Hannah Arendts Essay „Ideologie und Terror“ von 1952: „Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt, ist die allent­halben zunehmende Verlassenheit.“

Hannah-Arendt
Hannah Arendt (1906-1975)

Ideologie und Terror

Von Hannah Arendt

Nachdem 1951 „The Origins of Totalitarianism“ bei Schocken in New York erschienen war, veröffentlichte Hannah Arendt 1952 das Schlüsselkapitel 13 „Ideologie und Terror“ in der Jaspers-Festschrift „Offener Horizont“ auf Deutsch, bevor dann 1955 „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ erschien. Auch fast 60 Jahre später kann man über die analytische Schärfe und Weitsicht in Sachen politische Ethik nur staunen, so auch wo Arendt abschließend auf das Verlassensein und die Einsamkeit unter einer totalitären Herrschaft zu sprechen kommt.

Den folgenden Überlegungen liegt eine Überzeugung zugrunde, die weder selbstverständlich ist noch hier deutlich gemacht werden kann. Sie betrifft erstens die Natur der Krise, in die wir geraten sind und die zu­meist lediglich als eine Bedrohung gesehen wird, welche die expan­sions­lüsternen totalitären Machtapparate über das politische Leben der Völker der Erde gelegt haben. Sie betrifft zweitens die Natur dieser totalitären Herrschaftsformen, die zumeist mit den Ein-Partei-Systemen, aus denen sie in den beiden uns bekannten Fällen entstanden, identi­fiziert werden und somit in ihrem Anspruch, eine schlechthin neue Form menschlicher Herr­schaft erfunden und etabliert zu haben, nicht ernst genommen wer­den. Wenn es nur nicht Stalin gäbe, wenn es Hitler nur nie gegeben hätte – so glaubte man – wäre alles in bester Ord­nung. Wenn nur erst die Macht der Sowjetunion gebrochen sein wird, wie die Macht des Drit­ten Reiches gebrochen wurde, wird man mit mehr oder minder großen Schwierigkeiten die alte Ordnung ungestraft wiederherstellen können.

Demgegenüber unterstellen wir, daß die heutige Krise so wenig mit dem Wegräumen Stalins erledigt sein wird, wie sie nach dem Fall Hit­lers erledigt war. Es könnte sogar sein, daß die wirklichen Probleme der Zeit sich in ihrer wahren Gestalt (wenn auch keineswegs notwendi­ger­weise weiterhin in ihren blutigsten Formen) erst zeigen werden, wenn die totalitären Dik­taturen eine Sache der Vergangenheit geworden sind. Diese Überzeugung stützt sich auf ge­wisse Einsichten, wie sie nur in einer konkreten historisch-politischen Analyse gewonnen werden können, die ich glaube, an anderer Stelle gegeben zu haben. Was ich hier voraus­setzen muß, ist die Einsicht in die außerordentliche Originalität totali­tärer Herrschafts- und Organi­sationsmethoden einerseits, und ihre be­stürzende Relevanz andererseits für die politischen Probleme eines Jahr­hunderts, in dem die Menschheit aus einer Idee oder einem Ideal zu einer handgreiflichen politischen Wirklichkeit geworden ist. Dies zusam­men scheint mir die Frage nach dem Wesen totalitärer Herrschaft zu rechtfertigen, um von dieser Fragestellung aus ge­wisse Aspekte der Krise zu entdecken, in der wir alle und überall leben.

Die Originalität totalitärer Herrschaft, deren Taten in der uns be­kannten Geschichte und deren Organisationsform unter den von der klassischen politischen Theorie definierten Staatsformen ohne Parallele dastehen, zeigte sich vorerst in dem, was man gemeinhin als die Ver­brechen dieser Systeme bezeichnet. Das Charakteristische der in Nürn­berg abgeurteilten Taten des Nazi-Regimes war, daß sie sich weder mit unseren Begriffen von Sünde und Vergehen – wie sie seit Jahrtausen­den in den Zehn Geboten niedergelegt und scheinbar endgültig formu­liert waren – fassen, noch mit den uns zur Verfügung stehenden juri­stischen Mitteln aburteilen und bestrafen ließen. Der Satz: „Du sollst nicht töten“ versagt gegenüber einer Bevölkerungspoli­tik, die systema­tisch oder fabrikmäßig daran geht, die „lebensuntauglichen und minder­werti­gen Rassen und Individuen“ oder die „sterbenden Klassen“ zu ver­nichten; und dies nicht als einmalige Aktion, sondern offenbar in einem auf Permanenz berechneten und angelegten Ver­fahren. Die Todesstrafe wird absurd, wenn man es nicht mit Mördern zu tun hat, die wissen, was Mord ist, sondern mit Bevölkerungspolitikern, die den Millionen-Mord so organisieren, daß alle Beteiligten subjektiv unschuldig sind: die Er­mordeten, weil sie sich nicht gegen das Regime vergangen haben; und die Mörder, weil sie keineswegs aus „mörderischen“ Motiven handelten. Stellt man sich angesichts dieser neuesten Ereignisse auf den Boden spe­zifisch abendländischer Geschichte, so kann man sagen: Dies hätte nicht geschehen dürfen, und zwar in dem Sinn, in dem Kant meinte, daß wäh­rend eines Krieges nichts geschehen dürfe, was einen späteren Frieden schlechthin unmöglich machen würde.

Das Entsetzen, das sagt: Dies hätte nicht geschehen dürfen, meint nicht, daß wir dies nicht wieder gutmachen können (denn gutmachen kann man ohnehin niemals, wo Menschen wirk­lich handeln), sondern daß wir dies nicht verantworten können. Politisch übernimmt jede Regierung eines Landes die Verantwortung für das, was die vorhergehende getan hat, auch wenn sie trachtet, es rückgängig zu machen. Ohne eine solche Über­nahme gäbe es keine geschichtliche Kontinuität. Menschlich müssen wir weitgehend Verantwortung auch für das übernehmen, was Menschen ohne unser Wissen und Zutun irgendwo in der Welt verbrochen haben; sonst gäbe es keine Einheit des Menschengeschlechts. Wir können es, weil uns gerade die spezifisch bösen Motive oder die spezifisch berechnete Zweck­mäßigkeit der Handlung menschlich einsichtig ist. Auch die Bestrafung des Verbrechers ist noch ein Akt der Verant­wortung und menschlicher Solidarität. Die Gaskammern des Dritten Reichs und die Konzen­trations­lager der Sowjet-Union (die in Wahrheit ebenfalls Vernichtungslager sind, wenngleich mit anderen Methoden) haben die Kontinuität abend­ländischer Geschichte unterbrochen, weil niemand im Ernst die Verant­wortung für sie übernehmen kann und man niemanden im Ernst für sie verantwortlich machen kann. Zugleich bedrohen sie jene Solidarität von Menschen untereinander, welche die Voraussetzung dafür ist, daß wir es überhaupt wagen können, die Handlungen anderer zu beurteilen und abzuurteilen.

Es ist Aufgabe der historisch-politischen Wissenschaften, diesen Er­eignissen nachzugehen und herauszustellen, mit welchen Mitteln und in welchem Funktionszusammenhang sie ins Werk gesetzt wurden. Dabei ist wichtig, sich darüber klar zu werden, daß es sich nicht darum handeln kann, das spezifisch Unerhörte durch beliebige Parallelen mit der Ver­gangenheit wegzuerklären oder auf jenen Aspekten totalitärer Herrschaft, die sie mit anderen Gewaltherr­schaften teilt und die in ihren Anfangs­stadien deutlich in Erscheinung treten, zu bestehen, sondern im Gegenteil zu versuchen, das wesentlich Neue, das nämlich, was diese Herrschaft wirklich zu einer totalen Beherrschung macht, in den Blick zu bekommen. Selbstverständlich sind auch in dies wesentlich Neue eine Reihe von Ele­menten aus der Vergangenheit und aus Umständen in der nicht-totalitären Welt, in der die totalitären Bewegungen entstanden, einge­gangen, und es ist wichtig genug, diese Elemente zu analysieren und in ihre geschicht­lichen Ursprünge zurückzuverfolgen. Zu erklären ist das totalitäre Phä­nomen aus seinen Elementen und Ursprüngen so wenig und vielleicht noch weniger als andere geschichtliche Ereignisse von großer Tragweite. In diesem Sinne ist der Glaube an Kausalität in den Geschichtswissen­schaften ein Aberglaube, der dazu verführt, das eigentlich neu sich Ereignende, womit die Geschichtswissenschaft es jeweilig zu tun hat, aus der Geschichte zu entfernen – das heißt, die Geschichtswissenschaften ihres eigentlichen Inhalts zu berauben.

Als Historiker sind wir an Neues gewöhnt und haben gleichsam kein Recht, uns zu entsetzen. Die folgenden Überlegungen gehören nicht mehr eigentlich in das Gebiet der historisch-politi­schen Wissenschaften, obwohl sie sich direkt an ihre Ergebnisse anschließen. Das Entsetzen, aus dem sie entspringen, gilt nicht dem Neuen schlechthin, sondern der Tatsache, daß dies Neue den Kontinuitätszusammenhang unserer Geschichte und die Begriffe und Kategorien unseres politischen Denkens sprengt. Wenn wir sagen: Dies hätte nicht geschehen dürfen, so meinen wir, daß wir dieser Ereignisse mit den großen und durch große Traditionen geheiligten Mit­teln unserer Vergangenheit weder im politischen Handeln noch im ge­schichtlich-politi­schen Denken Herr werden können.

I

Die Sprengung unserer politischen Kategorien durch das Auftreten tota­litärer Bewegungen und Herrschaftsapparate wird ganz offenkundig, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß unsere Urteile über Staaten und Regie­rungen seit den Theorien der Antike auf der Unterscheidung zwischen gesetzmäßiger Regierung und tyrannisch-gesetzloser Willkür beruhen. Nun ist zwar totalitäre Herrschaft „gesetzlos“, insofern sie prinzipiell alles positiv gesetzte Recht verletzt, gleich ob es sich um übernommenes Recht handelt (das sie eigentümlicherweise nicht einmal abschafft) oder um von ihr selbst erlassene Gesetze; aber sie ist keineswegs willkürlich. An die Stelle des positiv gesetzten Rechts tritt nicht der allmächtig willkürliche Wille des Macht­habers, sondern das „Gesetz der Geschichte“ oder das „Recht der Natur“, also eine Art von Instanz, wie sie das positive Recht, das immer nur konkrete Ausgestaltung einer höheren Autorität zu sein behauptet, selbst braucht und auf die es sich als auf die Quelle seiner Legi­timität immer irgendwie beruft.

