Martin Bubers Hinweis für Bibelkurse von 1936: „Ein Bibelkurs soll zum biblischen Text hinführen, nicht über den Text weg.“

Altarbibel (Luther 84)

Ein Hinweis für Bibelkurse[1]

Von Martin Buber

I. Ein Bibelkurs soll zum biblischen Text hinführen, nicht über den Text weg. Es kommt erstlich — und letztlich — darauf an, verstehen zu lehren was da­steht. Und dazu muß man selber das, was dasteht, ernst nehmen. In seinem Wortlaut, in seinem Sinn­gehalt, in seinen Zusammenhängen.

II. Mit einem noch so schwer zu erfassenden Wortlaut muß man bis aufs äußerste ringen, ehe man sich, mit der Melancholie eines unvermeidlichen Verzichts im Herzen, entschließt, auch nur einen einzigen Vokal anders zu lesen als er dasteht, das heißt: sich und den andern einzu­gestehen, daß man hier den Zu­gang zum Text nicht hat und nicht erarbeiten kann. Nichts bil­liger, als den Text für irrig zu halten und zu vermeinen, man könne hinter ihn und so zu einem richtigen gelangen! Man soll sich aber klarmachen, daß der für die uns vorliegende Textge­stalt Verant­wortliche nicht weniger Hebräisch konnte als unser­einer. Was er mit dem was dasteht meinte, wie er es verstand, das zu erfassen ist unsre Aufgabe; hinter ihn gelangen zu wollen ist eine aussichtslose Selbst-[311]täuschung, denn auch da, wo etwa die alten Über­tragungen in einer andern Lesung als die masoretische übereinstimmen, können wir nicht ermitteln, ob man nicht damals schon sich ein Überschweres zu erleichtern versuchte. Der »feste Buchstab« ist, wie problematisch er auch erscheinen mag, eine strenge Wirklichkeit, daneben alles andere Schein.

III. Dieser so — bis auf jene Grenzfälle, wo einem die Untreue schmerzhaft aufgenötigt wird — anzunehmen­de Wortlaut aber muß eben als die zulängliche wort- hafte Gestalt seines Sinns verstanden werden. Es kann sich hier nicht um einen Inhalt handeln, der diese Form bekom­men hat, aber auch eine andre vertrüge, um ein Was, das von diesem Wie abgelöst und einem andern verbunden werden könnte, um etwas, das »man auch anders sagen kann«. Man kann es nicht anders sagen, ohne daß es etwas an­deres wird! Und wenn es etwas anderes wird, dann eben etwas ganz anderes, einer andern Ordnung An­gehöriges, etwas — Unbiblisches. Das biblische Wort ist nirgends bloßer »Ausdruck« für ein geistiges oder seelisches Anliegen, sei es »ethischer«, sei es »reli­giöser« Art, oder für einen geschichtlichen oder sa­genhaften Sach­gehalt, sondern es ist überliefertes Wort, das einst gesprochen worden und dann in sei­ner Gesprochenheit überliefert worden ist: einst ge­sprochen als Botschaft, als Gesetzspruch, als Weis­sagung, als Gebet, als Bericht, als Belehrung, als Bekenntnis, als Dialog, so dem organi­schen Gedächt-[312]nis der Geschlechter anvertraut und darin bewahrt und stets neu in leben­diger Rede erhalten, ohne Auf­zeichnung oder neben der Aufzeichnung, und auch noch nach­dem alles aufgezeichnet war aus der Schrift immer wieder in der Gesprochenheit erstehend. Die Prägung dieses Wortes ist sein Wesen selber, seine einmalige Beschaffenheit, auszu­schmelzen ist es nicht; sein Rhythmus ist die notwendige Form, in der es sich dem Volksge­dächtnis zugeteilt und auferlegt hat; seine Lautwiederholungen sind ge­stiftete Bezüge zwi­schen Stelle und Stelle; auch wo es zu spielen scheint, zielt es, — »Wortspiel« ist hier Wort­ernst, der tiefe Ernst der Wortwelt selbst.

