„Mein Esel wider­stehet unten und kann nicht auf den Berg steigen“ – Martin Luthers Auslegung von Genesis 22 (Opferung Isaaks / Das Opfer Abrahams)

Sacrifice_Abraham
Rembrandt – Die Opferung Isaaks (1655)

Luthers Auslegung von Genesis 22 ist in einer besonderen Weise mitfühlend und bringt zugleich den paradoxen Glauben an die göttliche Verheißung zur Sprache:

Das Opfer des Abraham (aus der Genesis-Vorlesung)

Von Martin Luther

Wir haben im vorhergehenden Kapitel gehört die schwersten und größten Anfechtungen, wo­mit Abraham beladen worden ist, da er seinen Sohn Ismael hat müssen austreiben. Da ihm derselbe ausgetrieben ist, hat er unter dem König Abimelech guten Frieden gehabt. Bald aber darnach ist eine andere Anfechtung gekommen, welche sehr groß gewesen, dagegen die vori­gen Anfech­tungen schier nichts sind. Also stimmt nun die heilige Schrift allenthalben mit sich selbst überein und be­schreibt die rechten, wahrhaftigen Kinder Gottes also, daß sie für und für wohl geübt und versucht worden sind, also daß sie zu beiden Teilen viel schwere Arbeit getan und daneben auch viel erlitten haben, doch ohne allen Schein und Gepränge der Zeremonien. Er zeiget also damit an, was die guten Früchte an einem guten Baum seien. Denn sie wandeln im rechten, schuldigen Gehorsam gegen Gott und in rechter Liebe gegen den Menschen und werden doch immer mit mancherlei An­fechtung und Gefahr überfallen.

Dieweil aber Abraham der Vornehmste und Größte ist unter den heiligen Patriarchen, muß er auch rechte patriarchische Anfechtung leiden, welche seine Nach­kommen nicht hätten leiden noch ertragen können …

Derhalben ist damit Abrahams Herz viel härter ver­wundet worden denn droben, da er den Ismael hat müs­sen austreiben. Wir aber können es nicht erreichen und verstehen, wie groß und schwer diese Anfechtung ge­wesen sei. Ursache ist dies, daß Isaak die Verheißung von dem zukünftigen Segen gehabt hat, darum denn dem Abraham dies Gebot, daß er ihn töten sollte, desto schwerer gewesen und ihm über alle Maßen sauer ange­kommen ist …

Nun habe ich gesagt, was Abrahams Versuchung ge­wesen sei, nämlich daß die Verheißung wider sich selbst gelautet habe. Darum leuchtet sein Glaube gar herrlich hervor in dem, daß er mit so willigem Herzen Gott ge­horchet, der ihm gebietet, daß er ihm seinen Sohn opfern soll. Und ob es wohl dem Isaak gilt, und er getötet wer­den soll, so zweifelt doch Abraham an der Erfüllung der Verheißung gar nicht, ob er wohl nicht weiß, auf welche Weise sie werde erfül­let werden, wiewohl er nun erschrocken und furchtsam ist. Denn wie könnte in sol­chem Fall ein Vater anders tun? So hängt er doch fest an der Verheißung, nämlich daß Isaak noch werde Samen haben …

Abraham aber weicht hier nicht von der Verheißung, wiewohl sie strenge scheinet und wider sich selbst ist; denn es ist ja zwischen Tod und Leben kein Mittel, son­dern er glaubt, daß sein Sohn, wenn er schon sterbe, doch gleichwohl werde Samen haben. Solches sollen wir auch lernen …

Darum hat Abraham den Artikel von der Auferste­hung der Toten wohl verstanden und durch denselben allein hat er diese Gegenrede aufgelöst, welche man sonst nicht auflösen kann. Der­halben wird sein Glaube billig von den Propheten und Aposteln sehr gerühmt. Denn er hat also gedacht: Heute habe ich noch einen Sohn, morgen aber werde ich nichts haben denn Asche; wie lange aber dieselbe hin und wieder wird zerstreut liegen, weiß ich nicht; das aber weiß ich, daß sie wieder­um lebendig werden wird, es geschehe gleich noch bei meinem Le­ben, oder über 1000 Jahre nach meinem To­de. Denn das Wort saget, ich werde von diesem Isaak, der zu Asche werden soll, Samen haben.

