„Er durchbricht das verstockte Schweigen aller derer, die Jesus nicht verstehen, er schreit“ – Iwands Predigtmeditation zu Lukas 18,31-43 von 1950

Kees de Kort - Bartimäus
Kees de Kort – Bartimäus

Eine höchst anspruchsvolle Predigtmeditation zu Lukas 18,31-43 hatte Hans Joachim Iwand 1950 für den Sonntag Estomihi geschrieben:

Predigtmeditation zu Lukas 18,31-43 (Estomihi 1950)

Von Hans Joachim Iwand

Wer über unser Evangelium predigt, wird sich vornehmlich zwei Fragen vorlegen müssen: einmal, warum gehen in der Passionsgeschichte Leidensverkündigungen dem Leiden selbst voraus? Gehört es zum Leiden Christi, daß ihm die Vorhersage des Leidens vorangeht? Er selbst, Christus, stellt sie ausdrücklich und verhüllt immer wieder dem Ereignis vor. was will er damit tun? Eins jedenfalls ist damit grundsätzlich negiert und aufgehoben, was freilich auch zum Schrecklichsten in der modernen Theologie gehört, als ob nämlich die Lehre bzw. die Verkündigung Deutung des zunächst einmal als Faktum hingenommenen Geschehens sei. Nicht das Geschehen geht voran, sondern das Wort, die Verheißung. Das Ereignis bestätigt nur das Wort, wir sind darum auch in unserem Glauben ans Wort gewiesen, und nicht an die „Heilstatsachen“, denn die Heilstatsachen erscheinen uns ja zunächst eben nicht als Heils-, sondern, wie eben hier den Jüngern, als Unheilstatsachen. „Denn wenn Gott redet, so kann er nicht anderst reden, denn von Sachen, welche die Natur nicht verstehet noch fassen kann. Darumb soll mans glauben, und wenn mans geglaubt hat, als denn soll mans auch erfahren, das es war sei“[1], denn Gottes Taten bleiben Seine Taten, sie sind nicht im vorhinein „einsich­tig“, sondern erst von hinterher: „das alle Gottes werck die art haben, wenn man davon redet, ee sie geschehen, so sind sie nit zubegreyffen“[2]. Aber was hat unser Glaube davon, wenn wir wissen, daß Jesus sich klar war über das, was ihm bevorstand? Der Satz von der Allwissenheit Jesu ist als solcher noch kein Glaubenssatz. Offensichtlich soll der Unterschied hervorgeho­ben werden zwischen dem Unverstand der Jünger und der Weissagung Gottes (vgl. Lk.24,25). So bezieht sich die Leidensverkündigung im Munde Jesu auch nicht auf das Vorwissen des Faktums, sondern auf die Entschlossenheit, mit der er selbst gerade diesen Weg geht. Die Notwendigkeit des Leidens und die Freiwilligkeit, mit der Jesus diesen weg „hinauf nach Jerusalem“ wählt, sind eins. Und zwar sind sie nicht an sich, nicht in uns, sondern nur in ihm eins! Sein Wille ist Ereignis des göttlichen, unumstößlichen Ratschlusses (Eph. 1,11; Hebr. 6,17 usw.). Insofern ist sein Leiden und sein Tod [208] von anderer Notwendigkeit, ihnen liegt ein anderes Muß zugrunde, als unserem Tod und unserem Leiden und wir sollten nicht die Passion Jesu von irgendwelchen Arten unserer Passion aus verstehen wollen. Es gibt keinen Zugang von außen, um das Nutz dieses Weges Jesu nach Jerusalem zu „verstehen“. Solange die Welt besteht, werden sich die Jünger Jesu immer wieder daran, an diesem Mutz seiner Verwerfung, stoßen. Sie träumen ja davon, ihn, Jesus, ganz anders zur Nacht, zur Gel­tung zu bringen. Es gibt offenbar ein grundsätzliches Nichtbegreifen, daß Christus leiden mußte, denn die Passion Jesu ist ja noch keineswegs „vorüber“, wir stehen ja noch keineswegs in der ecclesia triumphalis, was hier in Jerusalem geschieht, wird immer wieder geschehen, wenn auch nicht mehr mit Christus selbst, so doch mit seinem Evangelium. Daß diese Blind­heit von uns genommen werde, darum geht es. Also um die Aufhebung eines Nichtverstehens, das noch nicht damit behoben ist, daß „man“ weiß, daß Jesus gelitten hat, wie das eben alle Welt weiß. Es kommt darauf an, ob uns ein Licht aufgeht, daß wir begreifen, warum er leiden mutzte und daß er leiden wollte.

