Martin Niemöller zum Reformationstag 1933: „Das Bekenntnis zu Luther bleibt hohl und wirkungslos, wenn wir nicht mit Luther uns zu Christus und zu Christus allein bekennen“ (Predigt über Römer 3,28)

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Was Martin Niemöller 1933 zum Reformationstag (verbunden mit dem 450. Geburtstag Luthers) in Sachen Lutherverehrung und Christusglaube gepredigt hat, ist immer noch relevant:

Gerecht ohne des Gesetzes Werke. Predigt über Römer 3,28

Von Martin Niemöller

So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Römer 3,28

Das diesjährige Reformationsfest scheint unter einem seltsamen Verhängnis zu stehen. Aus Anlaß des Lutherjubiläums ist schon so viel gefeiert worden, und es soll noch so viel gefeiert werden, daß der 31. Oktober fast unbemerkt dahingegangen ist; und auch der heutige Refor­mationssonntag findet in der Öffentlichkeit nicht die Teilnahme und Aufmerksamkeit wie wohl sonst: wir haben mit dem Winterhilfswerk zu tun, Luthers 450jähriger Geburtstag steht bevor, der 12. November beschäftigt die Gemüter, die Vorbereitungen für den Luthertag müssen getroffen werden – und in der evangelischen Kirche ist überdies so manches im Übergang, im Werden und im Vergehen, daß eigentlich für den Rückblick in die Vergangen­heit kaum Zeit und Raum bleibt.

An sich brauchte das noch nicht ein Fehler zu sein; es hat schon sein Gutes, wenn wir ge­zwungen werden, die Gegenwart ganz ernst zu nehmen und nach dem Gebot der Stunde zu fragen. Es mag besonders heute ein wahrer Segen sein, wenn wir von dem ewigen Gestern loskommen, das uns hält und hemmt, das uns – gerade in der Kirche – bei der Frage »Recht oder Unrecht?« stehenbleiben läßt in einem Augenblick, wo es wahrhaftig längst um »Sein oder Nichtsein?« geht. Denn für die Kirche der deutschen Reformation ist tatsächlich wieder einmal die Existenzfrage aufgerollt, und kein Pochen auf die erreichte Einigung der vielen Landeskirchen, kein Hinweis auf das in Kraft gesetzte bischöfliche Führerprinzip vermag diese Frage und die Aufgabe, die damit gestellt ist, aus der Welt zu schaffen. Die Frage will einfach gehört und die Aufgabe angefaßt werden. Rom steht heute gesichert da in der unan­greifbaren Stellung des Konkordats, und inzwischen entfaltet sich die neue Front einer deutsch-germanischen Religiosität, die bereits angefangen hat, ihre ersten Offensivstöße vorzutragen. So deuten alle Zeichen nicht etwa auf eine ruhige Entwicklung, sondern viel­mehr auf beginnenden Kampf; und da ist wahrhaftig keine Zeit mit Erinnerungen zu verlieren!

So entspricht auch das Lutherbild des Jahres 1933, das Luther als Kämpfer darstellt, durchaus der heutigen Situation. Wir wollen gar nicht den Luther von gestern und vorgestern; uns liegt gar nicht daran zu erfahren, was Luther seiner Zeit und der unserer Väter gewesen ist, es be­rührt uns kaum, was er dachte und lehrte – Luther wird uns Symbol, Vorbild und Urbild des religiös-christlichen Helden, Typus des kirchlichen Führers für heute und morgen!

Es wird jetzt viel von Luthergeist geredet und geschrieben; sieht man genauer hin, so steht hinter all diesem Reden und Schreiben die Hochachtung vor den menschlich imponierenden Eigenschaften dieses Mannes, vor seiner naiven Unbekümmertheit, vor seinem unerschro­ckenen Mut, vor seiner zähen Standhaftigkeit, vor seinem geraden und unbeugsamen Willen, vor seiner gemütvollen Tiefe – und ein Wunschtraum steht dahinter: Hätten wir doch mehr von diesem Luthergeist, es sähe besser aus um Volk und Kirche! Laßt uns diesen Luthergeist pflegen – heute – und morgen wird es sich zeigen: wir sind einen Schritt vorwärts gekommen!

