Martin Luther über das Richten: „Der Mensch außerhalb der Gnade und des Glaubens ist, je hei­liger er ist, desto wütiger und tyrannischer und ohn alles Erbarmen“

splitter
Domenico Fetti: Vom Splitter und vom Balken (um 1619, Metropolitan Museum of Art)

„Richtet nicht!“ Aus einer Predigt Martin Luthers über Lukas 6,36-42 von 1529

Richtet nicht! Was ist das? Daß man im Geist urteilt: der ist ein Sünder, ein Ketzer, lebt in Sünden. Richtet nicht d.h. ihr sollt nicht klug und Meister sein wollen. Aber alle Welt hat eben damit zu schaffen. Da fällt der Bauer über uns her: tötet er uns nicht mit dem Schwert, so doch mit der Lüge: das ist ein verdammter Mensch! Alle Welt richtet und verdammt die Un­schuldigen, wie man vordem die Märtyrer verdammt hat. Sie tut das aus großer Klugheit und meint, was sie richtet, sei recht. Und so verfällt sie darauf, die zu richten, die ihre Richter sein sollten. So haut auch der Pöbel einen jeden auf die Fleischbank. Die besten Leute stecken tief in diesem Laster. Je frömmer und weiser einer ist, je mehr richtet er und hat kein barmher­zig Herz gegen die Sünde, alle mißt er nach seiner eigenen Regel. Wenn man einen anders leben sieht als man selber lebt oder in Sünde fallen sieht, so lacht man und hat seine Freude dran. Also hat kein Herz Barmherzigkeit, wenn nicht der Glaube an Jesus Christus in ihm ist. Sonst ists voll von solchem Gericht, und je rechtschaffener und begabter einer ist, desto mehr. Je heiliger und eingezogener einer ist und lebt, desto mehr richtet er ande­re. Die ehrbarsten Weiber haben die giftigsten Mäuler: sieh der! sieh die! Denn sie vergleichen ihr Leben mit dem des andern; da muß solch Gericht folgen. Ein Christ tut das nicht, denn er hat aus dem Evangelium gelernt, daß Christus gekommen ist, um dem Richten und Urteilen zu steuern. Er hat alle Werke und all unsre Gerechtigkeiten abge­tan, so daß niemand mehr einen andern richten kann. Niemand wird durch seine Werke selig. Nein ab damit, sonst richt ich mir nur ein Unglück an. Ein Christ weiß: es ist einer so fromm als der andre, Paulus kommt nicht anders daher als der Schächer am Kreuz und die ehrbare Jungfrau nicht anders als Maria Magdalena. So muß sich einer in sein Herz hinein schämen, wenn er einen andern richtet. Ich bin aber doch kein Ehebrecher, Hurer und Bösewicht, sprichst du. Aber das ist die Rechtschaffenheit der Werke und Sitten, die der Pharisäer hatte (Lk. 18,11), darauf gründest du dein Urteil. Wenn aber nu einer käme und risse diesen Baum aus und sprä­che zu dir: deine Gerechtigkeit ist verdammt, dann verdorrt der Baum. Das tut Christus, in­dem er spricht: vor Gott gilt dein gut und heilig Leben nicht. Ja, vor der Welt ists ein gewal­tig Ding, wenn ein Weib von guten Sitten ist. Vor der Welt soll sie größere Ehre haben als ein schlechtes Weib, desgleichen ein rechtschaffener Mann. Es soll kein Bube kommen und sprechen: zwar bin ich ein Bube und du ein gutes Weib, aber ich bin dennoch ebenso gut als du! Auf Erden ist der eine besser als der andre: da bist du ein Schelm und jener ein frommer Mann. Da sollst du nicht daherstolzieren mit dem Evangelium, sonst ists dreifach ärger als zuvor. Du sollst anerkennen, daß du ein rechtschaffen Leben führen sollst vor der Welt. Aber vor Gott gilts nicht. Da kann eine Hure in einer Stunde den besten Glauben erlan­gen und Gott angenehm sein. Darum hab ich gesagt: solch Werk der Barmherzigkeit, daß er einen andern nicht richtet, tut niemand als ein Christ. Ein andrer hat die Meinung, die Werke tätens. Wer in dieser Meinung steht, der richtet und spricht: dieser ist verdammt. Darum ler­net, daß niemand einen andern richte d.h. sich nicht über den andern erhebe. Denn einer wie der andre be­darf der Gnade Gottes, das ehrbare Weib gleichermaßen als die unzüch­tige Hure, es ist eine einzige Gnade über alle. Dann kann man das Richten lassen. Denk viel­mehr so: jene sündigt mit Ehebruch, ich mit Hochmut, jener mit Zorn, ich mit Unglauben. Dennoch bleibts vor der Welt wahr, daß jene eine Ehebrecherin ist, ich aber nicht. Aber dar­auf bau ich nicht, weil vor Gott alle gleich gelten, wiewohl sie vor der Welt ungleich sind. So reißt der Glaube den Junker aus, der andre richtet. Die Jungfrau bedarf der Gnade ebenso wie die Mutter, der Mann ebenso wie das Weib. So ist unser Leben unter die Sünde verschlos­sen, auf daß es sich aller erbarme.

