„Einer Judenverfolgung im Namen von Blut und Rasse muß eine Christenverfolgung notwendigerweise folgen“ – Elisabeth Schmitz Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ von 1935/36 (vollständiger Text)

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Einleitung der Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ von Elisabeth Schmitz

Im Sommer 1935 wurde der Bekennende Kirche sowohl vom Völkischen Beobachter wie auch vom Stürmer vorgeworfen, dass sie die nationalsozialistische Rassenlehre unterlaufe. Eine Stürmer-Karikatur vom August 1935 zeigte Pfarrer der Bekennenden Kirche kniend vor einem auf dem Thron sitzenden Juden. Für die Mitte September vorgesehene dritte altpreußische Bekenntnissynode erbat der Präses der Bekenntnissynode Berlin-Brandenburg Stellungnahmen und Material bezüglich „der Auswirkung der durch den ‚Stürmer‘ und andere ähnliche Organe hervorgerufenen Angriffe gegen die Bekennende Kirche inbezug auf ihre Einstellung zum Judentum“. Daraufhin verfasste Elisabeth Schmitz (1893-1977), Lehrerin an der Auguste-Sprengel-Schule in Berlin-Lankwitz, eine eigene Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“, die sie wohl am 5. September ihrem Gemeindepfarrer Gerhard Jacobi an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin-Charlottenburg übergab.[1] Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde ihre Denkschrift auf der Synode vom 23. bis 26. September in Berlin-Steglitz nicht berücksichtigt, da die Synode keine Stellungnahme zur „Judenfrage“ im Allgemeinen – also die Diskriminierung von Juden im öffentlichen Leben und deren staatliche Verfolgung – beabsichtigte. Elisabeth Schmitz versuchte im Frühjahr 1936 noch einmal mit ihrer um einen Nachtrag ergänzten Denkschrift die Leitung der Bekennenden Kirche zu einer kirchlichen Stellungnahme zugunsten der verfolgten Juden zu bewegen, was jedoch vergeblich blieb. Rückblickend schrieb sie dazu im März 1947 in ihrem Gesuch an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden zwecks Übernahme in den Schuldienst Groß-Hessens Folgendes:

„Ich habe die Denkschrift eigenhändig in 200 Exemplaren abgezogen und … der 2. Vorläufi­gen Leitung“ der Bekennenden Kirche, den Landes- und Provinzialbruderräten, soweit ich Beziehung zu ihnen herstellen konnte (Altpreußen, Kurhessen, Frankfurt/M., Nassau/Hes­sen, Berlin, Brandenburg, die altpreußischen Provinzen, die Württembergische Sozietät), und einigen einflußreichen Einzelpersönlichkeiten der BK zugestellt. Ich wollte mit dieser Schrift aufklären über die Lage der Nichtarier, die damals (1935/36) weitgehend unbekannt war, und dadurch die BK rufen zu ihrem Amt und zum Widerstand gegen die antichristlichen Maßnah­men des Staates.“

Während die Bekennende Kirche nur dem Status getaufter Juden innerhalb der Kirche ihr Augenmerk schenkte, benennt Schmitz in ihrer Denkschrift konsequent und mit einem klaren Urteilsvermögen die Ausgrenzung und Verfolgung von Juden in der Gesellschaft. Sie selbst hatte schon am 1. Oktober 1933 Martha Kassel, eine Ärztin jüdischer Herkunft, bei sich in der eigenen Wohnung aufgenommen, nachdem diese ihre Kassenzulassung und damit ihre Existenzgrundlage verloren hatte. Während des Zweiten Weltkriegs beherbergte sie wiederholt mittellose und jüdischstämmige Menschen in ihren Räumlichkeiten in Berlin.