Schön und gut, liebe Gemeinde, und ich will keinem davon abraten, daß er sich den Menschen Luther in diesen Stücken zum Vorbild nimmt; aber davon muß ich allerdings und dringend abraten, nein: davor muß ich in allem Ernst warnen, daß wir etwa meinen, mit diesem Luther­geist könnten wir den Existenzkampf der evangelischen Kirche mit Rom und dem artgemäßen Heidentum bestreiten und zum Siege führen. Das wäre ein verhängnisvoller Irrtum, und es sieht wohl so aus, als ob der Teufel nur auf dies Lutherjahr gewartet hätte, um mit diesem Wahn in der evangelischen Christenheit ein Riesengeschäft zu machen; denn – wenn wir es auch nicht fertig bringen, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben – er bringt es fertig, den Geist Luthers mit Luthergeist auszutreiben! Und nachher stehen wir da als die Betrogenen. Darum: Vorsicht! Deswegen, weil es hier leicht dahin kommt, daß der Mensch Luther vor den Propheten Luther gestellt wird, daß wir uns an dem heldischen Mann begeistern, statt auf die Botschaft zu hören, die Gott uns durch ihn aufs neue hat sagen lassen.

So paradox es klingen mag: der selbe Luther, der das Evangelium wieder auf den Leuchter gestellt hat, damit es leuchte allen, die im Hause sind – dieser selber Luther wird zum Schef­felmaß, unter dem das Licht verborgen bleibt [Mt 5,15; Mk 4,21; Lk 11,33] und schließlich erlischt, wenn es dahin kommt, daß wir in der Kirche des Evangeliums solchen Luthergeist predigen und pflegen. Luther selber hat wohl gewußt, was er tat, als er sich wehrte, daß sich seine Anhänger nach ihm nannten, als er in höchst drastischer Weise sich selber als einen alten Madensack verspottete, um deutlich zu machen: es kommt nicht auf mich, nicht auf den Menschen, nicht auf den Kämpfer, nicht auf den Helden – oder wie ihr mich sonst noch nen­nen wollt – an; macht nur keinen neuen Heiligen aus mir, um Gottes willen nicht! Denn Gott will keine Menschen, die sich an irgendeinem Heiligen messen und bilden – und hieße er Luther. Gott will Menschen, die es ihm glauben, daß er aus freier Gnade trotz allem, was uns von ihm trennt, unser Vater und Herr ist; und diese Gnade, die uns den Weg zu Gott freigibt, diese Gnade, die uns den Glauben an Gott als unsern Vater und Herrn schafft, ist nur da in dem einen, in dem Gott selber zu uns kommt: »Er heißt Jesus Christ!« – Der ist das Licht der Welt [Joh 9,5]; und darum ist es Luther gegangen, daß uns dies Licht in unverhüllter Klarheit leuchten sollte, gestern und heute und in Ewigkeit! Solus Christus! Christus allein!

Es hat gar keinen Sinn, innerhalb der evangelischen Kirche von Luther zu reden und Luthers Gedächtnis zu feiern, wenn wir bei dem Bilde Luthers hängenbleiben und nicht auf den schauen, an den Luther uns weist. Die Versuchung ist groß; denn Luther ist uns als Deutscher näher als der jüdische Rabbi von Nazareth. Luther ist uns mit all seinen Ecken und Kanten weniger anstößig als dieser Jesus, den – fatalerweise – niemand einer Sünde zeihen konnte und kann. Luther, das sind am Ende doch wir, der Abstand bleibt relativ; Christus, da ist am Ende doch Gott, und der Abstand ist hoffnungslos! – Aber das Bekenntnis zu Luther bleibt hohl und wirkungslos, wenn wir nicht mit Luther uns zu Christus und zu Christus allein bekennen. Darum meine ich: das beste Wort, das bisher zum Lutherjubiläum gesprochen wurde, ist das schlichte Wort, das unser Hindenburg dem jetzigen Reichsbischof mitgegeben hat: »Sorgen Sie, daß Christus in Deutschland gepredigt wird!«