Ich habe aber gesagt, daß wir diese Anfechtung nicht erreichen noch verstehen können, son­dern daß wir sie nur von ferne sehen und ihr etwas nachdenken …

Von Sara sagt der Text nichts, ob sie auch etwa um dieses Gebot gewußt habe oder nicht. Abraham hat viel­leicht, dieweil sie etwas schwach war und solch harten Sturm nicht hätte vertragen können, solch Ding vor ihr verhehlet. Denn es ist zumal ein hart und schwer Ding, daß der Text sagt: Du sollst mir deinen Sohn opfern, nicht zu einer Gabe oder Danksagung, wie man im Vol­ke Israel die erste Geburt pflegte zu opfern, sondern zum Brandopfer, daß er ganz zu Asche werde, und der Vater seine Hände mit seines Sohnes Blut färben und besudeln müsse.

Was meinest du aber, daß Abraham hier in seinem Herzen wird gefühlet haben? Denn er hat ja Fleisch und Blut gehabt und ist, wie ich so oft gesagt habe, kein un­freundlicher Mann gewesen, der keine natürliche Nei­gung, Mitleiden und weiches Herz gehabt hat. Es wird ihm aber das die Schmerzen auch gemehrt haben, daß er diese Tat niemand hat dürfen offenbaren, sonst würde es ihm jedermann widerraten haben, und würde ihn der große Haufe, so es ihm widerraten hätte, vielleicht auch etwas bewogen haben. Derhalben macht er sich mit et­lichen Dienern und dem Sohn allein auf den Weg. Es ist wahrlich ein hohes, schweres Gebot und viel härter, denn wir gedenken können. Und ist doch das gleichwohl voll Trostes, daß der Text klar saget, daß Gott solches nur versuchungsweise tue. Wo auch Abraham dasselbe gewußt, hätte er desto weniger Sorge gehabt. Nun ist er aber in diesen Gedanken gar verschlungen, daß sein Sohn wahrhaftig müßte geopfert und gewürgt werden, es werde die Verheißung erfüllet, wann und welcher Gestalt sie wolle …

Da stand Abraham des Morgens frühe auf Vs. 3. Die­se Historie ist wohl wert, daß man darinnen ein jegli­ches Wort fleißig erwäge und betrachte. Der Text sagt hier, Abraham sei des Morgens frühe aufgestanden. Er hat sich nicht lange gesäumt, hat nicht mit sich selbst dispu­tiert noch gefragt, wie Adam im Paradiese tat, warum gebeut mir Gott, daß ich dies tun soll? Er hat weder seinem eignen Fleisch noch der alten Schlange ge­horchet, ja er hat von dieser Sache auch mit seiner Sara nicht geredet noch ihr davon etwas gesagt; sondern da er das Ge­bot gehört hat, hat er daran gar nicht gezwei­felt, sondern ist dahin stracks geeilet, solches Gebot aus­zurichten.

