst, daß er sich bessere und abstehe, wie ich schon oft nach Matth. 18 gesagt habe. Das heißt dann nicht geurteilt und verdammt, sondern brüderlich zur Besserung vermahnt; so geht das Vermahnen fein friedlich nach Gottes Gebot zu. Sonst aber machst du mit deinem Kitzel, Lächeln und Spotten, daß der Nächste nur aus dich erbittert und verstockt wird; und du selbst bist viel är­ger als er und ein zwiefacher Sünder, weil du ihm die Liebe entziehst und Lust an seiner Sünde hast; so fäl1st du in Gottes Gericht und verdammst den, den Gott nicht ver­dammt hat, und ladest damit ein desto schwereres Urteil auf dich und verdienst, daß dich Gott noch viel höher verdammt, wie Christus hier warnt.

Siehe, solch schändlich Übel kommt alles daher, daß wir uns selbst gefallen, wie St. Paulus sagt, uns mit unsern Gaben spiegeln und kitzeln, als wären sie unser eigen; aber an einem andern sehen wie nichts, als wo er gebrechlich ist, und werden damit ganz blind und sehen weder uns noch den Nächsten mit rechten Augen an. Und sollten doch erst in unsern Busen greifen und sehen, was uns fehlt. Aber das tun wir nicht und haben statt dessen ein Geplerr vor den Augen, so daß wir uns schön vorkommen, wenn wir eine Gabe an uns sehen, die der Nächste nicht hat; aber eben damit verderben wir’s und sehen am Nächsten nicht auch, was er Gutes an sich hat. Wir könnten davon allzeit soviel finden, als wir jetzt an Gebrechen bei ihm sehen; das sollte uns auch gefallen und sollten wir ihm zugut halten, wenn auch etwas Ge­brechliches mit unterliefe, – wir gefallen uns selbst ja auch und halten uns fein zugut. [198]

Summa, das ist das ärgste Laster und eine reine Teufelshoffart, daß wir uns selbst gut vor­kommen und uns kitzeln, wenn wir eine Gabe an uns sehen oder fühlen, und Gott nicht dafür danken, sondern stolz werden und jedermann verachten und so ganz unsre Augen damit fül­len, daß wir vor unsrer Gabe nicht sehen, was wir sonst tun, und meinen, es sei alles an uns schön. Damit stehlen und rauben wir Gott seine Ehre und machen uns selbst zum Abgott und sehen nicht, welchen Jammer wir damit anrichten, wo wir sonst schon genug auf uns liegen haben, wenn wir’s recht ansehen könnten. Drum heißt’s Apok. 3 [Offbg. 3,17] zu einem Bischof, der sich gelehrter und besser vorkam als andre: du sprichst, ich bin reich und gar satt und bedarf nichts, und weißt nicht, daß du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß. Es mag wohl wahr s ein, daß deine Gabe größer ist als die eines andern – wie es denn sein muß, weil dein Amt größer und höher ist – aber dadurch, daß du dich drein spiegelst und dir selbst so wohl gefällst, verdirbst du es ganz und machst, daß dein höherer Schmuck unflätiger wird als allerandern Gebrechen. Denn je höher die Gaben sind, desto schändlicher werden sie ver­dorben, wenn du dir einen Abgott draus machst, wie wenn du Gift unter köstliches Malvasier mengst. Da hast du’s dann fein und gut getroffen: einen andern verurteilst du um eines kleinen Gebrechens willen und fällst selbst mit deiner Selbstgefälligkeit in die schwere Sünd, daß du Gott undankbar bist, ja in deinem Herzen dich selbst an seine Stelle setzest und in sein Ge­richt greifst; die Sünde ist schwerer denn sonst aller Menschen Sünden, dazu wirst du stolz gegen den Nächsten und überhaupt starblind, so daß du weder Gott noch deinen Nächsten noch dich selbst mehr kennst noch sehen kannst.