Auf den ersten Blick, wie es scheint, eine große Selbstverständlichkeit. Wir haben’s ja oft genug gehört: das Bekenntnis bleibt unangetastet; Christus bleibt der Herr der Kirche, und das Erbe der Reformation soll in Treuen gehütet werden! – Aber ist diese Selbstverständlichkeit wirklich so groß und unbestritten, ist sie wirklich so – selbstverständlich? Oder heißt nicht »Christus predigen«: Christus allein predigen, heißt es nicht, den verkündigen, der da spricht: »Niemand kommt zum Vater, denn durch mich!«? [Joh 14,6] Und ist das nicht die einzig mögliche Folgerung, die wir ziehen müssen, wenn wir die Botschaft von Christus hören und aufnehmen, daß wir mit dem Juden Paulus und mit dem Deutschen Luther bekennen: »So halten wir nun – nachdem wir Christus kennen – dafür, daß der Mensch gerecht – Gott recht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben?«

Mag sein, daß uns Kindern der Reformation dies Wort auch schon so bekannt und so selbst­verständlich ist, daß es uns heute gar nichts mehr sagt. Wir denken dabei an Paulus, wie er darum gekämpft und gerungen hat, daß die Heiden Christen werden dürften, ohne sich be­schneiden zu lassen und ohne sich auf das jüdische Gesetz zu verpflichten. Wir denken dabei an Luther, wie er sich gegen den römischen Irrglauben gewandt hat, als müßten sich Christen­menschen – um Gott recht und wohlgefällig zu werden – erst mit »guten Werken« die Gnade Gottes Stück für Stück verdienen. Und wir stellen befriedigt fest: für uns ist das nicht mehr aktuell; das sind vergangene Zeiten. Wir haben es längst gelernt, größer von Gott zu denken, und deshalb bleiben wir aller jüdischen und römischen Gesetzlichkeit gegenüber Protestanten; das Gesetz kümmert uns nicht mehr.

Und dennoch, liebe Gemeinde: das Gesetz, mit dem Menschen Gottes Wohlgefallen erwerben möchten, ist immer noch da; es gehört zum eisernen Bestande allen frommen Menschentums und jeder echten Religion. Das alte jüdische Gesetz war längst tot in der Christenheit, als Luther gegen das Werkgesetz der römischen Kirche kämpfte, und heute wiederum ist bei uns Protestanten dies römische Kirchengesetz auch längst tot; aber – das Gesetz ist tot, es lebe das Gesetz! Zur Not schaffen wir uns das Gesetz selber, um uns vor Gott darauf berufen zu können: »Wir haben es erfüllt!« –

Der Glaube selbst wurde zum Gesetz der Rechtgläubigkeit fast noch in Luthers Tagen: Du mußt den richtigen Glauben haben, dann bist du Gott recht! Das war das Gesetz der Orthodo­xie. Und als seine Hohlheit offenbar wurde, war man um ein neues nicht verlegen: Du mußt recht handeln, dann bist du Gott recht! Das war das Gesetz der Aufklärung. Und es folgte das Gesetz der freien sittlichen Persönlichkeit als das Gesetz der wahrhaft unbegrenzten Möglich­keiten: Jeder sein eigener Gesetzgeber, und Gott setzt sein Plazet darunter und erkennt es an. Soviel