Es ist in der Tat die monströse, aber sehr schwer zurückweisbare Be­hauptung der totalitären Machthaber, daß sie nicht nur nicht gesetzlos und willkürlich handelten, sondern im Gegenteil zu den Quellen der Au­torität zurückkehrten, von denen alles positive Recht sich speist und seine Legitimität erst erhält. Damit wird zwar der Unterschied zwischen Schuld und Un­schuld, der immer nur an positivem Recht zu messen ist, abgeschafft – und damit alle Beurtei­lung, Aburteilung und Bestrafung unmöglich ge­macht –, gleichzeitig aber angeblich eine höhere Form von Gesetzestreue erzeugt, die es sich leisten könne, mit dem kleinlichen Buch­staben positiv erlassener Gesetze nach Belieben umzugehen, weil ihr ein Handeln ent­springt, das eine direkte und unvermittelte Ausführung von Befehlen sei, die Geschichte oder Natur selbst gegeben haben. Im Gegensatz zu dem legalen Handeln, das durch positives Recht er­möglicht wird und das immer durch einen Mangel gerade an Gerechtigkeit gekennzeichnet ist, weil das allgemeine Gesetz auf bestimmte Fälle angewandt wird, die es nie in ihrer Beson­der­heit voraussehen konnte und auf die es daher nie wirklich zu­geschnitten ist, im Gegensatz zu dieser immer auch ungerechten Legalität behauptet die totalitäre Herrschaft eine Welt herstel­len zu können, die von sich aus, unabhängig vom Handeln der Menschen in ihr, gesetzmäßig ist, in Übereinstimmung mit den die Welt eigentlich durchwaltenden Ge­setzen funktioniert — wobei es gleichgültig ist, ob dies Gesetz als das in der Natur geltende Recht oder ein dem geschichtlichen Ablauf immanen­tes Gesetz hingestellt wird.

In der Verachtung der totalitären Gewalthaber für positives Recht spricht sich eine unmensch­liche Gesetzestreue aus, für welche Menschen nur das Material sind, an dem die übermensch­lichen Gesetze von Natur und Geschichte vollzogen, und das heißt hier im furchtbarsten Sinne des Wortes exekutiert werden. Diese Exekution der objektiven Gesetze von Natur oder Ge­schichte soll schließlich eine Menschheit produzieren, – sei es eine Rassengesellschaft oder eine klassen- und nationslose Gesellschaft – die in sich selbst nur der Exponent der Gesetze ist, die in ihr verwirklicht wurden. Hinter dem Anspruch auf Weltherrschaft, die alle totalitä­ren Bewegungen stellen, liegt immer der Anspruch, ein Menschengeschlecht herzustellen, das aktiv handelnd Gesetze verkörpert, die es sonst nur passiv, voller Widerstände und niemals vollkommen erleiden würde.

An dieser Stelle kommt bereits der grundsätzliche Unterschied zwischen dem totalitären und allen anderen Begriffen von Gesetz und Recht ans Licht. Zwar ist es richtig, daß Natur oder Geschichte als die Quellen der Autorität für alles positive Recht sich auch nach nicht-totalitä­rer An­schauung im Menschen kund tun – sei es als das lumen naturale des Natur­rechts oder die Stimme des Gewissens alles historisch-religiös fundierten Rechts. Diese Kundgebung der Autorität im Menschen heißt ihn etwas tun, aber sie macht ihn nicht zu einer wandelnden Ver­körperung von Gesetzen; gerade weil das lumen naturale Einsicht oder die Stimme des Gewis­sens Gehorsam fordern, sind sie deutlich von dem einsehenden oder gehor­chenden Menschen als seine Autorität geschieden. Die Autorität des Ge­setzes regelt die Handlungen der Men­schen, sie ist keineswegs und nie­mals mit ihnen identisch. Das positive Recht ist im Vergleich mit der Quelle der Autorität, auf die es sich beruft, zeitgebunden, veränderlich, abänder­bar je nach Umständen. Aber die Handlungen der Menschen, denen das positive Recht bestimmte Regeln vorschreibt, sind noch zeitgebundener, noch abhängiger von Umständen, so daß ihnen gegenüber das positive Recht eine relative Permanenz behauptet und den dauernd sich ändern­den Umständen der Menschen eine relative Stabilität verleiht. Diese relative Permanenz ist gleichsam der in die Menschenwelt fallende Schein der – nach menschlichen Maßstäben geur­teilten – ewigen Gegenwart der Quellen der Autorität und Legitimität aller positiven Gesetze, des jus naturale oder des offenbarten Wortes Gottes. Alle Gesetze im Sinne des positiven Rechts sind stabilisierende Faktoren für die ewig sich ändernden Umstände, für die notwendi­ge Unbeständigkeit menschlicher Angelegen­heiten, in denen menschliches Handeln sich in einer ständigen Bewegung hält und ständig neue Bewegung hervorruft.

Im Gegensatz zu dieser Funktion der Stabilisierung, die Gesetze in allen normal funktionie­renden Gemeinschaften haben, sind die totalitären Gesetze von vornherein als Bewegungsge­setze, als Gesetze, die einer Be­wegung immanent sind, bestimmt. Positives Recht wild ver­letzt, weil es in eine dauernde Veränderung hineingerissen ist: was gestern Recht war, ist heute überholt und Unrecht geworden. (Juristisch gesprochen: aus jedem Gesetz ist eine Verordnung geworden.) Natur und Geschichte sind nicht mehr die stabilisierenden Quellen der Autorität für das Handeln sterblicher Menschen, sondern in sich selbst Prozesse, deren inhärente Be­wegungsgesetze zwar beobachtet und berechnet werden können, die aber abge­sehen von diesem äußeren Wahrgenommenwerden keinerlei Ent­sprechung mehr im Inneren des Menschen, wie die Einsicht des lumen naturale oder die Stimme des Gewissens, haben. Weder auf Einsicht noch auf Gewissen ist für das Handeln irgendein Verlaß. Dem Glauben der Nazis an Rassegesetze lag die Darwinsche Vorstellung vom Menschen als eines eigentlich zufälligen Resultats einer Naturentwicklung zugrunde, die nicht notwendig mit dem Men­schen an ihr Ende gekommen zu sein braucht. Dem Glauben der Bolschewisten an Ge­schichtsgesetze liegt Marx’ Vorstellung von der menschlichen Gesellschaft als dem Resultat eines gigantischen Geschichtsprozesses zugrunde, der mit immer vergrößerter Geschwindig­keit seinem Ende entgegenrast und sich selbst als Geschichte aus der Welt schafft.

So hat selbst das Wort Gesetz in der totalitären Sprache seine Bedeu­tung geändert: es deutet nicht mehr auf den Zaun des Gesetzes hin, dessen relative Stabilität den Raum der Freiheit schafft und behütet, in welchem menschliche Bewegungen und Handlungen stattfinden und sich abspielen; sondern es bezeichnet vorerst und wesentlich eine Bewegung. In diesem Sinne wurde das Wort Gesetz bereits von den Ideologien gebraucht, das heißt von jenen Weltan­schauungen des 19. Jahrhunderts, die von einer Prämisse ausgehend behaupteten, den Schlüs­sel für alles Geschehen in der Hand zu haben. Daß unter ihnen nur der dialektische Materialis­mus und der Rassismus zu politischer Bedeutung gekommen sind, mag unter ande­rem darin seinen Grund haben, daß diese beiden konsequenter als alle anderen als Prämisse eine über­dimensionale Kraft (und nicht nur etwas überhaupt Übermächtiges) annahmen, die als Bewe­gung – der Natur oder der Geschichte – durch das Menschengeschlecht hindurchgeht und jeden einzelnen nolens volens an sich zieht und mitschleift. Auffallend ist, daß – so verschie­den diese beiden Ideologien voneinander sind, so groß­artig erfüllt mit den besten abendländi­schen Traditionen der dialektische Materialismus, so kläglich-vulgär, wiewohl auf einem echten Erfahrungs­element basierend, der Rassismus – in beiden Konzeptionen das Bewe­gungsgesetz sich gleich äußert: es läuft in jedem Falle auf ein Gesetz der Ausscheidung von „Schädlichen“ oder Überflüssigen zugunsten des reibungslosen Ablaufs einer Bewegung heraus, aus der schließlich gleich dem Phönix aus der Asche eine Art Menschheit erstehen soll. Würde das Bewegungsgesetz in positives Recht übersetzt, so könnte sein Gebot nur heißen: Du sollst töten! Die Ideologien ziehen diese Schlußfolgerung nicht, weil sie noch damit rechnen, daß der Prozeß irgendwann einmal an ein Ende kommen wird, etwa wenn die klassenlose Gesellschaft auf der gan­zen Erde verwirklicht oder die Herrenrasse über die ganze Welt zur Herr­schaft gekommen ist.

