„Hier geht es einfach um Glauben, eine ringende, fast zerbrechende Kraft, die vielleicht gerade stirbt in der Heiligen Nacht, weil sie von ihr überfordert wird“ – Reinhold Schneiders Rundfunkansprache „Begnadete Nacht“ vom 25. Dezember 1952

snow-642454_1280
Image by Dale Forbes from Pixabay

Begnadete Nacht

Von Reinhold Schneider

Der Stern, der die Weisen führte und über Bethlehem stehen blieb, ist der Gruß des Kosmos an seinen auf der Erde erschie­nenen Herrn. Machen wir ganz Ernst mit der Offenbarung, so können wir schwerlich glauben ohne Anfechtung. Wir kön­nen das Weltbild nicht abweisen, das die moderne Wissen­schaft entschleiert hat: es ist eine unbegreifliche unermeßliche Wirk­lichkeit, von der das Evangelium nicht spricht. Am Grunde eines Ozeans von Räumen und Zeiten, der jede Vor­stellung überflutet, sollen wir glauben: jetzt, in diesem Au­genblick, ist in der Gestalt eines hilflosen Kindes in einem unterdrückten Volke Der erschienen, in dem Alles geschaffen ist; der vor Allem war und vor dessen Wiederkehr einst das ganze Gefüge der Kräfte zertrümmern wird und die Sterne aus ihren Bahnen stürzen werden. Dieser Wahrheit sollen wir uns stellen; wir sollen sie aushalten. Wir können nicht zu den Sternen aufblicken wie die Hirten vor Bethlehem; wir wissen: sie sind nicht freundliche, dieser Erde zugeordnete Zeichen; sie schweifen vielmehr, ohne erkennbare Beziehung zu uns, durch grenzenlose Nacht; sie sind alterslos, gemessen an dem, was wir an Erdgeschick erfahren haben. Wie ist es zu fassen, daß unsere Erde, dieses verlorene Staubkorn, vom Herrn des Alls zum Ort mensch­lichen Wandels auserwählt wurde und gar diese arme Zeit des Kaisers Augustus, da Herodes König war! Was ist dieser winzigste Teil einer Sekunde von Äonen, in denen das All erblüht und verwelkt! Was sind geschicht­liche Namen vor dem Kosmos!

Weder die Heilige Schrift allein noch das Zeugnis der Kirche, der Heiligen, der Bekenner können uns überzeugen, daß das Kind von Bethlehem der Eckstein war und ist des Alls; auch die Gottesbeweise können das nicht; hier geht es einfach um Glauben, eine ringende, fast zerbrechende Kraft, die viel­leicht gerade stirbt in der Heiligen Nacht, weil sie von ihr über­fordert wird. Was ist damit gewonnen, daß wir die Frie­densbotschaft der Engel wiederholen! Was sind uns denn Engel! Wirklich schreckliche Boten, in Wahrheit Wirkkräfte, die, in erha­bener Stufenordnung, die Gestirne leiten, die Mächte des Weltalls regieren, auf Gottes Wort warten, ihn preisen, ihn anschaun? Ringender Glaube hat keinen Frieden in der Heiligen Nacht. Er kann sich ja nicht in einem Gespinst von Licht und Wärme verfangen lassen; er kann sich nicht einen Augenblick täuschen lassen über den Grund, auf dem er steht, nicht darüber, daß der Reiter, der über den Bodensee ritt, sein Symbol ist und bleibt; daß er gerade dann zusam­menbrechen kann, wenn er die Lichter der Gottesstadt er­blickt, nachdem das Herz so lange aushielt in der Eiseswüste der Zeit. Friede auf Erden: gewiß. Wer wünscht ihn nicht? Aber was soll er denn sein, wenn es nicht ein mit äußerster Kraft errungener Friede ist: Friede in uns, der immer wieder erzittert; Friede, den wir in die Welt tragen sollen und noch nicht einmal sicher in uns haben; Friede, von dem wir geste­hen müssen, daß er die zweifelhafteste aller Hoffnungen ist, eine Gabe, die uns in den Händen zerbricht, wenn wir sie weiter­reichen wollen, ein Glas, das zerspringt, sobald wir es an die Lippen führen.

