„Nicht »etwas« am Menschen sucht Paulus, auch nicht den Menschen als »etwas«, als Mittel zum Zweck.“ Kristlieb Adloffs Paulus-Porträt

Rembrandt - Petrus und Paulus im Gespräch (1628 Melbourne)
Rembrandt – Petrus und Paulus im Gespräch (1628 – Melbourne, National Gallery of Victoria)

Ein feinsinniges Porträt des Apostels Paulus hatte Kristlieb Adloff seinerzeit für Christian Möllers Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts geschrieben (das er in seiner Monographie Paulus – Prophet des Gottesreiches weiter ausgeführt hat) . In Sachen Sympathie schreibt Adloff dem Apostel Folgendes zu:

Wie es mit der Fähigkeit des Paulus zur Empathie, zur verständnisvollen Einfühlung in andere, bestellt gewesen sein mag, lässt sich auf Grund des nur die eine Seite beleuchtenden Quellenmaterials der Briefe kaum entscheiden. Menschenkenntnis im allgemeinsten Sinne wird man dem Apostel aber zubilligen müssen: Das diplomatisch-taktische Meisterstück des Philemonbriefes wäre sonst z. B. nicht zu denken.

Doch verblassen alle diese Überlegungen vor dem Strom der Sympathie – Sym-Pathie im wörtlichen Sinne als ein vom Anderen Mit-Genommensein –, der dem Leser aus den Briefen entgegenkommt: »Ihr seid in unseren Herzen, mitzusterben und mitzuleben« (2. Kor 7,3). Es ist deutlich, woher dieser Strom kommt, nämlich aus der Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus, an der Paulus im Glauben Anteil nimmt. Christus ist nicht ohne seinen Leib zu haben, von dem gilt: »Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied glänzt, freuen sich alle Glieder mit« (1. Kor 12,26). »Freude mit den Frohen, Weinen mit den Weinenden« (Röm 12,15) lautet die Devise der durch Christus Realität gewordenen mitmenschlichen Sympathie.

Um einen bloßen Gefühlsüberschwang kann es sich hier nicht handeln. Was nicht von vorneherein seinen Ort fände im konkreten Tun und Erleiden, bliebe als Gefühl ohne Wert (Röm 12,9; 2. Kor 6,6). Paulus dürfte der (vermutlich alte) rabbinische Grundsatz nicht fremd sein: »Alle Israeliten sind Bürgen, einer für den anderen« (Sifra zu Lev 26,37; vgl. bSan 27b; Shevu 39a; RHSh 29a u. ö.), wenn er immer wieder die Gegenseitigkeit – »einander« (vgl. nur Gal 6,2) lautet das paulinische Schlüsselwort – der Glieder des Leibes Christi einschärft.

Aber da ist nun doch ein Mehr, das nicht nur dem nüchternen Verantwortungssinn der rabbinischen Meister, sondern auch uns fremd sein dürfte. Zudem: Wo Sympathie sich so reichlich zeigt, müsste da nicht auch heftigste – Antipathie zu finden sein? Als großer Hasser ist Paulus nicht nur seinen Feinden verdächtig geworden. Liebe auf der einen und Hass gegen das Böse (Röm 12,9), den Tod als den »letzten Feind« (1. Kor 15,26); das Anathema gegen die »Feinde des Kreuzes Christi« (1. Kor 16,22; Gal l,8f.; Phil 3,18) auf der anderen Seite – das sind nur zwei Seiten ein und derselben Medaille, wie denn auch der Gott des Friedens für Paulus der ist, der den Satan zerquetschen wird zu den Füßen der Friedliebenden (Röm 16,20). Wer immer Grund sucht, um die seelische Gesundheit des Christentums besorgt zu sein: Hier findet er ihn.

Aber die Therapie kann dennoch nicht einfach in der Forderung nach einem Weniger bestehen, etwa indem man die Liebe als Sympathie der ihr (1. Kor 13,4 ist kein Gegenargument) zugehörigen Leidenschaft (2. Kor 11,2) berauben wollte. Indes bedarf die Leidenschaft allezeit der Reinigung – was eine Steigerung der Leidenschaft zur Folge hat – durch den Gott, den Paulus in Christus neuschaffend so vor Augen hat, dass jedwedes Böse unter der Übermacht des Guten in ihm verschwindet (Röm 8,3; 2. Kor 5,21). Alles Mehr, aller Überschwang liegt jetzt auf Gottes Seite, dem dann auf unserer Seite ein heilsames, auch nüchternes Weniger entsprechen darf (2. Kor 4,7): »Wer ist schwach, und ich bin es nicht? Wer wird zu Fall gebracht, und ich stehe nicht in Flammen?« (2. Kor 11,29). Sympathie ist diejenige Kraft, die den »Seelsorger« und den, um den er sich sorgt, in der Hoffnung auf die gemeinsame Rettung zusammenbindet: Kein Arzt/Patient-, kein Patron/Klient-Verhältnis! Nicht »etwas« am Menschen sucht Paulus, auch nicht den Menschen als »etwas«, als Mittel zum Zweck: Er ist kein Menschenfresser im Gewand des Seelenfreundes. Er sucht vielmehr das freie Wesen der kommenden Welt (Röm 8,18-30) – und mit ihm alle diejenigen, wer oder was sie auch seien, ohne die er nicht freudig vor Christi Richterstuhl erscheinen kann und will (2. Kor 1,14; Phil 2,16; 1. Thess 2,19f.) – »euch« (2. Kor 12,14). Wie es sich damit verhält, entscheiden die Leser des Paulus, entscheiden wir mit, indem wir die Kraft der Sympathie selber ermessen.

Hier der vollständige Text als pdf.

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