Das aber führt zweitens zur Frage nach dem homiletischen Zusammenhang. Die beiden Er­zählungen, die Leidensverkündigung und die Geschichte von der Heilung des blinden Barti­mäus (Mk. 10,46) sind aus Grund der kirchlichen Lesung zu einem Predigttext zusammenge­schlossen. Bei Mt. und Mk. steht die Geschichte vom Wettstreit der Jünger dazwischen. Es muß also zum mindesten nicht so nahtlos weitergehen wie bei Lk. Aber was meinte wohl Lk., wenn er die Geschichte von der Blindenheilung unmittelbar folgen ließ, und vor allem, was meinte die kirchliche Lesung, wenn sie gerade diese beiden Stücke verband? Schon Gregorius ist der Meinung, daß es sich homiletisch um eine Antithese handelt. Was die „carnales disci­puli“ nicht verstehen, das „sieht“ der Blinde[3]. Daß nämlich Jesus gerade als der von den Men­schen – „Ältesten, Hohenpriestern, Schriftgelehrten“ (Lk. 9,22; vgl. 17,25) – verworfene Stein (vgl. Acta 4,11) der Davids Sohn ist. Davids Sohn aber bedeutet: der Messias-König! Denken wir uns einmal das „historische“ aus der Situation „von damals“ weg, was bleibt dann? Ein schuldhaftes, weil dem Prophetenwort entgegenstehendes Unverstehen der Jünger über dem Leiden Jesu und das Wunder des Messias-Königs, der mit seinem Machtwort den Blinden sehend macht: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen“. Er ist also „dennoch“ ein König. Er ist es gerade als der von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten – man fürchtet sich fast, das in unsere Sprache zu übersetzen! – verworfene, der an die Heiden preisgegebene – auch das erleben wir und haben wir erlebt –, als der auch von seinen eigenen Jüngern nicht verstan­dene. Er ist, was er ist, nicht von unten her, vom dem her, was er „für mich“ ist, sondern, er kann für mich eintreten, weil er der verheißene König ist! Weil er kommt, die Welt zu retten. Weil er, als Davids Erbe, Herr sein wird über Sünde und Tod. Darum ereignet sich all dieser Masse von Bosheit, Intrige, Roheit und Unverständnis in den eigenen Reihen gegenüber, un­mittelbar vor den Toren Jerusalems zwischen dem auf seinem Weg ganz einsamen, ganz königlich auf sich gestellten Jesus Christus und dem Bettler am Wege das Wunder der Of­fenbarung. Gott verklärt durch diesen blinden Bettler seinen Sohn. Er muß uns allen be­zeugen, daß wir blind sind, er ist der Sehende unter tausend Blinden, weil er der Glaubende ist. Und um Christus zu erkennen, muß man zuvor ein Glaubender sein, ehe man ein Sehender wird. [209] Wie kreuz und Auferstehung die beiden Seiten einer Sache sind, eines Gesche­hens, so daß auch nicht einmal der Gedanke eines Andersseins hier Platz hat (Acta 2,22b), so sind Leidensverkündigung und Blindenheilung ein Offenbarwerden des einen Herrn. Auch die Heilung weist in die Zukunft! Ist Zeichen der Auferstehung und des Lichtes, das von da her über alle „blinden Bettler am Wege“ erstrahlen wird. Begreifen, Christus und seinem Weg ins Leiden gegenüber ein verstehender, ein Begreifender werden, daß hieße nun eben doch zum Bettler werden und mit diesem um das Licht der Erkenntnis schreien: Du Sohn Davids, erbarme dich mein! Gerade auch die Jünger sind nicht über den Bettler hinaus. Denn Chri­stus und seinen Weg erkennen ist seine Gabe, ist eine unserem Vermögen entzogene Tat des ihn verklärenden Geistes. Nun kann es vielleicht verständlich werden, warum die Kirche diese Perikope an den Eingang der Passionszeit gestellt hat: es geht darum, daß wir sehend wer­den!

