„Wir Christen sind nicht die, die meinen, ihr Glaube und ihre Konzeption der Welt könne nur werbend sein, wenn unser Glaube die besondere Protektion des Staates genieße“ – Karl Rahners Vortrag „Der Christ in seiner Umwelt“ von 1965

Karl Rahner
Karl Rahner 1974

Was Karl Rahner seinerzeit vor fast 55 Jahren hinsichtlich einer Diasporasituation der Christen in der Gesellschaft zur Sprache gebracht hat, ist immer noch lesenswert:

Der Christ in seiner Umwelt

Von Karl Rahner

„Der Christ in seiner Umwelt“, ein unermessliches Thema, zu dem nur ganz wenig, stotternd und mit Bangen, gesagt werden kann. Denn schon die „Welt“, die in diesem Thema vor­kommt, ist unübersehbar und unbeschreiblich: die Welt der ungeheuren, in einem erschre­ckenden Tempo wachsenden Menschheit, die Welt, die zu einer Einheit aus partikulären Kulturen und Völkern zusammengewachsen ist, sodass heute jeder jedes Nachbar und Ge­schichte und Schicksal jedes Volkes zur Geschichte und zum Schicksal jedes anderen gewor­den ist; die Welt der rationalen Technik, der Atomkräfte, der Automation, der ABC-Waffen, der Massenkommunikationsmedien, der nomadenhaften Freizügigkeit, der militanten Groß­ideologien, der Massenhysterien, der Werbung, künstlicher Bedarfslenkung, des organisierten Vergnügens, die Welt, die immer rationaler geplant und doch immer weniger kalkulierbar wird, die Welt, die nicht mehr das von der Natur vorgegebene feste Haus des Menschen, sondern das Material für seine schöpferischen Pläne ist, die Welt, deren Werdetempo der Mensch selbst beschleunigt; aber auch die Welt, die immer noch die des ewigen Wesens des je einmaligen Menschen ist, seiner Liebe, seiner alles überholenden Frage, seiner Sehnsucht, seiner Einsamkeit, seines Verlangens nach Glück und Ewigkeit, die Welt der abgründigen Qual und des Todes, die Welt von heute, die schrecklich ist und uns doch vertraut, von uns doch geliebt: unsere Welt, unser Schicksal, das wir annehmen, neben dem wir kein anderes kennen. In dieser verwirrenden Welt leben wir. Wir müssen sie so sehen, wie sie wirklich ist. Fragen wir also ehrlich: Was tut der Christ in dieser Welt?

Teilen und sich mitteilen

Das erste, meine ich, ist dies: Der Christ teilt brüderlich mit allen anderen Menschen diese Welt von heute, so wie sie ist. Er flieht sie nicht, er will weder in einem Getto leben noch im Windschatten der Geschichte, weder in der Vergangenheit, in die er romantisch zu-rückflieht, noch in einer bestimmten soziologischen Kleingruppe, in der allein er sich wohl fühlen würde. Er nimmt die weltliche Welt an, er hat gar nicht die Absicht, sie in die Welt eines vergange­nen Mittelalters zurück zu verwandeln, in der unmittelbar alles religiös geprägt wäre; er bildet sich nicht ein, für alles und jedes ein fertiges oder gar besseres Rezept zu wissen als die Nicht­christen, bloß deshalb, weil er diese Welt umfasst weiß von der Macht und dem Erbarmen des unbegreiflichen Geheimnisses, das er Gott nennt und das er als Vater anzurufen wagt; er weiß mit allen anderen, dass seine Welt in eine Bewegung geraten ist, deren konkrete innerweltli­che Ausgänge niemand klar sieht, weil alle Berechnungen auch das Unberechenbare wachsen lassen. Der Christ nimmt diese Welt der Macht, der Angst und abgründigen Ohnmacht an. Er vergöttert sie nicht in utopischen Ideologien und verdammt sie nicht. Sie ist; und der Christ, der der wahre Realist ist oder sein soll, nimmt sie an als den ungefragt verfügten Raum seines Daseins, seiner Verantwortung und seiner Bewährung. Er kann es sich leisten, ein hoffender Realist zu sein, weil er in der Treue zu dieser Welt und ihren Aufgaben einer absoluten Zu­kunft entgegengeht, die ihm von Gott her entgegenkommt, mitten hindurch durch alle Siege und alle Untergänge dieser Welt und ihrer Geschichte.