Totalitäre Politik, die daran ging, die Rezepte von Ideologien zu be­folgen, hat das wahre Wesen dieser Bewegungen insofern entlarvt, als sie deutlich machte, daß es ein Ende des Prozesses nicht geben könne. Wenn es das Gesetz der Natur ist, Schädliches und Lebensun­taugliches zu eli­minieren, so wäre es das Ende der Natur überhaupt, wenn neue Katego­rien von Schädlichen und Lebensuntauglichen nicht gefunden würden; wenn es das Gesetz der Geschichte ist, daß in einem Kampf der Klassen bestimmte Klassen „absterben“, so wäre das Ende menschlicher Geschichte gekommen, wenn nicht neue Klassen sich ansatzweise bilde­ten, um dann von den totalitären Machthabern zum „Absterben“ gebracht zu werden. Mit anderen Worten, das Gesetz des Tötens, wonach totalitäre Bewegun­gen die Macht antreten, bleibt bestehen als ein Gesetz der Bewegung, selbst wenn es ihnen je gelingen sollte, die gan­ze Menschheit unter ihre Herr­schaft zu zwingen. Die Menschheit selbst wird die Verkörpe­rung des Pro­zesses, also ein ständig sich in seiner Gesamtheit Veränderndes und Be­wegendes, in welchem die permanente Ausscheidung der Überflüssigen und Schädlichen nun gleichsam automatisch vor sich geht. Die Friedhofs­ruhe, die nach klassischer Theorie die Tyrannis über das Land legt – und die in Wahrheit auch immer die Stille war, welche dem Entstehen eines neuen Anfangs günstig sein konnte – bleibt dem totalitär regierten Land so verwehrt wie Ruhe überhaupt. Zwar sind seine Bewohner alles in freier Spontaneität entspringenden Handelns oder auch nur Tätigseins beraubt; dennoch werden sie in dauernder Bewegung gehalten als Exponenten des gigantisch übermenschlichen Prozesses von Natur oder Geschichte, der durch sie hindurchrast.

Wie der Gesetzesstaat positives Recht benötigt, um das unveränderliche jus naturale oder die ewigen Gebote Gottes oder die aus unvordenk­lichen Zeiten stammenden und darum geheilig­ten Gebräuche und Tradi­tionen zu verwirklichen, so braucht totalitäre Herrschaft den Terror, um die Prozesse von Geschichte oder Natur loszulassen und ihre Bewegungs­gesetze in der menschlichen Gesellschaft durchzusetzen. Wie positives Recht das Vergehen und das Verbre­chen in einer Gesellschaft jeweils fest­legt, aber für seine Gültigkeit von Übertretungen ganz unabhängig ist – Gesetze werden nicht überflüssig, wenn sich niemand gegen sie vergeht –, so wird auch totalitärer Terror (im Gegensatz zu den Einschüchterungsmethoden in allen Tyran­neien und Diktaturen) nicht dann überflüssig, wenn es keine Opposition mehr gibt, gegen die er sich wenden könnte; auch er ist unabhängig geworden von allen Vergehen gegen das Regi­me. Ja, unsere Erfahrungen mit der Sowjet-Union wie mit dem Dritten Reich haben uns ge­lehrt, daß wir diesen Vergleich noch einen Schritt weiter treiben dürfen: wie das Gesetz in den uns bekannten Staatsgebilden desto vollkommener herrscht, je weniger Verbrechen es durch­brechen, so wird die vollkommene Herrschaft des Terrors erst dann losgelassen, wenn jegli­che Opposition, gegen die er sich wenden könnte (und in den ersten Stadien der Diktatur auch faktisch wendet), erloschen ist.

Wenn wir also in Übereinstimmung mit der klassischen Theorie in der Gesetzesherrschaft das eigentliche Wesen einer verfassungsmäßigen Re­gierung sehen, dann können wir Terror als das eigentliche Wesen der totalitären Herrschaft bestimmen.

II

Wenn hier vom Wesen einer Staatsform die Rede ist, so in der bewußten Nachfolge Montes­quieus, der in der abendländischen Tradition politischen Denkens Unterschied und Beziehung zwischen dem Wesen einer Regierung und ihrem Prinzip fand und bestimmte, daß das Wesen der Staatsform (oder auch seine Struktur) das ist, was macht, daß der Staat so und nicht anders ist (eine Republik und keine Monarchie etwa), während das Prin­zip einer jeden Regierung das ist, was bewirkt, daß in ihr gehandelt wer­den kann. (Il y a cette différence entre la nature du gouvernement et son principe, que sa nature est ce qui le fait être tel; et son principe ce qui le fait agir. „Esprit des Lois“, Livre III, chap. 1.) So hat die Monarchie ihr Wesen in gesetzlicher Regierung, in der die Macht in den Händen eines einzigen liegt; gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Ehre, das auf dem Wunsch nach Auszeichnung beruht. Die Republik hat ihr Wesen in verfassungsmäßiger Regierung, in der die Macht in den Händen des Vol­kes liegt; gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Tugend, das auf der Liebe zur Gleichheit beruht. Die Tyrannis hat ihr Wesen in gesetzloser Herrschaft, in der Macht von der Willkür eines einzelnen ausgeübt wird; ihr Prinzip des Handelns ist die Furcht; worauf diese Furcht beruht, sagt uns Montesquieu nicht.

Das Wesen totalitärer Herrschaft in diesem Sinne ist der Terror, der aber nicht willkürlich und nicht nach den Regeln des Machthungers eines einzelnen (wie in der Tyrannis), sondern in Übereinstimmung mit außer­menschlichen Prozessen und ihren natürlichen oder geschichtli­chen Ge­setzen vollzogen wird. Als solcher ersetzt er den Zaun des Gesetzes, in dessen Um­hegung Menschen in Freiheit sich bewegen können, durch ein ei­sernes Band, das die Men­schen so stabilisiert, daß jede freie, unvorherseh­bare Handlung ausgeschlossen wird. Terror in diesem Sinne ist gleichsam das „Gesetz“, das nicht mehr übertreten werden kann. Diese ter­roristische Stabilisierung soll der Befreiung der sich bewegenden Geschichte oder Natur die­nen. Eine Diskussion mit Anhängern totalitärer Bewegungen über Freiheit ist schon darum so außerordentlich unergiebig, weil sie an menschlicher Freiheit, das heißt an der Freiheit menschlichen Handelns nicht nur nicht interessiert sind, sondern sie für gefährlich für die Be­freiung natürlicher oder historischer Prozesse halten. Die sogenannte Frei­heit der Geschichte und der Natur, die sich ja nach beobachtbaren Regeln vollzieht, kann für den Menschen in der Tat nur im Gewand der Not­wendigkeit auftreten. Sofern Natur und Geschichte Kräfte sind, denen bis zu einem gewissen Grad Menschen immer unterworfen sind, können sie, wenn mit ihnen ein politischer Körper konstituiert wird, nur als Zwang verstanden und realisiert wer­den. Auf diesem Zwang beruht, diesen Zwang realisiert der totalitäre Terror, indem er nicht gerechte oder un­gerechte positive Gesetze erläßt und anwendet, sondern den Bewegungs­prozeß dieser Kräfte vollstreckt im Sinne der Exekution. Der Terror ist nicht ein Mittel zu einem Zweck, sondern die ständig benötigte Exekution der Gesetze natürlicher oder ge­schichtlicher Prozesse.

Terror macht die Menschen unbeweglich, als stünden sie und ihre spon­tanen Bewegungen nur den Prozessen von Natur oder Geschichte im Wege, denen die Bahn frei gemacht werden soll. Terror scheidet die Individuen aus um der Gattung willen, opfert Menschen um der Mensch­heit willen, und zwar nicht nur jene, die schließlich wirklich seine Opfer werden, son­dern grundsätzlich alle, insofern der Geschichts- oder Naturprozeß von dem neuen Beginnen und dem individuellen Ende, welches das Leben jedes Menschen ist, nur gehindert werden kann. Populär und scheinbar harmlos äußert sich die terroristische Gesinnung bereits in dem Sprich­wort: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“, einem Spruch, mit dem man bekanntlich jegliches rechtfertigen kann und gerechtfertigt hat. In solcher Gesinnung wird nur dort Geschichte über­haupt anerkannt, wo Späne auch wirklich fallen, bis dann mehr oder minder offen die Größe von Ereignissen nur noch gemessen wird an der Zahl der Opfer, die sie for­dern. Psycholo­gisch ist diese Gesinnung die beste, ja die einzig mögliche Vorbereitung für das Leben unter Verhältnissen, die vom Terror bestimmt sind. Denn in ihr hat man bereits den besten Freund, den geliebtesten Menschen und auch sich selbst als mögliche Späne für das erhabene Ho­beln von Natur oder Geschichte erkannt und geopfert.

Die Versuchung, menschliches Handeln am Modell des Herstellens von Gegenständen zu orientieren, ist nicht neu, war aber natürlicherweise nie­mals so mächtig und bedeutungsvoll wie in den letzten hundert Jahren, da Menschen – erst in Europa und Amerika und dann mehr und mehr in der ganzen Welt – sich zum ersten Male wesentlich als arbeitende Wesen ver­standen und bestimmten. Dies neue Selbstverständnis des Menschen fand seinen ersten theo­retischen Ausdruck in Marx, und die außerordent­liche Anziehungskraft des Marxismus auf alle Völker der Erde verdankt dieser neuen Einschätzung der Arbeit sicherlich nicht weniger als seinen sogenannten chiliastischen Elementen. Arbeit nun, obwohl sicher nicht mit einfa­chem Herstellen identisch, steht diesem doch näher als alle Arten menschlichen Handelns. Herstellen, auch wenn es von vielen zusammen und fabrikmäßig betrieben wird, hat es immer nur mit einem Subjekt zu tun, das einen Gegenstand hervorbringen will; auch Robinson auf seiner Insel ist noch Mensch im Sinne des homo faber. Handeln dagegen kann ich immer nur in bezug auf andere und mit ihnen zusammen. Alles Han­deln ist in den Worten Burkes „to act in concert“; was bei diesem Tun herauskommt, hat niemals ein Ende und daher auch weder die Bestän­digkeit noch die Eindeutigkeit eines im Mittel-Zweck-Zusammenhang er­zeugten Gegenstandes. Wenn im Herstellen wirklich gilt: Der Zweck rechtfertigt die Mittel, so gilt im Bereich des Handelns umgekehrt: eine gute Tat um eines bösen Zweckes willen fügt der Welt Güte zu, eine böse Tat um eines guten Zweckes willen macht die Welt unausweichlich schlechter.

