„Leiden darf theologisch gesehen nicht als in sich selbst sinnvoll und als ontologisch notwen­dig ge­dacht werden“ (Ulrich Eibach)

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Was Ulrich Einbach seinerzeit im Evangelischen Soziallexikon über das Leiden geschrieben hat, ist immer noch lesenswert:

Ursachen und Sinn von Leiden

Leiden kann durch kausal erklärbare Faktoren hervorgerufen werden und doch die Frage nach den „metaphysischen“ Ursachen und dem Sinn von Leiden aufwerfen. Das Alte Testament und besonders das Judentum haben Leiden teils als Vergeltung für individuelle Sünde gedeu­tet (Gen 3; Freunde des Hiob). Jesus hat dies verworfen (Lk 13,1ff.; Joh 9,3). Der im Neuen Testament jedoch nicht bestrittene Zusammenhang zwischen allgemeiner Schuldverfallenheit und Leiden, das im Tod seinen sichtbar­sten Ausdruck findet (Röm 5,12; 6,23; Jak 1,15), soll nicht eine moralische oder metaphysische Erklärung und Rechtfertigung von Leiden liefern (Theodizee), sondern darauf hinweisen, daß Sün­de und Leiden zu den Mächten des „Nichti­gen“ (K. Barth) gehö­ren, die Gott nicht ge­schaffen hat, die seine Schöpfung zerstören, denen da­her in erster Linie Wider­stand zu leisten ist, der sich – wie es z.B. an den Krankenheilungen Jesu deutlich wird – als Kampf gegen Krankheit, Elend und Ungerechtig­keit, aber auch als Klage, auch vor Gott im Gebet (Hiob, Klagepsalmen, Röm 8,19ff.; Apk 21,1ff.), kundtun kann. Damit verleugnet der Mensch nicht, daß Leiden eine reale Macht in dieser Welt ist, macht aber deutlich, daß es im Widerspruch zu Gottes verheißenem Heil steht, und be­streitet so, daß es ein Recht in Gottes Schöpfung hat. So wird die Frage nach der letzten Ursache des Übels unbe­antwortet gelassen. Leiden kann weder nur von der Sünde her erklärt noch kann Sünde auf von Mängeln der Natur oder der Gesellschaft verursachte Leiden zu­rückgeführt wer­den (Marxismus). Leiden darf theologisch gesehen nicht als in sich selbst sinnvoll und als ontologisch notwen­dig ge­dacht werden, weder so, daß das Leben an sich notwen­dig als Leiden vorgestellt wird (Schopenhauer, Buddhismus), noch so, daß jedes Leiden in einem evolutionisti­schen Geschichts- und Menschenbild so eingeplant wird, daß ihm für die Höher­entwicklung von Ge­schichte und Leben (z.B. Hegel, Teilhard de Chardin) oder für die indi­viduelle Vervoll­kommnung lebensermöglichende Kraft zugesprochen wird. Sofern Leiden Zerstörung von Leben be­deutet, ist jeder Einbeziehung dieses „Nichtigen“ in Got­tes gute Schöpfung und damit jeder theoretischen Syn­these von Schöpfung und Leiden zu wehren, weil sie Leiden zu etwas „Natürlichem“, von Gott Gewolltem verharmlost und so in Gefahr steht, die Tiefe des Leiden der Kreatur zu verhöhnen. Gottes Leiden in Christus ist ein Leiden im Wider­spruch gegen Sünde und Elend in dieser Welt. Der letzte Sinn des Leiden kann nur in seiner Über­windung liegen, so daß die Erlö­sung der Schöpfung vom Leiden in einer neuen Schöpfung die Lösung der Frage nach dem Sinn von Leiden ist (Röm 8,19ff., Apk 21,1ff.). Alle Versuche, die Not­wendigkeit und Sinnhaftigkeit von Leiden zu erweisen, ver­teidigen die Wirklichkeit des Elends gegen das „Nein“, das Gott darüber gesprochen hat.

Hier der vollständige Artikel als pdf.

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