Sollte auch der Mensch, wie es ihm gelingen mag, herrschen über die Sterne, dieses eine ver­mag er nicht: Glauben zu schaffen. Wenn er nun wirklich, wie zu erwarten ist, aufsteigt in den Raum; wenn er es tut als gläubiger Mensch: wie wird er seinen Glauben behaupten in dem Schweigen der unend­lichen Räume, vor dem schon Pascal erschauerte? Was wird ihm helfen: etwa ein Gottesbeweis? Etwa die Heilige Schrift, wenn er sie mit sich tragen sollte? Das eine muß uns klar sein: wir könnten die Heilige Schrift überhaupt nicht verstehen, wenn Der nicht unter uns wäre, von dem sie zeugt. Wäre Christus nicht da, alle Tage bis ans Ende der Welt, so wäre die Heilige Schrift ein Geschichtsdokument oder ein religiöses Vermächtnis wie die ehrwürdigen Schriften der Perser und Inder. Daß ich glaube an Jesus Christus, das Haupt des Welt­alls, den Herrn in Ewigkeit: das ist die Tat Jesu Christi; es ist der Beweis, über dem kei­ner ist. Daß ich zum Brot sage: Du bist Fleisch und Blut, nicht Brot, das ist das Unbegreifli­che, das unerträgliche Ärgernis, das aus einem eingeschlossenen Geheimnis lebt, aber gegen­über der Welt nicht erklärt und begründet werden kann. Der Glaube ist das Göttliche selbst. Wenn die Heilige Nacht wirklich Nacht war, eine schreck­lich stürmische Nacht, in der die Mächte des Weltalls, die Ab­gründe in uns, anstürmten gegen die Offenbarung, so ist sie keine verlorene Nacht gewesen. Wenn wir am Weihnachts­morgen, gegen den Einspruch des Wissens und Verstandes der gegenwärtigen Welt, zu sagen wagen: das Kind in der Krippe war und ist der Allmächtige, der sich verhüllte in seinem Ge­schöpf, in der Schöpfung: so haben wir die Heilige Nacht bestanden, wurde ihre Finsternis Licht. Wenigstens für einen Augenblick müssen wir gespürt haben, daß Liebe, die den Anfangslosen herabbeugte, etwas durchaus anderes ist als das unseren Sinnen Erfahrbare; daß die von Licht und Nebel­wolken durchwogten Räume nur Schleier sind vor ihr und so wenig Teil haben an ihrem Wesen wie das Fluten der Zeit. Dieser eine Augenblick, da wir in uns Liebe erfahren als Wirklich­keit, läßt uns standhalten. Menschen können sie uns zutragen, uns schenken; aber es kommt darauf an, daß wir eine einsame Erfahrung der Liebe machen: daß sie uns vor Gott ruft; daß wir erkennen: sie ist von Gott, ist Gott selbst; er zieht uns durch die Geschöpfe zu sich hin. Und dieses Letz­te, das hinter menschlichen Beziehungen webt, dem wir, für eine verfliegende Sekunde, in der Herzenstiefe begegnen, ist dem Geschick der Erde, des Weltalls nicht unter­worfen. Es ist vom Ursprünge anderen Wesens als alles, was wir erforschen können. Denn das Wort des heiligen Augustinus: Wenn du ihn verstehen würdest, wäre es nicht Gott, spricht das Wesen des Glaubens aus, der ein Ja ist des Menschen an Den, der den Menschen über alles Begreifen übersteigt und gleichwohl in ihm ist. Es ist nur eine Liebe, wie nur ein Geist und nur ein Leben ist. Glauben an sie heißt: von ihrer Unbedingtheit er­griffen, bezwungen worden sein.

Daß Gott in Menschengestalt sich der Schöpfung vermählte, ist das Geheimnis der Heiligen Nacht. Von nun an soll auch das Leiden der Erde, das der Gottmensch erfährt, in die Gott­heit eingehen: Jesus Christus wird es emportragen zum Vater. Es beginnt die Verewigung des Geschaffenen, der Anfang des neuen Himmels und der neuen Erde; die Auferstehung ist der Aufbruch zur Heimkehr, die erste Wende der Schöpfung zu Gott. In diesem Geiste hat der heilige Franziskus Weihnach­ten gefeiert, nicht in einem Haus von Menschenhänden ge­macht, sondern im Walde, vor einem leibhaftigen Kind, vor Ochs und Esel, zwischen Hirten, Bauern und Armen: unter denen, die der Erlösung am bedürftigsten, die der Freude am fähigsten waren. Aber das ganze Wirken und Leben des Ar­men von Assisi ist eine Botschaft von der Weihnacht, eine verpflichtende Botschaft, die wir nicht ins Idyllische verfäl­schen dürfen. Vermählte sich Christus der Erde und ihren Ge­schöpfen, so vermählte er sich auch dem Leiden; hinter der Krippe verbirgt sich das Kreuz; im Kinde der Richter; Ad­vent ist letzte Zeit. In Bethlehem wurde das Irdische völlig durchbrochen; das Ende wird zum ersten­mal sichtbar: es kann nun nicht mehr abgewiesen werden. Für alle Mächtigen der Erde fürch­tet Herodes das Kind. Denn jetzt ist die Macht da, an der alle Mächte zerbrechen werden, und es beginnt die schmerzhafteste Tragödie der Mächtigen auf Erden; sie su­chen den Weltkönig zu leugnen und scheitern samt ihren Rei­chen an der Wahrheit; dann suchen sie mit dem Welt­könig, aus seiner Kraft zu herrschen; einige unter ihnen nähern sich der Heiligkeit, aber der Widerspruch zwischen ihrer weltli­chen Herrschaft und Dem, auf den sie sich berufen, dessen Reich nicht von der Welt ist und dennoch die Welt umfaßt, ist unheilbar. Sie sind verwundet; die Herrschaft entgleitet ihren Händen. Nun meint sie der Unglaube ergreifen zu kön­nen, um eine Macht zu begründen, die nur von dieser Welt ist und also der Welt völlig gemäß sein muß. Aber die Wahrheit ist erschienen und bleibt bis zum Ende; sie ist dem Menschen einge­prägt, er ist auf sie hin geschaffen wie die Schöpfung auch, denn sie war vor ihnen; und in immer anderer Gestalt, auf oft kaum mehr erforschbare Weise, wird das Heimweh durchbre­chen und die Erde aufwühlen, die Reiche untergra­ben. Gott ist geschichtlich geworden. Seit der Nacht von Bethlehem ist der Widerspruch zwischen der Geschichtswelt und der in sie ein­gegangenen Wahrheit nicht mehr zu versöh­nen. Die Wunde wird erst heilen, wenn die Zeit aufgehoben wird; wenn es sich offen erweist, daß Höhen und Tiefen Dem unterworfen sind, den der Stern von Bethlehem grüßte.