Gesetze im Sinne des positiven Rechts sind für ein Handeln in der Gesinnung des Herstellens oder des „Wo gehobelt wird, da fal­len Späne“ ganz und gar überflüssig. Denn sie sichern Kontinuität in der Sphäre menschlichen Zusammenlebens als solcher, in der es einen durch Gegenstände getragenen, an ihnen ausgerichteten und von ihnen garantierten Verlaß ganz und gar nicht gibt. Die Kontinuität mensch­lichen Zusammenlebens wird immer wieder durch das erschüttert, was wir gemeinhin die Freiheit des Menschen nennen; und das ist politisch die Geburt jedes neuen Menschen, der in dies Zusammenleben hineinge­boren wird, weil mit jeder neuen Geburt ein neuer Anfang, eine neue Freiheit, eine neue Welt anhebt. Initium ut esset, creatus est homo – „Der Mensch wurde geschaffen, damit ein Anfang sei“, sagte Augustin („Civitas Dei“, lib. 12, cap. 20). Diesen neuen Anfang hegen die Zäune der Gesetze ein und sichern ihm zugleich seine Freiheit, schaffen ihm den Raum, in welchem allein Freiheit sich verwirklichen kann. So garantiert das Gesetz die Möglichkeit eines unvoraussehbar, absolut Neuen und zu­gleich die Präexistenz einer gemeinsamen Welt, deren Kontinuität alle einzelnen Anfänge übersteigt, das ist eine Wirklichkeit, die alle neuen Ursprünge in sich aufnimmt und von ihnen sich nährt.

Jede Gewaltherrschaft muß die Zäune der Gesetze dem Erdboden gleichmachen. Totalitärer Terror, sofern er dies in seinen Anfangssta­dien auch tut, unterscheidet sich nicht prinzipiell von anderen Formen der Tyrannis. Nur daß dieser nicht den willkürlich-tyrannischen Willen eines einzelnen über die ihres Schutzes beraubten und zur Ohnmacht ver­dammten Menschen loslassen will, noch die despotische Macht eines ein­zigen gegen alle anderen, noch, und am allerwenigsten, die Anarchie eines Krieges aller gegen alle. Die Tyrannis begnügt sich mit der Gesetzlosig­keit; der totale Terror setzt an die Stelle der Zäune des Gesetzes und der gesetz­mäßig etablierten und geregelten Kanäle menschlicher Kom­munikation sein eisernes Band, das alle so eng aneinanderschließt, daß nicht nur der Raum der Freiheit, wie er in verfassungs­mäßigen Staaten zwischen den Bürgern existiert, sondern auch die Wüste der Nachbarlosig­keit und des gegenseitigen Mißtrauens, die der Tyrannis eigentüm­lich ist, verschwindet, und es ist, als seien alle zusammengeschmolzen in ein einziges Wesen von gigantischen Aus­maßen. Auch dies drückt der auf totalitäre Verhältnisse so trefflich vorbereitete Volksmund auf seine Weise aus, wenn er nicht mehr von „den“ Russen oder „den“ Franzosen spricht, sondern uns neuerdings erzählt, was der Russe will oder der Franzose sei. Terror, als der folg­same Vollstrecker natürlicher oder geschichtlicher Prozesse, fabriziert dies Einssein von Men­schen, indem er den Lebensraum zwischen Menschen, der der Raum der Freiheit ist, radi­kal vernichtet. Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt also nicht darin, daß sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, daß sie die Liebe zur Freiheit aus dem menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, daß sie Menschen, so wie sie sind, mit solcher Ge­walt in das eiserne Band des Terrors schließt, daß der Raum des Han­delns, und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet.

Das eiserne Band des Terrors konstituiert den totalitären politischen Körper, um ein Instru­ment zu gewinnen, mit dem die Bewegung des Na­tur- oder des Geschichtsprozesses beschleu­nigt werden kann. Dem Terror gelingt es, Menschen so zu organisieren, als gäbe es sie gar nicht im Plural, sondern nur im Singular, als gäbe es nur einen gigantischen Men­schen auf der Erde, dessen Bewegungen in den Marsch eines automa­tisch notwendigen Natur- oder Ge­schichtsprozesses mit absoluter Sicher­heit und Berechenbarkeit einfallen. Diese an sich not­wendig ablau­fenden Prozesse will der Terror auf eine Geschwindigkeit, gleichsam auf eine Tourenzahl bringen, die sie ohne die Mithilfe der zu einem Men­schen organisierten Mensch­heit nie erreichen könnten. Praktisch heißt dies, daß Terror die Todesurteile, welche die Natur angeblich über „min­derwertige Rassen“ und „lebensunfähige Individuen oder die Geschichte über „absterbende Klassen“ und „dekadente Völker“ gesprochen hat, auf der Stelle voll­streckt, ohne den langsameren und unsicheren Vernichtungsprozeß von Natur oder Geschichte selbst abzuwarten.

Wir kennen keinen vollkommenen totalitären Herrschaftsapparat, denn er würde die Beherr­schung der gesamten Erde voraussetzen. Wir wissen aber genug von den immer noch vorläu­figen Experimenten totaler Organi­sation, um zu erkennen, daß die durchaus mögliche Ver­vollkommnung die­ses Apparats menschliches Handeln in dem uns bekannten Sinne abschaf­fen würde. Handeln würde sich als überflüssig erweisen im Zusammen­leben der Menschen, wenn alle Menschen zu einem Menschen, alle Indi­viduen zu Exemplaren der Gattung, alles Tun zu Beschleunigungsgriffen in der gesetzmäßigen Bewegungsapparatur der Geschichte oder der Natur, und alle Taten zu Vollstreckungen der Todesurteile geworden sind, die Ge­schichte oder Natur ohnehin verhängt haben.

In solch einem bisher nicht erreichten perfekten Regime des Terrors würde Montesquieus zweite Bestimmung in der Definition von Staats­formen, die Bestimmung des „Prinzips“, das zu dem Wesen einer jeden Regierung gehörend sie zum Handeln und damit im politischen Feld erst eigentlich in Bewegung bringt, ganz und gar fortfallen. Und in der Tat werden totali­täre Machthaber in ihrem Tun weder von Ehre noch von Tugend noch von Furcht geleitet. Insofern aber totalitäre Herrschaft ihre eigene vollkommene Ausprägung noch nicht erhalten hat und sich immer noch in einer Welt bewegt, in welcher es Handeln gibt und daher auch Prinzipien des Handelns benötigt werden, braucht auch sie noch ein ihr eigentümliches Prin­zip, das ihren Terrorapparat in Bewegung setzt und die ihm ausgelieferten Menschen in ihrem Verhalten inspiriert.

Prinzipien des Handelns dürfen nicht mit psychologischen Motiven verwechselt werden. Sie sind vielmehr die Maßstäbe, an denen öffentlich-politisches Handeln, und nur dieses, gemes­sen wird. So wie es der Stolz eines Bürgers einer Republik ist, nicht mehr zu gelten in öffent­lichen An­gelegenheiten als irgendein anderer Bürger – dies ist seine „Tugend“ –, so ist es der Stolz eines Untertanen in einer Monarchie, sich auszuzeichnen und öffentlich geehrt zu wer­den. Dies heißt nicht, daß die Bürger einer Republik nicht wissen, was Ehre ist, oder die Untertanen einer Monarchie sich nicht um „Tugend“ bekümmerten, sondern lediglich, daß das öffent­liche Leben – in welchem wir nur handeln können, indem wir mit anderen zusammen handeln, und betroffen sind nur von Angelegenheiten, die für jeden von gleicher Dringlichkeit sind –, immer von gewissen Prinzi­pien bestimmt ist, die keinesfalls für alle Formen öffentli­chen Lebens die gleichen sind. Wenn solche Prinzipien ihre Gültigkeit verlieren, wenn man in einer Republik nicht mehr weiß, was Tugend ist, oder in einer Monarchie nicht mehr an Ehre glaubt, oder wenn in einer Tyrannis der Machthaber aufhört, seine Untertanen und die Beherr­schten aufhören, den Tyrannen zu fürchten, so geht jede dieser drei Regierungsformen ihrem Ende entgegen.

Montesquieu benötigte dies Prinzip, das seine Staatsformen erst in Be­wegung setzt, indem es Machthabern wie Bürgern die Maßstäbe für ein einheitliches öffentliches Handeln und Sich-Verhalten gibt, weil das Wesen der Staatsformen, so wie es aus den antiken Definitionen über­nommen war, an sich selbst stabil und unbeweglich ist, allem Handeln also nur bestimmte Grenzen setzt, nicht aber es veranlassen und inspi­rieren kann. Unter totalitären Bedingungen scheint ein bewegendes Prin­zip einerseits überflüssig geworden zu sein, weil das Wesen jetzt an sich selbst bereits Bewegung ist; andererseits scheint das einzige Prinzip des Handelns, das rein praktisch in Frage kommt, wie in allen Tyranneien die Furcht zu sein.

Furcht entsteht in der Tyrannis dadurch, daß der Raum der Freiheit, den die Gesetze umheg­ten, von der Willkür des Tyrannen in eine Wüste verwandelt ist. Auch in dieser Wüste gibt es noch ein Mini­mum menschlichen Kontakts und sie bewahrt noch eine Spur jenes Raumes, den menschliche Freiheit braucht, um wirklich zu werden. In ihr bewegen sich Menschen noch und begegnen einander, beraten von den Prinzipien der Furcht und des Mißtrauens. Furcht und Mißtrauen kön­nen aber keine Ratgeber mehr sein, wenn unter totalitärer Herrschaft der Terror beginnt, seine Opfer nach objektiven Kriterien, ohne allen Bezug auf irgendwelche Gedanken oder Handlungen der Betroffenen, auszuwählen. Furcht hört damit auf, einen prak­tischen Sinn zu haben. Zwar bleibt sie noch die alles durchdringende Stimmung, die das Herz jedes einzelnen verwüstet, so wie Mißtrauen noch die Beziehungen aller Menschen zueinan­der vergiftet, aber einen Rat, wie zu handeln sei, kön­nen weder Furcht noch Mißtrauen geben, da vom eigenen Handeln das Schicksal gar nicht mehr abhängt.

