Dietrich Bonhoeffer in seiner Ethik: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet“ ist der Stoß ins Herz des um Gut und Böse wissenden Menschen

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Über das Richten schreibt Dietrich Bonhoeffer in seiner Ethik Folgendes:

„Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1). Das ist nicht die Ermahnung zu Vorsicht und Milde im Urteil über die Mitmenschen, wie sie auch die Pharisäer kannten, sondern es ist der Stoß ins Herz des um Gut und Böse wissenden Menschen. Es ist das Wort des aus der Einheit mit Gott Sprechenden, der nicht kam um zu richten, sondern um zu retten (Joh 3,17). Für den Menschen in der Entzweiung besteht das Gute im Urteilen, dessen letzter Maßstab der Mensch selbst ist. Um Gut und Böse wissend ist der Mensch wesentlich Richter. Als Richter ist er gottgleich, mit dem Unterschied, daß jedes Urteil das er richtend fällt, ihn selbst trifft. Indem Jesus den Menschen als Richter angreift, fordert er die Umkehr seines ganzen Wesens, stellt er ihn gerade in der äußersten Realisierung seines Guten als Gottlosen, als Sünder hin.

Jesus fordert die Überwindung des Wissens um Gut und Böse, er fordert die Einheit mit Gott. Das Urteil über den anderen Menschen setzt immer schon die Entzweiung mit ihm voraus, es tritt hindernd vor das Tun. Das Gute, das Jesus meint, aber besteht ganz im Tun, nicht im Urteilen. Den anderen Menschen richten bedeutet immer einen Aufenthalt im eigenen Tun. Der Richtende kommt nie zum Tun beziehungsweise ist selbst das, was er als sein Tun aufzuweisen hat und das kann sehr reichlich sein, selbst immer nur Urteil, Gericht, Vorwurf, Anklage gegen die anderen. Das Tun des Pharisäers ist dadurch ein Richten der anderen Menschen, daß es die Öffentlichkeit des Urteils – und sei es nur die Öffentlichkeit vor dem eigenen Ich – sucht, daß es gesehen, beurteilt, als gut – und sei es nur von dem eigenen Ich – anerkannt sein will. „Alle ihre Werke tun sie, daß sie von den Leuten gesehen werden“ (Mt 23, 5). Das Tun des Pharisäers ist nur eine bestimmte Ausdrucksweise seines Wissens um Gut und Böse und also seiner Entzweiung mit den anderen Menschen und mit sich selbst. Es ist dadurch das schwerste Hindernis zum wirklichen Tun zu gelangen, das aus der wiedergefundenen Einheit des Menschen mit den anderen Menschen und mit sich selbst herkommt. In diesem Sinne also, der in der entzweiten Existenz begründet ist, [317] – nicht im Sinne bewußter Böswilligkeit – ist das Tun des Pharisäers, das heißt des Menschen, der das Wissen um Gut und Böse bis ins Letzte verwirklicht, Scheintun, Heuchelei.

Insofern klafft nun in der Tat ein tiefer Widerspruch zwischen dem Reden und dem Tun des Pharisäers. „Sie sagen’s wohl und tun’s nicht“ (Mt 23,3). Nicht als täten die Pharisäer nichts, als wären sie faul zu guten Werken. Das Gegenteil ist richtig. Aber ihr Tun ist kein echtes Tun: denn das Tun, das die Entzweiung des Menschen in Gut und Böse überwinden soll, erreicht dieses Ziel nicht, sondern verschärft nur noch die Entzweiung. So gerät dem Pharisäer das Tun des Guten, das die innere Entzweiung und die Entzweiung mit den Menschen heilen soll, erst recht zur Entzweiung, zum Verharren im Abfall vom Ursprung. Daß schließlich die Selbstentzweiung des über die anderen zu Gericht sitzenden Menschen sich auch in psychologisch greifbaren Formen enthüllt, so zum Beispiel daß der Ernsthafte dabei seine Racheinstinkte gegen den Leichtfertigen, den er insgeheim beneidet, abreagiert, oder daß gerade der Punkt der eigenen Schwäche, wo sie am anderen beobachtet wird, zum besonders harten Aburteilen führt, daß also auf dem Boden heimlicher Verlogenheit, verzweifelnder Empörung und resignierter Laxheit gegen die eigene Schwäche der Richtgeist besonders giftige Blüten treibt – das alles darf nicht zu einer Verkennung des wahren Sachverhaltes führen: nicht aus jenen Untugenden und noch so abgründigen Bosheiten des menschlichen Herzens entspringt das Richten, sondern das Richten ist der Ursprung aller jener psychologisch faßbaren Erscheinungen. Nicht also weil das Richten aus so dunklen Motiven kommt, ist es verwerflich, – so meinte es Nietzsche – sondern [318] weil das Richten selbst der Abfall ist, darum ist es böse und darum treibt es auch böse Früchte im menschlichen Herzen. Es läßt sich ja nun auch garnicht leugnen, daß psychologisch gesehen auch höchst edle Motive aufgedeckt werden können, die den Richtenden bestimmen. Das vermag aber an der Sache selbst nichts zu ändern. „Richten“ ist nicht eine besondere Untugend und Bosheit des entzweiten Menschen, sondern es ist dessen Wesen, das sich in seinem Reden, seinem Handeln und in seinem Fühlen offenbart. So freilich wird der Pharisäer nur aus der schon wiedergewonnenen Einheit heraus, das heißt von Jesus her, erkannt. Der Pharisäer selbst kann sich nur in seinen Tugenden und Untugenden, nicht aber in seinem Wesen, in seinem Abfall vom Ursprung erkennen. Nur aus dem überwundenen Wissen um Gut und Böse kann die Bedrohung der gesamten Existenz des Pharisäers herkommen, nur Jesus kann die im Wissen um Gut und Böse begründete Autorität des Pharisäers stürzen. Im Munde Jesu ist das „Richtet nicht“ der Ruf dessen, der die Versöhnung ist, an den entzweiten Menschen, der Ruf zur Versöhnung.

