„Am Ende der knappen Geschichte wissen wir, dass am Jordanfluß nicht nur zwei Personen, sondern zwei Welten aufeinander gestoßen sind“ – Eberhard Jüngels Predigt über Matthäus 3,13-17

Taufe Jesu

Predigt über Matthäus 3, 13-17 (1. Sonntag nach Epiphanias)

Von Eberhard Jüngel

Die Szene ist kurz, liebe Gemeinde, und die Geschichte schnell erzählt. Der Anspruch dieser kurzen Szene aber greift hoch, greift von den Ufern des Jordanflusses im jüdischen Land hinauf bis zum Himmel. Und die Bedeutung der schnell erzählten Geschichte ist selbst in einer Predigt von Stiftskirchenlänge nicht auszuloten. Halten wir uns also nicht lange mit Vorreden auf. Hören wir zu, was die schnell erzählte Geschichte zu sagen hat. Sehen wir zu, was sich in der kurzen Szene am Jordan zwischen Himmel und Erde ereignet.

Die Szene ist kurz: nicht zuletzt deshalb, weil wir in ihr keine Rolle spielen – jedenfalls nicht unmittelbar. Unsereiner macht Umstände und kompliziert die Dinge, die religiösen zumal. In der Geschichte von der Taufe Jesu aber kommen wir nicht vor. Da macht nur der Täufer einige Umstände. Er wehrt das Taufbegehren dieses Täuflings ab: ich von Dir – ja, aber Du von mir? Johannes und Jesus, der Täufer und – ja, wer? Wer kommt da aus dem galiläischen Land an den Jordan, daß er sich taufen ließe? Und warum macht der Täufer nun doch einige Umstände? Warum wehrt er ihm? Und warum spielen wir dabei keine Rolle?

Am Ende der kurzen Szene wissen wir es. Am Ende der knappen Geschichte wissen wir, daß am Jordanfluß nicht nur zwei Personen, sondern zwei Welten aufeinander gestoßen sind. Die Szene ist kurz. Aber schon das Szenario greift weit aus.

Da sind die Auen des Jordan, Wasser und Schilf, abseits der Stadt, abseits aller städtischen Kultur und Zivilisation. Auch der königliche Hof und die Regierung interessieren hier nicht – oder nur gerade soweit, als man sich davon abwenden kann. Wer hierher kommt, der kommt in eine noch unberührte Landschaft. Unmittelbar hinter ihr lauert die Wüste. Das Wasser des Jordan ist noch nicht kanalisiert oder sonst irgendeinem Zugriff von Menschenhand unterwor­fen. Hier nimmt alles noch seinen ganz natürlichen Lauf.

Gerade so aber, in seiner noch ungebrochenen Natürlichkeit, ist das Jordan-Wasser voller Symbolkraft. Es reißt mehr als nur die Müdigkeiten einer zivilisierten und wohl auch damals schon überzivilisierten Welt hinweg. Es spült auch deren Lebenslügen mit sich fort: reinigen­des, in mehr als einer Hinsicht reinigendes Wasser. Ein Strom des Protestes wohl auch. So jedenfalls muß es der wilde Mann verstanden haben, der am Ufer des Jordan Buße predigte und das in Scharen zu ihm strömende Volk in die Fluten des Jordan hinabtauchte: Taufwasser …

Und darüber ein höchst unnatürlicher Himmel. Nicht die Wolken, nicht die Gestirne machen ihn interessant, sondern eine noch nie dagewesene Bewegung, die den natürlichen Himmel zerreißt und in der – senkrecht von oben! herabkommt, was wir nur als das ganz Andere zu denken und in unendlichen Fernen uns vorzustellen wagen: Gottes Geist. Im Symbol einer Taube kommt er herab, in Gestalt jenes Tieres, das seit Noahs Zeiten neues Leben verheißt: neues Leben auf einer erneuerten, aus den Wassern der großen Flut endlich wiederauftauchen­den Erde. So jedenfalls muß die andere Person in dieser kurzen Szene, so muß der Mann aus Galiläa, als er aus dem Wasser des Jordanflusses wieder emportauchte, den Himmel über sich gesehen haben: einen offenen Himmel, geöffnet für den Verkehr zwischen Himmel und Erde, geöffnet für einen unmittelbaren Kontakt zwischen Gott und Mensch.