Solches ist ein gar treffliches Exempel, damit hier ein rechtschaffener und vollkommener Ge­horsam beschrie­ben wird, daß Abraham so gar bald und auf einmal aus den Augen hinwegtut und alles tötet, was ihm in diesem Leben lieb gewesen war, nämlich sein Haus, sein Weib, seinen Sohn, auf den er lange Zeit gewartet und so gro­ße, reiche Verheißung hatte. Darum wir uns denn der Heiligen im neuen Testament vergeblich verwundern und von ihrem Fasten und Kasteien ohne Verstand le­sen. Denn sie mögen so heilig gewesen sein, als sie im­mer haben sein können, so werden sie doch, wenn man sie mit Abraham vergleichen will, gering sein und gleich­sam stinken, wie hoch und heilig sie auch anzusehen sei­en …

Solches sehen wir in den heidnischen Historien nicht und verstehen es wir Christen auch noch nicht genug; denn wir sind träg und faul, und glauben Gott nicht, da er etwas gebietet, droht, straft oder verheißt, sondern sind ohne Sinn und Verstand. Diese heiligen Väter aber und gro­ßen Helden, Abraham, David etc. haben ihm geglaubt, darum haben sie auch so große Dinge ausge­richtet …

Derhalben, sage ich, ist dieser Text wohl werth, daß man ihn fleißig betrachte, auf daß wir daraus rechten Gehorsam gegen Gott lernen, und wie viel daran gele­gen sei, wo man des Gebotes Gottes so gewiß ist, wie einen großen Trost auch dasselbe den Frommen in ihrem Herzen anrichtet. Sollten wir doch solchen Trost am Ende der Welt suchen; wir dürfen aber darnach nicht weit laufen noch ängstlich darnach forschen. Denn unser Haus, unser Leib und Herz ist voll Gottes Gebot und glauben wir es doch nicht; darum freuen wir uns deß auch nicht, fühlen und finden an uns gar nichts von der geistlichen Freudigkeit, Muth und Trost, den Gottes Wort und Gebot mit sich bringt …

Und ist nun solches der Verstand der Worte, daß Abraham des Morgens frühe sei aufgestan­den. Er hat nicht lange disputirt, wie es würde hinaus gehen, son­dern hat also gedacht: Ich bin deß gewiß, daß etwas Besseres hieraus werden wird, denn ich fetzt sehe oder verstehe, nicht durch meine oder der Meinen Kraft, son­dern durch Kraft des Gebotes Gottes. Darum will ich dem Herrn folgen, der mir geboten hat dies zu thun und mich dazu berufen; …

Und gürtete seinen Esel. Dies alles wird darum so fleißig beschrieben, daß damit angezeigt werde, daß auch des Verzuges halben sein Glaube ist etwas geübt worden. Er, der Vater selbst, hat müssen das Holz su­chen und hauen und hat es dazu dem Esel aufgeladen, seinen Sohn damit zu verbrennen. Unterdes wird er ohne Zweifel große Angst und Anfechtung sei­nes Flei­sches gefühlt haben; denn er hat kein eisern Herz ge­habt, sondern ist von zarter Natur gewesen. Es ist ihm durch sein Herz immer gegangen der Gedanke von dem Brandopfer, und daß sein eingeborner Sohn, der ihm verheißen war als zu einer Hoffnung des zukünftigen Samens und vieler Nachkommen, sollte geschlachtet und eben mit dem Holz, so er, der Vater selbst, zuwege ge­sucht, verbrannt werden.

Sollte er sich denn in solchem betrübten und erschrecklichen Handel, möchte jemand sagen, nicht länger be­dacht haben? Sollte er nicht darüber mit seiner Sara, der Mutter des Kindes, zu Rat gegangen sein? Solches alles wird in diesen unnützen Worten, wie sie sich lassen an­sehen, angezeigt, sonst hätte man es alles mit sehr kur­zen Worten können dartun. Es will aber Moses damit anzeigen, was Abraham in seinem Herzen alle Augen­blicke für große Stöße gefühlt habe. Dazu ist ohne Zweifel auch gekommen das unaussprechliche Seufzen und die bitteren Tränen, so er, als der Vater, darüber wird vergossen haben. Er selbst aber gürtet den Esel und befiehlt solches nicht den Knechten; so gar ist er geflissen und gleichsam bestürzt gewesen, daß er Gott seine Ehre geben, ihn fürchten und ihm recht dienen möchte, also daß er auch kaum selbst gefühlt und verstanden hat, was er tue …

