„Wie sollte es auch möglich sein, die Befreiung aus der Sklaverei vor dreitausend Jahren zu feiern, wo wir nun offensichtlich noch schlimmer dran waren als die Sklaven des Pharaos?“ – Aus Irene Ebers Autobiographie „Ich bin allein und bang“

Irene Eber2

Irene Eber (geboren 1930 in Halle/Saale, verstorben 2019 in Jerusalem) wurde mit ihrer Familie 1938 nach Mielec in Polen deportiert. Mielec wurde am 9. März 1942 zur ersten „judenfreien Stadt“ im besetzten Polen gemacht. In ihrer Autobiographie „Ich bin allein und bang“ (2004) beschreibt sie den Todesmarsch nach Sosnowiec und wie sie, von einer polnischen Familie in einem Hühnerstall versteckt, den Holocaust überlebte, während der eigene Vater Yedidia Geminder von der SS erschossen wurde:

Ob es nun meine schmerzenden Füße waren oder völ­lige Erschöpfung oder ob der Hunger und die Kälte mich entkräftet hatten, ich erinnere mich, dass ich seltsam still geworden war, gleichgültig gegenüber dem, was um mich herum geschah. Vor der Deportation aus Mielec hatte ich Fragen gestellt, den Gesprächen der Erwachsenen zuge­hört, mir Sorgen um die Familie und meine Freundin Toska gemacht. In Sosnowiec fiel es mir nun kaum auf, dass Onkel Reubens Familie nicht mitgekommen war. Ich ahnte unbe­stimmt, dass Toska für immer verschwunden war. Keiner, den wir aus Mielec kannten, war offenbar mit uns hier in Sosnowiec.

Das Passahfest war 1942 zeitig im Jahr, in der ersten April­woche. Es war noch nicht aller Schnee geschmolzen, obwohl es jetzt ein bißchen wärmer war. Der alte Mann hatte sei­ne baufällige Hütte für das Passahfest vorbereitet, als gäbe es weder Deutsche noch drohende Gefahren. Er hatte zu­sammen mit einer seiner verheirateten Töchter eine ganze Woche vor dem Fest saubergemacht und etwa ein Dutzend ungesäuerte Brote gebacken, die Matzen, die wir gemeinsam während der Passahwoche wie Kuchen aßen. Seife gab es hier nicht zu kaufen, deshalb kochte jede Familie in Vorbe­reitung der Säuberung ihre eigene Seife unter Verwendung von Lauge und Schweineschmalz. Als der Alte seine Seife kochte, muss er geistesabwesend gewesen sein, denn als die Mixtur im letzten Stadium der Zubereitung schäumte, floss sie über und auf den Herd. Das war eine richtige Katastro­phe: Das Schmalz hatte den Herd rituell verunreinigt und es durfte nicht mehr gekocht werden. Um den Herd wieder zu reinigen, mussten wir genug Holz sammeln, um ihn zum Glühen zu bringen. Es vergingen viele Tage, an denen wir hungerten und noch verzweifelter froren als sonst.

Inzwischen waren Mutter und Vater vollauf damit be­schäftigt, Mehl für die Matzen und andere passende Nah­rungsmittel für die Festwoche aufzutreiben. Vater war mit sich zufrieden, als es ihm gelang, sich vom Bäcker eine Kis­senhülle voll Matzen backen zu lassen, die er an die Dach­sparren hing. Von da an und während der Passahwoche musste er jede Nacht aufstehen und den Ratten mit Vernich­tung drohen — doch sie reagierten nur, wenn er direkt über ihnen stand. Sobald er ins Bett zurückkehrte, fingen sie wie­der zu springen an, getrieben von einem Hunger, der noch größer als unserer war. Mutter kochte mehrere Kessel Rote-Bete-Borschtsch, die sie an unserer Zimmerwand nebenein­ander stellte. Aber als wir beim letzten Kessel angekommen waren, entdeckten wir voller Ekel, dass eine Maus in der Suppe ertrunken war. In diesem Jahr hatten wir keine ritu­elle Mahlzeit, den Seder, weil es nichts gab, womit man einen Seder machen konnte – weder Wein noch Äpfel und Nüsse, weder Rettich noch Blattgemüse; keines der symbolischen Nahrungsmittel im Gedenken an den Exodus aus Ägypten war in Sosnowiec aufzutreiben. Wie sollte es auch möglich sein, die Befreiung aus der Sklaverei vor dreitausend Jahren zu feiern, wo wir nun offensichtlich noch schlimmer dran waren als die Sklaven des Pharaos? Wie‘ konnten wir, wie erwartet wurde, die hoffnungsvollen Worte «Nächstes Jahr in Jerusalem» sagen, wenn wir kaum zu hoffen wagten, im nächsten Jahr noch am Leben zu sein? 1942 hatten wir kei­nen Seder, und es würden vier Jahre vergehen, ehe ich wieder einen Seder hatte. Dieses sederlose, doch rituell begangene Passahfest, als wir noch zusammen waren — Vaters letztes Passah auf dieser Erde, als er geduldig unsere Nahrung vor den Ratten beschützte, als Mutter wegen des verdorbenen Borschtsch weinte—, ist mir in zu schmerzlicher Erinnerung, als dass eine wirklich fröhliche Feier seitdem möglich gewe­sen wäre. Was uns zu dem machte, was wir waren — Juden mit einer gemeinsamen Tradition, einer Vergangenheit, die dem alten Mann genauso gehörte wie uns —, war im Begriff zu verschwinden, zur Erinnerung zu werden.

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