Was machst du nu mit solchem Urteilen, als daß du Gottes Gericht aus dich ladest? Gott muß billig zu dir sagen: ich habe dir diese Gaben nicht dazu gegeben, daß du den Nächsten verach­ten und dir selbst damit dienen sollst, sondern deinem Nächsten sollst du dienen, der arm und gebrechlich ist, und mir; du aber fährst zu und dankst mir nicht einmal dafür, als wäre es in deinem Herzen gewachsen, gebrauchst mein Geschenk gegen den Nächsten und gegen mich und machst dich selbst zu einem Tyrannen, Stockmeister und Richter gegen den Nächsten, den du in Liebe tragen, bessern und stützen solltest, wenn er gefallen ist. Was willst du dann antworten, wenn Gott dich so ansprechen wird, wie er hier zuvor warnt? Dann geht das Urteil billigerweise über dich, daß du aus dem Splitter, den du vielleicht in deines Bruders Auge siehst, einen großen Balken machst.

Ich will schweigen davon, daß du mit dem schändlichen Urteilen nicht allein an sich schon verdammlich bist, sondern daß gemeiniglich der, der urteilt, in größeren Sünden und Untu­genden steckt als der andre; wenn er in sich ginge und seinen eigenen Kalender und sein eigen Register leise, wie er gelebt hat von Jugend auf, so würde er eine Legende hören, daß ihm grauen könnte und er [199] gern von andern Leuten schweigen würde. Nu aber dünkt sich ein jeder fromm und will sein Voriges alles vergessen und dann einen armen Menschen tadeln und verdammen, der einmal gesündigt hat. Damit kommt er in zweierlei Jammer: sein vorige- Leben verachtet er und vergißt, was er gewesen ist, und denkt nicht daran, wie weh es ihm getan hätte, wenn man ihn so verspottet und verdammt hätte. Das ist die eine Sünde, daß er undankbar ist und die Vergebung der Sünde, Gnade und alle Wohltat Gottes vergessen hat. Die andre Sünde ist, daß er die Frömmigkeit verliert und alle vorige Sünde wieder gegen sich hervorholt dadurch, daß er sich in seiner Frömmigkeit spiegelt; und so wird er siebenmal ärger als je zuvor.

Denn meinst du nicht, daß dir Gott könne ein Register vor die Nase legen und nicht allein deine Gebrechen und Sünden der Jugend anführen könnte, sondern auch dein ganzes Leben, das du für so köstlich hältst wie seht die Mönche ihr Klosterleben? Wie willst du da bestehen und was willst du antworten daraus, daß du täglich ihm seinen Sohn mit deiner Messe und andrer Abgötterei gelästert und gekreuzigt hast? So geht’s, wenn wir vergessen, was wir gewesen sind, dann können wir wohl andre Leute richten. Aber es heißt: Hans, nimm dich selbst bei der Nase und greif in deinen eigenen Busen, wenn du einen Schalk urteilen und finden willst; da findest du den größten Schalk auf Erden und wirst andre Leute dann leicht vergessen und gern mit ihnen gut sein; denn du wirst nimmermehr an einem soviel Sünden finden als an dir; denn wenn du viel an einem andern siehst, so siehst du ein Jahr oder zwei, an dir aber dein ganzes Leben, vor allem die groben Knoten, die andre Leute nicht wissen, so daß du dich vor dir selbst schämen mußt.

Siehe, das wäre ein Mittel gegen das schändliche Laster, wenn du dir nicht selbst gefällst, sondern Gott bittest, daß er dir und andern vergebe. Zum andern: wenn du auch etwas Böses am Nächsten siehst, so sollst du ihn darum doch nicht verachten und verdammen, sondern sein Gutes ansehen und mit deinen Gütern und Gaben ihm helfen und raten, ihn decken und schmücken, und sollst wissen: wenn du gleich der frömmste und heiligste wärst, so wirst du doch, wenn du einen andern richtest, eben damit der allerärgste. Denn deine Gaben sind dir nicht dazu gegeben, daß du dich damit kitzelst, sondern daß du dem Nächsten damit helfest, wenn er’s bedarf, daß du mit deiner Stärke seine Schwachheit tragest, seine Sünde und Schan­de mit deiner Frömmigkeit und Ehre deckest und schmückest, wie Gott durch Christus dir getan hat und noch täglich tut. Tust du das nicht und willst dich selbst mit deinen Gaben kit­zeln und andre verachten, so wisse: wo ein andrer einen Splitter trägt, da trägst du vor Gott gegen ihn einen großen Balken.