In der Welt, nicht von der Welt

Das zweite ist dies: Der Christ erkennt die Diaspora an, in der er heute, und zwar überall, leben muss, als die letztlich positiv zu deutende Situation seines Christseins. Wenn ich Dia­spora sage, meine ich den biblischen und den heutigen Sinn des Wortes, nicht den von ge­stern, also nicht die Situation einer katholischen Minderheit unter einer Majorität von evange­lischen Christen. Dieser Begriff des 19. Jahrhunderts mag auch noch eine Wirklichkeit und eine pastorale Aufgabe bezeichnen. Aber er tritt in immer größerer Beschleunigung zurück hinter der Wirklichkeit, die wir heute unter diesem Stichwort sehen müssen. Diese aber ist die weltanschaulich pluralistische Gesellschaft; die Gesellschaft, die als ganze und solche weder verfassungsrechtlich noch gesellschaftlich noch kulturell einfach und allein christlich geprägt ist, in der katholische und evangelische Christen, so sie es wirklich sind, gemeinsam als Brü­der in der Diaspora leben. Diese Diaspora, in der es den achristlichen libe­ralistischen Huma­nismus, militanten Atheismus, die Atrophie des Religiösen überhaupt gibt, ist gemeint, wenn hier von Diaspora die Rede ist, die gemeinsame Diaspora aller Christen, der gegenüber die christlich-konfessionellen Unterschiede nicht einfach unerheblich, aber ge­schichtlich sekun­där werden. Diese Diaspora muss heute dem Christen als die gottverfügte Situation seines Christentums erscheinen. Sie ist die Situation seines personal freien Glau­bens, der durch keine gesellschaftliche Sitte ersetzt werden kann, die Situation der freien Entscheidung, der per­sönlichen Verantwortung, des eigenen Bekenntnisses, die den alten Satz wahr machen hilft, dass Christen nicht geboren werden, sondern werden; sie ist die Situation, die in einem heils­geschichtlichen „Muss“ kommen musste, wenn das Christentum von seiner eigenen theologi­schen Zukunftserwartung her immer als das angefochtene Bekenntnis existie­ren wird, und wenn die eine Geschichte aller gar keine homogenen kulturellen Räume, die nur „von außen“ angefochten werden, zulässt. Wir Christen nehmen diese Situation an. Wir wol­len zwar wie alle anderen Staatsbürger das Recht haben, an der Welt der Öffentlichkeit mitzu­wirken; wir fordern zwar gewiss auch, dass dort, wo bei allem Pluralismus der Gesell­schaft das eine öffentliche Leben eine und dieselbe Gestaltung gar nicht vermeidbar sein lässt, die christliche Geschichte unseres Volkes und die Tatsache, dass die große Mehrheit des Vol­kes eben doch christlich sein will, respektiert werden und nicht im Namen der Freiheit und Tole­ranz faktisch der den Ausschlag gibt, der am radikalsten das Christentum verneint. Aber wir Christen haben kein Interesse an christlichen Fassaden, hinter denen kein wahres Chri­stentum lebt und die dieses nur kompromittieren und unglaubwürdig machen. Es scheint uns aber auch nicht fair, dass Nichtchristen insgeheim vom alten Erbe christlicher Kultur leben und es öffentlich glau­ben bekämpfen zu müssen.