 

II.

Die Passionszeit erinnert uns nämlich daran, daß im Leiden Jesu Christi sich ereignet hat, was die Zeit zu ihrem Ende bringt. Die Frage nach dem Ende der Zeit, aller Zeit, der Zeit in ihrem Noch-Nicht, in ihrem stets Über-sich-hinausweisen, in ihrer Unruhe und Grenzenlosig­keit ist hier beantwortet. Der Tod, wie wir ihn erleiden, zeitigt die Zeit, der Tod ist zur Grenz­scheide geworden zwischen Zeit und Ewigkeit. Aber der Tod Jesu hebt den Fluß der Zeit auf, macht sie stillstehen, setzt jenes neue „heute“, jenes besondere „Jetzt“, zu dem alle Zeit gleich fern und gleich nahe ist. „Es wird alles vollendet werden, was geschrieben steht durch die Propheten von des Menschen Sohn.“ hier werden die letzten Dinge des Menschen zu Ende gebracht werden, seine letzte und tiefste Bosheit und seine – von Gott her gesehen – höchste und gnadenvollste Möglichkeit. Das eine wird von unserer Seite her gesehen, und dabei wer­den sich gerade die von Amtswegen berufenen Leiter der Kirche am erschütterndsten kompro­mittieren. Gerade in Jerusalem und gerade von den geistlichen Führern wird Jesus, Gottes Offenbarung in Person, verworfen und an die – Heiden ausgeliefert werden! Was nützt alle Sorge um die Reinheit des Gesetzes, um die Heiligkeit des Kultes, wenn dann der Heilige Gottes an die Heiden preisgegeben wird. Es gibt das – wie die Passionsgeschichte lehrt, und hier enthüllen sich unsere letzten Möglichkeiten. An diesem Stück Kirchengeschichte ist die Eindeutigkeit des Wortes Kirche ein für allemal zerbrochen, für immer! Denn es gibt offenbar eine Kirche, die das heilige konserviert, aber den heiligen preisgibt! Es gibt eine Kirche, in der sich die Gottlosigkeit in ihrem höchsten und schrecklichsten Maße erfüllt. Wenn man das bedenkt, kann man erschrecken, daß bei diesem Gericht Gottes über alle Welt die Kirche auch auf die Seite der Gerichteten zu stehen kommt! Es gibt ein Bündnis, bei dem beide, Kirche und Welt, Fromme und Heiden, eine gleich furchtbare Rolle spielen – Jesus gegenüber! Da­rum ist hier kein Unterschied, darum wird hier – indirekt – die Voraussetzung dafür geschaf­fen, daß das Evangelium beiden gleich gilt, Juden und Heiden, denn „hier ist kein Unter­schied“. Bei der Leidensverkündigung fällt auf, daß sie eigentlich keine „Leidens“ Verkündi­gung allein ist, sondern mit der Voraussage der Auferstehung schließt. Das Dennoch Gottes, Gottes letztes Wort auf all das, was an menschlichem Spott und menschlicher Gewalttat vor­angeht, fehlt auch in der Weissagung nicht, der Menschensohn wird – auferstehen! So werden nun auch in Jesus, und zwar in ihm allein, die letzten Dinge offenbar, die Auferstehung, das neue Leben, der Sieg, der dem gehorsamen Menschen, dem Menschen ohne Sünde ver­heißen ist. Auch hier geht es um eine letzte, positive, keineswegs engelhaft-geistige, sondern [210] gerade menschlich-leibliche Möglichkeit. Der Menschensohn wird auferstehen. Aber diese Möglichkeit wird allein in einem Menschen als die ihm zukommende greifbar, in dem Menschen Jesus Christus. Für alle anderen nur in ihm und durch ihn. Jesus Christus ist der „Gerechte“ der Psalmen und des Deuterojesaja, seine Geschichte wird jetzt „erfüllt“ wer­den. Sie wird sich erfüllen auf der Seite des Leidenden, kraft der justitia passiva, exempla­risch vorgelebt in dem Menschen Jesus. Unsere Geschichte aber ist die Geschichte der justitia activa, deren tiefster, abgöttischer, gegen Gott und sein Kommen aktiv gerichte­ter Affekt hier aufgedeckt ist.