Dies ist aber ein großes und recht betrübtes Herzeleid, daß Abraham den Sohn hat sollen ver­lieren, den er mit so vielen Bitten und Tränen von Gott erlangt hatte und an dem alle Hoff­nung und Ruhm war, daß er durch ihn ein Vater des gebenedeiten Samens werden sollte. In solchem Herzeleid richtet er sich doch gleichwohl auf und hält es noch gewiß dafür, er werde einen Samen ha­ben, wo nicht bei seinem Leben, so werde es doch bei seinem Tode gesche­hen; wie droben Kap. 16 die Sara sich auch also aufgerichtet und gedacht hat: ich werde die Mutter dieses Samens nicht sein, ich bin des nicht wert gewesen, so sei es doch nun eine andere, nämlich meine Magd, die Hagar, daß nur der Herr einen Samen gebe. Dies ist die rechte Tötung, welche nicht geschiehet in der Wüste, da man mit keinen Leuten Gemeinschaft hat, sondern im Haus- und Weltregiment. Daraus kann man denn auch den großen Gehorsam Abrahams, so er auch aus Mark und Beinen geleistet hat, abnehmen …

Ich halte, daß die Stätte, da das Opfer geschehen soll­te, nicht weiter, denn eine viertel Meile Weges gelegen gewesen sei von dem Ort, da er die Knaben hat heißen bleiben. Denn obwohl Jerusalem oder der Berg Morija etwas hoch gelegen gewesen ist, hat man doch nicht sehr weit sehen können, dieweil es allenthalben umher eitel Berge gehabt hat. Ich zwar verwundere mich sehr dar­über, daß der arme Vater von solchem großen und lan­gen Herzeleid nicht gar gestorben ist; denn er hat drei ganze Tage müssen reisen. So aber dieser Kampf eine Stunde oder zwei gewähret, hätte er ihn desto leichtlicher überwinden können. Darum macht dieser Verzug seinen Gehorsam immer größer. Unterdes hat er ge­dacht: Siehe, ich komme da mit meinem Sohn, welcher ein Knabe ist, von dem ich große Hoffnung habe; der­selbe muß nun sterben. Solche Tötung des Fleisches hat er diese drei Tage über neben andern Pfeilen des Satans dulden und leiden müssen, und hat es doch gleichwohl müssen in sich fressen und dazu stille schweigen um des Gebotes willen, darauf er sich verlassen, und also da­durch ist gestärkt und erhalten worden.

Und Abraham sprach zu seinen Knaben Vs. 6. So die Knechte wären zur Hand gewesen, hätten sie das nicht geschehen lassen, das der Vater gedachte zu tun: oder aber sie würden gemeinet haben, er wäre nicht wohl bei Sinnen. Im Falle aber, da sie es ja nicht hätten verhin­dern können, würden sie doch Ach und Wehe geschrien haben, die Augen zugetan und von einer so schrecklichen Tat gelaufen sein.

Und Abraham nahm das Holz Vs. 6. Dies ist ein ander Aufhalten und Verzug, und wird das Herzeleid im­mer neu und größer, da er seinem Sohn das Holz auf ge­laden. O, mein lieber Sohn, wird er gedacht haben, wenn du wüßtest, was du für Holz trügest, oder wenn es deine Mutter wissen möchte! Du meinest, du trügest es zum Opfer, du weißt aber nicht, daß du selbst das Brandopfer sein sollst …

Und gingen diese beide miteinander. Diese zwei sind allein gewesen und sind in der Wüste umhergegangen. Da weiß die ganze Welt nicht, was hier gehandelt wird, und ist auch niemand dabei, der dem betrübten Vater etwa ein tröstlich Wort zusprechen könnte. Der Sohn aber weiß nicht, daß er daselbst soll getötet werden. Und wird ein solcher Gang, wie dieser ist, sonst nirgends in der Schrift beschrieben. Es gingen, sagt der Text, die beide. Ja, welche bei­de? Der liebe Vater und sein allerliebster Sohn. Lieber, wie ist ihr Herz gestanden? Also Isaak hat um den Handel nichts gewußt und ist doch willig und bereit, seinem Vater Gehorsam zu leisten. Abraham aber hat bei sich gewißlich beschlossen, seinen Sohn zu opfern und zu Asche zu verbrennen.

Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham Vs. 7,8. Sehr bewegliche, heftige und erbärm­liche Worte sind dies, welche Moses nicht hat wollen auslassen. Isaak, der das Opfer ist, redet seinen Vater an und greift ihm damit in sein väterlich Herz, als wollte er sagen: Du bist ja mein Vater. Und saget der Vater wiederum auch zu ihm: Du bist ja mein lieber Sohn. Die Worte sind ihm ohne Zweifel durch sein väterlich Herz gegangen …

Und muß man sich deß wohl verwundern, wie doch Isaak so bald alle Gedanken dieses Le­bens habe ausschlagen, und seines Vaters und seiner Mutter, des Hauses und der Verhei­ßung, so er gehabt, dazu endlich seines eigenen Lebens, darein er kaum getreten war, vergessen können. Solches alles hat ohne großes Herzeleid und Trauern nicht können überwunden wer­den. Denn es sind ja die Heiligen keine Klötze oder ohne alles Fühlen, sondern sind Men­schen, und haben alle Sehnung, Mitleiden und Neigungen, die menschlicher Natur einge­pflanzt sind, heftiger und mehr denn Andere …

Und als sie kamen an die Stätte, die ihm Gott sagte, bauete Abraham daselbst einen Altar, und legte das Holz darauf. Vs 9, 10. Mose hat bisher nach der Länge beschrieben das Exem­pel des Gehorsams dieser Beiden, nämlich, des Sohnes und des Vaters, und hat den Leser immer aufgehalten bis zum Überdruß und warten lassen, wo doch solch Spiel hinaus wolle. Da Abraham nun den Altar zugerichtet hat und es jetzt zum Treffen gekommen ist, schweigt er still, als der sich entweder nicht getraut, solche Dinge auszureden (denn sie sind an sich selbst viel zu groß, denn daß sie sich mit Worten sollten beschreiben lassen), oder aber hat es vor Weinen nicht schreiben können. Er läßt also die hohe Verwunderung in den Herzen der Zuhörer bleiben, und will, daß sie solcher Sache nachdenken und ermessen, da er sie mit Worten nicht erreichen kann.

Denn es muß sich ja, da nun der Altar zugerichtet, das Messer bereitet und das Feuer angezün­det gewesen ist, etwa eine Rede zwischen Vater und Sohn zugetragen haben, dadurch Isaak von dem Willen und Gebote Gottes hat mögen berichtet werden. Der Vater wird gesagt haben: Du, mein lieber Sohn, den mir Gott gegeben hat, bist verordnet zum Brandopfer. Da denn der Sohn ohne Zweifel sich entsetzt hat und erschrocken ist, wird den Vater wiederum der Verhei­ßung erinnert haben, nämlich also: Mein lieber Vater, gedenke doch, daß ich der Same bin, dem Könige und Völker und ein groß Geschlecht verheißen ist etc. Es hat mich ja Gott meiner Mutter gegeben durch ein großes Wunderwerk. Wie wird denn die Verheißung können erfüllt werden, wenn ich getödtet bin? Laß uns doch zuvor miteinander davon weiter reden und han­deln.