Aufgabe in der Zukunft

Wir Christen sind nicht die, die meinen, ihr Glaube und ihre Konzeption der Welt könne nur werbend sein, wenn unser Glaube die besondere Protektion des Staates genieße. Deswegen aber brauchen wir dennoch nicht der Meinung zu sein, das öffentliche Leben müsse in einem rationalistischen Formalismus konstruiert werden aus ein paar abstrakten Prinzipien von Frei­heit und Gleichheit und müsse alles christlich Geschichtlich-Gewordene in der Gestalt dieses öffentlichen Lebens ausmerzen. Wir nehmen die Situation der pluralistischen Gesellschaft, der christlichen Diaspora an; aber eben zu ihr gehören wir selber, unsere eigenen Massen und das Erbe einer mehr als tausendjährigen Tradition, die nicht nur Ballast, sondern auch echten Reichtum und Aufgabe in der Zukunft bedeutet. Und wenn wir ehrlich diese Situation anneh­men, also, uns selbst gegenüber kritisch, uns selber darauf aufmerksam machen, dass wir den anderen auch dort nach unseren eigenen Prinzipien den gebührenden Raum der Freiheit einzu­räumen haben, wo sie zu widerchristlichen Entscheidungen verwendet wird, dann fügen wir anderen gegenüber ehrlich hinzu, dass die formalen Spielregeln der Demokratie allein nicht genügen, um ein gemeinsames Leben aller in Friede und Freiheit zu ermöglichen, dass eine Gesellschaft und ein Staat auf einen gemeinsamen materialen Fundus von letzten sittlichen Überzeugungen nicht verzichten können, mag es Naturrecht oder wie immer geheißen wer­den, mag er auch selbst noch einen Index geschichtlich bedingter Konkretheit haben, und dass dieser Fundus, wo nötig, auch mit der Macht und Gewalt der Gesellschaft und des Staates ver­teidigt werden darf und muss. Weil die gleichzeitige Realisation dieser vielen Prinzipien nicht einfach die Deduktion des heute Richtigen ein für allemal erlaubt, darum lassen wir gern mit uns reden, wollen den fairen Dialog mit allen, sind auch zu anständigen Kompromissen bereit, fürchten es aber auch nicht, wenn wir als Mucker, Engstirnige, Reaktionäre, Intolerante ver­schrien werden, bloß weil wir der Meinung sind, dass christliche Vorstellungen auch im öffentlichen Leben ihren Einfluss geltend machen dürfen, als ob nicht jener falsche Liberalis­mus, der meint, das öffentliche Leben könne und müsse weltanschaulich sterilisiert werden und Bekenntnis und Gesinnung dürfe sich nur in Kirchen oder in den Klubs der Humanisti­schen Union zu Wort melden, auch eine Weltanschauung, und zwar eine schlechte sei. Weil jede Inanspruchnahme der Freiheit durch den einen eine verändernde Einengung des Frei­heitsraumes des anderen ist, schon im Voraus zu dessen Zustimmung, kann es für keinen eine absolute Weite seines eigenen Freiheitsraumes geben, und darum ist nicht jede Gewalt schon gegen das Wesen der Freiheit, wenn diese Gewalt eine sinnvolle Verteilung des einen Frei­heitsraumes aller garantiert und aufrechterhält. Wir Christen begehen – leider selbstver­ständ­lich – auch unsere Sünden. Und so ist es schwer zu sagen, ob die Sünde reaktionären Festhal­tens an überholten christlichen Gestaltungen im öffentlichen Leben oder die Feigheit, für ech­te und neue einzutreten, bei uns verbreiteter ist. Vielleicht ist es sogar so, dass beide Sünden oft von denselben Christen, auch in Amt und Würden, gleichzeitig begangen werden. Wie dem auch sei: wir Christen wollen die Situation unserer Diaspora in einer pluralistischen Ge­sellschaft unbefangen annehmen und uns dabei hüten, in das Getto einer reaktionären Defen­sive des bloß Überlieferten oder in die bequeme Feigheit des Verzichtes auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens zu flüchten.

Hier der vollständige Text als pdf.

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