Soweit das Szenario, liebe Gemeinde, in dem Johannes und Jesus einander begegnen. Zwei Personen, zwei Welten. Der Rest sind Worte.

Aus dem Munde Jesu sind es – jedenfalls bei Matthäus – die ersten Worte, die er überhaupt öffentlich spricht, sein erster Auftritt sozusagen. Und auch der ist noch einmal markant abgehoben von der dann folgenden Geschichte seines Redens, Handelns und Leidens. Der Täufer ist der erste, mit dem Jesus Worte wechselt. Und der zweite gleich danach ist der – Teufel. Sie sind die ersten öffentlichen Gesprächs­partner Jesu: der Täufer und der Teufel. Beide sprechen ihn an, um ihn von seinem Weg abzubringen, um den Weg Jesu in andere Bahnen zu lenken. Der Täufer und der Teufel – beide versuchen ihn: der Täufer in bester, der Teufel in teuflischer Absicht. Der Täufer argumentiert demütig und fromm: nicht Du bedarfst meiner Taufe, sondern ich bedarf Deiner Taufe. Der Teufel argumentiert, wie es sich für ihn gehört, theologisch: es steht geschrieben… Beide führen Jesus in Versuchung: in die Versu­chung, oben, ganz oben seinen Platz zu suchen: da, wo wir nicht sind. Dahin, wo die Mächti­gen unter sich sind, wünscht ihn der Teufel. Dahin, wo die Heiligen unter sich sind, wünscht ihn der Täufer. Der Täufer und der Teufel – beide gefährden den Weg Jesu zu uns. Deshalb waren sie die ersten, mit denen er Worte wechselte. Erst dann, erst nach dem Wortwechsel mit Täufer und Teufel, spricht er mit unsresgleichen. Erst dann beginnen auch wir in seiner Ge­schichte eine erkennbare Rolle zu spielen. Noch aber hat er keinen Jünger berufen, keinen Kranken geheilt, kein Gleichnis erzählt. Noch folgt ihm niemand nach.

Noch strömt das Volk zu Johannes dem Täufer. Noch ist Jesus allein. Und was sich dann zwischen ihm und dem Täufer und damit zugleich zwischen Himmel und Erde abspielt, das geschieht sogar unter präzisem Ausschluß von unseresgleichen. Am Ende der kurzen Szene, als der Geist Gottes auf den Mann aus Galiläa niederfährt und die Stimme des himmlischen Vaters ihn als seinen geliebten Sohn anspricht, am Ende dieser kurzen Szene ist bezeichnen­derweise von Gott allein die Rede: von Gott dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist.

Also Gott ohne uns? Sein geliebter Sohn ohne seine Schwestern und Brüder? Der heilige Geist ohne seine Gemeinde? Der dreieinige Gott gleichsam in splendid isolation? Der drei­einige Gott an und für sich?

Es ist wohl so, liebe Gemeinde, daß wir zumindest als Akteure aus dieser Szene ausgeschlos­sen sind. Und es ist von einiger Wichtigkeit, sich das einzugestehen: daß es eine Geschichte gibt, in der wir keine Rolle spielen – oder vielmehr nur die Rolle von Leuten, die keine Rollen spielen.

Unter uns pflegt das demütigend zu sein: wenn man keine Rolle spielt und wenn man dies auch noch demonstrativ vor Augen geführt bekommt, daß man keine Rolle spielt. Und die Demütigung wird um so schlimmer empfunden, je mehr man zuvor im Mittelpunkt gestanden hat oder doch wenigstens in der Nähe des Mittelpunktes. Das ist bitter. Wir machen solche Erfahrungen nicht gern. Und wenn wir sie dennoch machen müssen, dann suchen wir Trost, dann erwarten wir zumindest vom Evangelium die tröstliche Nachricht, daß wir bei Gott eine Rolle spielen. Und nun auch von seiner Seite dieselbe Demütigung? Warten wir ab! Sehen wir zu, was sich da ohne uns abspielt.

Jesus kommt aus Galiläa an den Jordan, um sich von Johannes taufen zu lassen. Wie es scheint, folgt er einem Zug der Zeit, einer religiösen Welle, einer neuen Erweckungsbewe­gung. Zieht doch, wie Matthäus erzählt, nicht nur die Stadt Jerusalem zum Täufer hinaus, sondern das ganze jüdische Land und alle Länder der Jordangegend. Kein Zweifel, der Mann wirkt anziehend wie nur selten ein Diener Gottes.