Das lehrt der Glaube, nicht die Vernunft. Die Vernunft richtet. Darum ist Nicht-richten ein Werk der Barmherzigkeit. Und wenn ein Mensch ohne Glauben lebt und nach der Vernunft, so ists unmöglich, daß er könnte barmherzig sein, nicht richten und geben. Denn der allein ist barmherzig, der nicht richtet. Der Mensch außerhalb der Gnade und des Glaubens ist, je hei­liger er ist, desto wütiger und tyrannischer und ohn alles Erbarmen, wie heutzutage die Ver­folger des Evangeliums sind. Was hilfts, daß du einen Menschen, der gefallen ist, auch noch richtest? Ist der nicht ein Tyrann, der seinen Nächsten im Elend liegen sieht und ihn auch noch verdammt? Es ist, wie wenn du einen der Ärmsten schier Hungers sterben sähst und es brächte ihm einer ein Stück Brot, du aber nähmst es ihm weg und sprächst: er ists nicht wert, daß er am Leben bleibt! So sind all die gesinnt, die einen irrenden und fallenden Menschen richten. Wenn man ihn der Gnade beraubt, ist er in Gefahr, von der Kirche abgesondert zu werden und in des Teufels Stricke zu fallen. Mit allen Kräften solltest du ihn herausreißen. Aber du lachst: ei, ist der ein solcher! Die Vernunft erkennt solch tyrannische Herzen nicht. Das sind die allergrößten Tyrannen auf Erden, die so unbarmherzig sind. Der, der der größten Barmherzigkeit bedarf, an dessen Schande freu ich mich noch, da ich doch das Widerspiel tun sollte! Drum versteht die Vernunft nicht, was dieser Text heute sagt. Auf allen Kathedern wis­sen sie nicht, was sie reden. Es ist ein hohes Werk der Barmherzigkeit, wenn du nicht richtest und vielmehr dem Fallenden aufhilfst. Aber du kaufst darüber hin. Drum sei still und richte nicht in deinem Herzen, sondern erzeige die Frucht der Barmherzigkeit. Richte nicht, sondern schilt vermahne und bete für ihn. Kitzle dich nicht damit, daß er so schmutzig ist und du nicht; du bist zehnmal schlimmer. Wie du missest, so wird auch dir gemessen werden. Du siehst den Splitter in deines Bruders Auge, aber in deinem Auge ist ein Balken. Du bist blind und willst ein Meister sein, eh du gelernt hast. Summa summarum: wer nicht glaubt, der bleibt ein Tyrann und ein unbarmherziger Mensch, der kein Mitleid hat. Darum hat St. Gregor recht gesagt: die wahre Gerechtigkeit hat Mitleid, die falsche ist ein Wüterich. Es ist einer der besten Sprüche, die er gesagt hat. Wenn einer auf seine eigene Gerechtigkeit vertraut, ist er unbarmherzig. Die wahrhaftige Gerechtigkeit aber glaubt an Christus und wird um seiner Gnade willen, die allen gilt, nicht übermütig. Da sehen die Christen, [77] was ihnen fehlt. Christen sind demütige Leute und lassen sich von den Niedrigsten helfen, helfen auch andern von Herzen gern. Sie haben das Wort: richtet nicht. Andre müssen Wüteriche sein.

Verdammen, das heißt richten im Herzen, daß man so oder so in seinem Herzen denkt. Das Wort zeigt an, wie wir unser Herz gegen den Nächsten stellen sollen, wenn er fällt. Wir sollen ihn nicht richten, sondern uns selber an ihm zurechtweisen, wie man in den Väterleben von einem Altvater liest, daß er gesagt habe: jener hats gestern getan, ich heute. Er spricht nicht: jener gestern, ich morgen, sondern er setzt die Zeit noch näher an den andern heran. Der hat den Fall des Nächsten sich selbst zu einem Schrecken und nicht zu einem Urteil (über den Nächsten) werden lassen. Äußeren Fall in grobe Sünden erkennt ein jeder, aber das geistliche Fallen ist verborgen, das sehen die Werkheiligen nicht. Wenn ein Christ einen andern fallen sieht, erschrickt er darum vor seinem eigenen Fall, richtet nicht und redet nicht. Solch ver­dammen geht mit dem Munde, daß man einen andern vor der Welt so verdammt, wie man ihn schon zuvor im Herzen verdammt hat.

Hier die komplette Predigt als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s