Da siehst du, warum Christus so hart gegen dies Laster redet und das strenge Urteil fällt: wer da richtet, der soll wieder gerichtet werden. Und so ist’s auch billig. Denn weil du Gott in sein Urteil fällst und den verdammst, den Gott nicht verdammt hat, so gibst du ihm dadurch Anlaß, auch dich wiederum mit all deinem Leben zur Hölle zu verdammen, wenn du auch noch so fromm [200] gewesen bist, und den Nächsten, den du verdammt und gerichtet hast, zu Ehren zu bringen, ja zum Richter über dich zu setzen und zu machen, daß er an dir zehnmal mehr zu verdammen findet als du an ihm gesunden hast. Da hast du es dann gut gemacht: Gott und den Nächsten hast du erzürnt und hast nu beide wider dich, verlierst Gottes Gnade und das christ­liche Leben in einem und wirst ärger als ein Heide, der nichts von Gott weiß.

Um uns nu desto fleißiger vor dem Laster zu warnen, setzt er ein grobes Gleichnis und malt’s vor die Augen und spricht: wer seinen Nächsten richtet, hat einen großen Balken im Auge, während der, der gerichtet wird, nur einen kleinen Splitter hat, und ist eben dadurch, daß er andre verdammt, zehnmal mehr des Gerichts und Verdammens wert. Das ist ein schrecklich greulich Urteil. Wo sind nu die Rottengeister und Meister Klüglinge, die viel am Evangelium zu meistern und zu tadeln wissen und nichts können als uns und andre verurteilen, wo doch nichts zu strafen ist, oder die vielleicht einen Splitter an uns sehen, den sie hoch aufmutzen? So tun die Papisten: wenn sie es aufs beste machen und hohe Ursachen bringen, deretwegen sie uns verurteilen und verdammen, so ist das das Höchste, daß etliche der Unsern geistliche Güter inne haben oder daß wir nicht fasten und was dergleichen mehr ist; das sind kleine Ge­brechen, die mit unterlaufen. Aber ihres Balkens werden sie nicht gewahr: daß sie nämlich das Evangelium verfolgen, Unschuldige drüber morden. Dazu sind sie selbst die großen Erzräuber und Diebe der Klöster und Kirchengüter; denn was rauben jetzt Papst, Bischöfe und Fürsten nicht? Mit den geistlichen Gütern machen sie, was sie gelüstet; zudem ist keiner unter ihnen ein rechter Bischof und hat das Seine nicht mit Gott und Ehren, sondern sitzt darin als ein Dieb und Räuber. Und das alles muß doch köstlich Ding sein und darf nicht gestohlen noch geraubt heißen. Aber daß wir nicht fasten und ihre Gerechtigkeit nicht so streng halten, die sie doch selbst nicht halten, das allein muß böse sein und all ihre Sünde und Schande fromm und zu Ehre machen. So geht’s durch die ganze Welt, allenthalben richtet ein Balken den Splitter und verdammt ein großer Schalk einen kleinen.

Nu ist ja wahr, daß wir nicht ohne Gebrechen sind; kein Christ wird’s dahin bringen, daß er nicht einen Splitter behalte. Denn selbst St. Paulus hat’s nicht können dahin bringen, wie er Röm. 7 klagt. Und die ganze Christenheit muß täglich bitten: vergib uns unsre Schuld, und sie bekennt den Artikel des Glaubens, der da heißt: Vergebung der Sünde. Aber diese Balken­trä­ger und Splitterrichter wollen diesen Artikel nicht leiden und alles so rein haben, daß kein Mangel und Gebrechen da sei; und sobald sie so etwas sehen, fahren sie daher mit Richten und Verdammen, als wären sie so heilig, daß sie keiner Vergebung der Sünde noch Betens bedürfen. Sie wollen das Vaterunser reformieren und den Hauptartikel des Glaubens aus­löschen, wo sie doch selber voller Blindheit und Teufel sind. Trotzdem haben sie das Herze­leid mit andrer Leute Splitter. Und wenn wir uns unter uns selber noch so Mühe geben und töricht drüber würden, – die voll Laster und Bosheit sind, können’s doch nicht [201] lassen, sie müssen der andern geringe Laster ansehen und verdammen, damit ja der Balken über den Splitter Meister und Richter sei.