Solches hätte Mose hier beschreiben sollen; warum er es aber habe ausgelassen, weiß ich zwar nicht; daran aber zweifle ich nicht, es wird der Vater seinem Sohn eine treffliche Rede gethan haben, welcher Inhalt und Hauptstück vornehmlich wird gewesen sein: das Gebot Gottes und die Auferstehung der Toten …

Und band seinen Sohn Isaak. Diese wunderliche und erstaunliche Historie begreift Moses mit so wenig Worten. Es will jetzt der Vater seinem Sohn die Gurgel abstechen, und hält der Sohn die Gurgel dar und hebt seine Augen auf gen Himmel und wartet, daß er jetzt zu Asche werde. Also werden sie beide von Gott in die äußerste Gefahr des Leibes und Lebens gesetzt …

Ich hätte da nicht können zusehen, ich will geschweigen, daß ich sollte der Töter und Metzger gewesen sein. Es ist ein erschrecklich Ding, daß ein lieber Vater seinem allerliebsten Sohn das Messer an den Hals setzt; und bekenne ich zwar gern, daß ich solche Gedanken, An­liegen und Angst, so der Vater in seinem Herzen wird gefühlt haben, weder mit Nachdenken noch mit Worten erreichen kann …

Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel Vs. 11. Wie die göttliche Majestät so sicher und verächtlich im Tod und aller Kraft, so der Tod an uns beweisen kann, scherzet und spie­let, das siebest du hier. Gott spielet hier mit seinem Patriarchen und mit seinem Sohn, welche hier zugleich in der höchsten Angst und großem Sieg des Todes stehen. Denn es ist nicht al­lein Isaak bereit ge­wesen zu sterben, sondern der Vater Abraham stirbt in der Wahrheit auch wohl siebenmal in dem, daß er mit den Gedanken allein umgehet, daß er jetzt seinen Sohn opfern und töten will. Der natürliche Tod, welcher nichts anderes ist, denn daß sich die Seele vom Leibe scheidet, ist ein geringer Tod. Wo man aber den Tod, d. i. den Schrecken und die Angst des Todes fühlet, da ist der rechte, wahrhaftige Tod …

Solches können wir mit unserem Verstand nicht er­reichen und sollen darauf bedacht sein, daß wir davon verstehen mögen so viel, als wir können. Ich erkenne zwar, daß ich dazu sehr träge bin; mein Esel wider­stehet unten und kann nicht auf den Berg steigen. Also bleiben alle die Esel, die nicht unterrichtet sind in der Lehre des Glaubens, und können die Gedanken nicht er­greifen, daß der Tod das Leben sei. Also da Petrus den Herrn Christum verleugnet in der Gefahr des Todes, war er auch ein fauler Esel; ja er war noch wohl keinem Esel gleich; denn er bleibt nicht allein unten am Berge stehen, sondern läuft zurück und flieht davon …

Abraham hat in seinem Herzen also gedacht: Mein Sohn Isaak, den ich jetzt erwürge, ist ein Vater der Ver­heißung, und ist solche Verheißung an sich selbst wahr­haftig; derhalben wird mein Sohn ewiglich leben und wird auch der Erbe sein: ob er derhalben wohl jetzt sterben muß, so wird er doch wahrhaftig nicht sterben, sondern wiederum auferstehen.

Also kann der Glaube die Dinge, so stracks wider ein­ander sind, vereinigen, und ist nicht ein schlechter, blo­ßer und kalter Wahn oder Gedanke, wie die Sophisten sagen, sondern seine Kraft ist, daß er den Tod erwürgt, die Hölle verdammt, der Sünde eine Sünde und dem Teufel ein Teufel ist, also auch, daß der Tod ist kein Tod, wiewohl aller Menschen Sinn und Fühlen bezeugt, daß der Tod da gegenwärtig sei. Deß ist Abraham ganz gewiß, und gedenkt also: Ich werde jetzt meinen Sohn zu Asche machen; jedoch stirbt er nicht, ja, diese Asche wird der Erbe sein. Heißt das nicht ein Kinderspiel trei­ben in solcher großen und wichtigen Sache, darin sonst alle Menschen zwiefach kindisch sind?