Das sind die Dinge, die geschehen werden. Und sie sind wahrlich damit nicht abgetan, daß sie einmal geschehen sind. Nur insofern sind sie unwiederholbar, als wir ihn, Jesus, nicht wieder ins Grab legen können. Er ist auferstanden – das heißt doch wohl: daß wir ein für allemal in diesem Kampf gegen Gott verloren haben, „wir wissen, daß Christus, von den Toten aufer­weckt, nicht mehr stirbt.“ Der Tod ist selbst entmachtet, ist in dem Leiden und Sterben Jesu „entmythologisiert“. Aber die Figuren, die in der Passionsgeschichte austreten, kommen im­mer wieder, versuchen immer wieder dasselbe, versuchen es immer wieder mit demselben Ergebnis, daß sich im Kampf um Jesus Christus die letzten Dinge enthüllen. Das heißt Jerusa­lem. Das ist seine unvergleichliche Rolle unter allen anderen Städten der Welt. In keiner ande­ren Stadt ist solches geschehen und konnte solches geschehen. Martin Kähler sagt mit Recht, daß Jesus nicht in Rom oder Athen hätte hingerichtet werden können. Man braucht nur diesen Gedanken zu denken und man begreift, wie absurd er ist, man begreift, daß der Name Jerusa­lem ein Gegenstück im Himmel hat. „Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wo ich dein nicht gedenken, wo ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein.“

 

III.

Jerusalem ist Davids Stadt und Jesus ist Davids Sohn. Das zu sagen, ist der Blinde am Wege da (Jes. 35,5; Mt. 11,5). Der blinde Bettler – das heißt der Mensch, der von sich aus eben nicht die Möglichkeit oder Zähigkeit mitbringt, zu sehen. Der, welcher gesehen werden soll, der Davids-Sohn in diesem zum Leiden gehenden Jesus, bringt uns erst die Möglichkeit, sehend zu werden (Joh. 8,12; Eph. 1,18). Wo sein Weg, besser noch, wo die Runde seiner Gegenwart, den blinden Menschen trifft, da ist der „Augenblick“ der Entscheidung, der Hilfe da. Da heißt es bitten. Die Bitte ist das Zeichen des Glaubens, der die Möglichkeit der Hilfe nicht in sich, aber in dem „vorübergehenden“ Herrn (Ambrosius)[4] sucht. Das ist der Augenblick, auf den es ankommt. Der Augenblick, da es gilt, den Herrn bei meinem Elend stillstehen zu machen. Das aber vermag keine Gewalt des Himmels und der Erden als allein der Ruf: „Herr, erbarme dich.“ Man könnte an dieser Stelle einmal ausführen, was das heißt! Erbarme dich der Nacht, in der ich zu leben genötigt bin. „Finsternis“ ist der Inbegriff der Gottesferne (Röm. 1,21), Machtbereich alles Bösen (Kol. 1,13; Eph. 6,12), Deckmantel für die Taten, die das Licht scheuen (Joh. 3,20). Niemand kann Gemeinschaft mit Gott haben und zugleich in der Finster­nis wandeln (Joh. 1,6). Der Schrei nach Erbarmen bedeutet die Bitte, Gott möge diese Blind­heit aufheben, indem er uns mit hineinnimmt in die Gemeinschaft seines unwandelbaren (Jak. 1,17) Lichtes. In der Finsternis leben, heißt angewiesen sein auf die „blinden Blindenführer“ (Mt. 15,14). Kein Wunder, [211] daß, je dichter die Finsternis wird, desto mehr menschliches „Führertum“ sich vordrängt, um seine verhängnisvolle Rolle zu spielen. Aus diesem Verfal­lensein an Führer“, dem Angewiesensein auf einen, der ihn leitet, will der Blinde frei wer­den. Sehend werden heißt frei werden, seinen Weg selbst zu gehen! „An sich“ könnte das die­ser Mensch wohl, er hat ja alle Möglichkeiten, er könnte gehen, er könnte sich recht bewe­gen, könnte aus dem geraden Wege wandeln – nur eins fehlt: das Licht. Der blinde Mensch ist ein Gleichnis dessen, was wir alle sind. Durch diesen „Defekt“ sind alle unsere Möglichkeiten durchgestrichen. Er bringt uns um unsere eigenste Möglichkeit. Das ist das Furchtbare an unserer Lage.