Totalitäre Herrschaft, deren Wesen der Terror ist und die daher auf ihn als ein Furcht ein­flößendes Mittel der Beherrschung nicht mehr rech­nen kann, rechnet überhaupt nicht mit handelnden Menschen und kann daher auch kein eigentliches Prinzip des Handelns, und sei es das Prin­zip der Furcht, gebrauchen. An seine Stelle setzt sie etwas ganz und gar anders Gear­tetes, das mit dem menschlichen Willen zum Handeln nichts mehr zu tun hat, dafür aber sei­nem Bedürfnis nach Einsicht entgegen­kommt und ihn lehrt, die Bewegungsgesetze zu ver­stehen, die der Terror vollstreckt und die ja angeblich von Geschichte und Natur über eine ihnen ausgelieferte Menschheit ohnehin verhängt worden sind. Innerhalb solcher über die Menschheit verhängten Prozesse, in die alle eingefangen sind und an denen sie nichts ändern können, außer daß sie dazu bestellt scheinen, ihre Geschwindigkeit zu erhöhen, kann es nur Vollstrecker und Opfer der ihnen inhärenten Gesetze geben. Im Sinne dieser Bewegungs­gesetze liegt es, daß die, welche heute die Vollstrecker sind und „minder­wertige Rassen und lebensunfähige Individuen“ oder ,,absterbende Klas­sen und dekadente Völker“ liquidieren, morgen diejenigen sein können, an denen dieser Ausscheidungsprozeß vollzogen werden muß. Das Ver­langen nach Einsicht in diesen Prozeß mobilisiert die totalitäre Herr­schaft, um beide, Vollstrecker wie Opfer, auf diesen Prozeß vorzuberei­ten. An die Stelle des Prinzips des Handelns tritt die Präparierung der Opfer, welche Natur- oder Geschichtsprozeß fordern wer­den, und zwar eine Präparierung, die gegebenenfalls den einzelnen gleich gut für die Rolle des Vollstreckers wie für die Rolle des Opfers vorbereiten kann.

Diese Präparierung leistet in der totalitären Herrschaft die Ideologie, und sie entspricht Mon­tesquieus Prinzip des öffentlichen Handelns, in­sofern auch sie für beide, Herrscher und Beherrschte, Vollstrecker und Opfer, gleichermaßen gültig und zwingend ist.

III

Der Gebrauch der Ideologien als politische Waffe ist sowenig auf tota­litäre Bewegungen beschränkt, wie der Gebrauch des Terrors zum Zwecke der Einschüchterung auf totalitäre Herrschaft beschränkt ist. Auf dem uralten Gebiet der Grausamkeit haben sich die totalitären Gewalthaber etwas Neues weder ausdenken können noch wollen; die fabrikmäßig be­triebene Vernichtung von Menschen wird oft sogar mit einem Minimum an Grausamkeit ins Werk gesetzt. So haben die totalitären Bewegungen auch den von ihnen übernommenen Ideologien, dem Kommunismus oder dem Rassismus, der Lehre vom Kampf der Klassen oder der Lehre vom Recht des Stärkeren, nicht einen einzigen neuen Gedanken, ja nicht ein­mal ein einziges neues Propagandaschlagwort hinzugefügt.

Obwohl weder Kommunismus noch Rassismus an sich totalitär sind, enthalten sie doch wie nahezu alle Ismen, gewisse totalitäre Elemente, die sie zu so eminent geeigneten Werkzeugen in der Hand totalitärer Bewegungen gemacht haben, daß man meinen möchte, erst in diesem Gebrauch sei das wahre Wesen der Ideologien ans Licht getreten. Sol­cher Elemente im ideo­logischen Denken gibt es drei, und sie hängen aufs engste miteinander zusammen:

Ideologien in ihrem Anspruch auf totale Welterklärung haben es er­stens an sich, nicht das, was ist, sondern nur das, was wird, was entsteht und vergeht, zu erklären. Sie haben ein Element der Bewegung von vornherein in sich, weil sie sich überhaupt nur mit dem sich Bewegenden befassen, also mit Geschichte im gewöhnlichen Verstände des Wortes. Ideolo­gien sind auch dann nur auf Geschichte gerichtet, wenn sie, wie im Falle des Rassismus, scheinbar von der Natur ausgehen; Natur dient hier nur dazu, Geschichtliches zu erklären, es auf Natürliches zu redu­zieren. Der Anspruch auf totale Welterklärung verspricht die totale Er­klärung alles geschichtlich sich Ereignenden, und zwar totale Erklärung des Vergangenen, totales Sich-Auskennen im Gegenwärtigen und verläßliches Vorhersagen des Zukünftigen. Als solches wird ideologisches Denken zweitens unabhängig von aller Erfahrung, die ihr selbst dann nichts Neues mitteilen kann, wenn das Mitzuteilende soeben erst entstan­den ist. Es emanzipiert sich also von der Wirklichkeit, so wie sie uns in unseren fünf Sinnen gegeben ist, und besteht ihr gegenüber auf einer „eigentlicheren“ Realität, die sich hinter diesem Gege­benen verberge, es aus dem Verborgenen beherrsche und die wahrzunehmen wir einen sech­sten Sinn benötigen. Den sechsten Sinn vermittelt eben die Ideologie, bzw. jene ideologische Schulung, welche auf den eigens dafür errichteten Erziehungsanstalten „politischer Soldaten“, den Ordensburgen der Nazis oder den Schulen der Komintern und Kominform, vermittelt wird. Der Emanzipation des Denkens von erfahrener und erfahrbarer Wirklich­keit dient auch die Propaganda der totalitären Bewegungen, die immer darauf hinausläuft, jedem offenbar Geschehenden einen geheimen Sinn und jedem offenbaren politischen Handeln eine ver­schwörerische Absicht unterzulegen. Sind die Bewegungen erst einmal an die Macht gekom­men, so beginnen sie, die Wirklichkeit im Sinne ihrer ideologischen Behaup­tungen zu ver­ändern. Der Begriff der Feindschaft wird durch den der Verschwörung ersetzt und damit eine politische Realität hergestellt, in der hinter jeder Erfahrung des Wirklichen – wirklicher Feindschaft oder wirklicher Freundschaft – der Natur der Sache nach etwas anderes ver­mutet werden muß.

Die Ideologien, die ja selbst nicht die Macht hatten, die Wirklichkeit zu verändern, verließen sich drittens in ihrer Emanzipation des Denkens von Erfahrung und erfahrener Wirklichkeit auf das Verfahren ihrer Be­weisführung selbst. Dem was faktisch geschieht, kommt ideolo­gisches Den­ken dadurch bei, daß es aus einer als sicher angenommenen Prämisse nun mit absoluter Folgerichtigkeit – und das heißt natürlich, mit einer Stimmigkeit, wie sie in der Wirklichkeit nie anzutreffen ist – alles Wei­tere deduziert. Das Deduzieren kann einfach logisch oder auch dialektisch vonstatten gehen; in beiden Fällen handelt es sich um einen gesetzmäßig verlaufenden Argumentationsprozeß, der als Prozeßdenken imstande sein soll, die Bewegungen der übermenschlichen, natürlichen oder ge­schichtlichen Prozesse einzuse­hen. Einsicht vollzieht sich hier dadurch, daß der Verstand im logischen oder dialektischen Prozeß die Gesetze angeb­lich wissenschaftlich festgestellter Bewegungen nachahmt und in der Nachahmung sich ihnen einfügt. Die ideologische Beweisführung, die immer logisch-deduzierend ist, wird den beiden vorhergenannten Ele­menten der Ideologien, dem Element der Bewegung und dem Element der Emanzipation von Wirklichkeit und Erfahrung, dadurch gerecht, daß sie einerseits selber wesentlich ein sich aus sich selbst bewegendes Den­ken ist, und daß sie andererseits diesen Bewegungsprozeß nur auf einen einzigen, noch der erfahrenen Wirklichkeit entnommenen Punkt, der in der Prämisse als gegeben angenommen wird, stützt, die von hier aus ent­faltete Bewegung dann aber von aller weiteren Erfahrung völlig un­berührt läßt. Ideologisches Denken ist, hat es erst einmal seine Prämisse, seinen Ausgangspunkt, sta­tuiert, prinzipiell von Erfahrung unbeeinfluß­bar und von der Wirklichkeit unbelehrbar.

So tritt an die Seite der angeblichen Erbarmungslosigkeit von Natur oder Geschichte, die (wie Hitler zu sagen liebte) „Eiskälte“ der mensch­lichen Logik. Diese Logik – und nicht so sehr der ursprüngliche Gehalt der Ideologien: die Unterdrückung des Menschen durch den Men­schen oder das Primat des Nationalen – überzeugt Menschen, die sich auf ihre Erfahrungen nicht mehr verlassen wollen, weil sie sich mit ihnen in der Welt nicht mehr zurechtfinden kön­nen. An die Stelle einer Orientierung in der Welt tritt der Zwang, mit dem man sich selbst zwingt, von dem reißenden Strom übermenschlicher, natürlicher oder geschichtlicher Kräfte mitgerissen zu werden. Solange die Ideologien nur in der Form von Weltanschauungen beste­hen, die ihnen das 19. Jahrhundert gegeben hat, bevor sie zu Mitteln einer neuen politischen Organisation geworden sind, ist ihr eigentlicher Inhalt – der Kampf um Gerechtigkeit im Kommunis­mus und die Sorge um den Bestand der Nation in allen völkisch orien­tierten Ismen – immer noch vorherrschend. Erst wenn die Radikalität totalitärer Bewegungen aus den Ideo­logien die Prinzipien ihres politi­schen Handelns gewinnt, erhält das ihnen immer inhärente logische Ele­ment so sehr die Oberhand, daß nun die eigentliche Substanz der Ideolo­gie selbst – die Arbeiterklasse oder die Nation – in der folgerichtig stim­migen Bewegung eines reinen Deduzierens zerrieben wird.

In diesem Sinne ist die Macht, die nach Marx der Idee eignet, wenn sie die Massen ergreift, eben diese aus der „Idee“ entwickelte Logik, deren Zwang sich die Massen unterwerfen. Der durchaus charakteristi­sche Substanzschwund, den eine Ideologie immer schon erleidet, wenn sie „bewiesen“ wird, und der zu einem kompletten Substanzverlust wird, sobald totalitäres Handeln sich ihrer als eines leitenden Prinzips bedient, erklärt auch, warum es so leicht ist, ideologisch geschulte Menschen zu einem Wechsel der Ideologie zu bewegen, wenn das eige­ne System aus irgendwelchen Gründen versagt hat. Wie schwer es andererseits ist, ehe­malige Anhänger irgendeiner Ideologie wieder in normale Denkformen und normales politisches Handeln zurückzuführen, ist genugsam bekannt. Schwer ist dabei niemals, sie von einem anderen Gehalt zu überzeugen, als vielmehr, zu verhindern, daß sie mit ganz gleich welchem Gehalt wie­derum die logische Operation des Deduzierens aus einer Prämisse an­stellen, an die sie aus ihrer Vergangenheit her gewöhnt sind.

