„Halte deinen Blick nicht in den Fluss der Zeit gesenkt. Dem Advent heißt es ins Auge zu sehen“ – Predigt über Lukas 21,25-33

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Image by Johannes Plenio from Pixabay

Da fällt der gesenkte Blick auf den Mühlbach hier in Vöhringen. Die eigene Seele lässt sich vom geruhsamen Fließen des Wassers mitnehmen. Was abgeflossen ist, fließt immer wieder von neuem nach. So hält sich die Zeit selbst im Fluss. Was damals war ist längst verflossen. Nichts lässt sich im Fluss der Zeit zurückbehalten. Mit der Zeit verfließen all die Erlebnisse, selbst das eigene Leben – von irgendwo her nach nirgendwo hin.

Advent drängt sich mit einer gegenläufigen Zeitansage auf. Das Evangelium spricht eine andere Sprache – mit den Worten Jesu an seine Jünger:

Es werden Zeichen geschehen
an Sonne und Mond und Sternen,
und auf Erden wird den Völkern bange sein,
und sie werden verzagen
vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
und die Menschen werden vergehen vor Furcht
und in Erwartung der Dinge,
die kommen sollen über die ganze Erde;
denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

(Lukas 21,25f)

Wie ein entfesseltes Meer wirft sich der Advent ans Land. Wasserfluten strömen nicht länger flussabwärts, sondern stürmen landeinwärts. Ebbe und Flut haben sich überworfen; der Lauf der Gezeiten gilt nicht mehr. Alle Dämme brechen, Land unter heißt es. Am Himmel spielen die Sternbilder verrückt. Katastrophal: Der Advent rollt die Vergangenheit auf und stürzt den Gleichlauf der Dinge um. Ein Entkommen ist nicht vorgesehen; die Auswege sind alle versperrt. Schon längst eingeholt sind diejenigen, die in Panik davonrennen, auf der Flucht vor den heranrückenden Urgewalten.

Menschliche Unheil tut sich vor unserem inneren Auge auf – apokalyptisch, kineastisch wie in einem Roland-Emmerich-Movie. Wo Deckung suchen, wenn die Hinfälligkeit des Lebens aufdeckt wird. Es bringt nichts, sich instinktiv auf den Boden zu werfen, die Arme über dem Kopf verschränkt? „Die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde.

Doch in all dem, was da erdweit auf die Menschheit zukommen wird, lässt Jesus unseren Blick nicht im Erdboden versinken, sondern fordert den Adventsblick heraus:

Wenn aber dieses anfängt zu geschehen,
dann seht auf und erhebt eure Häupter,
weil sich eure Erlösung naht.

(Lk 21,28)

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Keine Angst, kein Zittern und Beben, sondern ein Aufblicken; dem Advent heißt es ins Auge zu sehen. Um eure Erlösung geht es – euer Heil hier und jetzt. Der Advent ist kein kosmischer Unglücksfall, auch kein technischer SuperGau, sondern Rettung: dramatisch, übermenschlich, katastrophal. Anders geht es am Ende der Zeiten, am Tag des Herrn, nicht zu:

Alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen
in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.

(Lk 21,27)

So ist sein Advent angesagt: Der Menschensohn – Jesus Christus – kommt „in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.“ Keine engelsschwangere Hirtenbotschaft. Nicht länger heißt es nach Bethlehem zum Stall zu gehen. Die Türchen im Adventskalender braucht keiner mehr zu öffnen, auch keine Kirchenportale. Gotteshäuser werden nicht länger aufgesucht, um dem Heiland nahe zu kommen.

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Advent, Ankunft: Jesus Christus, Retter Menschensohn, kommt, dringt in unsere Mitte vor, wortgewaltig, überwältigend. Mit unserem ganzen Leben sind wir vor ihn gestellt. All die fromme Innerlichkeit wird gleichgültig, Sinnfragen werden sinnlos. Glaube gilt nicht länger als Privatsache, die wir mit uns selbst ausmachen können.

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Der Advent Jesu ist viel stärker als unser Glaube. Er lässt keinen Unglauben gelten. Seine Ankunft trifft uns alle. „Die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.(Römer 8,21) Leib und Seele verlieren sich nicht länger im Lauf der Zeit, sondern werden in der Ankunft Christi aus der Vergänglichkeit in die Gottesgegenwart gestellt.

Kopf hoch, unser Herr kommt. Halte deinen Blick nicht in den Fluss der Zeit gesenkt. Mit einem zeitversunkenen Blick wirst du dem nachtrauern, was alles im eigenen Leben schon verflossen ist. Du siehst dem endlosen Fluss der Zeit hinterher, wo nichts zu halten oder zu behalten ist. Ganz anders das Evangelium Jesu; seine Stimme trifft unseren Adventsblick: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Hier die Predigt als pdf.

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