Aber dieser Blinde an der Straße, da Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem vorübergeht, nimmt den Augenblick wahr und wird ein Glaubender und weil er ein Glaubender wird, so kann er bitten, und weil er sich nicht schämt, Jesus zu bitten, schreit er laut und vernehmlich um Erbarmen! Er durchbricht das verstockte Schweigen aller derer, die Jesus nicht verstehen, er schreit. Er breitet sein Elend vor dem Herrn aus. Er wirst es ihm vor die Füße und läßt ihn nicht vorüber. Nicht zufällig steht diese Geschichte vom blinden Bettler gerade in dem Kapitel, das auch das Gleichnis von der bittenden Witwe und vom Zöllnergebet enthält. Der Blinde ist nicht nur ein Bild des in die Finsternis gestoßenen Menschen, sondern er ist zu­gleich ein Vorbild des aus der Finsternis herausgerissenen, geretteten, um seines Glaubens willen befreiten Menschen. Er ist ein Zeichen dafür, daß „bei Gott möglich ist, was bei den Menschen nicht möglich ist“ (ob Lukas bei dem blinden Bettler vielleicht doch ein wenig den Kontrast zum reichen Jüngling Mitschwingen lassen wollte, der nur bis zur Traurigkeit kam, aber nicht zum Schrei: Du Sohn Davids, erbarme dich mein?), „das also diß Exempel dahyn dient, das wir sollen unverschampte bettler sein und geylen lernen und uns nit lassen müd machen, sondern sagen: Herr, war ists, ich bin ein armer, unwirdiger sünder, das weiß ich wol. Aber – hier gilt nicht disputirens, ob ich fromm sey. Das eynige stück ist genug, das ich notdurfftig bin und du gerne geben wilt, was mir zu leyb und seel nützlich ist“ (Luther). So endet unser Text mit dem Gebet und seiner Erhörung – und wenn man noch eine Mahnung dazu setzen will, dann kann man sich von Gregorius mahnen lassen: „Caecus a Domino non aurum, sed lucem quaerit; et nos non falsas divitias, sed lucem quaeramus[5].“

Die Aufgabe der rechten Verkündigung dieses Evangeliums müßte demnach wohl eine Dop­pelte sein: einmal müßte uns an Hand der Leidensverkündigung, deutlich werden, daß man „sehen und doch nicht sehen kann“, also das – trotz des Wissens um die Faktizität des Leidens Jesu – fortbestehende effektive Blindsein müßte uns zum Bewußtsein kommen. Und dann müßte der Blinde, der eben diese unsere Lage wirklich ist, während wir sie durch ein ver­meintliches Sehen verdecken, mit seinem Schrei auch uns bitten, glauben und um Erbarmung schreien lehren.

Als ein gutes Lied zu unserem Text, obwohl es zu Lk. 1,78 gehört, kann vielleicht das von Johann Rist genannt werden: „Werde licht, du Stadt der Heiden!“ obschon manches darin ein wenig zu sehr aus der Nähe zur Aufklärung (illuminiation) gesagt und gedacht ist. Ebenso ist J. G. L. Allendorfs Lied: „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“ ein passendes Lied zu unserem Text. Beides Epiphaniaslieder, da die eigentlichen Passionslieder vielleicht gerade das Ende der Perikope nicht so treffen würden.

[1] Luther, WA. 52, 165,22ff.
[2] Luther, WA. 52, 165,22ff.
[3] So auch Schniewind: „Die Frommen bleiben blind, aber die Geringen werden sehend!“ zu Mk. 10,46ff.
[4] Caecum igitur clamantem Dominus transiens audivit, stans illuminavit – Den schreienden Blinden erhörte der vorübergehende Herr, der stehen bleibende machte ihn sehend (Ambrosius, de illuminatione caeci).
[5] Der Blinde erbittet nicht Geld, sondern Licht; so wollen auch wir nicht falsche Schätze, sondern Licht suchen.

Hier Iwands Predigtmeditation als pdf.

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