Die Denkschrift umfasst drei Teile: Im ersten Teil dokumentiert Schmitz anhand von erschütternden Beispielen „die innere Not“: (1) „Aufhetzung der öffentlichen Meinung“ und (2) ihre Folgen, besonders für (3) die Kinder und (4) die Ehe. Im zweiten Teil beschreibt sie „die äußere Not“: (1) „die Existenzfrage“, (2) „das Wehrgesetz“ und (3) „die Schule“. Dabei bringt sie die Mitverantwortung von Christen und das Schweigen der Kirchen zur Sprache. Im dritten Teil wendet sie sich ausführlich der „Stellung der Kirche“ zur NS-Rassenverfolgung zu und findet hierfür eindrückliche Worte:

Zur Lage der deutschen Nichtarier III. Die Stellung der Kirche

Von Elisabeth Schmitz

Hier schließt sich der Kreis. Einer Judenverfolgung im Namen von Blut und Rasse muß eine Christenverfolgung notwendigerweise folgen. Einen Anfang davon hat die Bek. Kirche, haben vor allem ihre Pfarrhäuser zu spüren bekommen. Aber trotz alles Leides wird es niemand ein­fallen, es in einen Vergleich setzen zu wollen zu dem Leid der deutschen Juden und Nicht­arier. Und ganz abgesehen von der Größe des Leides bleibt der große Unterschied: Der Christ leidet persönlich, der Jude und Nichtarier mit Kindern und Enkeln. Und selbst wenn die Glie­der der Bek. Kirche unter die Ariergesetzgebung gestellt würden, wären noch immer die Ver­wandten, die weitere Familie nicht mitbetroffen. Und die Hauptsache: Die Bek. Kir­che leidet – und darf das wissen – um ihres Glaubens willen, der Nichtarier wird verfolgt, weil Gott ihn in eine bestimmte Familie hat hineingeboren werden lassen.

Alle diese Menschen mit ihrem unermeßlichen Leid Leibes und der Seele sind die Opfer des Glaubens an Blut und Rasse. Aber welcher Arzt, welcher Rechtsanwalt, welcher Beam­te, Angestellte, Geschäftsinhaber weiß, ob er nicht der Nutznießer dieser Götter ist? Ob nicht seine Existenz aufgebaut ist auf der vernichteten Existenz eines andern? Auch, wenn er es nicht will, auch wenn er mit allen Fasern seines Wesens sich wehrt gegen diese Möglichkeit. Unvermeidlich hat er Vorteile aus seiner Abstammung, aus seinem „Blut“ und seiner „Rasse“. In diese Schuldgemeinschaft ist unentrinnbar jeder verstrickt.

Es ist deutlich angesichts der Lage, daß die jüdischen Familien auf dem flachen Lande und in den kleinen Städten vielfach nicht bleiben konnten. Sie konnten ein solches Leben des Ge­hetztwerdens nicht ertragen, vielfach auch einfach den Lebensunterhalt nicht mehr erwerben und sind nicht sicher vor Mißhandlungen. Es sind ganze Familien ausgewandert. Stark ist der Zuzug nach Berlin gewesen. Jetzt ist der Zuzug nach Berlin verboten. Was nun? Sollen die Flüchtlinge verhungern? Wer weiß aber um die Ver­pflichtung zu helfen? Wer speist die Hungrigen, kleidet die Nackenden, besucht die Gefangenen? Wer tut Gutes an jedermann, ja auch nur an des Glaubens Genossen?[2]

Warum muß man sich immer sagen lassen aus den Reihen der nicht­arischen Christen, daß sie sich von Kirche und Ökumene verlassen fühlen? Daß ihnen jüdische Menschen und jüdische Hilfsorganisationen helfen, aber nicht ihre Kirche? Daß sie sich um ihre katholischen Mitglie­der keine Sorgen zu machen brauchten, denn diese gingen nicht zu Grun­de, weil die Kirche für sie sorge, daß man aber über die Haltung der evan­gelischen Kirche nur sagen könne: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun? Warum stellt die katholische Kirche nichtarische Ärzte und Schwestern ein, wo sie kann – die evangelische Innere Mission aber hat Arierparagraphen?

Warum sucht Bodelschwingh[3] in den Ärzteblättern einen „arischen“ Medizinalpraktikanten? Warum muß eine Stenotypistin in der IM[4] Arier­nachweis erbringen? Wenn die Kirche wüßte, welche Erbitterung das schafft und welchen Schaden es stiftet, würde sie wohl doch mehr um diese Dinge sich kümmern. Aber wer weiß überhaupt davon? Ist es ein Wunder, daß längst getaufte Menschen angesichts dessen, was sie von Christen und Kir­che sehen, ins Judentum zurückgehen? Und wenn andere sich taufen las­sen, daß sie in ganz überwiegender Zahl zur katholischen Kirche gehen?