Er wirkt noch heute so. Selbst in unserer Kirche wird viel eher auf seiner Linie gedacht und gehandelt als in der Nachfolge Jesu. Ist doch der Täufer sozusagen eine ganze Protestbewe­gung in Person. Er lebt den Protest, den er verkündigt. Seine Absage an die Stadt, ihre Institu­tionen, ihre Rationalität und Technik überzeugt. Er ist nicht nur ein Gegner billiger Gnade, sondern auch ein Gegner billigen Protests. Er wider­spricht da, wo der Widerspruch gefährlich wird, wo man mit seinem Leben für sein Wort einstehen muß. Er ist – wie man heute wohl sagen wird – glaubwürdig, eine authentische Alternative. Er ist es bis hin zu seiner Kleidung und seiner Ernährung! Ein alternatives Gewand, aus Kamelhaaren gewirkt, und biologisch-dynamische Lebensmittel, aus Heuschrecken und wildem Honig bestehend, sind die äußerli­chen Kennzeichen seines einfachen Lebens.

Und doch ist das alles nur Attribut, nur ein äußerlicher Hinweis, nur ein Zeichen der Zeit: der Zeit nämlich, die der Täufer kommen sieht. Der Täufer – das ist ein Mann, der hat Augen zu sehen. Er sieht: nicht nur wer da in der Person Jesu von Nazareth vor ihm steht. Er blickt zugleich tief in die Welt. Er sieht nicht nur den Weg einer zwar mündigen, aber gerade in ihrer Mündigkeit sich selber bedrohenden Menschheit. Er sieht auch das Ende des Weges. Er sieht nicht nur unsere mehr oder weniger gut gemeinten Taten, sondern auch den Fluch, den wir mit unseren bösen Taten auf die guten herabrufen und mit jeder neuen Tat nur noch stei­gern können. Der Täufer hat einen Blick für die Macht der Sünde und für die eherne Konse­quenz, mit der die Sünde auf den Sünder zurückfällt. Er sieht, daß uns nichts mehr bedroht als – wir selbst. Kurz: er sieht, daß den stolzen, in den Himmel wachsenden Bäumen die Axt schon an die Wurzel gelegt ist.

Johannes der Täufer ist ein unerbittlich konsequenter Mann, so konsequent wie allein das menschliche Gewissen ist. In ihm hat eine sich selbst bedrohende Gesellschaft ihr Gewissen gefunden. Er denkt, was wir anfangen, zu Ende. Er sieht das Ende einer Menschheit, die ihren eigenen Untergang ins Werk setzt. Er sieht eine Welt, die sich mit Feuer bedroht, im Feuer untergehen. Er sieht den Himmel, gegen den sich die Erde empört, über der Erde zusammen­brechen. Er sieht, daß die stolzen Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Und weil er das alles sieht, deshalb redet er, deshalb meldet er Protest an gegen jeden weite­ren Schritt hin zum Abgrund, deshalb ruft er zur Umkehr, zur Buße. Zwar wird kommen, was da kommen muß. Aber er, Johannes, sammelt die Bußferti­gen, um sie, sie allein, dem drohen­den Ende zu entreißen. Deshalb tauft er.

Taufen? Was ist das? Was macht der Täufer, wenn er bußfertige, umkehrwillige Menschen in die Fluten des Jordan hinabtaucht? Was verspricht er ihnen, was versprechen sie sich davon?

Sie versprechen sich die Ausnahme von der Regel: die rettende Ausnahme von dem Gericht, das die übrige Menschheit nach allen Regeln der Kunst auf sich herabzieht. So verstand Johannes sich selbst: als die letzte Chance, dem schrecklichen Ende zu entrinnen. Er taufte mit Wasser, noch mit Wasser – bevor der andere Täufer kommt, der Richter der Welt, der mit Feuer taufen wird: mit dem selbstverschul­deten apokalyptischen Feuer, aus dem man nicht, wie aus den Was­serfluten des Jordan, wieder auftauchen kann, in dem man vielmehr elendig­lich verbrennen wird. Indem Johannes mit Wasser tauft, ist er der letzte Hoffnungsträger in einem ansonsten hoffnungslosen Fall.