Man könnte sagen, daß es das eigentliche Wesen der Ideologie ist, aus einer Idee eine Prämis­se zu machen, aus einer Einsicht in das, was ist, eine Voraussetzung für das, was sich zwangs­mäßig einsichtig ereignen soll. Jedoch haben die Verwandlung der den Ideologien zugrunde liegen­den Ideen in solche Prämissen erst die totalitären Gewalthaber wirklich vollzogen. In diesem Sinne sind Stalin wie Hitler Ideologen allerersten Ranges, die allen mit ihnen konkur­rierenden nicht totalitären Ideologen völkischer oder kommunistischer Gesinnung weit über­legen waren, auch wenn sie von diesen oft und zu Unrecht verachtet wurden, weil sie die Ideologien durch keinerlei neues Gedankengut bereichert haben. Ihre eigentliche Originalität bestand darin, daß sie ideologische Aussagen buchstäblich ernst nahmen und dadurch in Kon­sequenzen jagten, von denen sich der gesunde Menschenverstand, der sich an der Wirklichkeit auch dann orientiert, wenn er von ihr gelegentlich irregeführt wird, nichts hatte träumen las­sen. Macht man damit ernst, daß im Kampf der Klassen es immer „absterbende“ Klassen ge­ben muß, so folgt daraus, daß man immer neue Gruppen der Gesellschaft ausrotten muß. Macht man damit ernst, daß es im Leben der Völker ebenso wie im Leben der Natur „Parasi­ten“ gibt, so folgt daraus, daß man mit ihnen so umsprin­gen darf wie mit Wanzen und Läusen, die man bekanntlich mit Giftgas ausrottet.

Diese anscheinend kleine, in Wahrheit entscheidende Operation des buchstäblich Ernstneh­mens ideologischer Meinungen haben alle erfah­renen Beobachter totalitärer Bewegungen darum unterschätzt, weil sie wie Demagogie zum Zwecke der Volksversammlung aussah. Was man nicht sah, und vor einigen Jahrzehnten wohl auch noch gar nicht sehen konnte, war, daß diese neuen, im 19. Jahrhundert geborenen Ideologien nicht nur, wie es den Anschein hatte, unverantwortliche Meinungen über die Wirklichkeit waren, die wie alle solche Meinun­gen gar nicht an Wahr­heit, sondern an dem Beifall der Menge interessiert waren. Was man übersah, war das Element ihrer Beweisführung, ihre eigentümliche fana­tische Stimmigkeit und die Logik ihres Deduktionsprozesses aus einer Prämisse, mit der sie sich bereits ange­schickt hatten, die Wirklichkeit selbst und die eigene Substanz zu verzehren.

Die Präparierung von Opfern und Henkern, welche das totalitäre Herr­schaftssystem braucht und mit der es das Montesquieu’sche Prinzip poli­tischen Handelns ersetzt, ist also noch nicht einmal die Ideologie selbst, sondern vielmehr die jeder Ideologie inhärente Logik des Dedu­zierens. Auch hier hat es sich erwiesen, daß der Volksmund auf seine Weise vor­züglich auf diese neue Art von Politik vorbereitet war. Hitler wie Stalin hatten immer eine besondere Vor­liebe dafür, ihre Argumentationen mit dem: „Wer A gesagt hat, muß auch B sagen“, zu unter­bauen, und es ist kein Zweifel, daß dieses Argument moderne Menschen auf ganz ähnliche Weise überzeugt wie das „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“.

Der Selbstzwang des deduzierenden Denkens, der Ideologien zu so vor­züglichen Präpara­tionsmitteln für den Zwang von Terrorregimen macht, kommt in dem „Wer A gesagt hat, muß auch B sagen“ vorzüglich zum Ausdruck, weil er hier ganz offenbar identisch ist mit unserer Angst, uns in Widersprüche zu verwickeln und durch solche Widersprüche uns selbst zu ver­lieren. Von diesem Selbstzwang haben die Bolschewisten, wenn sie von ihren eigenen Anhän­gern Geständnisse verlangten, einen äußerst ausgiebigen Gebrauch gemacht und vielfach demonstriert, daß die dem Selbstzwang zugrunde liegende Angst, mit sich selbst und seinem gan­zen Leben in Widerspruch zu geraten, es mit der Todesangst an Inten­sität durchaus auf­nehmen kann. Das Argument, mit dem man überzeugte und loyale Parteianhänger zu Ge­ständnissen zwingt, ist in vielen Ab­wandlungen grundsätzlich immer das gleiche: Da du ein überzeugter Bolschewist bist, weißt du, daß die Partei immer recht hat. (Trotzki hat einmal in einer Variation des „right or wrong, my country“ gemeint: „Wir können nur mit und durch die Partei recht haben, denn die Ge­schichte kennt keinen anderen Weg, recht zu haben.“) Aus Gründen des objektiven geschichtlichen Prozesses muß die Partei in diesem Augenblick be­stimmte Verbrechen bestrafen, welche historisch sich unausweichlich in diesem Zeitpunkt ereignen müssen. Für diese Verbrechen braucht sie Ver­brecher. Entweder hast du im Zug der historischen Notwendigkeit die Verbrechen, die wir dir zur Last legen, wirklich begangen, und dann bist du ein Feind der historischen Entwicklung (und das heißt der Partei als dem Exponenten dieser Entwicklung), oder du hast sie nicht begangen und weigerst dich, die histo­risch notwendige Rolle des Verbrechers zu spielen; dann begehst du das Verbrechen, das wir dir zur Last legen, eben durch deine Weigerung, es zu bekennen. – Das Zwingende des Argu­ments liegt in dem: Du darfst dir nicht selbst widersprechen, weil dann dein ganzes Leben sinnlos würde. Das A, das du einmal sagtest, hat absolute Herrschaft über dich um deiner selbst willen.

Worauf die totalitären Herrschaftssysteme sich verlassen für die be­grenzte Mobilisierung sich verhaltender Menschen, deren selbst sie nicht, oder noch nicht, entraten können, ist dieser Zwang, durch den wir uns selbst zwingen, weil wir uns fürchten, uns sonst selbst in Wider­sprüchen zu verlieren. Die Tyrannei des zwangsläufigen Schlußfolgerns, die unser Verstand jederzeit über uns selbst loslassen kann, ist der innere Zwang, mit dem wir uns selbst in den äußeren Zwang des Terrors einschalten und uns an ihn gleichschalten. Das einzige Gegenprin­zip gegen diesen Zwang und gegen die Angst, sich selbst im Widersprechen zu verlieren, liegt in der menschlichen Spontaneität, in unserer Fähigkeit, „eine Reihe von vorne anfangen“ zu können. Alle Freiheit liegt in diesem Anfangenkönnen beschlossen. Über den Anfang hat keine zwangsläufige Argumen­tation je Gewalt, weil er aus keiner logischen Kette je ableitbar ist, ja von allem deduzierenden Denken immer schon vorausgesetzt werden muß, um das Zwangsläufige zum Funktionieren zu bringen. Darum be­ruht die Argumentation des „Wer A gesagt hat, muß auch B sagen“, auf der rücksichtslosen Ausschaltung aller Erfahrung und alles Denkens, das von sich aus irgendwo von neuem zu erfahren und zu denken anhebt.

Wie das eiserne Band des Terrors, der aus vielen Menschen Einen Menschen machen will, verhindern muß, daß mit der Geburt eines jeden Menschen ein neuer Anfang in die Welt kommt, eine neue Welt anhebt, so soll der Selbstzwang der Logik verhüten, daß jemand irgendeinmal neu anfängt zu denken, also anstatt B und G zu sagen, und so weiter bis zum Ende des mörderischen Alphabets, von sich aus A sagt. Der Zwang des totalen Terrors, der Menschen in Massen zusammenpreßt und so den Raum der Freiheit zwischen ihnen vernich­tet, und der Zwang des logi­schen Deduzierens, der jeden einzelnen auf den durch Terror organi­sierten Marsch präpariert und ihn in die gehörige Bewegung versetzt, gehören zusam­men, entsprechen und bedürfen einander, um die totali­täre Bewegung ständig in Bewegung zu halten. Der äußere Zwang des Terrors vernichtet mit der Zerstörung des Raums der Freiheit alle Be­ziehungen zwischen Menschen; zusammengepreßt mit allen andern ist ein jeder ganz und gar von allen anderen isoliert. Der innere Zwang des konsequent ideologischen Denkens sichert diesem Zwang seine Wirk­samkeit, indem er die also isolierten Individuen in einen permanenten, jederzeit übersehbaren, weil konsequent logischen Prozeß hineinreißt, in wel­chem ihnen jene Ruhe niemals gegönnt ist, in der sie allein der Wirk­lichkeit einer erfahrbaren Welt begegnen können.

Die große Anziehungskraft, die das dem Terror entsprechende, sich selbst zwingende Denken auf moderne Menschen ausübt, liegt in seiner Emanzipation von Wirklichkeit und Erfahrung. Je weniger die moder­nen Massen in dieser Welt noch wirklich zu Hause sein können, desto geneigter werden sie sich zeigen, sich in ein Narrenparadies oder eine Narrenhölle abkom­mandieren zu lassen, in der alles gekannt, erklärt und von übermenschlichen Gesetzen im vor­hinein bestimmt ist. Verlieren sie im Prozeß dieser Entwicklung, in welcher sie selbst in die einmal los­gelassene Bewegung erbarmungslos hineingezogen werden, auch zumeist den Glauben an die ursprüngliche ideologische Prämisse – die „klassen­lose Gesellschaft“ oder die „Herrenrasse“ –, so bleibt ihnen doch wenig­stens das ganze in sich stimmige Netz von ab­strakt logischen Deduktio­nen, Folgerungen und Schlüssen, um sie vor dem Schock des rein Tat­sächlichen zu schützen. Aneinandergepreßt, aber auch gehalten von dem eisernen Band des Terrors, vorwärtsgetrieben, aber auch ständig aufrecht gehalten von der nie versagenden Folgerichtigkeit eines ganz abstrakten logischen Räsonierens, bleibt ihnen in ihrem Marsch in die Zukunft alle Begegnung mit der wirklichen, daseienden Welt versagt, aber auch alle Er­fahrungen eines menschlichen Lebens erspart – bis in die Erfahrung des eigenen Todes, wenn es schließlich an ihnen ist, die „Überflüssigen“ und „Schädlichen“ den Prozessen des Terrors zur Verfügung zu stellen.