Wie es nun ein – unechtes – Tun des Menschen gibt, das selbst ein Richten ist, so gibt es – erstaunlich genug – auch ein Richten, das ein – echtes – Tun des Menschen ist, das heißt ein „Richten“, das aus der vollzogenen Einheit mit dem Ursprung, mit Jesus Christus, herkommt. Es gibt ein „Wissen“, das aus der Erkenntnis Jesu Christi, als des Versöhners, kommt. „Der geistliche Mensch richtet alles und wird von niemand gerichtet“ (1 Kor 2,15) und „ihr habt die Salbung von dem, der da heilig ist und wisset alles“ (1 Joh 2,20). Dieses Richten und dieses Wissen kommt aus der Einheit, nicht aus der Entzweiung. Es schafft daher auch nicht weitere Entzweiung, sondern Versöhnung. Wie das Gericht Jesu Christi gerade darin bestand, daß er nicht kam, um zu richten, sondern um zu retten – „Das ist das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist“ (Joh 3,19 vgl. Verse 17.18) – so werden die mit Gott und Mensch in Christus Versöhnten gerade als Nichtrichtende alles richten und als Nicht um Gut und Böse Wissende alles wissen. Ihr Gericht wird im [319] brüderlichen Zurechthelfen, im Aufrichten, auf den rechten Weg bringen, Ermahnen und Trösten bestehen (Gal 6,1; Mt 18,15ff) und wenn es sein muß auch in der zeitweiligen Aufhebung der Gemeinschaft, doch so daß der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu (1 Kor 5,5), es wird ein Richten der Versöhnung sein und nicht der Entzweiung, ein Richten durch Nichtrichten, ein Richten als Tun der Versöhnung. Nicht mehr um Gut und Böse, sondern um Christus als Ursprung und Versöhnung wissend, wird der Mensch alles wissen. Um Christus wissend erkennt und anerkennt er ja die ihm geltende Erwählung Gottes, steht er selbst nicht mehr als der Wählende zwischen Gut und Böse, also in der Entzweiung, sondern als der Erwählte, der garnicht mehr wählen kann, sondern schon gewählt hat indem er erwählt ist, in der Freiheit und Einheit des Tuns des Willens Gottes. Er steht damit in einem neuen Wissen, in dem das Wissen um Gut und Böse überwunden ist. Er steht im Wissen Gottes, doch nicht mehr als der gottgleichgewordene, sondern als der das Bild Gottes tragende. Er weiß nur noch ‚Jesum Christum den Gekreuzigten“ (1 Kor 2,2) und in ihm weiß er alles. Als Nicht-wissender ist er der allein Gott und in ihm alles Wissende geworden. Wer Gott in seiner Offenbarung in Jesus Christus weiß, wer den Gekreuzigten und Auferstandenen Gott weiß, der weiß alles, was im Himmel, auf Erden und unter der Erde ist. Er weiß Gott als die Aufhebung aller Entzweiung, alles Urteilens und Richtens, als den Liebenden und Lebendigen. Das Wissen des Pharisäers war tot und unfruchtbar, das Wissen Jesu und der mit ihm Verbundenen ist lebendig und fruchtbringend; das Wissen des Pharisäers ist auflösend, das neue Wissen ist erlösend und versöhnend; das Wissen des Pharisäers ist die Zerstörung alles echten Tuns, das Wissen Jesu und der Seinen besteht nur im Tun.

Hier Bonhoeffers Text als pdf.

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