Und nun kommt der, der da kommen soll, um mit Feuer, mit dem apokalyptischen, alles ver­zehrenden Feuer zu taufen. Nun steht er vor Johannes und begehrt wie einer von uns, begehrt wie ein Sünder von ihm die Taufe mit Wasser. Johannes will sie ihm mit guten Gründen verwehren. Was soll der, der da kommen soll, um den hoffnungslosen Fall der Menschheit mit göttlicher Gerechtigkeit zu besiegeln, in den Fluten des Jordan? Was soll der Heilige unter den Unheiligen? Das macht keinen Sinn.

In der Tat, liebe Gemeinde, das macht keinen Sinn. Es sei denn, daß die göttliche Gerechtig­keit einer anderen Regel und einer anderen Konsequenz folgt als der, die der auf seine Weise so konsequente Täufer zu Ende dachte. Es sei denn, daß der, der mit Feuer taufen sollte, den hoffnungslosen Fall Menschheit sich selber zu eigen macht. Wasser, das wissen wir, Wasser löscht Feuer. Deshalb, liebe Gemeinde, deshalb begehrt Jesus die Taufe mit Wasser, deshalb steigt er in die Fluten des Jordan. Und mit ihm geht das erwartete und verdiente, das selbst­verschuldete Feuer des Gerichts im Wasser unter. Von nun an wird nicht mehr mit dem Feuer gedroht. Das apokalyptische Spiel mit dem Feuer hat ein Ende. Vom Himmel her kommt eine andere Botschaft.

Haben wir es bemerkt, liebe Gemeinde? Vom Himmel her wird die Erde nicht mehr mit Feuer bedroht! Wer aber hätte dann noch das Recht, auf Erden mit Feuer, gar mit dem apokalypti­schen Feuer zu drohen? Haben wir es be­merkt? Die Axt, die den Bäumen schon an die Wurzel gelegt war, schlägt nicht zu! Wer aber hätte dann noch das Recht, auf Erden zuzuschlagen? Haben wir es bemerkt? Der Himmel reißt zwar auseinander, aber in ganz anderer Weise als vorhergesehen: nicht um über der Erde zusammenzubrechen, sondern um den Geist Gottes mit dem Mann zu vereinen, der in seiner Unschuld den Weg der Schuldigen ging und sich wie ein Sünder taufen ließ, um so in diesem ersten, tief symbolischen Akt am Anfang seiner öffentlichen Wirksam­keit das Feuer des Gerichts mit Wasser zu löschen – so wie er es schließlich am Ende seines irdischen Lebens sehr real mit seinem Blute stillen wird. Und kaum hat er die Rolle des Sünders zu seiner eige­nen gemacht, kaum taucht er aus dem reinigenden Wasser des Jordan empor, siehe da, da taten sich die Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen, und es sprach eine Stimme vom Himmel herab: »Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen fand«. Daran also hat Gott Wohlgefallen: daß der Heilige an die Stelle der Sünder tritt, daß der Schuldlose ihre Schuld übernimmt. Gott der Vater, der Sohn und der heilige Geist sind am Werk, wenn es darum geht, menschliche Schuld zu übernehmen. Nicht weniger als die Majestät des dreieini­gen Gottes ist auf dem Plan, um den hoffnungslosen Fall Menschheit zum Guten, zum Besten zu wenden.

Es war die Axt den Bäumen schon an die Wurzel gelegt. Doch nun lohnt es sich wieder, Bäume zu pflanzen. Es lohnt sich noch immer, liebe Gemeinde, neue Bäume zu pflanzen.

Es lohnt sich, weil es Geschichten gibt, in denen wir keine Rolle spielen, in denen wir Gott sei Dank keine Rolle spielen. Es lohnt sich, weil es eine Geschichte gibt, in der wir nichts zu tun, eben deshalb aber auch nichts zu leiden haben. Es lohnt sich, weil es eine Geschichte gibt, in der ein Anderer an unsere Stelle getreten ist: Gottes Sohn an meinen ureigenen Platz. Vom Platz gestellt, von seinem ureigenen Platz gestellt zu werden – das demütigt zwar. Aber wen Gott so demütigt, den will er sehr erhöhen. Amen.

Quelle: Eberhard Jüngel, Unterbrechungen. Predigten IV, München: Chr. Kaiser 1989, S. 75-80.

Hier die Predigt als pdf.

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