Wer aber ein Christ ist, muß wissen und wird’s auch selber fühlen, daß es nicht so rein zuge­hen kann ohn den Splitter und daß der Artikel der Vergebung der Sünde täglich in uns regie­ren muß. Darum kann er auch andern Leuten ihre Gebrechen zugut halten und sie mit ins Vaterunser schlagen, wenn er spricht: Vergib uns, wie auch wir vergeben. Besonders dann, wenn er sieht, daß man das Wort lieb und wert hält und nicht verachtet noch verfolgt. Denn wo das Wort ist, da ist Christi Reich und lauter Vergebung, durch die der Splitter verzehrt wird. Wo wir solches spüren, sollen wir drum keinen verachten noch verdammen; sonst ma­chen wir auch aus unserm Splitter einen Balken und kriegen keine Vergebung der Sünden, weil wir andern nicht vergeben wollen.

Du sprichst vielleicht: soll ich denn nicht strafen, wenn ich sehe, daß es unrecht zugeht, soll ich’s etwa recht heißen und billigen, oder soll ich mir’s gefallen lassen, daß man die Kloster­güter zerreißt oder so roh dahingeht und nicht betet noch fastet? Nein, das heiße ich dich auch nicht. Denn Christus bekennt hier, daß ein Splitter da ist und daß er weggenommen werden soll. Er lehrt dich aber recht damit umgehen. Ein Splitter ist wahrlich nicht fein, sagen soll ich’s drum; aber vor allen Dingen soll ich zusehen, daß ich nicht selbst einen Balken im Auge habe, und soll denselben zuvor herausnehmen. Mache zuvor den großen Schalk in deinem Busen fromm, darnach tue dazu, daß der kleine auch fromm werde. Denn daß die großen Die­be die kleinen hängen, wie man sagt, und große Schatte die kleinen verdammen, das gilt nicht. Wenn der Papst mit den Seinen da ansinge und wenn sie erst vor ihrer Tür kehrten, dann müß­ten darnach auch wir kommen und das gleiche leiden. Nu aber wollen sie ihren Balken nicht lassen und ihn ungestraft haben und dabei uns verdammen, weil wir noch einen Splitter haben und uns nicht so rein halten wie wir sollen. Es geht so: der große Ketzer, der Papst, verdammt die andern kleinen Kehrt; und die kleinen Diebe müssen die großen Diebe, die öffentlich und ohn Unterlaß stehlen und rauben, fromm machen und für sie hängen und bezahlen.

Solch verkehrtes Wesen soll in meinem Reich nicht sein, spricht Christus, sondern zum ersten sollst du den großen Schalk fromm machen, den du in deiner Haut finden wirst, wenn du dich recht ansiehst; wenn du das ausgerichtet hast, so kannst du hernach auch mit guten Recht dazu kommen, einen kleinen Schalk fromm zu machen. Aber du wirst Wunder damit erleben, wie­viel du mit dem großen Schalk täglich zu tun kriegst, so daß ich dir Bürge sein und meinen Kopf dafür zum Pfand setzen will, daß du gar nicht dazu kommst, des andern Splitter auszu­ziehen. Du wirst vielmehr sagen: soll ich erst mit andern Leuten umgehen und sie fromm ma­chen, wo ich doch mich selbst nicht fromm machen und meinen Balken nicht los werden kann? So wird also deines Bruders Splitter vor dir sicher bleiben. Siehe, das [202] will Chri­stus sagen und in Summa soviel lehren, daß einer dem andern vergeben und ihn mit Geduld tragen soll und daß wir untereinander Demut beweisen. So müßte es gehen, wenn wir seiner Lehre folgten. Und so ginge es recht und gut in der Christenheit in aller Eintracht und Gott wäre bei uns. Aber der Teufel läßt’s durch seine Glieder und Rotterei nicht dazu kommen.