In dem Maße, in dem der Mensch sich angerufen fühlt von Christus, weiß er sich auch ange­rufen vom Ende. Die Apostel sowohl wie Augustinus, Franziskus wie Luther oder Blumhardt lebten in »letzter« Zeit. Kraft des Wissens vom Ende und vom Seufzen alles Geschaffenen nach Erlösung kann das Leben des Christen zur franzis­kanischen Hochzeit werden, wie die Geburt zu Bethlehem die kosmische Hochzeit des Erlösers war. Denn die Erdendinge, die Tiere im Stall, Holz und Heu, Wasser und Feuer stehen für das All, das über der Krip­pe flammt. Es ist nur eine Liebe, und sie ist über allem, weil sie nicht vom Stoffe des Kosmos ist. Bricht sie hindurch? Hat sie in dem Jahre gewonnen, seit wir ihr Fest gefeiert haben? Oder erweist sich ihre Macht nur daran, daß die Welt ihrer noch dringender bedarf, daß sie noch deutlicher das Zeichen ihres Sterbens trägt?

Die Liebe hat nur einen Weg: Es ist die Bruderschaft mit allem Geschaffenen, die Hingabe in Freiheit, das Hervorbre­chen aus allen Gefängnissen der Erde. Die Liebe verteidigt sich, indem sie sich opfert. Wenn aber nun die Botschaft des Heiligen von Assisi — es ist eine Botschaft durchaus an alle – wirklich verstanden werden würde, müßte sich dann nicht alles verändern? Nicht allein die Menschen sind Brüder in Jesus Christus; sie sind auch Brüder der Tiere, Brü­der der Elemente. Das Feuer ist Bruder, und mit ihm sind alle Mächte des Kosmos als Brüder angeredet. »Ärgere das Feuer nicht.« Es ist ein vielleicht nie verstandenes, gar ein belächeltes Wort des Heiligen von Assisi, den viele Zeitgenossen für einen Nar­ren oder Schwachsinnigen hielten; und es ist doch eines seiner ernstesten und tiefsten; es trifft uns unmittelbar. Denn wir sind Verwalter des Feuers vor Dem, der es schuf. Wir haben nicht allein uns zu verantworten, sondern die Schöpfung selbst, und nicht allein in Taten, sondern auch in Worten und Gedan­ken. Wir sind Brüder der Elemente in Christus, und wie Kain nach Abel gefragt wurde, wer­den wir nach allen unse­ren Brüdern gefragt werden. Hier könnte Christentum auf­brechen, das von wenigen gelebte, noch immer unentdeckte. Die Friedensbotschaft der Heiligen Nacht richtet sich an die Seelen derer, die glauben. Aber es sind ihr keine Grenzen ge­setzt; von den Seelen möchte sie sich ausbreiten über die Erde, von der Erde in das All. Und ob wir auch gänzlich verloren sind in der Untiefe der Räume und Zeiten, die wider uns zeugen möchten: Der Glaube weiß: hier ist die Mitte, hier auf der verlorenen Erde. Der Entschluß, der die Erde auf diese Weise erhöht hat, ist unerforschlich; es ist völlig vergeblich, ihn mit den Mit­teln der Wissenschaft erhellen, bestätigen zu wollen. Vom Glauben wird anderes verlangt: er soll ge­gen jeden Anschein gehorchen und vollziehen. Die Majestät des dreifältigen Gottes war verborgen in Christus, sichtbar, aber nicht offenbar. Und auch die Huldigung des Alls in der Hei­ligen Nacht haben nur die Weisen und Gläubigen erblickt. Die Gläubigen: das sind die, die der Welt gekreuzigt sind, aber um Christi willen nicht von ihr lassen.

Rundfunkansprache am 25. Dezember 1952 im Süddeutschen Rundfunk.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s