Darum lasset uns an dies Schauspiel, so Mose hier beschrieben hat, und an das Spiel der gött­lichen Majestät im Tode oft denken, auf daß wir lernen glauben, daß der Tod das Leben sei …

Dies lasset uns auch lernen, daß wir mitten im Tode sagen können: Ade Laub und Gras, ich werde nicht ster­ben, sondern leben; wie Isaak dachte, da es ihm den Hals galt …

Es saget aber zuvor Moses damit recht: Und die Bei­den gingen miteinander. Denn dieser Ge­danke vom Tod ist sonst in der ganzen Welt nirgend gewesen, denn al­lein in diesen beiden …

Dies sei nun genug gesagt von dieser Historie, die da recht geistlich ist, welches zwar ich, als ein fleischlicher und einer von den Eselsfüßen, welcher nicht mit auf den Berg gehet, nicht vollkömmlich verstehen oder auslegen kann. Ich habe aber doch so viel lehren und anzeigen wollen, wie viel ich nach meiner Schwachheit und ge­ringem Verstände habe gedenken und verstehen kön­nen.

Wie die Heiligen vor den Engeln wunderbarlich und Gottes Schauspiel sind, ist hieraus zu sehen; denn sie sind selbst Gottes Werk. Bei diesem Werk ist ein Engel vom Himmel gewesen und hat Abraham in diesem gan­zen Handel zugesehen, ja, Gott selbst im Himmel und alle seine Engel haben zugesehen. Denn der Engel ist ja nicht ferne von der Welt Ende dahergeflo­gen, sondern hat über Abraham gestanden und über Isaak, hat stracks mit Augen zugesehen, wie Abraham seinen Sohn gebunden und das Messer an den Hals gesetzt, und wie der Sohn seinen Gehorsam bewiesen und gutwillig des Streiches gewartet hat. Es werden dem Abraham ohne Zweifel die Tränen die Backen herabgeflossen sein, da der Sohn auf dem Rücken gele­gen und seine Augen gen Himmel aufgerichtet hat, welches alles der Engel ange­sehen hat.

Da derhalben Abraham das Messer schon gezückt hat, ruft er ihn und nennt ihn bei seinem Namen. Also gar nahe stehen die heiligen Engel um uns her und sehen mit ihren Augen stracks auf uns, wenn wir gottesfürchtig und fromm sind. Solcher Gehorsam hat Gott über die Maßen wohlgefallen. Denn unter allen Opfern ist ihm das angenehmste die Sünde töten, in Gerechtigkeit, Heiligkeit, im Gehorsam und Tötung des Fleisches leben und tut zwar solches wehe und ist schwer …

Wir reden nur allein von diesen Dingen, Abraham aber und Isaak haben solches mit der Tat bewiesen. Und ist dieses Gott ein vollkommener Wille, bei uns aber hat er noch nicht einmal angefangen. Gott ist er wohlgefäl­lig und gut, uns aber ist er böse und unangenehm. Denn es ist nichts saurer und härter als die Tötung des Flei­sches und der Sünden. Darum dünket es uns greulich und unmöglich zu sein, wir fliehen davor und sind ihr feind. Jedoch muß man sich dazu gewöhnen und anhe­ben, wie hier Abraham tut, der nicht flieht, sondern dar­auf mit höchstem, geneigten Willen wartet, und darum da ist, daß sein Sohn geschlachtet werde und solchem Tod das Leben folge …

Derhalben befehle ich diesen Text allen frommen Christen, als der voll reicher und mannig­faltiger geist­licher Lehre und Weisheit ist. Und wenn ja in der Aus­legung nicht alles nach seiner Würde von mir gehandelt wäre, soll solches ein christlicher Leser meinem geringen Verstand zurechnen.

Vorlesung über das Buch Genesis, Kapitel 22, begonnen am 27. Oktober 1539. Übersetzung aus dem Lateinischen nach der Walch-Ausgabe.

Hier der Text als pdf.

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