IV

Wir sagten zu Beginn dieser Ausführungen, daß wir nicht nur ver­suchen wollten, das Wesen totalitärer Herrschaft zu verstehen, sondern in ihm auch die Grundzüge jener Krise zu ent­decken hofften, in der wir heute alle und überall leben. Für Montesquieu, dem wir auch in dieser abschließenden Betrachtung zu folgen gedenken, hieß dies, die Frage nach der eigen­tümlichen, geschichtlichen Einheitlichkeit von Kulturen stellen, die ihn ursprünglich zu der Suche nach dem „esprit des lois“ veranlaßte, dem Geist, der je verschieden die in allen Län­dern verschieden auftre­tenden Regierungsformen und ihre Gesetze beseelte.

Dasjenige, was nach Montesquieu diesen einheitlichen Geist in einer jeden politischen Forma­tion garantiert, ist die Grunderfahrung, aus der das jeweils verschiedene Prinzip öffentlichen Handelns entspringt und die als solche das Gemeinsame ist, was Struktur der Staatsform und Prin­zip des ihr angemessenen Handelns verbindet. Solch eine Grunderfah­rung menschlichen Lebens, die zu ausschlaggebender politischer Bedeu­tung in einer Republik gelangt, ist die Erfahrung, daß alle Menschen gleich sind; dieser Gleichheit entsprechen republikanische Gesetze und aus der Liebe zu ihr, die Tugend ist, entspringt republikanisches Handeln. Die politisch ausschlaggebende Grunderfahrung, die einer Monarchie – und eigentlich allen hier­archisch geordneten Staatsformen – zugrunde liegt, ist die Erfahrung, daß wir durch Geburt einer vom andern verschieden und auf eine natürliche Weise voneinander und voreinander ausgezeich­net sind. Der Liebe zur Auszeichnung, die Ehre ist, muß die monarchische Gesetz­gebung gerecht werden, denn sie bestimmt das Handeln in einer Monarchie. Die Grundtatsa­che also, an der eine Republik sich orientiert, ist die Gleichheit, und zwar, da es sich um eine politische und öffentliches Handeln fundierende Tatsache handelt, nicht die Gleichheit aller Men­schen vor Gott und nicht die Gleichheit alles menschlichen Schicksals vor dem Tod, sondern die Gleichheit menschlicher Stärke. Daß wir gleich geboren werden, heißt politisch nur, daß wir – bei aller Verschiedenheit der Anlagen – von Natur mit gleicher Stärke ausge­stattet sind. (Gleich­heit konnte Hobbes daher im „Leviathan“ als eine „equality of ability“ zu töten definieren.) Die Grunderfahrung der Republik ist das Zusammen­sein mit gleich starken Mitbürgern; die republikanische Tugend, die das öffentliche Leben in ihr durchwaltet, ist die Freude, nicht allein zu sein; denn nur weil wir von Natur gleich, mit gleicher Kraft begabt sind, sind wir miteinander zusammen. Allein sein heißt immer zu existieren ohne seinesglei­chen. (,,One is one and all alone and ever more shall be so“ – wie der mittelalterliche Abzähl­vers anzudeuten wagte, was menschlich nur als die Tragödie des Einen Gottes verstanden werden kann.) Die Grunderfahrung der Monarchie ist, daß man sich im Zusammensein mit anderen und im Kampf mit ihnen auszeichnen und so zu dem kommen kann, was jeder wahr­haft sein Eigen nennen darf; die Ehre, die das öffentliche Leben in ihr durchwaltet, ist die Freude, dies Eigene gefun­den und in öffentlicher Anerkennung bestätigt zu haben.

Wir bemerkten schon, daß Montesquieu es unterließ, die Grundtatsache, auf der eine Tyrannis beruht, und die Grunderfahrung, der die Furcht als Prinzip politischen Handelns entspringt, zu nennen. Der Grund für diese Unterlassung war, daß Montesquieu die Tyrannis nicht für eine echte politische Form menschlichen Zusammenseins hielt. Angesichts un­serer jüngsten Erfah­rungen und angesichts der Tatsache, daß totalitäre Herrschaftsformen so häufig mit tyranni­schen identifiziert und, wie wir glauben, verwechselt werden, wird es vielleicht nützlich sein, Montesquieus Prinzipien der Untersuchung kurz auf diejenige Staatsform an­zuwenden, mit der die totalitäre Herrschaft zweifellos am meisten Ähn­lichkeit hat.

Furcht als Prinzip öffentlich-politischen Handelns in der Tyrannis steht in engstem Zusam­menhang mit jener Grundangst, die wir alle in Situationen völliger Ohnmacht erfahren haben, nämlich in Situationen, in denen wir aus gleich welchen Gründen nicht handeln können. Macht entspringt immer nur dort, wo Manschen zusammen handeln; ein Mensch allein oder eine Gruppe von Menschen, denen die Möglichkeit des Han­delns genommen ist, ist immer ohnmächtig, unfähig sogar, die eigene Stärke zu verwirklichen, da ein Minimum an Macht, ein Minimum an Handeln mit anderen auch hierfür erforderlich ist. Furcht ist die Verzweif­lung in der Ohnmacht, der jedes menschliche Leben irgendwann einmal ausgesetzt ist, inso­fern menschliches Handeln immer auch eine Grenze hat.

Furcht ist daher eigentlich gar kein Prinzip des Handelns, sondern im Gegenteil die Verzweif­lung, nicht handeln zu können; innerhalb des poli­tischen Bereichs ist es eine Art anti-politi­sches Prinzip. Darum meinte Montesquieu, daß die von ihr beseelte Tyrannis die einzige Staatsform sei, die an sich selbst zugrunde geht, die den Kern des eigenen Verder­bens in sich trägt. Es bedarf äußerer Umstände, um Monarchien zu Fall zu bringen oder Republiken zu verderben; bei der Tyrannis ist dies Ver­hältnis genau umgekehrt: sie verdankt ihren Bestand immer nur äußeren Umständen, sich selbst überlassen, geht sie an sich selbst zugrunde. („Es­prit des Lois“, Livre VIII, chap. 10.)

Es ist eine alte, noch aus der Antike herrührende Einsicht, daß Staats­formen, die auf der Gleichheit ihrer Bürger beruhen, in besonders gro­ßer Gefahr stehen, in Tyranneien umzu­schlagen. Wenn die republikani­schen Gesetze, deren Sinn immer ist, die natürliche Kraft jedes einzelnen Bürgers so zu begrenzen, daß Raum bleibt für die als gleich angesetzte Stärke seiner Mitbürger, zusammenbrechen, entsteht ein Chaos, in wel­chem die Stärke jedes einzelnen sich nicht nur nicht mehr mit der seiner Mitbürger verbinden kann, sondern in dem sogar ganz spe­zifisch jede Kraft überhaupt von ihrer Gegenkraft aufgehoben, das heißt durch Furcht paraly­siert wird. In dieser Situation des Untergangs wird nicht nur ver­hindert, daß Macht entsteht; es wird Ohnmacht direkt erzeugt.

Aus der allgemeinen Ohnmacht entspringt die Furcht vor der Stärke eines jeden anderen und aus ihr einerseits der Wille, alle anderen zu beherrschen, der dem Tyrannen eignet, anderer­seits die Bereitschaft, sich beherrschen zu lassen, welche die Tyrannis für die Unterworfenen er­träglich macht. So wie Tugend im politischen Leben eigentlich Liebe zur Gleichheit im Mächtigsein ist, so ist Furcht eigentlich Wille zur Macht in der Ohnmacht, das heißt Wille zu herrschen oder Wille beherrscht zu werden.

Da aber Macht immer nur aus dem Zusammenhandeln von Menschen entsteht, kann dieser Machthunger nie wirklich gestillt werden. Gerade an Machtmangel geht die Tyrannis zugrun­de. Macht im echten und verläßlichen Sinne kann die Tyrannis nicht erzeugen, weil sie die Pluralität des gemeinsamen Handelns in Einstimmigkeit, das „acting in concert“, im Beherr­schen abgeschafft hat. Wem es wirklich um Macht zu tun ist, der muß den unter Menschen unabdingbaren Preis zahlen, auf das Herr­schen aus einer Distanz zu verzichten und sich in den Raum begeben, wo Macht entsteht, nämlich in den Zwischen-Raum, der zwischen Menschen sich bildet, die etwas Gemeinsames unternehmen. In ihm wächst dann gleichsam von selbst jedem einzelnen Macht zu, wenn alle zusammen zu handeln beginnen.

Wäre totalitäre Herrschaft nichts anderes als eine moderne Form der Tyrannis, so würde sie sich gleich ihr damit begnügen, die politische Sphäre der Menschen zu zerstören, also Han­deln zu verwehren und Ohnmacht zu erzeugen. Totalitäre Herrschaft wird wahrhaft total in dem Augenblick – und sie pflegt sich dieser Leistung auch immer gebührend zu rühmen –, wenn sie das privat-gesellschaftliche Leben der ihr Unter­worfenen in das eiserne Band des Terrors spannt. Dadurch zerstört sie einerseits alle nach Fortfall der politisch-öffentlichen Sphäre noch ver­bleibenden Beziehungen zwischen Menschen und erzwingt andererseits, daß die also völlig Isolierten und voneinander Verlassenen zu politischen Aktionen (wiewohl natürlich nicht zu echtem politischem Handeln) wie­der eingesetzt werden können. In der Ohnmacht der Tyrannis können Menschen innerhalb einer von Furcht und Mißtrauen be­herrschten Welt sich immer noch bewegen; diese Bewegungsfreiheit in der Wüste ist es, die von totalitärer Herrschaft vernichtet wird. Totalitäre Herrschaft be­raubt Menschen nicht nur ihrer Fähigkeit zu handeln, sondern macht sie im Gegenteil, gleichsam als seien sie alle wirk­lich nur ein einziger Mensch, mit unerbittlicher Konsequenz zu Komplizen aller von dem tota­litären Regime unternommenen Aktionen und begangenen Verbrechen.

