„Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt, ist die allent­halben zunehmende Verlassenheit“ – Hannah Arendts Essay „Ideologie und Terror“ von 1952

Hannah-Arendt
Hannah Arendt (1906-1975)

Nachdem 1951 „The Origins of Totalitarianism“ bei Schocken in New York erschienen war, veröffentlichte Hannah Arendt 1952 das Schlüsselkapitel 13 „Ideologie und Terror“ in der Jaspers-Festschrift „Offener Horizont“ auf Deutsch, bevor dann 1955 „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ erschien. Auch fast 60 Jahre später kann man über die analytische Schärfe und Weitsicht in Sachen politische Ethik nur staunen, so auch wo Arendt abschließend auf das Verlassensein und die Einsamkeit unter einer totalitären Herrschaft zu sprechen kommt:

Die Zerstörung der Pluralität, die der Terror bewirkt, hinterläßt in jedem einzelnen das Ge­fühl, von allen andern ganz und gar verlassen zu sein. (Die Institution der Konzentrationsla­ger, deren Insassen von allen andern, auch von der eigenen Familie, vergessen werden müs­sen, gründet sich auf die genaue Umkehrung jenes Grundsatzes, der für alle gesunden Ge­meinwesen gilt und den Clemenceaus großer politischer In­stinkt während der Dreyfus-Affäre formulierte: „L’affaire d’un seul est l’affaire de tous.“) Das dieser Verlassenheit entspringen­de Räsonnement ist der Prozeß des logischen Deduzierens, der sich verzweifelt im Strudel des beliebig Möglichen, weil von niemandem mehr verläßlich kontrol­lierten, an einer Prämisse festhält. (Die Bolschewisten wissen, daß Ge­ständnisse auf der Grundlage des „Wer A gesagt hat, muß auch B sagen, am besten und ohne Tortur von denen erpreßt werden, die man erst ein­mal auf längere Zeit der Verlassenheit und dem aus ihr resultierenden Realitätsverlust in der Einzelhaft ausgesetzt hat.) Die Grunderfahrung menschlichen Zusammenseins, die in tota­litärer Herrschaft politisch reali­siert wird, ist die Erfahrung der Verlassenheit.

Die merkwürdige Verbindung zwischen dem zwangsläufig-zwingenden Deduzieren der Ideo­logien und der Verlassenheit ist politisch zweifellos erst von den totalitären Herrschaftsappa­raten entdeckt und zu ihren Zwecken ausgenutzt worden. Aber sie findet sich andeutungswei­se bereits in einer kleinen Bemerkung, die Luther einmal in seinen „Er­baulichen Schriften“ unter dem Titel „Warum die Einsamkeit zu flie­hen?“ über die Bibelstelle macht, in der steht, daß es nicht gut sei für den Menschen, allein zu sein. Luther sagt dort: „Ein solcher (nämlich ein einsamer) Mensch folgert immer eins aus dem andern und denkt alles zum ärgsten.“ Luther, der einige Erfahrungen in den Phäno­menen der Einsamkeit und Verlassenheit hatte (und der einmal zu sagen wagte, es müsse schon darum einen Gott geben, weil der Mensch ein Wesen brauche, dem er wirklich trauen könne), verstand, daß das spezifisch Zwingende der logischen Folgerungen nur den von allen Verlassenen mit ganzer Gewalt überfallen kann, weil in jeder Gemeinschaft sich alsbald eine Pluralität von Prämissen, aus denen gleich zwin­gend-evident gefolgert werden kann, herstellt, so daß das zwingend Beweisbare dauernd in Schach und unter Kontrolle gehalten wird.

Genau gesprochen sind alle die Redensarten, welche dazu dienen, Henker und Opfer gleich gut auf das Funktionieren eines totalen Herr­schaftsapparates vorzubereiten – wie „Wo geho­belt wird, da fallen Späne“, und „Wer A gesagt hat, muß auch B sagen“ –, volkstümliche Sprüche, welche von der Verlassenheit des Menschen Kunde geben. Nur jemand, der seine Freunde und wen er liebt, bereits verlassen hat und darum verlassen ist, wird es mit dem „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ wirklich ernst sein; und nur wer darüber hinaus auch von sich selbst bereits verlassen ist, so daß nur noch das rein formale Sich-nicht-Widersprechen ihm eine Garantie dafür bieten kann, daß es ihn auch wirklich gegeben hat, wird die Konsequenz ziehen, ein „B“ zu sagen und zu vollziehen, das ihn zwingt, nicht nur sein Leben, sondern sei­ne Per­son, seine Ehre und das Andenken an sich zu opfern.

Verlassenheit und Einsamkeit sind nicht dasselbe, obwohl es die Ge­fahr jeder Einsamkeit ist, in Verlassenheit umzuschlagen, so wie es die Chance jeder Verlassenheit ist, zur Einsamkeit zu werden. In der Ein­samkeit bin ich eigentlich niemals allein; ich bin mit mir selbst zusam­men, und dies Selbst, das niemals zu einem leiblich unverwechselbar Be­stimmten werden kann, ist zugleich auch jedermann. Einsames Denken gerade ist dialogisch und in Gesellschaft mit jedermann. Dies ist die Zwiespältigkeit der Einsamkeit, in der ich immer auf mich selbst zurück­bezogen mich niemals als Einen, in seiner Identität Unverwechselbaren, wirklich Ein­deutigen erfahren kann. Aus der Zwiespältigkeit und Viel­deutigkeit der Einsamkeit werde ich erlöst durch die Begegnung mit anderen Menschen, die mich dadurch, daß sie mich als diesen Einen, Un­verwechselbaren, Eindeutigen erkennen, ansprechen und mit ihm rech­nen, in mei­ner Identität erst bestätigen. In ihren Zusammenhang gebun­den und mit ihnen verbunden bin ich erst wirklich als Einer in der Welt und erhalte mein Teil Welt von allen anderen, mit de­nen ich die Inter­essen in der Welt teile.

Verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gründen ein Mensch aus dieser Welt hinausgestoßen wird, oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen Gründen diese gemeinsam bewohnte Welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen Men­schen plötzlich auf sich selbst zurückwirft. Zu einer politisch tragfähigen Grunderfahrung kann Verlassenheit natürlich nur in dem zweiten Fall werden. In der Verlassenheit sind Men­schen wirklich allein, nämlich ver­lassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt, sondern auch von dem Selbst, das zugleich jedermann in der Einsamkeit sein kann. So sind sie unfähig, den Zwiespalt der Einsamkeit zu realisieren und un­fähig, die eigene, von den andern nicht mehr bestätigte Identität mit sich selbst aufrechtzuerhalten. In dieser Verlassen­heit gehen Selbst und Welt, und das heißt echte Denkfähigkeit und echte Erfahrungsfähigkeit, zugleich zugrunde. An der Wirklichkeit, die von keinem mehr verläßlich bestätigt werden kann, beginnt der Verlassene mit Recht zu zwei­feln; denn diese Welt bietet Sicherheit nur, insofern sie uns von anderen mit garantiert ist.

Das einzige, was in der Verlassenheit als scheinbar unantastbar sicher verbleibt, sind die Elementargesetze des zwingend Evidenten, die Tau­tologie des Satzes: zweimal zwei ist vier. Damit erfährt das zwingend Einsehbare für den Verlassenen eine eigentümliche Gewichts­ver­schie­bung: es ist nicht mehr die selbstverständliche Regelung menschlichen Denkens, ein Mittel des Verstandes, um Widersprüche zu vermeiden; sondern es wird aus sich heraus gleichsam produktiv, beginnt Denk­reihen zu entfalten, Prozesse zu entwickeln, „folgert immer eins aus dem andern und denkt alles zum ärgsten“. Dies entfesselte Zwangsfolgern ist der Ex­tremismus, der allem ideologischen Denken eignet, und an dem gemessen menschlich freies und kontrolliertes Denken immer an man­gelnder Radikalität zu leiden scheint. Die sogenannte Radikalität totali­tärer Ideologien ist nur der Extremismus des Ärgsten und hat mit echter Radikalität gar nichts zu tun.

Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorberei­tet für die totalitäre Herrschaft, ist die allent­halben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als bre­che alles, was ^Menschen miteinander verbindet, in der Krise zusammen, so daß jeder von je­dem verlassen ist und auf nichts mehr Verlaß ist. Das eiserne Band des Ter­rors, mit dem der totalitäre Herrschaftsapparat die von ihm organisier­ten Massen in eine entfesselte Bewegung reißt, erscheint so als ein letz­ter Halt und die „eiskalte Logik“, mit der totalitäre Gewalthaber ihre Anhänger auf das Ärgste vorbereiten, als das einzige, worauf wenigstens noch Verlaß ist. Vergleicht man diese Praxis mit der Praxis der Tyran­nis, so ist es, als sei das Mittel gefunden worden, die Wüste selbst in Bewegung zu setzen, den Sandsturm loszulassen, daß er sich auf alle Teile der bewohnten Erde lege.

Die Bedingungen, unter denen wir uns heute im politischen Feld be­wegen, stehen unter der Bedrohung dieser verwüstenden Sandstürme. Ihre Gefahr ist nicht, daß sie etwas Bleibendes errichten können. Tota­litäre Herrschaft gleich der Tyrannis trägt den Kern ihres Verderbens in sich. So wie die Furcht und die Ohnmacht, aus der sie entspringt, ein antipolitisches Prinzip und eine dem politischen Handeln konträre Situa­tion darstellen, so sind die Verlassenheit und das ihr entspringende logisch-ideologische Deduzieren zum Ärgsten hin eine antisoziale Situ­ation und ein alles menschliche Zusammensein ruinierendes Prinzip. Dennoch ist organisierte Verlassenheit erheblich bedrohlicher als die unorganisierte Ohnmacht aller, über die der ty­rannisch-willkürliche Wille eines ein­zelnen herrscht. Ihre Gefahr ist, daß sie die uns bekannte Welt, die über­all an ein Ende geraten scheint, zu verwüsten droht, bevor wir die Zeit gehabt haben, aus diesem Ende einen neuen Anfang erstehen zu sehen, der an sich in jedem Ende liegt, ja der das eigentliche Versprechen des Endes an uns ist. Initium ut esset, creatus est homo – „damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen.“ Dieser Anfang ist immer und über­all da und bereit. Seine Kontinuität kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garan­tiert durch die Geburt jedes Menschen.

Hier der vollständige Text „Ideologie und Terror“ als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s