Gesetze, soviel Irrwege! Und wir sind noch lange nicht damit am Ende. Vor 15 Jahren gab es Leute, die meinten und sprachen es aus: wer es mit dem Willen Gottes ernst nimmt, der muß Sozialist sein. Heute wird mit noch größerer Leidenschaft das Gesetz aufgestellt: »Wenn du so national und so sozial bist, wie unser Führer es verlangt, dann bist du Christ, ohne es zu wissen!« – Man kann es auch schon hören, daß unser ganzes Volk den Willen Gottes tun wür­de, wenn es erst einmal seine Art und Rasse gereinigt hätte: Gesetzeswerke, mit denen ein Anspruch auf Gottes Wohlgefallen begründet werden soll! Freilich: Christus soll bleiben, der Glaube soll bleiben. Sie sollen auch bleiben!

Liebe Gemeinde, dies »Auch«, das ist der Teufel, und gegen dies »Auch« muß Luther her – nicht nur der Mensch Luther und nicht nur der menschliche Luthergeist, aus dem sich auch wunderschön ein Gesetz machen läßt, mit dem wir uns selbst rechtfertigen –, hier muß der Luther her, dem der Heilige Geist die Feder führte, als er das Wörtlein »allein« schrieb: »allein durch den Glauben!« [Röm 3,28] Gewiß: im Urtext steht dies Wort nicht, der Philo­loge kann hier eine fehlerhafte Übersetzung feststellen, und Luthers römische Gegner haben Wut geschnaubt ob dieser »Fälschung«. Luther hat an dem »allein« festgehalten, und es steht nun da, und keine Macht der Welt wird es wieder ausstreichen.

So spricht dies Wort davon, daß Gott der Herr ein eifriger, ein eifersüchtiger Gott ist [2 Mo 20,5; 5 Mo 5,9 und passim], der keine andern Götter und Halbgötter neben sich duldet [2 Mo 20,23; 5 Mo 5,7]; mit den Gesetzeswerken verwirft er jeden menschlichen Anspruch auf sein Wohlgefallen, all unser Auch-etwas-sein- und Auch-etwas-tun-wollen. Es führen viele Wege nach Rom, aber es führt nur ein Weg zu Gott, und dieser eine Weg führt nicht von uns zu Gott, sondern von Gott zu uns, und er heißt: Christus allein! »Wer mich sieht, der sieht den Vater. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!« [Joh 14,6] –

Damit sind wir an die Heilige Schrift gewiesen als an das Wort Gottes, das allein von Christus zeugt. Damit sind wir auf die Gnade Gottes gewiesen, die uns allein in Christus zur Gewißheit wird, weil uns in ihm der heilige Ernst und das tröstliche Erbarmen Gottes in untrennbarer Einheit begegnen. Damit sind wir auf den Glauben, ja auf den Glauben allein gestellt, der nun nicht mehr eine Meinung ist, die wir über Gott haben, der nicht daran hängt, ob wir uns von Gott höhere oder weniger hohe Gedanken machen – der vielmehr die Gnade Gottes in Christus empfängt und sich ihr anvertraut!

»Sorgen Sie dafür, daß Christus in Deutschland gepredigt wird!« Christus, und nicht Geset­zeswerke, Gottes Tat, und nicht unser Tun. Daran entscheidet es sich, ob der Geist Luthers unter uns lebendig bleibt; daran entscheidet es sich, ob sein Werk weiter besteht; daran ent­scheidet es sich, ob in unserm Volk auch in Zukunft eine Kirche des Evangeliums sein wird. Denn so spricht D. Martin Luther: »Wo dieser Artikel weg ist – nämlich der Artikel von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben –, so ist die Kirche weg und mag keinem Irrtum widerstanden werden!«
Amen.

Gehalten am 5. November 1933 zum Reformationsfest in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem.

Quelle: Martin Niemöller, … daß wir an Ihm bleiben! Sechzehn Dahlemer Predigten, Berlin 1935, S. 63-69.

Hier die Predigt als pdf.

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