Was soll man antworten auf all die verzweifelten, bitteren Fragen und Anklagen: Warum tut die Kirche nichts? Warum läßt sie das namenlose Unrecht geschehen? Wie kann sie immer wieder freudige Bekenntnisse zum nationalsozialistischen Staat ablegen, die doch politi­sche Bekenntnis­se sind und sich gegen das Leben eines Teiles ihrer eigenen Glieder rich­ten? Warum schützt sie nicht wenigstens die Kinder? Sollte denn alles das, was mit der heute so verachteten Humanität schlechterdings unvereinbar ist, mit dem Christentum vereinbar sein?

Und wenn die Kirche um ihrer völligen Zerstörung willen in vielen Fäl­len nichts tun kann, warum weiß sie dann nicht wenigstens um ihre Schuld? Warum betet sie nicht für die, die dies unverschuldete Leid und die Verfolgung trifft? Warum gibt es nicht Fürbittegottesdienste, wie es sie gab für die gefangenen Pfarrer? Die Kirche macht es einem bitter schwer, sie zu vertei­digen.

Menschlich geredet bleibt die Schuld, daß alles dies geschehen konnte vor den Augen der Christen, für alle Zeiten und vor allen Völkern und nicht zuletzt vor den eigenen künftigen Generationen auf den Christen Deutschlands liegen. Denn noch sind fast alle Glieder des Volkes getauft, und noch trägt die Kirche Verantwortung für Volk und Staat, anders als zu Zeiten des alten römischen Reiches, denn es sind ihre getauften Glieder, die all den Jammer und all das Elend auf dem Gewissen haben.

Aber die Kirche hat ihren Auftrag nicht von Menschen und ist nicht Menschen und Zeiten verantwortlich, sondern dem ewigen Gott. Sie hat dem Volk, in das sie gestellt ist, das Wort und den Willen Gottes zu ver­künden, und sie hat ihm auch dadurch zu dienen, daß sie zu­gleich für sich und stellvertretend für das Volk Buße tut für das, was geschehen ist und fort­dauernd geschieht. Sie muß ihre Glieder und vor allem ihre besonders gefährdete Jugend zu bewahren suchen vor schwerer Sünde und Schuld. Sie hat den Gehorsam gegen alle Gebote Gottes zu verkünden, wenn sie nicht dem Wort verfallen will: „Sein Blut will ich von Deiner Hand fordern.“

Das Judentum glaubt, daß Gott es in dieser Zeit zurückruft. Es lebt von diesem Glauben und nimmt die Kraft zum Märtyrertum daraus. Und wir wissen, daß Gott uns zurückruft in dem Gericht, das über Kirche und Volk ergeht. Daß es aber in der Bek. Kirche Menschen geben kann, die zu glau­ben wagen, sie seien berechtigt oder gar aufgerufen, dem Judentum in dem heutigen historischen Geschehen und dem von uns verschuldeten Leiden Gericht und Gnade Gottes zu verkündigen, ist eine Tatsache, angesichts deren uns eine kalte Angst ergreift. Seit wann hat der Übeltäter das Recht, seine Übeltat als den Willen Gottes auszugeben? Seit wann ist es etwas anderes als Gotteslästerung zu behaupten, es sei der Wille Gottes, daß wir Unrecht tun? Hüten wir uns, daß wir den Greuel unserer Sünde nicht ver­stecken im Heiligtum des Willens Gottes. Es könnte sonst wohl sein, daß auch uns die Strafe der Tempelschänder träfe, daß auch wir den Fluch des­sen hören müßten, der die Geißel flocht und trieb sie hinaus.

[1] Zu den näheren Umständen siehe Hartmut Ludwig, Die Denkschrift von Elisabeth Schmitz „Zur Lage der deutschen Nichtarier“. Analyse, Kontext und Vergleich, in: Manfred Gailus (Hrsg.), Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift gegen die Judenverfolgung. Konturen einer vergessenen Biografie (1893-1977), Berlin: Wichern 2008, S. 93-127; bzw. Manfred Gailus, Mir aber zeriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010, S. 80-108.
[2] Vgl. Matthäus 25, 35 f.; und: Brief des Paulus an die Galater 6, 10.
[3] Friedrich von Bodelschwingh (1877-1946), Leiter der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bei Bielefeld.
[4] IM = „Innere Mission“, Vorgängerin des Diakonischen Werks der EKD.

Hier der vollständige Text der Denkschrift als pdf.

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