IV. »Gesprochen« heißt: in einer bestimmten Situation gesprochen. Das biblische Wort ist auch von den Situationen seiner Gesprochenheit nicht abzulösen, sonst verliert es seine Kon­kretheit, seine Leiblich­keit. Ein Gebot ist keine Sentenz, sondern eine An­rede; zu Volk gesprochen und von den Volksge­schlechtern je als zu diesem Geschlecht gesprochen gehört, aber nie ins Zeitlose zu heben; macht man es zu einer Sentenz, versetzt man es aus der zwei­ten in die dritte Person, aus der Verbindlichkeit des Hörens in die Unverbindlichkeit des inter­essierten Lesens, so nimmt man ihm sein Fleisch und sein Blut. Eine Prophetie ist die Rede eines als beauf­tragt redenden Menschen zu einer Menschenschar, in einer bestimmten Stunde, in einer bestimmten [313] Lage, deren Folge von der Entscheidung mitabhängt, welche diese Schar auf diese Rede hin in dieser Stunde fassen—oder unterlassen wird; gerade darin, in die­sem unverlorenen Atem des entscheidungs­mächtigen Augenblicks liegt das Geheimnis der ewi­gen Geltung künderischen Worts. Die biblischen Ge­schichten sind nur zum geringen Teil chronikartige Niederschrift, in den meisten lebt noch die aufrufen­de, zeitenverbindende, vor­bildweisende oder war­nende Stimme der Erzähler. Mögen manche Psal­men den Charakter liturgischen, einzelne gar litaneiartigen Gedichts tragen, der Grundton bleibt die gelebte Un­mittelbarkeit echten Notschreis und Dankjubels, Sprache persönlicher Sprecher, die ge­rade wenn und weil sie das »Ich« der wirklichen Person meinen, als Chorführer der Gemeinschaft deren Schicksal und deren Heil im Liede sagen. Diese seine situationsgeborene, situationsge­rechte Konkretheit muß dem biblischen Text bewahrt wer­den; man darf ihn nicht als Stücke einer Literatur, man soll ihn stets als Teile eines ungeheuren, viel­stimmigen, in einem Ur­grund schaffenden und offen­barenden Worts entspringenden, in ihm beterisch mündenden Gespräches lehren. Dafür ist nicht dies das Wichtige, sich von den Historikern sagen zu las­sen, wann, wo, unter welchen Umständen dieser oder jener Text entstanden sei; die Historiker, auch die bauenden und deutenden, sind ins Mittelbare gebannt und auf seine Behelfe angewie­sen; das Wich­tige ist, sich von dem einzelnen Text über seine be-[314]sondere Situationsbin­dung sagen zu lassen, was er und nur er darüber zu sagen vermag.

V. Biblische Texte sind als Texte der Bibel zu behan­deln, das heißt: einer Einheit, die, wenn auch gewor­den, aus vielen und vielfältigen, ganzen und fragmen­tarischen Elementen zusam­mengewachsen, doch eine echte organische Einheit und nur als solche wahrhaft zu begreifen ist. Das bibelstiftende Bewußtsein, das aus der Fülle eines vermutlich weit größeren Schrift­tums das aufnahm, was sich in die Einheit fügte, und in den Fassungen, die dieser Ge­nüge taten, ist nicht erst mit der eigentlichen Zu­sammenstellung des Kanons, sondern schon lange vorher, in allmählichem Zusammenschluß des Zu­sammengehörigen, wirksam gewesen. Die Kompo­sitionsarbeit war bereits »biblisch«, ehe die erste Vorstellung einer bibelartigen Struk­tur erwachte; sie ging auf eine jeweilige Zusammenschau der ver­schiedenen Teile aus, sie stiftete Bezüge zwischen Abschnitt und Abschnitt, zwischen Buch und Buch, sie ließ den tra­genden Begriff durch Stelle um Stelle klären, ließ die heimliche Bedeutung eines Vor­gangs, die sich in der einen Erzählung nur eben leicht auftat, in einer andern sich voll erschließen, ließ Bild durch Bild und Symbol durch Symbol er­leuchten. Manches von dem, was man »Midrasch« nennt, ist schon in der Bibel selbst, in diesen Zeug­nissen einer zur biblischen Einheit strebenden Aus­lese- und Koordinationsarbeit zu finden, deren stärk-[315]stes Werk­zeug eine diskret folgerichtige Verwendung von Wiederholungen, Motivworten, Assonanzen war. Wir stehen hier erst am Anfang einer methodischen Erkenntnis. Es gilt den Blick für diese Entsprechungen und Verknüpfungen und überhaupt für die Einheitsfunktion in der Bibel zu schärfen. Dann ergeben sich uns ganz andre Gebilde als die der »Quellenschrif­ten«, auf die die alttestamentliche Wissenschaft der letzten Jahrhunderte den Bau der Schrift zurückzufüh­ren sucht, es ergibt sich größere Verschiedenheit und größere Gemeinsamkeit, und das in seiner Dynamik erkennbare Werden dieser aus jener. Damit soll nicht gesagt sein, daß man sich nicht mit den Thesen der modernen Wissenschaft vertraut machen solle. Man soll es tun; man soll nur auch wissen, was es ist, das man durch sie erfährt. Thesen kommen und gehen; die Texte bleiben.

Quelle: Martin Buber/Franz Rosenzweig, Die Schrift und ihre Verdeutschung, Berlin: Schocken 1936, S. 310-315.

[1] Aus dem dritten Rundbrief der von mir geleiteten »Mittelstelle für jüdische Er­wachsenenbildung« (Anfang 1936). Ich habe hier die Grundsätze zusammengefaßt, die sich mir aus meinen Erfahrungen in einer Reihe von Bibelkursen (für Lehrer, Jugendführer usw., zwischen Frühjahr und Winter 1934 und seit dem Spätherbst 1935, an verschiedenen Orten Deutschlands) ergeben haben.

Hier Bubers Text als pdf.

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