Die Zerstörung der Pluralität, die der Terror bewirkt, hinterläßt in jedem einzelnen das Ge­fühl, von allen andern ganz und gar verlassen zu sein. (Die Institution der Konzentrationsla­ger, deren Insassen von allen andern, auch von der eigenen Familie, vergessen werden müs­sen, gründet sich auf die genaue Umkehrung jenes Grundsatzes, der für alle gesunden Ge­meinwesen gilt und den Clemenceaus großer politischer In­stinkt während der Dreyfus-Affäre formulierte: „L’affaire d’un seul est l’affaire de tous.“) Das dieser Verlassenheit entspringen­de Räsonnement ist der Prozeß des logischen Deduzierens, der sich verzweifelt im Strudel des beliebig Möglichen, weil von niemandem mehr verläßlich kontrol­lierten, an einer Prämisse festhält. (Die Bolschewisten wissen, daß Ge­ständnisse auf der Grundlage des „Wer A gesagt hat, muß auch B sagen, am besten und ohne Tortur von denen erpreßt werden, die man erst ein­mal auf längere Zeit der Verlassenheit und dem aus ihr resultierenden Realitätsverlust in der Einzelhaft ausgesetzt hat.) Die Grunderfahrung menschlichen Zusammenseins, die in tota­litärer Herrschaft politisch reali­siert wird, ist die Erfahrung der Verlassenheit.

Die merkwürdige Verbindung zwischen dem zwangsläufig-zwingenden Deduzieren der Ideo­logien und der Verlassenheit ist politisch zweifellos erst von den totalitären Herrschaftsappa­raten entdeckt und zu ihren Zwecken ausgenutzt worden. Aber sie findet sich andeutungswei­se bereits in einer kleinen Bemerkung, die Luther einmal in seinen „Er­baulichen Schriften“ unter dem Titel „Warum die Einsamkeit zu flie­hen?“ über die Bibelstelle macht, in der steht, daß es nicht gut sei für den Menschen, allein zu sein. Luther sagt dort: „Ein solcher (nämlich ein einsamer) Mensch folgert immer eins aus dem andern und denkt alles zum ärgsten.“ Luther, der einige Erfahrungen in den Phäno­menen der Einsamkeit und Verlassenheit hatte (und der einmal zu sagen wagte, es müsse schon darum einen Gott geben, weil der Mensch ein Wesen brauche, dem er wirklich trauen könne), verstand, daß das spezifisch Zwingende der logischen Folgerungen nur den von allen Verlassenen mit ganzer Gewalt überfallen kann, weil in jeder Gemeinschaft sich alsbald eine Pluralität von Prämissen, aus denen gleich zwin­gend-evident gefolgert werden kann, herstellt, so daß das zwingend Beweisbare dauernd in Schach und unter Kontrolle gehalten wird.

Genau gesprochen sind alle die Redensarten, welche dazu dienen, Henker und Opfer gleich gut auf das Funktionieren eines totalen Herr­schaftsapparates vorzubereiten – wie „Wo geho­belt wird, da fallen Späne“, und „Wer A gesagt hat, muß auch B sagen“ –, volkstümliche Sprüche, welche von der Verlassenheit des Menschen Kunde geben. Nur jemand, der seine Freunde und wen er liebt, bereits verlassen hat und darum verlassen ist, wird es mit dem „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ wirklich ernst sein; und nur wer darüber hinaus auch von sich selbst bereits verlassen ist, so daß nur noch das rein formale Sich-nicht-Widersprechen ihm eine Garantie dafür bieten kann, daß es ihn auch wirklich gegeben hat, wird die Konsequenz ziehen, ein „B“ zu sagen und zu vollziehen, das ihn zwingt, nicht nur sein Leben, sondern sei­ne Per­son, seine Ehre und das Andenken an sich zu opfern.

Verlassenheit und Einsamkeit sind nicht dasselbe, obwohl es die Ge­fahr jeder Einsamkeit ist, in Verlassenheit umzuschlagen, so wie es die Chance jeder Verlassenheit ist, zur Einsamkeit zu werden. In der Ein­samkeit bin ich eigentlich niemals allein; ich bin mit mir selbst zusam­men, und dies Selbst, das niemals zu einem leiblich unverwechselbar Be­stimmten werden kann, ist zugleich auch jedermann. Einsames Denken gerade ist dialogisch und in Gesellschaft mit jedermann. Dies ist die Zwiespältigkeit der Einsamkeit, in der ich immer auf mich selbst zurück­bezogen mich niemals als Einen, in seiner Identität Unverwechselbaren, wirklich Ein­deutigen erfahren kann. Aus der Zwiespältigkeit und Viel­deutigkeit der Einsamkeit werde ich erlöst durch die Begegnung mit anderen Menschen, die mich dadurch, daß sie mich als diesen Einen, Un­verwechselbaren, Eindeutigen erkennen, ansprechen und mit ihm rech­nen, in mei­ner Identität erst bestätigen. In ihren Zusammenhang gebun­den und mit ihnen verbunden bin ich erst wirklich als Einer in der Welt und erhalte mein Teil Welt von allen anderen, mit de­nen ich die Inter­essen in der Welt teile.

Verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gründen ein Mensch aus dieser Welt hinausgestoßen wird, oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen Gründen diese gemeinsam bewohnte Welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen Men­schen plötzlich auf sich selbst zurückwirft. Zu einer politisch tragfähigen Grunderfahrung kann Verlassenheit natürlich nur in dem zweiten Fall werden. In der Verlassenheit sind Men­schen wirklich allein, nämlich ver­lassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt, sondern auch von dem Selbst, das zugleich jedermann in der Einsamkeit sein kann. So sind sie unfähig, den Zwiespalt der Einsamkeit zu realisieren und un­fähig, die eigene, von den andern nicht mehr bestätigte Identität mit sich selbst aufrechtzuerhalten. In dieser Verlassen­heit gehen Selbst und Welt, und das heißt echte Denkfähigkeit und echte Erfahrungsfähigkeit, zugleich zugrunde. An der Wirklichkeit, die von keinem mehr verläßlich bestätigt werden kann, beginnt der Verlassene mit Recht zu zwei­feln; denn diese Welt bietet Sicherheit nur, insofern sie uns von anderen mit garantiert ist.

Das einzige, was in der Verlassenheit als scheinbar unantastbar sicher verbleibt, sind die Elementargesetze des zwingend Evidenten, die Tau­tologie des Satzes: zweimal zwei ist vier. Damit erfährt das zwingend Einsehbare für den Verlassenen eine eigentümliche Gewichts­ver­schie­bung: es ist nicht mehr die selbstverständliche Regelung menschlichen Denkens, ein Mittel des Verstandes, um Widersprüche zu vermeiden; sondern es wird aus sich heraus gleichsam produktiv, beginnt Denk­reihen zu entfalten, Prozesse zu entwickeln, „folgert immer eins aus dem andern und denkt alles zum ärgsten“. Dies entfesselte Zwangsfolgern ist der Ex­tremismus, der allem ideologischen Denken eignet, und an dem gemessen menschlich freies und kontrolliertes Denken immer an man­gelnder Radikalität zu leiden scheint. Die sogenannte Radikalität totali­tärer Ideologien ist nur der Extremismus des Ärgsten und hat mit echter Radikalität gar nichts zu tun.

Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorberei­tet für die totalitäre Herrschaft, ist die allent­halben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als bre­che alles, was ^Menschen miteinander verbindet, in der Krise zusammen, so daß jeder von je­dem verlassen ist und auf nichts mehr Verlaß ist. Das eiserne Band des Ter­rors, mit dem der totalitäre Herrschaftsapparat die von ihm organisier­ten Massen in eine entfesselte Bewegung reißt, erscheint so als ein letz­ter Halt und die „eiskalte Logik“, mit der totalitäre Gewalthaber ihre Anhänger auf das Ärgste vorbereiten, als das einzige, worauf wenigstens noch Verlaß ist. Vergleicht man diese Praxis mit der Praxis der Tyran­nis, so ist es, als sei das Mittel gefunden worden, die Wüste selbst in Bewegung zu setzen, den Sandsturm loszulassen, daß er sich auf alle Teile der bewohnten Erde lege.

Die Bedingungen, unter denen wir uns heute im politischen Feld be­wegen, stehen unter der Bedrohung dieser verwüstenden Sandstürme. Ihre Gefahr ist nicht, daß sie etwas Bleibendes errichten können. Tota­litäre Herrschaft gleich der Tyrannis trägt den Kern ihres Verderbens in sich. So wie die Furcht und die Ohnmacht, aus der sie entspringt, ein antipolitisches Prinzip und eine dem politischen Handeln konträre Situa­tion darstellen, so sind die Verlassenheit und das ihr entspringende logisch-ideologische Deduzieren zum Ärgsten hin eine antisoziale Situ­ation und ein alles menschliche Zusammensein ruinierendes Prinzip. Dennoch ist organisierte Verlassenheit erheblich bedrohlicher als die unorganisierte Ohnmacht aller, über die der ty­rannisch-willkürliche Wille eines ein­zelnen herrscht. Ihre Gefahr ist, daß sie die uns bekannte Welt, die über­all an ein Ende geraten scheint, zu verwüsten droht, bevor wir die Zeit gehabt haben, aus diesem Ende einen neuen Anfang erstehen zu sehen, der an sich in jedem Ende liegt, ja der das eigentliche Versprechen des Endes an uns ist. Initium ut esset, creatus est homo – „damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen.“ Dieser Anfang ist immer und über­all da und bereit. Seine Kontinuität kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garan­tiert durch die Geburt jedes Menschen.

Quelle: Klaus Piper (Hrsg.), Offener Horizont. Festschrift für Karl Jaspers, München: Piper, 1952, S. 229-254.

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