Daß er uns ein so greulich Urteil vorstellt, das sollt uns ja vor dem Laster erschrecken: allzeit hat der, der da richtet, vor Gott einen Balken im Auge und der andre, der gerichtet wird, einen Splitter. Nu ist der Balken eine unermeßlich schwerere Sünde als der Splitter, nämlich eine Sünde, die uns ganz verdammt und für die keine Gnade mehr ist. Denn wie groß unsre Sünden und Gebrechen sonst auch sind, die kann Gott alle vergeben, wie er ja damit anzeigt, daß er des Nächsten Sünd einen Splitter heißt. Aber wenn du einen andern um seiner Gebrechen willen richtest und verdammst und ihm nicht vergibst, wie du doch wolltest, daß Gott dir vergebe, wenn du hin gehst und solchen Balken nicht sehen willst und meinst, du wärest ohne Sünde, – das ist der schändliche Zusatz und Unflat, der alles verdirbt. Wenn du aber dich selber erkänntest, so würdest du auch den Nächsten nicht richten, wie schon gesagt; dann würde auch dein Balken klein und ein Splitter heißen und zur Vergebung der Sünden kom­men; dann würdest auch du gern vergeben und eines andern Splitter tragen und zugut halten, weil dir Gott deinen Balken vergibt und zugut hält.

Es heißt aber mit Recht ein Balken im Auge; denn er macht den Menschen stock- und star­blind. Die Welt kann ihn aber nicht richten noch sehen, ja er ist mit solch schönem Schein geschmückt, daß sie meint, er sei ein köstlich Ding und große Heiligkeit. Gleichermaßen hat Christus droben vom Schalksauge gesagt: da zünden die Geizhälse sich selbst ein Licht an und machen sich einen feinen Gedanken und dann darf’s nicht gegeizt heißen, sondern muß ein großer Gottesdienst sein. So ist’s auch hier: die den Balken tragen, wollen traun keinen Balken haben und nicht dafür gestraft sein, daß sie blinde und elende Leute sind, sondern sie wollen gelobt sein als solche, die aus rechter christlicher Meinung andre Lehre oder Leben richten. So können die Rottengeister trefflich rühmen und schwören, daß sie nicht aus Hoffart oder Neid anders lehren, sondern allein Gottes Ehre und des Nächsten Heil suchen; so schön und licht machen sie’s und die Demut und Ehre Gottes ist dabei so groß, daß sie vor ihr nichts andres sehen. So geht’s auch, wenn man am Leben einander zu verurteilen und zu tadeln be­ginnt. Da ist der Deckel und Ruhm auch da: ich tue es nicht aus Feindschaft gegen die Person, sondern aus Liebe zur Gerechtigkeit, der Person bin ich hold, aber der Sache bin ich feind. Das kitzelt dann so sanft unter dem schönen Schein, daß man nie des Balkens gewahr wird.

Aber es gilt nicht, wenn du selbst ohn Gottes Wort und Befehl richten und urteilen willst und wenn du’s auch hernach Gottes Ehre und Gerechtigkeit heißest, sondern es ist und bleibt ein teuflischer Zusatz, der sich nur mit diesem Deckel schmückt und schön macht. Denn hier hörst du: Gott will es nicht haben, [203] daß wir uns unterstehen, selbst Richter zu sein, es sei in der Lehre oder im Leben. Wo aber not ist, zu richten und zu strafen, sollen’s die tun, die Befehl und Amt dazu haben, nämlich Prediger und Pfarrer im geistlichen Regiment und die Obrigkeit im weltlichen Regiment oder ein Bruder gegen den andern in brüderlicher Liebe, die des Nächsten Gebrechen trägt und bessert.

Während Johann Bugenhagens Abwesenheit von Wittenberg predigte Luther ab November 1530 über Matthäus 5-7. Diese Predigten wurden dann in bearbeiteter Form 1532 in Wittenberg veröffentlicht.

WA 32, 473-484.

Hier Luthers Predigt als pdf.

2 Kommentare

  1. Nicht schlecht der Martin Luther. Da wird manche Lebensweisheit verständlich wiedergegeben, die einem hilft, mit sich und seinen Mitmenschen besser auszukommen.

    Der Teuffel weiß, wo die guten Texte stehen, die noch dazu aus der geschichtlich nachweisbaren Realität stammen. Schön 🙂

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